Logbuch

IMMER GRÜN.

Bräuche verraten viel über das schlechte Gewissen. Das Ritual holt Versäumnisse nach. Vor allem im Advent. Über die verbreitete Anbetung kitschiger Bäume.

Häufige Beobachtung dieser Tage: Alte weiße Männer wählen den Weihnachtsbaum mit solchem Bedacht aus, als ginge es um was, um alles. Der üselige Tannenbaum wird aufrecht gehalten, gedreht, mit geneigtem Kopf betrachtet, verworfen, verglichen und dann doch erworben. Fünfzig Euro wird leicht gezahlt für die abgehackte oder handgesägte Baumleiche. Skurril.

Der Brauch vollendet sich in einem Exzess an Kitsch, bei dem der Immergrüne behängt wird mit billigem Schmuck wie eine gealterte Puffmutter im Vorderen Orient. Kugeln, Ketten, Strass en masse. Zum guten Ende mit Lichtlein aufgehübscht. Den Baum zu schmücken gilt als Sakrileg des wirklichen Familienoberhauptes, also der Mutter. Vater darf ihn kaufen, Mutti bringt Lametta an. Da steht er dann wie ein Totempfahl; und das ist er ja auch, ein Totem heidnischen Ursprungs.

Die Tanne kam zu solchen Ehren, weil immergrün, ein Triumph über die Jahreszeiten. Man muss das heute erklären, wo die Vier Jahreszeiten Salami, Schinken, Pilze und Oberschiene sind. Oder Artischocke. Der immergrüne Weihnachtsbaum bezieht sich als EWIG LEBENDER auf die HEILIGE FAMILIE, meint aber eigentlich eine HEILE FAMILIE.

Dabei wird jede zweite Ehe geschieden. Hätte Pappa so viel Sorgfalt und Bedacht auf die Auswahl wie jetzt beim Baum seinerzeit auf die Gattenwahl gelegt, wäre die Familie heiler. Oder eben die damalige Jungfrau, also Mamma. Also umgekehrt. Apropos Gattenwahl: Maria war nun wirklich wählerisch.

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NO DOXXING.

Die Gettoisierung des sozialen Lebens werde ich nicht als „Opfa“ hinnehmen. Zwischentöne sind nur Krampf im Klassenkampf. Aber Namen nenn ich trotzdem nicht.

Ich habe aus dem fließenden Verkehr einer vierspurigen Straße in eine Einfahrt abzubiegen, die ein haltender PKW blockiert. Ich hupe, nichts passiert; hinter mir hupt jemand, nichts passiert; auf der ebenfalls blockierten Überholspur wird gehupt. Der Delinquent, Namen nenn ich nicht, zieht zwei Meter vor. Alles gut.

Ich stehe in der angestrebten Einfahrt, steige aus und der junge Mann stürmt mir entgegen: „Du kleine Nutte, einmal Huppen reicht. Dreimal Huppen, schlage ich Dir Spasti Fresse ein...“ Ich antworte dem Herrn nicht und versuche den Duft, der ihn umschwebt, einzuordnen. Irgendwas erinnert mich an meine Jugend. Nein, nicht Lebkuchen. Ein Kiffer. Im Berliner Kiez vermutlich auf Tilidin; da ist dann Vorsicht geraten. Ich lasse mich ohnehin nicht zu Ritualen der streetfighting-gangs hinreissen. Ich übersehe ihn.

Die Blonde fotografiert das Kennzeichen des Elektro-Renault: EL- XXXX E. Aus Lingen an der Ems ist der Pöbler. Ich lasse einen Kumpel von der Sicherheit eines dortigen Betriebes mal eine Halterfeststellung machen. Schau an: Wir sind mit Klarnamen auf Instagram und ticktocken. Ach, guck mal an, Malergeselle in Rheine sind wir und seit zwei Jahren mit einem weiblichen Spross des Wedding verheiratet. Wohl die Schwiegermutter abgeladen, als man für Ärger sorgte. Es gibt Fotos von Familienfeiern im Netz. Aber: No DOXXING, Namen nenn ich nicht.

Also, lieber Pöbler, das mit der kleinen Nutte, das winken wir durch; aber Spasti nehmen wir nicht. Das geht hier nicht, eine Behinderung als Schimpfwort. Verstanden? Wir raten zur Einkehr. Nächste allgemeine Verkehrskontrolle im Emsland sucht sonst im Handschuhfach nach Tilidin. Dann ist die Fleppe weg. Denn Zwischentöne sind nur Krampf…

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FALSCHE FREUNDE.

Mit einem Investigativen Journalisten und einer ehemaligen Regierungssprecherin diskutiere ich in einem Seminar der Uni zu Bonn auf Einladung eines großzügigen Publizisten und unter Leitung eines klugen Privatdozenten; eigentlich diskutieren wir nicht, da alle einer Meinung. Dann aber doch eine kritische Frage eines jungen Kommilitonen zu diesem Blog.

Ob das Logbuch nicht FALSCHE FREUNDE anziehe; frage man nämlich den Algorithmus auf LinkedIn nach Ähnlichem, so böte er eine ganze Liste rechter (!) Publizisten an. Es folgt eine Aufzählung von strammen Meinungsjournalisten der Springer-Presse, der NZZ und des Focus. Ich spare mir die Frage, ob man einem (unbekannten) Algorithmus trauen dürfe, indem man ihm eine Absicht eigener Logik unterstellt. Ich frage stattdessen, wohin es führe, wenn man sich daran orientiere, BEIFALL AUS DER RICHTIGEN ECKE zu erreichen und den aus der falschen zu vermeiden.

Immanuel Kant unterscheidet den privaten und den öffentlichen Gebrauch der Vernunft; meint den privatwirtschaftlichen und öffentlichen Gebrauch. Was ein Pastor nach Maßgabe seiner Kirche predige, das ist für ihn privat, also verzeihlich; was er aber an ein lesendes Publikum wende, das ist im Sinne der Aufklärung öffentlich, bedarf daher wirklicher Vernunft. In der Frage wird Kant energisch. Keine Gefälligkeiten!

Ich schreibe hier nach dem kategorischen Imperativ, nicht wegen des BEIFALLS; und wenn dass dann auch rechte Geister zur Pflichtlektüre machen, sei es drum. Wirkliche Freunde haben mir gesagt, sie läsen mich gelegentlich mit Freude, würden das aber nicht auch noch im Netz zugeben. Das verstehe ich gut; es freut mein Herz.

Ich sammle keine „Likes“. Aber, wenn ich ehrlich sein soll, Freunde der Vernunft schon. Diese Eitelkeit sollte nicht leugnen, wen sie tagein tagaus vor dem Frühstück zum Dichten zwingt.

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EINSCHLÄGIG.

Ich plaudere mit einem Hochschullehrer meines Fachs über akademische Kollegen und es fällt das harsche Urteil über einen Altvorderen unserer Wissenschaft, dieser sei ja nie „einschlägig“ gewesen. Ein Schwätzer also, der zugelassen wurde, weil das Fach zur Konversationswissenschaft verkam. Man konnte mit Klugschwätzen durchkommen. An Hochschulen wird viel geschwätzt.

Das erinnert mich an mein Rigorosum, die mündliche Doktorprüfung, die damals in Bochum noch zweieinhalb Stunden dauerte mit drei sich ablösenden Prüfern unterschiedlicher Fächer. Das war eine Anstrengung eigener Art und irgendwann, dann war man einfach blank. Der letzte Prüfer fragte die Beisitzer, auf welche Note man eigentlich hin prüfe. Als er vernahm, dass „summa“ vorgelegt sei, erschien er überrascht und sagte: „Dem will ich nicht im Wege stehen.“ Ich erhielt Gnade vor Recht. Durchgewinkt. Daher meine habituelle Bescheidenheit.

Wenn ich späterhin prüfte, stimmte mich das gnädig. Bei offensichtlichen Wissenslücken wich ich auf meine Standardfrage aus. „Ist der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik auch auf die Gesellschaftswissenschaften anwendbar?“ Es geht dabei um das sogenannte Entropie-Gesetz, das gar nicht so unplausibel ist. Wenn man es kennt. Auflösung: das Gesetz der zunehmenden Entropie ist sozial anwendbar.

Schaue ich Dissertationen durch, widme ich mich gern der Frage, wie der große Weise aus Oerlinghausen zitiert wird. Man wird oft finden, dass zu seinem Namen Allerweltsweisheiten aus Wikipedia gekupfert werden und dann mit einer blinden Fußnote aus dem Hauptwerk versehen; das sogenannte PH-Verfahren. PH für Pädagogische Hochschule oder „Lehrerackamie“. Dann setze ich bei der Verteidigung der Diss nach mit der Frage: „Warum ist der Satz, dass sich moderne Gesellschaft funktional gliedere, falsch?“ Der stammt aus Oerlinghausen. Und galt dort als richtig.

Wenn ich das alles hier ausplaudern darf, so sieht man klar: Ich prüfe gar nicht mehr. Niemand kann dadurch künftig einen Vorteil erringen. Etwa, indem er sich auf den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik vorbereitet. Zudem nimmt der Anteil der Einschlägigen ohnehin dramatisch ab. Gestern sah ich Sloterdijk bei Lindner in Zehlendorf; er dürfte einer der letzten sein. Na ja, und ich, jedenfalls knapp, eher gerade mal so.