Logbuch
WAS BELLO DENKT.
Man kennt sich lange und weiß einander zu schätzen. Wäre es nicht ein so großes Wort, man würde von Freundschaft sprechen. Jedenfalls lebt man zusammen wie ein älteres Ehepaar. Und in diesen libertären Zeiten, da gibt es weiß Gott schrägere Beziehungen.
Sein Herrchen, findet er, ist ein Mensch fester Gewohnheiten. Vormittags wie nachmittags, und zwar bei jedem Wind und Wetter, rafft er sich auf und schlendert mit ihm um die Häuser, meist mit dem Ziel Stadtpark. Dort erfüllt er ihm dann den unausgesprochenen Wunsch und erleichtert sich.
Was er nicht versteht, das ist dieser Kult mit den schwarzen Plastikbeuteln, die verstohlen hervorgekramt, zunächst als Handschuh genutzt, dann mit dem aufgenommenen Inhalt geschickt verknotet, um schließlich in der Manteltasche zu verschwinden.
Er ist ja kein schlechter Kerl, warum aber sammelt er Kacke? Was macht er mit all den schwarzen Beuteln? Es könnte im Keller eine Sammlung geben. Am Ende droht gar eine Ausstellung. Bello findet Herrchen seltsam. Er weiß aus Erfahrung, dass Menschen alles zuzutrauen ist.
Logbuch
DIE FERKELSTECHER.
Da wir letztens über Feldärzte und die medizinische Zunft sprachen: Ich erinnere mich an zwei Bundeswehrkrankenhäuser, in denen ich mal zu tun hatte, in Koblenz und Berlin. Das am Mittelrhein hatte mich zu einem Vortrag eingeladen und ich patzte. Jedenfalls war ich nicht mit mir zufrieden. Solche Fehlleistungen hängen mir nach. Eine vergeudete Rede, das ist wie ein vergeudetes Leben. Eben nicht Perlen vor die Säue (passiert auch), sondern leider nur Runkelrüben. Im nächsten Leben wird man dafür an den Ohren gezogen.
In Berlin war ich als Zivilist über einen privaten Belegarzt zu einer kleinen OP und als jemand, der nicht gedient hat, wirklich beeindruckt von der militärischen Kommunikation. Ich hockte einige Zeit auf dem Gang und fand alle Patienten aufgerufen mit Dienstgrad und Namen. Es gab einen Unteroffizier Müller und einen Kapitän zur See Meier. So kommuniziert sich also die Struktur stets mit. In anderen Organisationen ist die soziale Struktur zwar auch vorhanden, aber nicht so präsent; ich begreife erstmals den Sinn der Uniformen.
Diese seltene manifeste Begegnung mit der okkulten Struktur fällt mir wieder ein, als ich über die Anwaltschaft in Berlin informiert werde. Ich sprach mit einem wirklichen Kenner der Szene über Massenschäden und Massenklagen; das gehört ja zusammen. Die einschlägigen Rechtsschutzversicherungen spielen dabei ja eine Rolle, manche rühmlich, manche schlicht betrügerisch, indem sie das Leistungsversprechen, für das sie Prämien kassiert haben, notorisch umgehen. Die vorsätzliche Leistungsverweigerung als Geschäftsidee. Aber ich bin kein Jurist; wie immer man diese Eierdieberei unter Anwälten korrekt benennt.
Ich lerne dabei, dass man Anwälte unterscheidet in die Stars der Profession, oft in großen „law firms“ beheimatet oder namentlich auf Türschilder prangend, und Ferkelstecher. Kein Scherz. Welch eine Symbolik. Vor hohen Gerichten werden fette Säue geschlachtet und der unteren Gerichtsbarkeit Ferkel gestochen. Die unzünftige Hausschlachtung als Metapher. Fast glaube ich, dass Jus am Ende doch Humor hat; das kann aber eigentlich nicht sein.
Logbuch
NEUES VOM OBERST.
Gestern also das Bier mit dem Reisekader in seiner Datsche. Warum war die Wende eine Sauerei? Man habe ihnen versprochen, dass in einer Konföderation zweier gleichwertiger und gleichberechtigter Staaten die wertvollsten Errungenschaften beider Seiten Schritt für Schritt zusammengefügt würden und so harmonisch zusammenwachse, was zusammengehöre. Stattdessen sei dem Osten das westliche System schlicht übergestülpt worden, in größtmöglicher Brutalität wurde abgewickelt. Die Ehrenträger seien mittels fadenscheiniger Altersgrenzen abgesetzt worden; das erinnere ihn fatal daran, wie man 1933 jüdische Intellektuelle vertrieben habe.
Da ist sie in reiner Form, die Wiedervereinigungsgeschichte als Annexion. Könnte so in der Berliner Zeitung stehen, dem Zentralorgan der Revisionisten. Meinem Oberstarzt war vor 35 Jahren bald klar, sagt er, dass die Zukunft westlich sein würde, im Osten eben nur deutlich ärmer. Pauper wider Willen, annektiert und ausgeraubt. Er weiß noch das Datum, da man die Anrede „Genosse“ durch „Herr“ ersetzen musste. Er beklagt, dass in der DDR „erworbenes“ Eigentum an die ursprünglichen Besitzer restituiert wurde. Zu den neuen Betreibern der Kliniken sagt er nichts, macht aber mit Daumen und Zeigefinger eine Geste des Geldzählens. Ich verzichte auf eine zweite Pulle Bier und gehe nachdenklich in die Nacht.
Warum habe ich eine andere Geschichte im Kopf? Die Quacksalber Lenins waren pleite und sind der Bundesrepublik Deutschland beigetreten, weil sie in jeder Beziehung fertig hatten. Und dass die Russen den von den Nazis enteigneten Familien 1994 (!) ihre Villen zurückgeben mussten, das kann man doch nicht ernsthaft als Unrecht empfinden. Aber auf die Russen wollte er sich gar nicht so recht ansprechen lassen; die ostdeutsch-russische Freundschaft könnte auch nur eine Fiktion sein; wer weiß das schon. Und dann lobt er doch noch die Leistungen der DDR im Sport und reißt sein Alibigebäude ein. Trauriger alter Mann.
Logbuch
DER SUGAR DADDY.
Verrat ist ein böses Wort, aber formuliert jene Bitterkeit konservativer Wähler, die von den Christlichen wenigstens Solidität erwartet haben. Zumindest im kleinbürgerlichen Sinne, etwa der berühmten schwäbischen Hausfrau. Versprochen & gebrochen. Denn nun wachen die Bürgerlichen im Wahlvolk auf in Orgien der exzessiven Verschuldung, auch, so ihr Gefühl, zugunsten der Roten und der Grünen. Der Möchte-gern-Kanzler schreibt den gescheiterten Zeitgeist auch noch in der Verfassung. Dadurch haben die allseits buhlenden Schwarzen weitere Wählerkontingente an die Blauen abgegeben. Die AfD wird bei der nächsten Wahl ein Viertel holen, wenn nicht ein Drittel. Danke, Fritz!
Für das Rollenmodell des künftigen Kanzlers gibt es ein Wort, einen Fachbegriff, leider aus der Halbwelt. Dort nennt man den älteren Herren, der bei den leichteren Mädchen die Scheckkarten sprechen lässt, Zuckerpapa. Das väterliche Moment meint den deutlichen Altersunterschied, der süße jene sanfte Form der Ware Liebe, die allerdings mit Prostitution unzutreffend beschrieben wäre. Der Sugar Daddy kriegt nämlich nicht, wofür er zahlt, nur die Illusion dessen. Friedrich Merz lässt trotzdem die Puppen tanzen, als gäbe es kein Morgen; Milliarden hier, Milliarden dort. Geld kann man ja drucken.
Wenn es dabei um ein kleines Vermögen aus dem Sauerland ginge, sein eigenes, dass im Tanztee unter die Leute soll, wäre gegen die Großmannssucht wenig zu sagen. Der Spendable nimmt aber Schulden auf, für die wir Bürger bürgen und mittels Inflation aufkommen werden. Der lustige Leutnant verjubelt Wechsel, die auf die Zukunft unserer Enkel ausgestellt sind. Grotesk wird die Freigiebigkeit unseres Sugar Daddys dadurch, dass nicht nur seine Koalitionsmätressen zulangen dürfen, sondern auch die koketten Damen und Herren der Opposition. Wenn Fritze freigiebig ist, dürfen alle Puppen tanzen, auch die abgewählten.
Der nächste Herr, die gleichen Damen. Es geht ja um die Sache. So entsteht Kontinuität auf dem Ball der einsamen Herzen, den wir Parlament nennen. Eine Weinkönigin als Präsidentin passt dazu allemal.