Logbuch
SCHULE DES LEBENS.
Frech, feige oder freundlich? Die Autobahn ist eine Schule des Lebens. Man kann hier studieren, wie Menschen sich wirklich verhalten. Nicht, was sie labern; was sie tun. Zentraler Satz der Soziologie: „Sie wissen es nicht, aber sie tun es.“ Solche VERHALTENSFORSCHUNG galt nicht viel unter den Wissenschaften; man belächelt sie, als sei sie so etwas wie PSYCHOLOGIE für Doofe. So habe ich früher auch gedacht, aber das war falsch. Gestern fand ich auf der A3 bei Hilden den ultimativen Beweis. Es ist der REISSVERSCHLUSS. Nichts sagt mehr über die seelische Befindlichkeit dieses Landes aus als das Verhalten der Menschen im ZIPP-ZAP. Eine Schule des Lebens. Frech, feige oder freundlich.
Man kennt das: eine dreispurige Autobahn soll auf eine zweispurige heruntergeschleusst werden, weil eben die dritte Spur endet. Das ist frühzeitig angekündigt und sollte ohne jeden Stau klappen. Am Ende der dritten Spur könnte es einen REISSVERSCHLUSS geben, alles easy. Einer nach dem anderen fädelt ein. Es gibt ihn aber den Stau.
Die Idee ist, man fährt bis ganz vorne durch und jeder in der Mittelspur lässt jeweils einen aus der endenden Dritten vor sich einbiegen. Das geht glatt und sanft wie bei einem gut geölten Reißverschluss. Nun, es geht aber eher wie an dem Reißverschluss meiner alten englischen Regenjacke. Es hakt aus unerfindlichen Gründen. Man könnte verrückt werden.
Jemanden vorzulassen, das widerspricht der HACKORDNUNG. Wie bei der Schlange vor der Kasse bei ALDI. Vorpfuschen als Volkssport. Reinlassen? Schande über solche Looser! Zurecht kriegen die abends keinen mehr hoch! Schlimmer als die frechen MACHOS sind aber die feigen HASENFÜSSE. Sie biegen schon bei dem ersten Hinweis ein und verlängern den REISSVERSCHLUSS so auf eine Länge von drei Kilometern. Vom Hosenbund bis zum Knöchel. Und immer mal wieder zwischendurch die Spur wechseln; die andere könnte ja doch schneller sein.
Das sind die GRUNDTYPEN des Deutschen, der prahlende Proll mit den dicken Eiern und der mutlos vagabundierende Beamte, der gänzlich ohne auskommt. Der Deutsche kann keine DIPLOMATISCHEN ÜBUNGEN; er ist frech oder feige. Oder beides. Nie höflich oder gar freundlich. Eigentlich kann er nur KLETTVERSCHLUSS.
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LEERER ANZUG.
„Sehen wir in wilder Flucht /
Die unbesiegbaren Heere.“
(Bertolt Aigihn Brecht)
Ich möchte nicht im Anzug von Heiko Maas stecken. Zunächst mal, weil der mir dann morgens von der Schauspielerin Wörner angezogen worden wäre (das ist seine in Berlin gefeierte Lebensgefährtin). Dann weil er nicht meinem Geschmack entspricht, der Anzug. Man trägt jetzt bei den notorisch jungen Männern deutliche Untergrössen, zu enge Klamotten, damit die alerten Früchte der Mucki-Bude sichtbarer werden. Eine blasierte Eitelkeit, die insgesamt auf mangelnden Ernst schließen lässt. Eine Charakterfrage scheint auf.
Aber das ist ja nur mein schwarzer Humor, der verzweifelt das Groteske im Tragischen sucht. AFGHANISTAN, was für ein erbärmliches Schauspiel dieser auslaufenden Bundesregierung. Man muss sich schämen. Ich möchte nicht in Heikos Anzug stecken. Fast ringt Mitleid, selbst mit ihm, meinen Spott nieder. EMPTY SUIT, so nennen das die Amis, ein leerer Anzug im Amt.
Schon klar, dass den Bundesaußenminister jetzt politisch ein Schicksal einholt, das er geerbt hat. Nein, nicht von kriegslüsternen Rechten; das war eine rot-grüne Regierung. Ich höre noch Herrn Struck (SPD) zum damals aufgezwungenen Bündnisfall sagen, dass meine (!) Freiheit nunmehr am Hindukusch verteidigt werde. Welch eine Anmaßung. Ich hatte einem imperialistischen Abenteuer „in meinem Namen“ nicht zugestimmt. Gerd Schröder hat ihn, den Herrn Struck, mal das „Zentrum des Mittelmaß“ genannt. Es war weit schlimmer. Und es wurde noch viel, viel schlimmer. Die TV-Bilder der Verzweifelten, Helfers Helfer im Kriegszug der Unbesiegbaren, nun fliehend auf dem Flughafen in Kabul, sind kaum zu ertragen.
Bittere Erinnerungen an die Bilder meiner Jugend, als VIETNAM fiel. Hier waren erst die Franzosen „unbesiegbar“, dann die Amerikaner. Der Imperialismus zeigt wieder und wieder sein wahres Gesicht. Und dazu jetzt die Figur, die Herr Maas macht. Ein leerer Anzug. Bitter. Ach, Heiko.
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WER IST DIESER HERR K?
Bei FRANZ KAFKA gibt es den begründeten Verdacht, dass er mit seiner literarischen Figur „Herr K“ sich selbst meinte. Zumindest auch sich selbst. Er war ein scheuer Mensch, der Prager Dichter.
Anders bei BERT BRECHT. Kein scheuer Mensch, eher dreist. Seine literarische Figur namens „Herr K“ taucht bei ihm auch mit ausgeschriebenem Namen auf, nämlich als „Herr Keuner“. Aber den wird man nicht im Berliner Telefonbuch von 1928 finden. Man muss wissen, dass der junge Brecht von AUGSBURG an die Spree gezogen war. Einschließlich eines furchtbaren Dialektes. „Keuner“ heißt im Hochdeutschen „Keiner“ (nemo). Er meinte damit niemanden konkretes, also alle.
Woher ich das weiß, der ich nie mit ihm gesprochen habe? Nun, er hatte sich von einem anderen „Herrn K“ (Rudyard Kipling) den Trick abgeschaut, zu Beginn von neuen Kapiteln irgendwelche skurrilen Motti zu stellen, die er schlicht zu erfinden sich erlaubte. Kipling war da echt frech. Brecht mochte diese Laxheit in Fragen des geistigen Eigentums. So gibt es in seinem Dreigroschenroman als Motto einen Vers von einem Herrn AIGIHN. Den findet aber niemand in der Weltliteratur.
Das Zitat des „Herrn Aigihn“ ist keines, sondern ein Spruch von ihm selbst, der er mit vollem Namen Bertolt Eugen Brecht hieß. Jetzt spreche man den „Eugen“ mal augsburgerisch aus! Das ist er dann in bayrischer Lautung, der Eugen als Herr AIGIHN. Ha!
Kipling machte lauter solche Sachen. Lax in Fragen des geistigen Eigentums. Eben ein HERR K. Vor denen sei ausdrücklich gewarnt.
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MÄRCHENERZÄHLER.
„Ach, wie gut, dass niemand weiß, wie ich heiß!“ Neues vom Märchenonkel. Oder von der wunderbaren Prinzessin Scheherazade aus Tausendundeiner Nacht. Oder der Professorin für Geschlechtergerechtigkeit in der angewandten Mathematik. Oder aus der grundgrün gestimmten ZEIT.
Wir sollen angeblich im Zeitalter der Märchen leben, vor deren Gift uns Faktenchecker bewahren wollen. An diesem angeblichen Zustand des Zeitgeistes stört mich so gut wie alles. Viele üble Märchen über Märchen. Go woke, get broke.
Zu allererst befremden mich politisch ambitionierte Menschen, die die Wahrheit zu ihrer Profession machen. Sie gefallen mir in keiner Ausprägung, weder als Investigativjournalist oder zivilgesellschaftliches NGO noch als Spanische Inquisition. Man entwickelt bei einigem historischen Studium ein Gefühl für Märchen, die sich als höhere Wahrheit verstehen. Sprich eine tiefe Abneigung.
Die Brüder Grimm wollten dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts auf den Grund gehen und sammelten, was sie Kinder- und Hausmärchen nannten. Dabei nährten sie die Illusion, uralte Bäuerinnen hinter‘m Herd belauscht zu haben, als diese ihre Enkel und Urenkel in die mythische Welt entführten. Archaische Wahrheiten. Das war idyllisch, aber leider gelogen.
Die Geschichten stammten von gebildeten Fräuleins und gehobenen Hausmädchen frischen Alters, die überambitioniert nacherzählten, was ihnen zuvor des Knaben Wunderhorn so vermittelt hatte. Pun intended. Zum Teil waren sie nicht mal hessischen Ursprungs, wie die Göttinger Grimm-Familie, sondern zugewanderte Hugenotten. Man referierte die romantische Trivialliteratur seiner Zeit, die sich archetypisch gab.
Daran erkennt man Märchen, dass sie in fremdem Gewand ganz alte Mythen zu neuem Leben erwecken. Wenn es zu gut passt, stimmt was nicht. Ich habe nie geglaubt, dass COVID von Fledermäusen stammt, weil klar als Märchen kenntlich. Hätte man behauptet, dass Bambis die Quelle, wäre ich ins Zweifeln geraten. Aber nicht bei so einer Graf-Dracula-Klamotte. Das passt einfach zu gut.
Wir erzählen uns in den Märchen in jeweils neuem Gewand die Grundmythen, die unsere Kultur ausmachen; neudeutsch schwätzt jeder Provinzpolitiker neuerdings von Narrationen. Wir sind Nacherzähler, wenn wir gut zu erzählen wissen. Deshalb frage ich Studenten, die etwas von Storytelling plappern, ob sie bibelfest sind oder ihren Homer kennen. Oder KHM. Das ist der Code für Kinder- und Hausmärchen.