Logbuch

DER SCHEPPER.

Heute wäre der 99. Geburtstag meines Vaters, den er nur um ein knappes Jahr verfehlt hat. Ein toller Mann. Wenn man mir sagt, dass ich ihm immer ähnlicher werde, höre ich daraus keinen Tadel.

Seinen Spitznamen als Junge verdankte er einer Grabschüppe und kindlichen Abenteuern in einer nahen Kiesgrube. So seine lakonische Auskunft. Mehr Aufhebens hat er darum nicht gemacht. Es muss ein sehr großer Sandkasten gewesen sein, in den er der häuslichen Enge in der Zechensiedlung entflohen ist. Was mag er gebaut haben? Sandburgen wie sie die Sommergäste an den Urlaubsstränden bauen? Wozu dann ja die immer folgende nächtliche Flut das Ihrige sagt. Tunnel wie sein Vater? Die Kapillarität von Wasser und feinem Sand ermöglicht ja eine Menge.

Überhaupt hat der Sandkasten eine eigenartige Tradition, wie alles im Preußischen natürlich militärischen Ursprungs, zur räumlichen Darstellung sogenannter Lagen. Zinnsoldatenkultur. Zivil aber Raum spielerischer Entfaltung, von den großen Freizeitanlagen in den Parks (damals „Volksgärten“) , den Freigeländen in den Vorschulen (heute „Kita“) bis hin zu den spießigen Kleinkisten im Vorgarten, in die Nachbars Katze scheißt, aber nicht die eigenen Infanten spielen. Auch die kleinen Rutschen und bunten Kletterstangen der Einfamilienhäuser sind albern. Kinder spielen niemals in den eigenen Gärten.

Eine Erinnerung bemühend, die ich gar nicht haben kann, denke ich an meinen Vater im jetzigen Alter seiner Urenkelin. Er war in der Vielzahl seiner Geschwister nicht der unbedingten Gunst seiner Mutter ausgesetzt; sein Vater verfuhr ein Leben lang ausschließlich Nachtschichten unter Tage in der Vorrichtung, schlief also tagsüber. Und er, der Schepper, zog mit Stulle und Spaten morgens in seinen Sandkasten industriellen Ausmaßes. Man habe sein Fehlen tagsüber nicht bemerkt, ein Esser weniger am Tisch, hat er mal gesagt.

Was mag er wohl dort gebaut haben?

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TISCHMANIEREN.

Den Kulturbanausen erkennt man daran, dass er frisst wie ein Schwein. Zumeist zerteilt er dazu die Speise eingangs in Häppchen, die er dann schmatzend löffeln kann. Barbaren, auch im guten Restaurant.

Es gibt Menschen, die mit der Handhabung des Essbestecks im Restaurant so vollständig überfordert sind, dass man unfreiwillig erfährt, wie die wohl zu Hause essen. Wahrscheinlich mit bloßen Händen (McDonald) oder dem Löffel als Schaufel (Kantine). So erkennt man zielsicher den Barbaren, auch wenn ihn der TravelAdviser mal außerhalb seines Habitats (Couch) in ein Restaurant geführt hat. Sie fressen.

Der Barbar hat die Gabel in der Faust und sticht damit von oben nach unten in sein Mahl, das er dann portionsweise ins stets offene Maul wirft, das sich eine Handbreit über dem Teller befindet. Seine Motorik ist auf der Baustelle einem Bagger abgeschaut. Ich rede gar nicht von Fischbesteck oder Hummerwerkzeug oder Saucenlöffel oder Messerbänkchen, also den schwierigeren Sachen. Ich rede von Messer und Gabel. Dem Elementarsten. Sie können es trotzdem nicht. Von der Grazilität eines Asiaten mit den notorischen Stäbchen sind sie Jahrhunderte entfernt, diese Barbaren. Eine Seezunge wird zum Waterloo. Fastfood vertieft den kulturellen Graben noch. Ein Versuch der Nachhilfe.

Messer und Gabel, jeweils in unterschiedlichen Händen, werden in der Zubereitung des Bissens, also der jeweiligen zum Mund zu führenden Portion der Speise, waagerecht gehalten, nicht senkrecht. Horizontal, Ihr Prolls, nicht vertikal. Erst beim eigentlichen Verspeisen nähert sich die Gabel aus der Brusthöhe eines aufrecht sitzenden Menschen, Ellenbogen eng am Brustkorb, dem noch geschlossenen Mund, der kurzzeitig geöffnet wird. Beim Messer ist eh klar, dass es zum Zerschneiden eine zarten Horizontalbewegung folgt. Das ist doch keine Stichwaffe. Man schneidet; das ist auch kein Zerstampfer. Insgesamt gilt: Nicht wie der Bauer die Forke. Eher wie ein Cellist den Bogen.

Das ist nicht so arrogant wie es klingt. Gehen wir zu einem einfachen Mahl. Noch aufschlussreicher ist, wenn Spaghetti serviert werden. Ja, man isst sie nur mit einer Gabel. Zarte Wickelbewegung. Du weißt alles von einem Menschen, wenn Du gesehen hast, wie er Spaghetti isst. Nein, man schneidet sie nicht mit Messer und Gabel zu einem Brei, den man ablöffeln kann, so wie man es mit den Alete-Gläschen gelernt hat.

Ich wollte schon beim Franzosen oder Italiener verzweifeln, bis ich dann KFC gesehen habe, den Hähnchenflügelbräter. Panierte fettige Schlachtabfälle aus einem Eimer mit der bloßen Hand. Barbaren.

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ADJU-TANTEN.

Ein Unternehmenslenker soll ein guter Redner sein, der beste. Ich kenne den Herrn gar nicht. Nie gehört. Aber sein Redenschreiber gibt jetzt Interviews, wie er das hingekriegt hat. Ich bin irritiert.

Aus der Schule geplaudert. Von Ferdinand Piëch habe ich einiges gelernt. Unter anderem das mit den ADJU-TANTEN. Er fragte, wenn er ein GENIE entdeckte, stets: „Wer macht ihm das?“ Das zeigt eine gehörige Portion Skepsis, nämlich die Erfahrung, dass hinter der besonderen Begabung oft Handwerk steckt, angeeignetes Handwerk. Piëch interessierte sich stets für die BOGENSPANNER.

Ein Begriff aus der Welt von Pfeil und Bogen, als dem mittelalterlichen Schützen die gespannte Armbrust gereicht wurde. Die Franzosen schnitten den englischen Kriegsgefangenen übrigens den Mittelfinger von der spannenden Hand. Seitdem ist der hochgereckte Mittelfinger (digitus impudus) übrigens ein Ausweis der noch vorhandenen Wehrhaftigkeit. „Ich kann noch!“ Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Im Montanwesen heißt der ADLATUS handfest ZUSCHLÄGER. Übrigens nicht wegen des geschwungenen Schmiedehammers oder seiner besonderen Fertigkeiten bei Kneipenschlägereien, sondern wegen des geheimen Wissens um Legierungen, also des mineralischen Zuschlags zum verhütteten Metall. Im Militärischen sprich man von den ADJUNTANTEN, die dem Feldherrn zur Hand gehen. Wir Pazifisten machten uns über die lustig durch eine kleine Sprechpause zwischen dem AJU und den TANTEN. So wie beim Gendern.

Aber bleiben wir im Zivilen, dem Kampf mit Worten. In meinem Beruf sind es die Redenschreiber, die die großen Worte großer Männer zu Papier bringen, bevor sie deren Lippen verlassen. Auch ich habe als ein solcher Tintenkleckser begonnen; GHOSTWRITER genannt, ein verborgenes Amt. Hier erklärt sich das Interesse von Ferdinand Piëch, der nicht von Hause aus als Meister der Worte galt; er wollte wissen, wer das CHARISMA gebastelt hatte, mit dem andere GENIES auftraten. Weil es ein Geheimnis zu sein hat, wer den Rhetor fütterte.

PR ist die okkulte Kunst, Handwerk als Begabung erscheinen zu lassen, Profession als Berufung, Geschick als Gabe. Wir konstruieren das Authentische. Damit prahlt man nicht.

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DIE HANDBIBLIOTHEK DES WELTWEISEN.

Marbach oder Müllverbrennung? Es gibt immer ein Zögern, wenn Gedrucktes zu entsorgen ist. Als Mumpitz schon eine Weile beerdigt war, konnten die Erben auf Drängen des Immobilienmaklers irgendwann, es war zu Pfingsten, der Frage nicht mehr aus dem Wege gehen, was mit seinem Nachlass zu geschehen habe, insbesondere dem ungeheuren Konvolut an Büchern, deren Zahl auf gut tausend geschätzt wurde.

Man könne es nicht Bibliothek nennen, befand Cousin Heribert, der feststellte, dass die Anordnung in den zahlreichen Regalen keinerlei Prinzip folgte. Ein wildes Sammelsurium, das schon deshalb ruhig der Müllverbrennung anheim fallen könne; ein Antiquar würde daran verzweifeln. Mumpitz war, so wurde es irgendwann spruchreif, ein Messi, jedenfalls was Bücher anging. Die Müllverbrennung sei der richtige Ort.

Verstörend nur der Bericht der Putzfrau der letzten Jahre, die von dem Ärger zu berichten wusste, als Mumpitz bemerkte, dass sie einige Bände zum Staubwischen an die Seite genommen hatte, sie wollte eine Steckdose erreichen, und dann zurückgestellt, Mumpitz aber bemerkte, dass sie dabei die Reihenfolge ruiniert habe, wie er zornig kritisierte. Sie habe sich gewundert, wie er das habe bemerken können, in dem Chaos.

Man beschließt das vernichtende Urteil des örtlichen Buchhändlers noch einmal überprüfen zu lassen. Ein pensionierter Studiendirektor vergräbt sich in einen leichter zugänglichen Teil der Buchsammlung. Nach Wochen äußert er eine Hypothese und bittet bescheiden um neues Honorar. Er will insgesamt prüfen, ob es wirklich sein kann, dass Mumpitz die Bücher alphabetisch geordnet habe, nach dem jeweils ersten Buchstaben des Fließtextes. 1289 Bände. Bei Lexika gelten Ausnahmen.

Welch ein Kleingeist. Man wird Mumpitz, den Weltweisen, als Pedanten erinnern müssen. Die Bücher seiner Handbibliothek können weg.