Logbuch
KEIN AUSBRUCH MÖGLICH.
Die Altersdemenz ist ein Gefängnis, das zunächst noch Freigang erlaubt, aber immer ausbruchssicherer wird. Der in ihr Gefangene spürt die nachlassenden Kräfte. Darin liegt eine große Tragik.
„Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden.“ Das hat der greise Immanuel Kant in seinem Notizbuch vermerkt. Seit Freitag denke ich darüber nach. Es gibt zu diesem Satz eine episodische Wahrheit und eine wirkliche. Zutreffend ist, dass der Königsberger Professor zeitlebens auf die Hilfe eines Dieners vertraute, der seinen Haushalt führte. Kant war ledig. Martin Lampe hieß der Mann, ein Ex-Militär.
Es kam zur Trennung. Man sagt, Kant habe ihn entlassen, wg. Weibergeschichten; das glaube ich eher nicht. Vielleicht war er auch schon verstorben. Jedenfalls nicht mehr zur Hand. Wenn nun der alte Kant der Hilfe bedurfte, rief er nach Lampe. Seine Demenz hinderte ihn, sich zu merken, dass die treue Seele nicht mehr sein Leben teilte.
Was macht der Demente, der die Demenz wachsen sieht; er macht sich eine Notiz. Die letzte Festung der Würde. Eine Notiz.
Logbuch
DIE MACHT DER BILDER.
Selten hatte eine Regierung so viele Vorschusslorbeeren. Die Dreierkoalition inszeniert sich als flott: eine „menage a trois“ wie aus einem Liebesroman. Honeymoon als „cultural code“.
Christian Lindner bemerkt eine Zäsur in der politischen Kultur. Er kann es wissen, weil er den alten Verhältnissen angehört hat. Wir sahen 2017 im Halbschatten der Nacht angetrunkene alte Männer, süchtig an Zigarillos ziehend. Auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft. Hier war mal Görings Büro. Eine Ikonographie Weimarer Verhältnisse.
Ganz anders jetzt das Selfie der grünen und gelben Unterhändler. Eine neue Generation. Jugendstil. Beim gemeinsamen Spaziergang zum Sondieren die neue Nonchalance des „business smart“. Die Nation erörtert die Umhängetasche Habecks und die weißen Sneaker von Lindner. Die neue Leichtigkeit des Seins.
Und in der Sache: man habe vernünftig miteinander geredet, sagt der SPD-General. Die Presse nimmt das gemeinsame Papier gewogen auf. Lars Klingbeil ist „happy“, lässt er uns wissen. Und Olaf Scholz folgt dem Motto: „Willst Du was gelten, mach Dich selten.“ Ein bleierner Alp namens Merkel scheint vom Land genommen. Frühlingserwachen zum Herbstbeginn.
All das ist natürlich PR; ausnahmsweise mal ganz gutes. Man vertraut auf die Macht der Bilder, der Gesten, des Symbolischen. Dagegen wirken der brutale Söder und der trottelige Laschet wie Archetypen, aus der Zeit gefallen. Propaganda kann auch rosa sein. Meinungsmache mittels Metonymie.
Logbuch
SPORTSKANONEN.
Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, hat mit einem greisen Schauspieler einen Ausflug ins All gewagt und Captn Kirk hinterher geherzt. Nun gehört er auch zur Besatzung von Raumschiff Enterprise. Was soll das?
Lingen an der Ems, erfahre ich bei der Anfahrt in das beschauliche Städtchen, ist jetzt erklärtermaßen HOCHSCHULSTADT. Man ist stolz auf die örtliche Hochschule. Es gibt hier eher wenig Prominenz, aber einen beachtlichen, gleichwohl bescheidenen Wohlstand dank der Gewerbesteuer des örtlichen Kernkraftwerks. Aber da steigen wir ja aus. Und ein Gaskraftwerk. Aber da… Na ja.
Ich sehe im Hotel-TV eine Dauerwerbesendung zugunsten des Versandgiganten Amazon, gratis auf einem Nachrichtensender. Ein inszeniertes Ereignis („event“) von einem neuen Kult amerikanischer Superreicher, die das All und den Mond kolonialisieren wollen. Ein neuer SPORT der TECHNIKBEGEISTERUNG. Ich bin irritiert.
Vor dem Hotel auf die Straße tretend, sehe ich den Straßennamen der Bernd Rosemeyer Straße ergänzt durch den Hinweis, dass es sich bei dem von 1909 bis 1938 Lebenden um einen „Weltrekordler“ handele. Damit ist wohl ein Beschleunigungsversuch auf über 400 km/h gemeint, den der Rennfahrer damals nicht überlebte.
Was treibt diese Leute in ihren Rennwagen und Raketen? Sie wollen wohl Teil eines Mythos werden. Rosemeyers Tod wurde genutzt, um ihn zum Märtyrer zu stilisieren, ein soldatischer Heldentod. Religionen gründen auf solchem Märtyrertum. Was Bezos da vorhat, wagt man nicht zu ahnen. Sein Kollege Elon Musk zeigt aber ähnliche Ambitionen. RAKETENMÄNNER.
Mich irritiert diese Verherrlichung der Raketen. Die Verherrlichung der Rennwagen diente der Kriegsvorbereitung. Das kann es ja nicht sein, was damit im Silicon Valley gemeint ist. Aber bei Captn Kirk nimmt man ja auch den greisen Schauspieler für die Rolle in einer TV-Serie; schon das ist irre. Es riecht nach Propaganda, aber ich ahne nicht, wofür eigentlich.
Logbuch
GOVERNMENT ISSUE.
Die Kavallerie hat, hoch zu Ross aufgewachsen, ihre Pferde nicht freiwillig abgegeben. Wer will sich schon in diese rollenden Konservendosen namens Panzer zwingen lassen. Die stolzen Seelords der Armada haben nicht nach Dampfschiffen aus Stahl gerufen. Und man erzählt mir aus der Luftwaffe, dass die neuen unbemannten Drohnen nicht sehr beliebt sind. Der Baron von Richthofen will noch immer in sein Cockpit.
Mein Verdacht als Zivilist ist, dass man die Aufrüstung nicht den Militärs überlassen kann. Sie sind nicht die bösen Buben, die wir bräuchten, sondern brave Beamte. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr in Koblenz sei ein bürokratischer Orkus. Das lese ich auch aus den USA, wo bisher der Takt vorgegeben wird, was zur Waffe taugt. Die G.I. selbst seien zu doof für Cyber War; da müsse die Industrie selbst ran. Ich bin in der Frage schon als Student verdorben worden. Ich habe in Bochum Friedrich Kittler gehört, den großen Apodiktiker. Dem war vieles eine Waffe, was naiv als Instrument erscheint. Radio, UKW, Radar, Rock: alles Kinder des Krieges.
Das gilt für das Internet dann allemal. Selbstfahrende Autos und Raketen zum Mars riechen allerdings auch danach, wenn man den Geruch einmal in der Nase hat. Das amerikanische Militär war immer schon ein sehr beliebter Auftraggeber der kalifornischen Wunderknaben. Oder umgekehrt. Die heutige zivile Vergnügungsnutzung der Halbleiter jedenfalls ist nur ein Abfallprodukt.
Die Bundeswehr soll mittlerweile kein Liquiditätsproblem mehr haben; geblieben ist die geistige Armut. Es riecht in den Kasernen nach Pulverdampf wie aus Opas Karabiner. Was sind die Waffen der Zukunft und wie führe ich die mit den Trotteln der Vergangenheit? Wie kann es sein, dass schon jetzt Italien drei Flugzeugträger hat und wir keinen? Werden wir künftige U-Boote statt mit Diesel auf Batterie betreiben? Kriegt das Generalkommando neue Dienst-Nokias? Legt die Telekom Glasfaser sogar bis in Kasernen?
Ich fand schon immer, dass der Krieg eine zu ernste Sache sei, um ihn den Militärs zu überlassen. Das gilt allerdings wohl schon für die Aufrüstung selbst. Mein Vorschlag: Wir nehmen das abgelegte amerikanische Equipment der letzten Generation komplett. Das hat das alte Rom mit seinen Vasallen auch so gehalten. Es gab römische Sandalen auch für germanische Treter. Deren Nägel findet man in Gräbern bis heute.