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KOMPLEXE.
In meiner Jugend gab es eine abwertende Benennung für psychische Probleme, deren Ursprung ich nie nachvollziehen konnte. Man sagte pejorativ: „Der hat Komplexe!“ Möglicherweise abgeleitet vom umgangssprachlichen Begriff der Minderwertigkeitskomplexe. Komplexe sollte man nicht haben.
Falsch. Komplexität ist ein gutes Thema. Jetzt ist im kanadischen Parlament der „speaker“ zurückgetreten, weil er in eine KOMPLEXITÄTSFALLE geriet. Anlässlich eines Besuches des ukrainischen Präsidenten hat man einen greisen Helden des Zweiten Weltkriegs ins Parlament geladen, der damals gegen „die Russen“ gekämpft hatte. Das gilt heute als vorbildlich, sich in der binären Frage auf die richtige Seite schlagen zu können. Der aus der Ukraine nach Kanada emigrierte Herr hatte damals Russen getötet: Bravo.
Nun stellte sich schnell heraus, der Held war seinerzeit Mitglied der Waffen-SS. Damit kommen Geschichtsklitterungen hoch, die die faschistische Orientierung ukrainischer Nationalisten betreffen. Das Thema ist doppelt schwierig. Zum einen, weil es eine Tonlage aktueller russischer Propaganda gegen die Ukraine betrifft.
Zum anderen, weil es die Frage nach der Identität der historischen Waffen-SS stellt.
War das eine reguläre Abteilung der Wehrmacht, in die man gegen seinen Willen gezogen werden konnte? So wie in die Gebirgsmarine? Das war eine gängige Schutzbehauptung unter alten Kameraden. Oder war es der explizit faschistische Teil deutschen Militärs, der SS entstammend, verantwortlich für besondere Gräueltaten? Hatten die Siegermächte Recht, als sie die Totenkopf verehrenden Truppen ausdrücklich als verbrecherische Organisation einstuften?
Jedenfalls ist nicht jeder historische Feind des jetzigen Gegners unserer Nachbarn schon deshalb jedermanns Freund. Ein Satz zum Nachdenken. Die Geschichte hat nämlich Komplexe.
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KARTENSTÄNDER.
In Berlin sind nur noch 45,8 % aller Lehrer auch dafür fit und ausgebildet; der Rest sind Quereinsteiger, Studenten und reaktivierte Pensionäre. Folge der verwahrlosenden Politik. Aber das muss ja nicht nur falsch sein.
Wenn da mal originäres Fachwissen zeitnah in die Schulen geriete, das könnte den Horizont der Kids erweitern. Bis die modernen Zeiten sich in die Schulbücher durchgeschlagen haben, sollen schon mal Generationen ins Feld gegangen sein.
Ich erinnere noch einen Besuch in Braunschweig beim Westermann Verlag. Da gab es die DDR noch und ich hatte auf dem Bahnhofsvorplatz den Verdacht, irrtümlich zu weit gefahren zu sein und schon in der Ostzone. Westermann verlegte den legendären Diercke-Atlas, ein schweres Miststück in den Tornistern aller Schüler.
Ich wollte mit denen einen Foliensatz machen zur Regionalgeschichte der Ruhr. PR gesteuertes Lehrmaterial. Folien? Diese Dinger legte der Pauker auf einen Tageslichtprojektor (OHP genannt für overhead projector) und warf so ein Bild an die Wand. Mir ging es um ein industriefreundlicheres.
Der eher gemächliche Verlagsmitarbeiter faszinierte mich, weil er während der Arbeit Radio hörte, aus einem ausgebauten Autoradio, das er als Bastler an ein Netzteil gehängt hatte. Ein blanker Lautsprecher daneben. Er hörte was Französisches auf Kurzwelle, die man am Fiepsen der Frequenz erkannte.
Papier, Dias, Radio. Alles aus der Zeit gefallen. In den Schulen gab es Kartenzimmer mit dutzenden Landkarten riesigen Formats, für die in den Klassenzimmern eigens Kartenständer vorgehalten wurden. Was ist aus all den Kartenständern geworden?
Tempi passati. Macht heute Google Earth und Konsorten. Nutzen Schüler ohnehin heimlich, während ChatGPT ihnen die Referate schreibt.
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PLEITE.
Können Staaten Pleite gehen? Schließlich kann man die Notenpresse anstellen und Geld drucken. Oder Sondervermögen auflegen. Unkomisch wird es wohl, wenn man seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen kann und die Mittel ausgehen, um Weizen zu kaufen oder Öl.
Für die Generation meiner Großeltern waren die KRISEN um 1923 und dann 1929 das Paradigma von Katastrophen, wenn auch universeller. Man sah nicht, wer dabei gewann; jedenfalls 1929. Der Zerfall der Sowjetunion hatte eine andere Qualität, jedenfalls für sie selbst. Ich interessiere mich für deren Sicht.
In einer Rückschau am TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT sagt der seinerzeitige Finanzminister Theo Waigel, die DDR sei selbst nach ihrer eigenen Einschätzung spätestens 1991 pleite gewesen. Die russische Regierung könnte das auch von der Sowjetunion geglaubt haben. Das muss bitter gewesen sein. Die Geschichte der TREUHAND als welthistorisches Exempel ist noch nicht geschrieben.
War also das Geschick der Herren Franz Josef Strauß und Helmut Kohl das des reichen Onkels? Ich höre, dass man für die aus der DDR abziehenden russischen Truppen in deren Heimat 36.000 Wohnungen habe bauen dürfen und 12 Milliarden zahlen.
Pleiten sind nie schön, weil sie eine wirtschaftliche Niederlage mit einer moralischen Note verbinden. Besonders bitter muss das sein, wenn man ideologisch gar nicht hat verlieren können. Oder politisch der Sieger hätte sein sollen.
Das mit der welthistorischen Bedeutung der TREUHAND lässt mich nicht los; eine große Studie tiefer Demütigung. Ich schreibe das nicht, aber es könnte lehrreich sein.
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RUND UM SORGLOS.
Sprache ist ein Verräter, immer. Sie teilt stets mehr mit, als sie eigentlich sollte. Nun sind es nicht nur die Münder, die plappern, sondern auch die Ohren, die man aufstellen können muss. Ich reagiere auf bestimmte Redewendungen allergisch. Etwa auf jene Werbesprüche, die ein Rundumsorglos-Paket zu bieten geloben. Unerträglich.
Dabei stört mich sprachlich schon diese Betulichkeit der Nachkriegszeit, mit der der Schoko-Pudding von Doktor Oetker daherkam und Muttis Backpulver oder Miele, die weiß, was Frauen wünschen. Nirgendwo ist Deutschland piefiger als in Ostwestfalen, wo die Bertelsmänner Hof halten. Dort stand die Wiege der kleinbürgerlichen Rundumsorglosigkeit.
Nicht zufällig haben es die Vertriebsdeppen der grünen Spießigkeit aufgegriffen, deren Schulbänke in Bielefeld standen und deren Hörsäle in Vallendar; das ist bei Koblenz am Rhein, wo der minderbegabte Pinsel von Papas Geld Ökonomie studierte. Noch so ein schwarzes Loch des mentalen Mittelmaßes. Hier studierte, wer dann ENPAL gründete, die Wiege der grünen Wende mit Solardächlein und Wärmepümpchen. Dazu lese ich gerade einen Verriss bei Gabor Steingart (auch aus Bielefeld).
Mich stört nicht, dass ein Start Up die Backen aufbläst und Wind macht. Ich bin da zurückhaltend, weil ich um meine Rückständigkeit weiß. Ich heize auf dem Land mit Buche und sorge so, dass der Wald nicht stirbt, weil der Forst ihn erhält. Dass der deutsche Wald aber des Försters bedarf, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es geht zuvor um die vollständige Sorglosigkeit, die laut Enpal ein koreanischer Kompressor und ein chinesisches Panel mir bringen sollen.
Der Anlass liegt im Diabolischen des Karbons, das zu entsorgen die Valium-Visionäre von Enpal mir versprechen. Sei ohne Sorge, sagen sie. Sei gänzlich entsorgt. Ist es das, was ich sein will? Bar jeder Sorge? Man lese bitte das wunderbare Gedicht von Ingeborg Bachmann mit dem Titel REKLAME und verstumme.
Wir ersparen uns angesichts so großer Lyrik die naheliegende Ironie darüber, dass der Herr über das Rundumsorglospaket der hier gescholtenen Firma ausgerechnet MARIO KOHLE heißt. Jedenfalls möchte ich religiöse Grundsatzfragen nicht von einem Heizungsbauer behandelt wissen. Auch wenn dem Installatör ja eigentlich nix zu schwör ist.