Logbuch

SO NETT.

So nett, das Sonett. Eine Gedichtform, nicht ganz einfach. Erst zwei Strophen als Vierzeiler, dann zwei Strophen als Dreizeiler, Quartett und Terzett genannt. Die Endreime sind kompliziert angeordnet, zum Beispiel zunächst ABBA ABBA (umarmender Reim) und dann CDE DEC. Kann nicht jeder. Goethe und Shakespeare mal außen vor. Tja, das Sonett in Jamben (ein Versmaß), da bin ich endgültig überfordert. Jetzt aber mal Butter bei die Fische:

„Als wir zerfielen einst in DU und ICH / Und unsere Betten standen HIER und DORT / Ernannten wir ein unauffällig Wort / Das sollte heißen: ich berühre dich. // Es scheint: solch Redens Freude sei gering / Doch wenigstens wurd „sie“ so unverletzlich / Und aufgespart wie ein gepfändet Ding. // Blieb zugeeignet und wurd doch entzogen / War nicht zu brauchen und war doch vorhanden / War wohl nicht da, doch wenigstens nicht fort //Und wenn um uns die fremden Leute standen / Gebrauchten wir geläufig dieses Wort / Und wussten gleich: wir waren uns gewogen.“

Des besonderen Bezuges wegen ist dies Gedicht nicht zum Schulgebrauch geeignet, auch nicht im sogenannten „Home Schooling“; davor rettet auch nicht der Hinweis auf den „anerkannten“ Dichter (Hochliteratur). Es ist der aus Augsburg stammende Berthold Eugen („Aigihn“) Brecht, den die Nazis über die Welt vertrieben. Daher viele unfreiwillige Trennungen, einige vielleicht willentlich, aber halbherzig; siehe oben.

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STRIPTÖSE.

Seltener Fund im Archiv: „Gedanken eines Revuemädchens während des Entkleidungsaktes“ Ein INNERER MONOLG von Bertolt Brecht, 1928, nach Besuch des „Chien Jaune“ am Nollendorfplatz. Geht so: „Mein Los ist es, auf dieser queren Erde / Der Kunst zu dienen als die letzte Magd / Auf dass den Herrn ein Glück bescheret werde / Doch wenn ihr fragt // Was ich wohl fühle, wenn ich mich entblöße / In schönen schlauen Griffen und des Lichts / Der goldenen Lampen teilhaft, als Striptöse / Antworte ich: nichts. / Es geht auf Zwölf. Ich komm zu spät zum Bus. /// Halbvoll: Am Samstag! Heut wird‘s wieder zwölfe. / Mehr Lächeln. Diese Luft ist ein Skandal. / Halt‘s Maul da vorn, ich zeig sie dir schon. Wölfe!“ So geht das Gedicht des Großen BB. Woher ich weiß, wo Brecht war, bevor er dies in sein Notizbuch schrieb? Nun, das Chien Jaune war in Berlin ein Begriff. In den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Und in der letzten Strophe des Gedichts heißt es: „Den Hintern aber zeig ich heut nicht. // Das Essen / Im Gelben Hund ist so, dass man‘s erbricht.“ Das mit „erbricht“ ist auch dem Endreim auf „nicht“ geschuldet, vermute ich. Aber Belegschaftsessen, schon immer ein Problem in der Gastronomie; soll selbst in Spitzenrestaurants und Sternehotels miserabel sein. Dazu gibt es sicher manchen inneren Monolog, der es nicht in die Weltliteratur geschafft hat.

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VARIA.

Was ist unnützes Wissen? Das ist die Königsdisziplin des Gentleman. Etwa: Was ist der Snack, sprich das eigentliche Stammessen, in HARRYS BAR in PARIS in der Rue Daunou? Nein, keine Nüsse oder gar Erdnüsse oder gar ungeschälte Erdnüsse. Kein asiatisches Salzgebäck oder gar Laugenbrezel. Auf einem Dessertteller in kleine Happen geschnittene Wiener Würstchen mit Zahnstochern.

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KAFKA LESEN.

Franz Kafka erzählt in seinem Fragment UND ALLMÄHLICH WIRD ES MITTAG von dem Versicherungsangestellten Georg Simson, der eines Morgens erwacht und all seiner Gewohnheiten verlustig gefangen ist. Ein ehedem klar strukturierter Tagesablauf steht vor einer unendlichen Folge offener Entscheidungen, die wiederum ein ganzes Register von grundsätzlicheren Fragen voraussetzen, deren Urgründe freilich auch zu klären sind. Georg Simson ist schon nach dem Frühstück, das zu bewältigen schwer genug war, völlig fertig.

Er weiß, dass er gegen Neun im Kontor zu sein hätte, aber schon die Frage, was er anziehen soll, lässt ihn auf dem Stuhl am Küchentisch erstarren. Die Kafkasche Tragik ergreift auch den Leser; man will ja helfen. Prag in der Zwischenkriegszeit. Heute stellte sich das Fiasko so nicht. Man verlegte die Tätigkeit für die Versicherung ins Home Office. Georg könnte seine Jogginghose anbehalten und müsste nur mit dem Oberteil seiner Kleidung eine vollzogene Morgentoilette vortäuschen. Sollte aus den Konferenzen am Küchentisch mal wirklich Fragen auf ihn zu laufen, die der Entscheidung bedürften, könnte er sie auf die Gruppe rückdeligieren, wo sie auf die Gewohnheiten anderer träfen.

Helfen kann auch die Anschaffung eines Hundes, den man zwar während der Videokonferenzen ins Schlafzimmer sperren muss, wo er das wohlige Bett genießt, mit dem man aber vormittags wie gegen abends und um drei Gassigehen muss, was dessen Initiative ist; wozu allerdings ein Wechsel der Joggingklamotten nicht von Nöten ist. Den jungen Mann vom Lieferdienst mit dem lustigen Turban kennt Bello irgendwann, so dass man die Mute-Taste nur kurz gedrückt halten muss, wenn Pizza kommt.

Durch die Nacht bringt ihn „binge viewing“ auf Netflix. Bei Kafka ist das Ende offen; wie gesagt, es handelt sich um ein Fragment, das Max Brod ohne Zustimmung des Autors herausgegeben hat. Aber ich glaube, dass der todessehnsüchtige Georg nur deshalb nicht von eigener Hand fällt, weil auch das eine Gewohnheit voraussetzt, die er ja nicht mehr hatte. Und so wird es allmählich Mittag. Zuviel Kafka ist nicht gesund.