Logbuch

ALPTRAUM.

Ich notiere hier ungern Banalitäten aus dem gänzlich Privaten; ich heiße ja nicht Thomas Mann, dessen Tagebücher in den Kamin gehörten, wollte man eine Achtung vor dem Literaten erhalten. Noch schändlicher der ebenfalls notorisch überschätzte Max Frisch, der sein Privatleben schlicht verraten hat. Auch bei Feridun Zaimoglu gab es so einen Moment; eine Ex fand ihr Tagebuch in einem seiner Romane. Wenn ich ein Vorbild für das Logbuch nennen müsste, so wäre es das stets diskrete Arbeitsjournal von Brecht.

Aber ich habe schlecht geträumt. Jetzt ist es raus. Wieder habe ich einen Termin nicht halten können. Es passiert mir ehrlicherweise dauernd, dass ich mich verlaufen habe, den Flieger nicht mehr kriege oder den Raum nicht finde. Und neuerdings versagt dann auch immer das vermaledeite Handy. Im Traum, versteht sich. Warum erwähne ich es? Weil ich ein Loblied auf die Segnungen des Top Managements halten will. Du hast nämlich ein Büro, das alle Unbill des Lebens von Dir abhält.

Die Lebenslüge der Arrivierten ist, dass die Verantwortung schwer auf ihnen laste. It‘s lonely at the top. Unsinn, man ist nie allein; buchstäblich nie. Man hat einen Stab. Von der Wiege bis zum Grab. Mein Respekt für den Führenden (sic) liegt nicht darin, dass sie gelegentlich führen, sondern darin, dass sie das immer müssen; stets, ohne Unterbrechung. Die Elite fährt immer Doppelschicht. Ansonsten ist das Leben aber kommod.

Da ist die Chefsekretärin oder Büroleiterin, die immer alles weiß. Da sind Assistentinnen, die deren schlechte Laune auszuhalten haben und sich vor Ort die Hacken abrennen. Früher war da auch einer Deiner beiden Fahrer und Deine Lieblingskutsche. Die Piloten in der Werksfliege wussten, wer Du warst und welchen Wein Du willst. Vor allem ist da immer irgendwo im Hintergrund Dein Mann für‘s Grobe, der sich die Hände schmutzig macht, während Du den Sonny gibst. Ich kriegte abends stets einen Tageszettel für den nächsten Tag, den ich dann brav ablief. Und den Herrgott einen guten Mann sein ließ. Easy go.

Ich habe damals besser geschlafen. Jedenfalls hatte ich andere Angstträume. Ach so, das mit der schlechten Laune der Büroleiterin, das möchte ich bitte zurücknehmen dürfen. Mein Luca Brasi sagt, das wäre klüger. Die sei nie launenhaft, habe sie ihm versichert. Ich merke, er hat Angst vor ihr. Nein, sagt er, nur einen Mörderrespekt. Und wenn Luca Mörder sagt, meint er Mörder. In den Vorzimmern haben selbst die Götter zu kuschen. So ist das auf dem Olymp.

Logbuch

NOCH SO EINE GESCHICHTE.

Leo Kofler hieß nicht wirklich so, nahm ich an. Mich hatten zwei seiner Pseudonyme irritiert, da sie beide den Anspruch auf WAHRHEIT formulierten. Man konnte bei Stanislaw Warynski noch im Zweifel sein, bei Jules Dévérité schon nicht mehr. Julius von der Wahrheit. Unter dem polnischen wie dem französischen Tarnnamen hatte er publiziert; ich glaube sogar zunächst seine Diss, dann seine Habil.

Leo war Spross jüdischer Großgrundbesitzer in Galizien, heute Ukraine; seine Familie floh vor den zaristischen Truppen nach Wien, wo er bei Max Adler hörte. Nach Halle an der Saale verschlagen, musste er vor dem DDR-Regime fliehen und hat es in Köln nur zu Lehrtätigkeiten an Volkshochschulen bringen können, bis er in Bochum die Lehrstuhlvertretung des Soziologen Urs Jaeggi bekam. Welch ein Leben.

Ich machte in einer seiner Vorlesungen das Hänschen und wurde zu seinem Spottobjekt. Er nannte mich einen „Großbürger aus kleinen Verhältnissen“; und das kam so. Kofler sprach, wie eigentlich immer, über Georg Lukacs und räumte ein, dass er nicht wisse, wo das Motto von dessen „Ästhetik“, ein Marxzitat, bei Marx stehe. Zufällig hatte ich die Stelle aber am Vorabend entdeckt und hob den Finger. „Da kann ich aushelfen, Herr Professor.“ Ich gab den Flaneur.

Leo war tief beeindruckt und fragte mich etwas, was ihm gar nicht zustand, aber typisch Kofler war, nämlich ob ich großbürgerlicher Abstammung sei. Ich konterte lachend: „Nein, aus kleinsten Verhältnissen!“ Damit war ich künftig, überall, wo er mich am Institut sah, der Bourgeois de Petite. Im Spott des großen Kofler zu stehen, das war schon was.

In der Tat war meine Klugschwätzerei etwas keck formuliert. Ich hatte nämlich eine französische Phrase genutzt, die später zu einiger Berühmtheit kommen sollte. Ich hatte in den Hörsaal gerufen: „Lire le Capital!“ Ja, so war das, als die Soziologie noch wesentlich war. Ich schwör. Beim Julius von der Wahrheit.

Logbuch

AN DER QUELLE SASS DER KNABE.

Der Sommer erinnert auch grimmige Germanen daran, wie schön ein Leben sein kann, das sich nicht vor den Garstigkeiten der Natur schützen muss. Da werden auch die Höhen, wo sonst der Wind so kalt weht, zum Land, in dem die Zitronen blühen. In diese Idylle hinein ragen Botschaften aus der Politik, die verstimmen. Ich meine nicht den wiedererwachten Geist der Rüstung, sondern Energiefragen. Obwohl das zusammenhängt, aber das kriegen wir erst später.

Der Ausbau der Kernenergie ist in meinem Vaterland endgültig gescheitert, da es die Industrie selbst nicht geschafft hat, Fragen der Akzeptanz in einer Bevölkerung zu lösen, die dem Hiroschima-Mythos nachhing. Ich darf das sagen, da ich dabei war, als der Tschernobyl-Schock die Nuklearen nicht lehrte, gar nichts. Früher Wackersdorf. Jetzt Urananreicherung.

Der grüne Traum, dass die Sonne keine Rechnung schreibe und der Wind Gottes gratis Morgengabe sei, ist zumindest unterbrochen. Das hat der Dilettantismus um das Diktat der Wärmepumpe dann doch gebracht. Zudem fehlte es am Willen zum Netzausbau. Marode Infrastruktur. Wie kann das Nationen passieren, die die Hanse groß gemacht hat?

Man müsste eigenes Öl & Gas haben, wie es der Herr den Norwegern geschenkt hat oder Laufwasser. Dann gälte, einen klugen Staatskorporatismus vorausgesetzt, dass Regen Segen ist. Oder Flüsse müsste man am Fließen hindern können. Think Big. Zumindest Bigge, wie man es ja mal gekonnt hat. Oder ging es bei der Biggetalsperre um Trinkwasser? Egal. Das nächste knappe Gut.

Jedenfalls streichen Pat und Patachon, die Herren Merz und Klingebiel, in ihren taubenblauen Anzügen tumb die Wahlkampfversprechen des billigen Stroms. Bei den Tankstellen kann man sich ohnehin darauf verlassen, dass sie jeden Cent holen, der noch geht. In God we trust, the rest pays cash. Und der russische Hahn ist dauerhaft dicht.

Unter den Pensionären sehe ich jene modernen Nomaden, die heimatlos dem Sommer hinterher reisen und von mediterranen Inseln grüßen, bald sogar aus Asien oder vom Mars, fragen Sie Musk. Das scheint mir wie Verrat. Ich genieße den Sommer und blicke wehmütig auf den Kamin, der gerade Pause hat. Bald schlagen wir wieder Holz, auf dass die Buche uns winters wärme. Öl im Tank.

Man sinniert im Sommer über seltenes Glück. Frieden mit der Natur und dem Nachbarn. Und könnte es sein, dass es bei fast allen kriegerischen Händeln darum geht, wer wem den Hahn zudreht? Ich frage für einen Freund.

Logbuch

GRETCHEN.

Seit Goethes Faust, den jedermann zitiert, aber niemand wirklich kennt, gibt es die GRETCHENFRAGE. Darin wird Doktor Faustus zu einer prinzipiellen Antwort aufgefordert, der er lieber ausweichen würde. Wie er es mit der Religion halte, will sie wissen. Nach Gott wird man ungern gefragt, wenn man heimlich mit dem Teufel im Bunde steht. Wer wie Gretchen fragt, will Butter bei die Fische. Mach aus deinem Herzen keine Mördergrube!

In der politischen Rhetorik des Fritze Merz ist von einer Brandmauer die Rede, die zwischen CDU und AfD bestehen solle; eine Metapher aus dem Bauwesen, die den Cordon sanitaire bemüht, um eine Nichtvereinbarkeit zu konstatieren. Oft kontrafaktisch, da man sich gegenseitig kopiert. Brandschutz, das könnte in einem Parlament bedeuten, dass man vorhabe, nicht zu koalieren, sprich zusammen eine Regierung zu bilden. Na gut.

Dass man unerwünschten Applaus aus der falschen Ecke bekommt, ist eh nicht zu verhindern und parlamentarisch ein idiotisches Argument. Ich überlasse doch nicht meinen Gegnern, was ich richtig oder falsch finde. Man blende solche Doppelmoral aus. Vieles beim Kampf gegen Rechts ist Symbolpolitik.

In der fundamentaleren Logik politischer Moral ist dies eine postulierte Dichotomie zu Extremismus entweder nach Rechts- oder nach Linksaußen; eine Abgrenzung ideologischer Natur, daher mit chargierenden Grenzen. Der Rechtsstaat muss da klarer sein: verfassungswidrige Parteien sind richterlich zu verbieten, jedenfalls nicht zur Wahl zuzulassen. Was nicht verboten ist, das ist erlaubt; vielleicht nicht wünschenswert, aber eben auch nicht kriminell, weil es irgendwelchen NGOs nicht gefällt.

Ob der Verfassungsschutz, eine weisungsgebundene Behörde im Sinne eines Inlandsgeheimdienstes, nun jemand beobachtet oder nicht, das ist mir zu klein, weil aktuelle Innenpolitik. Größer ist in meinem Vaterland die Frage, ob jemand Faschist ist, weil hier eine Staatsräson greift; gleichwohl ist dies aber inhaltlich ein Abwägungstatbestand. Oder rechtlich zu entscheiden, vor hohen Gerichten, nicht bei Meldestellen oder von Faktenprüfern ungewisser Qualifikation.

Ich will nicht in die Schlammschlachten rund um diese Grenzziehungen, zumal ich aus allen Parteien politische Töne höre, die mir faschistoid klingen. Natürlich mit einer signifikanten Häufung bei der Neuen Rechten. Aber wenn Thilo Sarazin nach wie vor Sozi ist, rate ich zur Zurückhaltung bei den Linken. Überhaupt hilft FUROR nicht.

Also: die AfD ist in neusten Umfragen jetzt genau so stark wie die Union und würde bei Wahlen eine Sperrminorität im Parlament erlangen. Es gibt dort keine Mandate erster und zweiter Klasse. Zudem ist Frau Dr. Alice Weidel rhetorisch gut. Und die Arbeitsteilung im bürgerlichen Lager lautete bisher: Die Sozen kümmern sich um die Kommis wie die Schwarzen die Faschos einzuhegen haben.

So Fritze, jetzt mal kein Tünkram, sondern ran an den Speck. Bisher hat Dein Rumeiern die Blau-Braunen nur groß gemacht. Können wir mal was sehen, das staatsmännisch ernst zu nehmen ist? Nebenbemerkung zu Gretchen und mir: Ich selbst bin da raus; Weidel hat mich vor Jahren gefragt, ob ich sie berate, und ich habe dankend abgelehnt. Man kann nämlich zu Angeboten der AfD zivilisiert Nein sagen.