Logbuch
DIE DOMINANTE HAND.
Ich glaube, dass der Herrgott mit Linkshänder etwas besonderes vorhat, was er uns aber selbstverständlich nicht verrät. Sie sind insgeheim gesegnet. Ein Sonderfall sind übertrainierte Pianisten, aber dazu kommen wir erst am Schluss dieses Eintrags.
In England habe ich bei einem Kurs zur Dinneretikette gelernt, dass man die messerführende Hand dominant nennt und die gabelbewährte „nondominant“; eigentlich müsste sie subdominant heißen. Die Gabel wird übrigens immer mit den Zinken nach unten geführt; es sei keine Schaufel, sagte der Benimm-Experte. Das gälte auch bei „peas“. Bei einer nicht zu verzeihenden Abwesenheit von Hummerbesteck dürfe die Kuchengabel an dem Schalentier zur Anwendung kommen, nachdem die Scheren barhändig gebrochen wurden. Ich habe im Borchardt auch schon Schweizermesser im Einsatz gesehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Die subdominante Hand hat lediglich Haltefunktion, während die dominante Kraftakte vollbringt oder Kunstfertigkeiten. Das Schreiben gilt als eine solche Kulturtechnik, die vorwiegend rechts vollführt wird; was angesichts des Tinteverwischens des vermeintlich tölpelnden Linkshänders verständlich ist, wenn nicht gar vererbt dominante Kulturtechnik. Die Handschrift selbst hat eine so individuelle Ausprägung, dass sie nicht nur Identifikation zulässt, sondern sogar als Charakterspiegel gilt. Ich erinnere mich eines Paukers, der seinen Schülern die Sauklaue (Zitat) austreiben wollte. Bei der Menschwerdung des Affen spielt das Manuskript („mit der Hand geschrieben“) eine große Rolle.
Früher lernten künftige Sekretärinnen das 10-Finger-Blind-Tippen; begnadet, wer das am PC noch kann und wie eine Maschine in das Gerät klappert. Heute sehe ich Kids auf dem iPhone blitzschnell mit beiden Daumen simultan schreiben; eine Fertigkeit, die ich biologisch gar nicht habe. Ohnehin ein Mysterium, weil ich als notorischer Rechtshänder meine Glossen mit dem linken Zeigefinger ins Smartphone tippe. Ich vermute, ich bin ein umadressierter Linkshänder. Meiner Frau Mama waren rigorose Dinge zuzutrauen, wenn sie sie als Fürsorge verstand.
Die Hände sollen unterschiedliche Gehirnhälften adressieren, lese ich. Die zu ganz unterschiedlichen Dingen gut seien. Jetzt frage ich mich, ob ich auf unterschiedliche Hirne zurückgreife, je nachdem ob ich mit links oder mit rechts schreibe. Wenn ich das zu Ende denke, könnte ich als klinisch Schizophrener in der Klapse landen. Also, Mozart war Linkshänder. Und Freimaurer. Und spinnert. Das könnte man auch mal zu Ende denken.
Jetzt zu den beidhändig virtuosen Klavierspielern. Der Bruder des Philosophen Wittgenstein, ein leidenschaftlicher Pianist, hat seine zeitgenössischen Komponisten aufgefordert, mehr Stücke für einarmige Pianisten zu komponieren. Er hatte den anderen im Krieg verloren. Da stellen sich die Fragen der Etikette dann ganz anders.
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BLACK OUT & WHITE IN.
Man sagt Elektrikern ja nach, dass sie einen Kurzen haben, dafür aber eine lange Leitung. Solcher Spott hängt damit zusammen, dass Strom noch immer eine Geheimwissenschaft. Alles, was mit „Watt Ihr volt“ zusammenhängt, bleibt dem Laien ein Mysterium. Gelernt haben wir freilich, dass man das Licht nicht brennen lässt und die Fenster brav schließt, um nicht den Garten zu heizen. Man verschwendet keine Energie. Sie ist kostbar, weil ein besonderes Geschenk von Mutter Natur. Darum ist es eigentlich auch nicht schlecht, wenn die Preise das widerspiegeln. Sonst droht der „black out“!
So weit, so gut. Strom wird an Börsen gehandelt. Zum Beispiel der von morgen, den ich heute kaufen kann, damit ich ihn morgen kriege. Während die Dieselpreise an der Tanke durch die Decke gehen, Dank Dir Donald, ist der Strom für den Verbraucher nicht nur preiswert, sondern umsonst, wenn nicht sogar mit einer Prämie versehen. White in. Wir hatten gerade negative Strompreise von fast 50 Cent pro Kilowattstunde. Das heißt, wer jetzt das Licht anlässt, kriegt noch Geld oben drauf. Der Markt reflektiert eine schwache Nachfrage bei zu viel Sonne und sehr gutem Wind. Strom, den kein Mensch braucht.
Ein Industriestrompreis von 10 Cent / kWh gilt als günstig, 5 Cent ein Traum, 15 wäre auch noch machbar. Aber das sind Kosten; der Käufer zahlt das. Wie beim ALDI; ich kriege meine Ware und zahle an der Kasse den Preis. Normal. Wovon wir hier und heute reden, das sind Prämien, die jeder kriegt, wenn er jetzt kauft. Für Noppes; und noch mal 50 Cent / kWh Cash inne Täsch, als Prämie obendrauf. Wem das als irre erscheint, der ist halt nicht vom Fach. Siehe oben: Kurzen & lange Leitung.
Wenn ich jetzt sage, der Markt funktioniert, dann verstehen mich noch die Anhänger der FDP, also niemand. Wenn ich sage, Katherina Reiche hat Recht, stimmt mir noch die halbe CDU zu, also 12%. Mit der AfD rede ich nicht. Die SPD frage ich lieber erst gar nicht, weil wir dann über eine klammheimliche Verstaatlichung der Energiewirtschaft sprächen. Ich spreche darüber lieber mit den Grünen, die schon immer gesagt haben, die Energiewende kostet nur eine Kugel Eis. Jürgen, alter KBW-Genosse aus Göttingen, Du Visionär: Und es gibt zum Eis noch richtig Knete obendrauf. So geht Aufschwung. Da macht der Kommunismus Spaß.
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DIE GALA.
Die schönste Stadt der Welt war mir früher Paris. Hier hatte ein deutscher Hausmann als Stadtplaner ganze Arbeit geleistet. Er legte ein langes Lineal mit einem Ende auf die architektonischen Raritäten der Stadt und zog von dort lange und breite Linien bis in die Vorstädte; mit absoluter Brutalität wurden Elendsviertel, die im Weg waren, im Wortsinn schlicht ausradiert. So entstanden die prachtvollen Boulevards. Das verdankt der Franzose dem Baron Haussmann, eigentlich ein Protestant aus der Pfalz.
Mir fällt diese historische Episode ein, da ich in Neubaugebieten die kärglichen Unternehmungen sehe, die sich ausweislich von Werbebeschriftungen der Fahrzeuge GALA nennen; das ist Garten- und Landschaftsbau. Die Erbsünde zu kleiner Grundstücke mit unerträglicher Nähe zum ebenso spießigen Nachbarn wird mit Bepflanzungen festgeschrieben, die holländischen Gartenmüll, von Pflanzen wage ich gar nicht zu reden, als Sichtschutz einsetzen, gegen den ein Lattenzaun ein Auswuchs von Kreativität wäre. Kasernen des Kleinbürgertums.
GALA wäre, wenn vernünftig, zunächst mal Landschaftsbau: Raum bis zum Horizont, Bagger her und Raupen, Berg und Tal, See und Schlösschen, mittendrin riesige Rasen. Wie überhaupt der englische Garten eigentlich nur eine Inszenierung des Nichts in der Mitte ist, vom „green“, der Wiese, die längst ein Teppich ist. Aber davon weiß der Deutsche nichts, für den das Wort eine Abkürzung aus dem Auto ist. Geräuschabhängige Lautstärkenanpassung. Gala: Wenn die Karre laut wurde, wurde das Radio lauter. Kein Scheiß. Gala. Das ist VW-Sprech. Ich war da mal Kommunikationschef.
Reden wir also über die Gala, den Festakt, zu dem man sich aufputzt. Das kommt ja bei den Potentaten wieder in Mode, weil man sich wie bei Königs geben will, auf LinkedIn sehe ich das aber auch als Leidenschaft der emanzigen CEO-Muttis. Man erwirbt dieserhalben zunehmend Galanteriewaren, obwohl das doch, die Galanterie, eine Männerdomäne war. Man putzt sich auf und nennt die Eitelkeit ein Menschenrecht auf Wahrnehmung; pardon, ein Frauenrecht. Madame Pomm-Padur aus der Reihenhaussiedlung mit Doppelgarage und Wallbox. Peinlich.
Wir sprachen von Paris, der schönsten Stadt; das fanden historisch vor allem die Osteuropäer, denen Warschau und Wien zu piefig war. Habe ich erwähnt, was der immer sehnsüchtige Franz Kafka an seiner Tristesse diesbezüglich zu leiden hatte? Wussten Sie, dass sein Vater, der berühmte Vater, in Prag ein Geschäft hatte. Wofür? Ich habe es wörtlich: „Feine Galanteriewaren Kafka“. So schließt sich der Kreis. Welcher? Keine Ahnung. Heraus zum Ersten Mai!
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WES BROT ICH ESS.
Ist es wieder süß und ehrenhaft, für das Vaterland zu sterben? Die Frage zieht ihre Berechtigung daraus, dass der grüne Diskurs des Zeitgeistes sich vom Naturpflegerischen zum Kriegerischen gewandelt hat. Dabei rufen auch jene an die Waffen, die ihre Biografie durch eine Kriegsdienstverweigerung geziert haben. Viele davon haben sich schlicht gedrückt. Das galt damals durchaus als ehrenhaft. Was ist passiert?
Überraschend auch, dass sich Experten in Waffenröcken, regelrechte Militärs, in Talkshows zurückhaltender äußern als grüne Greise, die einem anarchistisch geprägten Milieu entstammen, Putztruppe Frankfurt, oder dem Kommunistischen Bund Westdeutschland, Ortsgruppe Göttingen. Ich höre selbst aus dem Akademischen ganz und gar einfache Formeln von Freiheitsverteidigung einerseits und Kriegshetze andererseits. Das nennt der Akademiker „binären Reduktionismus“; meint banale Propagandaparolen von Gut und Böse. Kinder.
Die LINKS-Partei greift dabei auf zuverlässige Quellen zurück, unter anderem das „Kommunistische Manifest“ des Bärtigen aus Trier. Ich habe gerade noch mal reingeschaut. Darin der Satz, dass der Arbeiter kein Vaterland habe. Man könne dem Proletarier nicht nehmen, was er gar nicht besitze. Da kommen zwei Dinge zusammen, die Klassenkampflehre gegen die Bourgeoise und das anti-nationalistische Moment, weil die einfachen Leute unter Vortäuschung vermeintlicher Feinde zu den Waffen gerufen würden. Das könnte sein.
Es fällt mir schwer, dem Argument zu folgen, dass Russland nur eine Defensivmacht, der die NATO auf den Pelz gerückt sei; so wie es mir schwerfällt, die amerikanische Außenpolitik der letzten achtzig Jahre als nicht-hegemonial zu lesen. Überhaupt ist mir das alles zu allgemein, sprich zu hoch. Mich interessiert das Schicksal einfacher Leute, die in Frieden leben wollen, ein Dach über dem Kopf und das tägliche Brot auf dem Tisch. Keinen Herrn über sich und keinen Sklaven darunter.
Da gibt es für einige den Satz: „Ubi bene, ibi patria.“ Auf Deutsch: Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland. Das trifft all jene, die die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie weder Dach noch Brot bot. Für den Süden Italiens hat das lange gegolten. Es lebten mehr Italiener im Ausland als daheim. Die Iren erzählen so etwas von ihrem Schicksal. Und es gab eben auch Armutsmigration aus Deutschland nach Amerika. Ubi bene, ibi patria. Eine Aufforderung, die Geschichte auch von unten nach oben zu erzählen.