Logbuch

HELDENSAGEN.

Es scheint ein runder Geburtstag ins Land zu gehen. Überall sehe ich das Pinselponem von THOMAS MANN. Ich verachte ihn. Man präsentiert wiedermal die Gewissensnöte eines Familienvaters von sechs Kindern, der nur schwer Herr seiner schwulen Neigungen wurde. Ich erinnere mich an eine Verfilmung von „Tod in Venedig“, die mir schwerverträglich schien. Seinem Bruder HEINRICH verdanken wir einige satirische Momente; leider war der aber kein Könner der großen Form.

Von der Engländerin JOANNE K ROWLING, die weltweit 600 Millionen Bücher verkauft haben soll, habe ich noch nie auch nur eine einzige Zeile gelesen. Daran wird sich auch nichts mehr ändern. Eigentlich geht es mir auch so mit dem großen französischen Gesellschaftsroman; zu langatmig, insbesondere Balzac. Lese ich schon gar nicht im Original. Mein Französisch reicht nicht. Das Englische reicht für RUDYARD KIPLING; allerdings stelle ich dabei mein Bier auf ein umfängliches Lexikon, das zu benutzen ich mich nicht scheue. Ich bin mir bewusst, dass der Engländer in Indien geradezu verfemt ist und ich verstehe, warum. Verfallene Macht.

Ich werde als nächstes von DANIEL KEHLMANN die Darstellung des Präfaschismus lesen, die er an einem Porträt des Regisseurs G. W. PABST vorgenommen hat; soll „Lichtspiel“ heißen. Die deutschsprachige Kritik hat das Buch durchgewunken; ich lese in der New York Book Review dazu aber sehr Nachdenkliches. Die Szene zwischen Goebbels und G. W. Pabst soll das ganze Buch wert sein. Im Kontext dessen fragt mich ein Freund, ob ich glaube, dass der Pfälzer über den Buren stolpere und dann der Hinterwäldler zusammen mit Sir Peter übernehme. Keine Ahnung.

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JAHRHUNDERT PR.

Der Satiriker sucht in jeder Suppe ein Haar. Und findet es auch. Gerecht geht es dabei nur in einem höheren Sinne zu. Zunächst und wohl auch vor allem ist diese Einstellung vorgefasst. Darum hat der eigentlich sanftmütige Goethe gesagt: „Schlagt ihn tot den Hund, er ist Rezensent.“ PR-Leute sterben keines natürlichen Todes.

Besonders kritisch bin ich mit den Lobpreisungen, die sich mein Berufsstand selbst gewährt. Das Eigenlob ist hier üblich, eine kleine Münze selbst großer Leute. Kürzlich noch lichteten sich ein einschlägiger Strafverteidiger, den ich schätze, und ein ehemaliger Regierungssprecher, den ich schätze, gemeinsam in Siegerpose ab, weil sie ein Verfahren vor Gericht gewonnen hatten. Dazu später mehr. Zunächst: Mir verschlägt diese Manie der Auto-Ästimation den Atem. Ich finde, das gehört sich nicht. Und ich bin ansonsten kein Kind von Bescheidenheit, aber Eigenlob stinkt.

Der deutsche Kanzler im Oval Office mit der Geburtsurkunde des Großvaters des Präsidenten, einem emigrierten Pfälzer, das war ganz großes PR. Salut! Friedrich Merz entdeckt, dass die Eitelkeit von Donald Trump eine Schwäche ist, keine Stärke. Er nutzt dessen Parvenü-Charakter in einem Akt brillanter Diplomatie. Und er spricht dabei Deutsch im Oval Office. Eine Rüge dessen lässt er stehen. Ein Glanzstück der Public Affairs. Mir sind in meinem Berufsleben vielleicht drei oder vier solcher Kunststücke gelungen, nicht mehr.

Jetzt zu dem ketterauchenden Winkeladvokaten und dem pferdereitenden PR-Mops, also Don Quichote und Sancho Pansa an der Alster. War das etwa das Verfahren zum Cum-Ex-Steuerbetrug, in dem ein Mittäter sich zum Whistleblower umlackieren ließ? Also jenes, in dem die Staatsanwaltschaft nach dem Eigenlob von Verteidiger und PR-Agent sofort Revision einlegte und die Presse wütend aufheulte? Die Taten des Mittäters wurden erneut öffentlich gerügt und werden wieder Verfahren sein. Lukratives Mandat. Profis gehen aber zum Feiern in den Keller. Und feixen nicht, weder am Jungfernstieg noch im Oval Office.

Merz hat die Geburtsurkunde schon im Regierungsflieger im Anflug auf Washington rumgezeigt; leichter Stockfehler. Ein guter Zauberer, sage ich, ist von seinen eigenen Tricks erkennbar überrascht. So geht PR.

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DER KONGRESS TANZT NICHT.

In Berlin tagt die Energiewirtschaft und man hätte Euphorie erwarten dürfen, da das politische Diktat der grünen Wende abgeschüttelt schien. Der Kongress tanzt aber nicht. Im Foyer verirrte Hofschranzen. Es herrscht eine halbherzige Lustlosigkeit und murmelnd maulender Attentismus. Weniger Euphorie war nie.

Ich beginne bei den Anzügen der Vortragenden, die sich vom englischen Zwirn der Saville Row auf den Weg zum Jogging Anzug gemacht haben, in weißen Turnschuhen versteht sich, und dort erst halb angekommen sind. C&A als cheap & awful. Das belegen krawattenlose weiße Oberhemden mit einer Innenbordüre und farbigen Knöpfen; die neue Uniform der Mittelmäßigen unter dem Sakko der gemeinen Mischfaser.

Zu der Damenkleidung sage ich als Gentleman nichts. Wohl aber fällt mir auf, dass all jene ins Grüne gefärbte Wolle williger Heroinen wieder bürgerlich erscheinen möchte und verwirrt auf das neue Leitschaf der Herde starrt, das noch nicht hinreichend erkennen lässt, welcher Herr künftig der Hirte sein wird. Man will sich wieder Menschheitsaufgaben stellen, klar, weiß aber noch nicht welche gewünscht sind. Brecht hat hier an genau diesem Ort von einem Geschlecht erfinderischer Zwerge gesprochen.

Überhaupt gilt, dass alles gesagt ist, aber noch nicht von allen. Eine Idee ist ja erst dann vernünftig ruiniert, wenn sie ganz unten angekommen ist. Man wird also weiterhin die Vorstellung von Energie als Dienstleistung davor bewahren müssen, dass dies ernsthaft Dienst an jemandem oder für jemanden bedeutet. Das gilt auch für das sogenannte Primat der Politik; dem zu folgen, seit der preußischen Bergesetzgebung vor allem den Lippen und ihren Bekenntnissen vorbehalten ist.

Was will man? Keine Ahnung. Gib Zeichen, wir weichen. Jedenfalls keine Kohle, keine Kernenergie, kein Russengas, keine Windenergie zur See oder Solar auf dem Feld, eher schon Wasserstoff, und zwar den aus dem Regen für das Laufwasser, aber keine neue Talsperre. Wo der Strom nötig wäre, macht man ein Bächlein. Es ist nämlich eigentlich niemand da, niemand von Format. Die halbvolle Halle leert sich. So stehe ich am Ende eines lauen Tages allein in der leeren Hülle des riesigen Kongresses und summe vor mich hin: „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach, klipp, klapp, klipp, klapp.“ Wasser ohne Stoff.

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AUS PERU IN DEN ANDEN.

Wir haben einen Papa. In Latein: Habemus papam. Ja, aber was für einen? Zwei hilfreiche Anmerkungen zur Papstwahl, sprich zu Leo XIV, dem Stellvertreter Christi, den sie aus einer Mission in Peru nach Rom geholt haben. But there is more to it!

Es war klar, dass im Konklave ein tiefer Zorn über die billige Anmaßung des amtierenden amerikanischen Präsidenten herrschte, sich selbst im Habit des Papstes zu zeigen, ein gefälschtes Foto, dessen Humor sich jedwedem Menschen jedweder Kultur verschließt. Man kann es als Gotteslästerung lesen. Vor allem aber gehört es zur DNA des Vatikans, solche Ansprüche weltlicher Macht auf die Stellvertretung Gottes zurückzuweisen. Jahrhunderte hat man das müssen.

Zudem hatte Trump sich in der Papstpose, Photoshop sei dank, mit normal großen Händen versehen. So tief kann Narzissmus sitzen. Aber das Stigma der „tiny hands“ gehört zu den Niederungen der politischen Propaganda, die hier und heute keine Rolle spielen soll. Es ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls wollte Rom zeigen, dass es auch Amerikaner von Format gibt. Deshalb ein Papst aus Detroit am Eriesee. Gut so. Das ist gelungen.

Der zweite Hinweis ist bedeutender. Leo XIV ist Augustiner. Auf den Jesuiten auf dem Stuhl Petri folgt ein Augustinermönch. Er sagt das in seiner ersten Predigt im neuen Amt ausdrücklich, dass er ein Kind des Augustiners sei. Nun muss man sich nicht mit der Geschichte der mittelalterlichen Bettelorden auskennen, um den Ausruf „ein Augustinermönch!“ schon mal gelesen zu haben. Sie galten ja als evangelisch und apostolisch, meint als in Armut lebende Missionare. Und Intelligenzbolzen. Ein Augustiner also.

Nun, die Zuschreibung war ein Spottruf aus dem machtbewussten Rom gegen einen Abtrünnigen, der sich über die Finanzierung des Petersdoms mittels Ablasshandel empörte. Ihn wollte man damit deklassieren, was seinen Trotz nur noch steigerte. Hier stehe ich und kann nicht anders. Der Augustinermönch, das war Martin Luther. Das finde ich urkomisch. Deshalb rufe ich dem neuen Herrn der Unfehlbarkeit vom Eriesee in Michigan fröhlich zu: „I wish you well!“