Logbuch

GUTE VORSÄTZE.

Ins neue Jahr geht man mit Maximen der Besserung, den guten Vorsätzen. Vordergründige betreffen das Gewicht und sonstige Süchte, tiefere den Sinn des Lebens. Bis die Bereitschaft zur Läuterung erlischt.

Gestern gegen Mitternacht habe ich mich im Café Einstein in der Kurfürstenstraße zur Geisterstunde dieserhalben mit einigen Philosophen getroffen. Draußen tobte der Plebs mit Silvestertand, das Café ist ausgeräumt und steht zur Renovierung an, nachts spukt es in dem alten Gemäuer. Umberto Eco machte den Türsteher.

Fangen wir mit der guten Nachricht an: Harald Welzer und Richard David Precht kamen nicht rein; der eine Sozialpsychologe, der andere Germanist. Beide und zusammenwirkend Agenten der Verlanzung der Wissenschaft. Aber Peter Sloterdijk schaffte es. Ich hörte, wie er Eco sagte, er lebe jetzt in Berlin, was nicht so ganz stimmt; der Kerl lebt in Kleinmachnow, weil es für Dahlem nicht gereicht hat. Das ist Brandenburg.

Laut Sloterdijk kommt ASKESE von „üben“ und meint Training, in der Muckibude wie der Kathedrale. Das eint den Türsteher Eco mit dem Prahlhans Sloterdijk: Die haben einen beträchtlichen Lektürevorsprung, leiden aber unter Mitteilungsbedürfnis. Wortkarg wie immer Carl Schmitt, auf den Habermas näselnd einredet. Im Garten Friedrich Nietzsche, ein Pferd umarmend. Zornig Karl Marx an der Bar, weil der SPIEGEL ihn auf den Titel genommen hat.

Ich gehe zu Johann Friedrich Hartknoch dem Älteren, immer eine Freude. Er erzählt von einem Gymnasium, das seine Loge „Zum Schwert“ in Riga unterhalte, um die Waisen von der Straße zu holen und Latein büffeln zu lassen. Und schimpft auf Kant, den alten Hagestolz. Dann doch der gute Vorsatz: SAPERE AUDE. Wage es, klug zu sein.

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MÄRCHEN.

Uns verführen nicht die FAKTEN, sondern die FIKTIONEN. Wir wollen Geschichten erzählt bekommen, auch wenn die FIKTIV sind. „Tell me lies, sweet little lies!“

Der SPIEGEL muss gerade mal wieder eine Geschichte zurücknehmen, weil sie schlicht erfunden war. Da das Blatt da eine Tradition hat, spricht man vom Relotius-Effekt; so hieß der damit zuletzt aufgefallene Redakteur. Wie geht das, eine FIKTIVE Story als FAKTISCH ins Blatt zu heben? Easy.

Die Details, insbesondere die Namen müssen stimmen. Wir, die Fälscher, nennen das die ZDF-Regel. Was die sogenannte DOKUMENTATION im Verlagshaus prüfen kann, sind Zahlen, Daten, Fakten; mehr tut sie eh nicht. Du kannst behaupten, Bielefeld gebe es nicht, aber die Postleitzahl muss stimmen. Der Wahrheitsbedarf liegt also bei nachprüfbaren Einzelheiten. In der PR nennen wir das: „mit den Fakten lügen, nicht gegen sie“.

Wo es an Fakten fehlt, hilft der REPORTAGE-TRICK. Stelle einen Reporter in strömendem Regen irgendwo hin und lasse ihn durch eine „Schalte“ ins Studio stellen und so live einen vom Pferd erzählen. So machen sie das im Fernsehen. Im Print geht das auch. Eine Reportage ist ein gefälschter Bericht, der durch eindrucksvolle Erlebniserzählungen angereichert wird. Damit macht man die Lüge authentisch. Denn das ist das wichtigste, der Anschein des Authentischen.

Aber die Faktenhuberei und die Vor-Ort-Tricks sind nur Taschenspielertricks im Verhältnis zur Königsdisziplin der Fiktionalität. Akademisch heißt sie RESSENTIMENT-REFERENZ. Die (erlogene) Geschichte muss vor allem einer höheren Wahrheit entsprechen. So wie in der Bibel das, was Luther „Gleichnisse“ genannt hat. Wir müssen glauben (!) können, was uns da erzählt wird, weil wir es glauben (!) wollen.

Solange eine Story meine VORURTEILE bestätigt, darf sie als wahr gelten. So funktioniert insbesondere die Kriegsberichterstattung, für die gerade inflationär Journalistenpreise vergehen werden. Solange die Bösen sich in dem Märchen wieder als böse erweisen, kann schon mal die dichterische Freiheit greifen. Denn wenn man nicht an die Fakten glauben kann, müssen halt die Fakten dranglauben.

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PERSÖNLICH.

Man durfte früher nicht persönlich werden in Diskussionen; das galt als unfein. Heute lese ich allenthalben Beleidigungen aus der untersten Schublade. Das langweilt mich.

Der kalifornische Autokrat mit den Batterie-Autos hat mich nie wirklich interessiert. Nicht mal als er unvorsichtige Fahrer mit dem falschen Versprechen des autonomen Fahrens in den Crash schickte. Jetzt lese ich, wie er als Verleger über die Größe der Hoden seiner Gegner spottet. Wollen wir so weit runter? Ich gähne.

Das gleiche Desinteresse habe ich bei der schwedischen Schülerin empfunden, die mit dem Aufruf zum Schwänzen zur Kindheiligen wurde. Die veralbert angeblich jetzt einen Autoliebhaber damit, dass er einen „small dick“ habe. Ich frage mich bei dieser Debatte um „size matters“ allenfalls, ob es dabei um den Penis oder den Phallus geht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Dem Vergessen anheimstellen möchte ich auch den rechtspopulistischen Pfälzersohn, der in den USA Präsident werden konnte, und nun einsam in einem Golfclub verblödet. Er nennt in einer letzten rhetorischen Zuckung Joe Biden „mentally disabled“, geistig behindert. Eigentlich noch dümmer als die Injurien über kleine Eier und kurze Schwänze. Eine Behinderung ist ein Schicksal, sie kann niemals Beleidigung sein.

Genitale Größe also, das bleibt diesen seltsamen Heiligen als Argument. Das ist atavistisch, denn natürlich hat die Fähigkeit, kräftige Kinder zeugen zu können, den Wagen zu lenken und die Hütte zu heizen, etwas damit zu tun, wie gut wir die Art erhalten. Der Rückschritt auf das Elementare ist nicht trivial. Wer den Wagen nicht zu lenken wusste, galt nichts unter den Gladiatoren des Alten Rom.

Was das Fehlverhalten derer, die da PERSÖNLICH werden, zeigt ist, dass der aufrechte Gang unsere Vergangenheit als Tiere nicht getilgt hat, jedenfalls nicht unsere Triebe als Primitive. Das Animalische ist es, worauf hier zurückgefallen wird, nicht mal das Persönliche. Denn dicke Eier sind noch keine Persönlichkeit. Die beginnt bekanntlich erst bei dicken Titten.

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WITZIGKEIT.

Zynismus kann unterhaltsam sein, wenn er wie jede Ironie eigentlich das Gegenteil meint und nur Ausdruck von Weltschmerz ist. Zynismus kann aber auch jenseits dessen sein, worüber noch Spaß gemacht werden sollte, ohne am eigenen Gift zu verkommen. Über Massenmord aus Rassismus etwa mache ich keine Witze.

Ich habe mal in der Gefängniszelle von Nelson Mandela auf der Gefangeneninsel Robben Island gestanden, in der er fast zwei Jahrzehnte verbracht hatte und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ermöglicht hatte mir den Besuch ein südafrikanischer Mitarbeiter, der mich auch durch ein Township genanntes Ghetto führte, hinter uns sechs schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Die Getränkeausgabe an einem öffentlichen Grillplatz war gesichert wie ein Knast, weil „last calls“ nicht immer befolgt wurden. Gewalt, Gegengewalt, bloße Anarchie, all das, war hier in jeder Form überpräsent.

Mein weißer Gastgeber, der sich über mein Interesse an Mandela wunderte, bezeichnete ihn als Verbrecher. Ein blutiger Terrorist. Bis heute weiß ich nicht, ob der Bure in meinem Team ein verdeckter Rassist war oder einfach nur klüger als ich. Und wie kann das ein Widerspruch sein? Ich erinnere auch schöne Safaris und die Tatsache, dass man in den Städten nachts an roten Ampeln nicht anhält, außer man will seine Karre loswerden. Strukturelle Gewalt und manifeste, vagabundierende Anarchie, das Erbe des wohl weißen Kolonialismus.

In Weißen Haus streiten jüngst der schwarze Präsident Südafrikas mit dem weißen Amerikas darüber, ob es einen Völkermord (sic) an weißen Farmern am Kap gibt, den die Regierung des ehemaligen Apartheidstaates staatlich stützt. Im Hintergrund ein Bure, der es über Kanada in die USA geschafft hat und das Narrativ als Verleger stützt. Es würde „Kill the boer!“ gesungen. Belegfotos stammen laut Ortskundigen allerdings aus dem Kongo.

Wir erleben einen leichtgängigen Gebrauch des Begriffs Genozid, der mit dem rhetorischen Gewicht, das er seinem Vorwurf geben möchte, wirklichen Massenmord aus Rassismus verharmlost. Das ist das eine.

Das andere ist, dass Ramaphosa im Oval Office bedauert haben soll, dass er Trump leider kein Flugzeug schenken könne, und der geantwortet haben soll, besser wäre es schon gewesen. Witzig?