Logbuch
MOTOR DES JOURNALISMUS.
Kein Eintrag hier am Karfreitag. Es ist zu viel Geschwätz in der Welt; meines eingeschlossen. Ostern hebt diese Einkehr auf.
Beginnen wir mit unserer publizistischen Gattung, dem Meinungsjournalismus. Er ist in Deutschland ein eher karges Pflänzchen, da man hier eigentlich nur zwei Meinungen kennt, die eigene und die falsche. Die englische Presse ist da kreativer. Ich lese die Times, was das angeht, mit großem Vergnügen. Allerdings zeigen Karrieren wie die von Jeremy Clarkson (ex BBC), dass man es auch übertreiben kann. Der innere Wettbewerb, immer noch einen drauf zu setzen, kann zu Verirrungen führen. Siehe Vauxhall und die Gülle.
Dann ist da neuerdings der Missbrauch des kabarettistischen Tabubruchs zu Zwecken der politischen Propaganda. Ich meine die drei Hexen Weidel, Meloni und LePen („when shall we three meet again…“) und den moralischen Morast rund um den Großen Gelben. Hier ist der Tabubruch ein Animiergehabe gegenüber dem Pöbel, dem signalisiert werden soll, dass man seine Sache vertrete. Ich würde das gerne vor der Gleichsetzung mit dem Lutherschen Klartext in Schutz nehmen; sprich ihn vor dem Vorwurf der rechten Propaganda. Luther ist es mit Karfreitag sehr ernst.
Wenn also Luther und Brecht verfremden, so will der Griff zum Derben der Wahrheit auf die Sprünge helfen, nicht der Sache des Teufels dienen. Das zur Demut der Karwoche. Und zur Skurrilität des konvertierten Stellvertreters des Großen Gelben in der Ewigen Stadt vor dem Stuhl Petri. Judas in der Engelsburg.
Schließlich zu Vauxhall (so heißt GM in England) und dem damaligen neuen Auto der Amis. Eine schreckliche Karre. Der Motorjournalist Clarkson hat zu deren Launch das Schiebedach des Testwagens aus Detroit geöffnet und die Karre von seinen Trekkertanker aus komplett mit Gülle volllaufen lassen. Das geht natürlich zu weit. Obwohl; es hat etwas von Luther und Brecht. Oder? Frohe Ostern.
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DAS MENETEKEL VON GELSENKIRCHEN.
Gelsenkirchen war mal die Stadt der tausend Feuer und Kernland der Sozialdemokratie. Rot und rechts, das ging vor Ort. Die SPD hat jetzt hier wie überall ihre Funktion einer Arbeiterpartei an die AfD abgegeben und kümmert sich nun unter einem neuen Namen von Hartz IV wieder um die Bürgergeldempfänger, ihre wahren Freunde aus dem Sumpf des sozialpolitischen Transfers. Tax&spend! Sie hat ihre historische Aufgabe damit schlicht verraten. So wie die CDU als Volkspartei schwächelt. Man weiß nicht so recht, wofür diese laue Lächler Merz steht.
Die alten Römer pflegten vor politischen Fragen von Gewicht ein Besäufnis mit ihren Kontrahenten abzuhalten, da sie glaubten, der Mensch verliere, wenn besoffen, die Fähigkeit zur Verstellung. So wollte man den Intriganten ertappen. Man hoffte, seine wirklichen Absichten zu erfahren, bevor es zu spät war, also der Pakt geschlossen.
Wäre das nicht ein guter Rat an jene Konservativen in der Union, die nach einem Weg suchen, sich der Reaktionären bei der AfD zu bedienen, um so eine Regierungsmehrheit zu erlangen? Schließlich hat mit gleichem Kalkül die FDP den Hasch-Konsum legalisiert; man wollte testen, wie liberal die Grünen sein können, wenn bekifft. Scherz beiseite, Volker Wissing weiß, warum Christian Lindner nix getaugt hat.
Vielleicht erweisen sich die Blau-Braunen, einmal richtig abgefüllt mit Bier und Korn aus dem Sauerland, als wahre Demokraten und damit anschlussfähig. Vielleicht sind sie aber auch besoffen Meister der Verstellung und man entdeckt erst viel zu spät die Wahrheit in der Brechtschen Warnung davor, dass der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch.
Mir sind alle Normalisierungen des Faschismus zuwider. Andere mögen da flexibel sein; ich bin es nicht. Ich anerkenne, dass man seine jugendliche Bewunderung von Mussolini in weniger braune Gesinnungen überführen kann; vielleicht sogar rechte Parteien in die politische Mitte führen, wie das Giorgia Meloni geschafft haben soll. Ich höre Jens Spahn aber irritiert zu, wenn er die Vorzüge der christlichen Familie schildert. Ich kann den nicht leiden. Vermute nämlich, dass er sich, krude Vorstellung, demnächst mit Frau Weidel ins Bett legen möchte. Krampfige Konfiguration. Aber das alles ist nicht mein Milieu.
Ich habe keinen Bedarf an der Volksgemeinschaft, die da rechts der Mitte einen autoritären Staat mittels populistischer Fremdenfeindlichkeit mehrheitsfähig machen will. Ich hätte es lieber liberal, auch nachdem die Lindnersche FDP den Begriff vollständig diskreditiert hat. Aber das ist wohl zu nüchtern. Gelsenkirchen wird zum Modell der Republik. Ein Menetekel. Prost.
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DIE MUSKELN SPIELEN LASSEN.
„Un pour tous, tous pour un!“ Sie imponierten mir, die kräftigen Männer, die sich DIE DREI MUSKELTIERE oder so nannten. Romantik der Mantel&Degen-Literatur. Und der Tommy im Sherwood Forest mit dem Prinzip des Deos: Er raubt es von den Reichen und verteilt es unter den Armen. Pun intended.
Als Kind las ich, mehr zufällig denn einem besonderen Interesse folgend, etwas über Robin Hood und die seinen. Auch von anderen Räuberbanden des Schinderhannes konnte man erfahren, was diese Halodris so zusammenhielt. Die Eidgenossen aller schweizerischen Täler sollen sich das Gleiche geschworen haben. Und natürlich die genannten DREI MUSKELTIERE im französischen. Bedeutet: „Alle für einen, einer für alle!“ Für die Lateiner unter uns: „Unus pro omnibus, omnes pro uno!“
Spaß beiseite. Was macht SOLIDARITÄT aus? Eine Loyalität untereinander, die keiner umständlichen Begründung bedarf. Ich höre aus den rauen Kehlen englischer Hooligans das „You never walk alone.“ Man sagt den Freimaurern so etwas nach. Oder den Flagelanten von Opus Dei. Am überzeugendsten für mich noch bei der FREMDENLEGION: „Man lässt niemals Kameraden zurück oder Waffen“. Damit sind wir im Militärischen und bei dem berühmten Bündnisfall der NATO, dem Prinzip der Kollektivverteidigung.
Wenn einer angegriffen, sind es alle. Was mir daran besonders gefällt, ist, dass der Bündnisfall bindend der Einstimmigkeit bedarf. Und zwar unabhängig von der Größe der Einzelnen. Vielseitig und einstimmig. Wer das bei Mantel&Degen aufgibt, der ist ein Verräter. Der Ehrverlust ist dann im Sherwood Forest beträchtlich. Kann das mal jemand in einfaches Amerikanisch übersetzen?
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VORBILDER.
Als ich noch bei ARAL war, folgten die Klugen unter den Kollegen einem seltsamen Sprichwort. Es lautete: „Die SHELL macht keine Fehler.“ Jedenfalls nicht im Tankstellengeschäft. Hier galt „retail is detail“; man hatte schon genau hinzusehen. Was die Gelben machten, das schaute man sich immer ganz genau an. Jedenfalls wir, die Weiß-Blauen. Ich habe mir damals klammheimlich eine Sondermeinung zugelegt. Für mich machten die Roten keine Fehler; jedenfalls in meinem Fach, der PR.
Wir sind im Fall der Brentspar, einem riesigen Off-shore-Tank, der entsorgt werden sollte, woraus Greenpeace eine ganz große Nummer machte. Das Ding gehörte hälftig SHELL und ESSO. Es hätten beide im Senkel stehen müssen. War aber nicht so. Der geschätzte PR-Kollege bei den Gelben gab den reuigen Sünder und zog den Greenpeace-Groll komplett auf sich; er durfte dann im Büro übernachten. Ach, Klaus-Peter. Wie der PR-Mann der ESSO hieß, weiß heute niemand mehr. Auch damals nicht. Er ist einfach nicht ans Telefon gegangen. Zudem bestand er darauf, nicht geduzt zu werden. Ach, Herr Doktor Eich.
Wir lassen jetzt mal die Debatte um deap sea dumping, also darum, dass die Blechdose in der Tiefsee keinen Schaden angerichtet hätte, weil das außerhalb der Biosphäre ist, aus (stattdessen hat man das Monster in Norwegen an Land auseinandergeschweißt). Wir lassen auch mal unsere damalige Überzeugung, dass die Doofen grün sind (sprich BP), außen vor; zumal die dann ARAL gekauft haben. Es geht mir um den Punkt: Wir haben uns dafür interessiert, was der Rest der Welt macht. Wir hatten Vorbilder. Sonderwege galten als riskant.
Neuerdings sagen SHELL, ESSO, BP und TOTAL, also alle, dass eine Klimaneutralität bis 2050 nicht zu erreichen ist und alle streichen ihre Investitionsprogramme in eine vollständige Wende schon bis 2045 deutlich zusammen. Alle doof, außer wir? Die großen deutschen Stromversorger blicken besorgt auf die Blütenträume einer inzwischen abgewählten grüngestimmten Regierung und den Scherbenhaufen halbfertiger Gesetze. Am fehlenden Geld kann es allerdings künftig nicht mehr liegen. Es regnet gerade Sondervermögen.
Ich rufe einen Freund aus alten Zeiten in London an. Was sagen die Gelben zum deutschen Fiasco? Er lacht. Was sie immer gesagt haben: „Nicht zu Ende gedacht, nicht vom Ende her gedacht.“ Das könne man auch durch rainmaking nicht heilen. Die deutsche Krankheit, oberschlau und unterkomplex.