Logbuch

SATIRE. BROTLOS.

Satire darf die Mächtigen nicht loben. Das macht nur ihre korrupte Schwester, die Propaganda. Aber es gibt ja nix zu meckern.

Der Bundespräsident hält eine gute Rede. Kompliment an die Redenschreiber. Und Kompliment an den Kerl aus dem Lippischen, der das Amt bekleidet. Den kenn ich 30 Jahre oder länger und hab mir schon oft den Mund verbrannt. Frank-Walter, ich bitte um Nachsicht. Du kannst das. Punkt.

Die Außenministerin macht auf internationalem Parkett eine gute Figur. Kompliment an die Reiseplanung im AA. Und Kompliment an die Dame aus dem Völkerrecht; sie macht das echt nicht schlecht. Oder hatte das nicht schlecht gemacht gehabt, wie sie selbst formuliert. Frau Bärbock, ich bitte um Nachsicht. Über das Plusquamperfekt allerdings sollten wir vielleicht noch mal reden.

Der Bundeskanzler übt sich in Diplomatie. Kompliment an die Auster; das knappe Reden scheint ganz gut geraten. Gute Führung aus dem Bundeskanzleramt, muss man sagen. Merkelsche Kontinuität. Mutti schaut wohlgefällig auf den grinsenden Schwiegersohn, genannt der Schlumpf. Aber die Ampel funktioniert. Läuft bei Euch.

Nur ich, ich geh am Stock. Diese Lobhudelei geht mir nicht von der Feder. Der Geist, der stets verneint, jetzt als jasagende Hofschranze. Bitter. Schlimmer: banal.

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REISEZEIT.

Vor fünfhundert Jahren zu reisen, das muss beschwerlich gewesen sein. Aber auch die Pest konnte den Franken AD nicht schrecken. Er wollte Exotisches sehen. In Venedig wie Antwerpen. Kein Lockdown.

Dürer reist 1520 aus Nürnberg in die Metropole seiner Zeit, nach Antwerpen. Wir wissen vom seinen Gesprächen mit zwei Portugiesen keine Inhalte, aber die Gastgeschenke, vor und nach den gemeinsamen Essen, sind dokumentiert. Seide, Silber, Süßes aus aller Herrenländer, Exotisches, nicht zu letzt ein Paar Papageien aus Madeira. In einer belgischen Hafenstadt.
Das gehört zusammen: Kostbarkeiten aus Übersee und kühne Gedanken der Aufklärung, Medizinisches etwa aus der Leichenschau, Geometrie, ferne Geografie, Kokonialwaren. Welthandel und Wissenschaft sind die Begleiter der Renaissance. Weltgeist und Welthandel sind Geschwister.

Da mussten die Katholiken weichen. Dürer schenkt seinen portugiesischen Freunden ein Porträt in Öl des Hieronymus, dem Schutzheiligen der Übersetzer. Er verehrt den Heiligen Jérôme, der die griechische Bibel ins Lateinische übertragen hatte; vom wo Luther die ins Deutsche hebt. Womit der Papst entmachtet war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Was war die Grundlage der global beschafften Pracht? Zunächst in Brügge, dann Antwerpen, dann Amsterdam? Marzipan, chinesische Nüsse. Wo kam der Zucker für die exotischen Süßigkeiten her? Die Gewürze für die kulinarische Vielfalt? Die Knochen eines Wals als Studienobjekt? Am Ende und im Kern? Aus der Sklavenhaltung und dem Sklavenhandel. Bitter, aber wahr.

Und damit wird dann das noch zu Boden liegende England des 16. Jahrhunderts schließlich im 17. zur Weltmacht. Die dunkle Seite des Monds namens Aufklärung.

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TALKING KIDS.

Wilde Zeiten. Ich lese eine englische Biografie über Ursula Kuczynski, eine deutsch-jüdische Kommunistin aus Zehlendorf, die es zum höchsten Dienstgrad einer Frau im russischen Geheimdienst der Stalin-Ära gebracht hat. Sonja war ihr Tarnname. Sie schöpfte auch den Kernphysiker Klaus Fuchs für die Russen ab.

Einsätze in ganz Europa und China. Ein irres Leben. In München sieht sie Hitler beim Mittagessen und morst nach Moskau: Majonäse-Eier, Nudeln mit Gemüse, Fruchtsalat (in der Osteria Bavaria). Hitler isst in Begleitung von Eva Braun und Unity Mitford. Die englische Lady, echt? Das kann stimmen; die hat Hitler nachgestellt. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Geheimagenten Russland haben sich damals als Kämpfer gegen den Faschismus verklären können. Ich habe Mitte der Fünfziger Jahre noch einen von denen getroffen. Er war zur heimlichen Untermiete bei einem kommunistischen Betriebsrat eines Oberhausener Stahlladens (Babcock) und verbrachte seine Nächte an einem Morsegerät. Wir wohnten im Stock darüber. Einquartiert. Ich konnte nachts das melodische Kurz-Lang-Kurz des Morsegeräts in meinem Kinderbett hören. Strenge Anweisung meiner Frau Mutter: „Vergiss das!“ Wir waren ja einquartiert und sie fürchtete, die Wohnung zu verlieren.

Mein Vater war damals gelegentlich auf dem Weg nach Hamburg, um den bei der Ruhrchemie schwarz gebrannten Schnaps an Engländer zu verticken. Sollte ich, das neugierige Kindergartenkind, auch vergessen. „Mach ich, Mama.“

Jetzt das historisch relevante Ding: Sonja hat damals über alle Kontinente und über ihr ganzes Leben drei Kinder unterschiedlicher Väter hochgezogen. Sie soll eine gute Mutter gewesen sein. Als Geheimagentin. Unter Schutz der Geheimhaltung. Alle Achtung. Sie endete in der DDR. Ihre Stasi-Akte nennt sie wegen ihrer moralischen Verfassung „kleinbürgerlich“, ein Tadel, der doch ein Lob ist. Wie hat sie das alles geschafft?

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NEUE WELT, TAPFER.

Die Zukunft beginnt heute, wenn sie nicht schon gestern begonnen hat und wir es verschlafen.

Ein Freund berichtet aus Fernost per WhatsApp-Call. Ich höre die vertraute Stimme nicht nur aus einer entlegenen Welt; sie berichtet auch aus einer fernen Zeit. Ich fühle mich jetzt, da ich dies notiere, wie George Orwell, der 1948 von 1984 berichtet. Er war übrigens für die britische Regierung in deren Kriegspropaganda tätig und wusste aus eigener Erfahrung, wie dabei gelogen wird. Auch bei „London calling“, dem meiner Vorfahren wahrheitshungrig auf dem Dachboden lauschten. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Aus den USA kommend sei er, erzählt mein Freund, in der chinesischen Industriemetropole spät am Abend hungrig gelandet und habe wohlweislich noch am Flughafen die Restbestände örtlicher Währung von seinem WeChat-Account in Bargeld getauscht. Er hatte auf dem Nachtmarkt anderer Metropolen wunderbare Garküchen in Erinnerung, die seinem Appetit zu Willen sein sollten. Deshalb besser „Cash auf de Tesch“.

Im Hotel keine Restauration. Der Concierge erheitert über seine Fragen zu nächtlichen Restaurants; da erinnere er wohl Hong Kong oder Singapur (beide Nennungen schütteln den braven Mann vor Ekel). Mit Cash fange man hier gar nichts an. Er solle sich über WeChat etwas auf‘s Zimmer bestellen. Da war aber der Etat gerade geleert. Mein Freund weckte einen anderen Ex-Pat vierhundert Kilometer entfernt und bat diesen, ihm ein warmes Mahl zu ordern. Der sagte ihm noch, er solle darauf nicht in der Halle warten. Der Room Service brächte es auf‘s Zimmer.

Eine halbe Stunde später klingelt es an der Tür seines Hotelzimmers, er öffnet, niemand steht dort. Dann bemerkt er in Kniehöhe den kleinen Roboter, dessen Anzeigetafel ihn bittet seine Bereitwilligkeit zu erklären. Ein Fach springt auf und gibt ein Paket dampfender Teigtaschen frei. Der Empfang wird durch Knopfdruck bestätigt. Nun darf er bewerten, wie zufrieden er mit dem Service der blinkenden Büchse ist. Der Wicht rauscht ab.

Mit halbem Auge sieht er noch, wie er im Aufzug verschwindet. Stellt sich zum Dessert die Frage, wie der Blechgnom an die mannshohe Türklingel gekommen ist. Oder in den Aufzug. Mein Freund vermutet, dass er auf die Elektronik des Hotels zugreife. Die Teigtaschen seien nicht schlecht gewesen; die nähme er noch mal. Seinen Geschmack kenne das System jetzt ja. Müssen nur noch frische Dollars auf WeChat. Brave new world.