Logbuch
MENSCHENBILD.
In Berlin brütet der Asphalt. Metropolen sind unerträglich, wenn das Wetter zu gut wird. Der Nachbar hat eine Bank auf’s Trottoir gestellt; man setzt sich und plaudert. Es ist Ferragosto, weiß er über die italienischen Nachbarn am „mare nostro“ zu erzählen, Kunde aus gemeinsamen Heimat der Helenen, Itacker und Muselmanen.
Leo, der Griech aus Griechenland, erzählt dann aus seiner Heimat, in der Waldbrände toben. Sie kommen wie eine Feuerwalze, brennen alles auf die Grundmauern nieder oder entzünden nur die Fassade, die Fensterrahmen verziehen sich und nichts ist mehr zu öffnen, verschwelter Kunststoff in der halben Ruine. Es ist nicht die Hitze, sagt Leo, der Griech aus Griechenland.
Schon immer war es der scharfe Wind, der das Mittelmeer dem Seefahrer attraktiv machte und dem Landmann schwer erträglich. Er erzählt wie er, die Eselspfade der kretischen Berge wandernd, ein Unwetter nur mit knapper Not überlebte. Die Stürme seien es, der unerbittlich scharfe Wind. Das erinnert mich an den Vers Hölderlins, nach dem „brisant die Winde werden“, wenn sie der Götter Zorn zeigen.
Es sind nicht die Götter, sagt Leo, sondern Idioten und Verbrecher. Die meisten Brände seien auf Brandstiftung zurückzuführen. Es werde damit Wahlkampf gemacht. Oder schwarz gerodet. Oder Pizzo erpresst. Das mag ich zunächst nicht glauben. Ungewöhnlich für einen Migranten hat Leo, das heißt „Löwe“, aber kein romantisches Verhältnis zu seiner Heimat, die er hat verlassen müssen, wenn er nicht in ihr verhungern wollte. Er wird sentimental, wenn er von seinem Vater erzählt, aber er romantisiert nicht.
Das Hellatische ist den Helenen keine Idylle. Leo glaubt nicht an den Klimawandel. Er sagt in bestem Deutsch: „Selbst wenn!“ Es würde ihm schon reichen, wenn man aufhörte, das Haus des Nachbarn vorsätzlich anzuzünden. Leo ist mein Nachbar; so ein ganz klein wenig passen wir aufeinander auf.
Logbuch
VOLKSEMPFÄNGER.
Was haben die Millionen Filmszenen auf den Internetplattformen gemein? Allesamt, die kurzen Dokus oder die gespielten Witze, die grausame Kriegsszene, das Softporno wie die entlarvende Aufnahme übler Migranten? Sie sind Episoden.
Das ist nicht selbstverständlich. Das Leben selbst kommt ja oft langweilig daher, langatmig und unkomisch; wem sage ich das. Hier aber liegt stets in der Kürze die Würze, eine episodische. In den Sozialen Medien herrschen die Witzchenerzähler. Die Episode führt Regie. Niemand hat hier Zeit für einen Sonnenuntergang oder eine Vorlesung Kants oder einen ordnungsgemäßen Geschlechtsverkehr. Das Quicky ist Prinzip. Die Pointe ein Muss. Egal, wie abgedroschen. Episodomanie.
Vor zwanzig Jahren war die politisch-publizistische Klasse bezüglich des Netzes noch voller Euphorie; wer an der Demokratisierung der öffentlichen Rede durch die kalifornischen Oligarchen zweifelte, wurde verbannt. Ich erinnere mich, in meiner Kolumne in der FR das Internet ein „Universum unnützen Wissens“ genannt zu haben. Da war was los. Eine Fachjournalistin schrieb darauf, sie könne ein Blatt, das das drucke, nicht mehr ernstnehmen. Sie wollte mir den Mund verbieten.
Dass ich ferner auch nicht an die Batterie glaube, habe ich hier schon erwähnt. Und zur Besiedlung des Mars möchte ich anmerken, dass dieser Herr der Kriegsgott der Alten war; Krieg und große Geschäfte, was eh kein Widerspruch ist. So wie das Heilsversprechen des „Internet für alle“ eine freundliche Seite hat und die des Ares, wie die Griechen den Mars nannten. Aber das mit dem Arischen, das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Jetzt sind wir in einer Welt, in der mittels KI gefälschte Doku-Szenen über Politiker in Wahlkämpfen als „Parodie“ gelten wollen, sprich Ausweis der Meinungsfreiheit. Ich sehe Aufrufe zu Pogromen im Netz mittels symbolischer Szenen, deren Pointe profane Gewalt eines Mobs ist, der sich hier motiviert und organisiert. Man muss als Deutscher fast froh sein, dass der Joseph nur das Radio hatte, den Volksempfänger. Welch ein Wort!
Logbuch
FREUNDESLOB.
Der Tag beginnt ungewöhnlich. Recht früh ruft ein Freund aus den Bergen an und lobt literarisch Eintragungen ins Logbuch. Das Lob wiegt doppelt und dreifach. Doppelt, weil er ein Kollege ist, in einer Branche, die eigentlich der Neid bestimmt (so wie kein Anwalt dem Herrn Collega ein spendables Mandat gönnt). Dreifach, weil er selbst schreibt (und kein Künstler anderen eine Begabung zubilligt).
Ich hatte, fällt mir dabei wieder auf, nie einen großen Freundeskreis; zwei der engsten hat der Sensemann schon vor Jahren geholt. Man sagt mir nach, ich polarisiere. Zwei oder drei Freunde sind mir aber über die Jahre geblieben; ich ehre sie, indem ich sie nicht nenne. Die Institution der allerbesten Freundin gehört in die Pubertät von plaudernden Schulmädchen. Das ist kein Jungsding.
Mein Berufsleben hat einerseits das Söldnertum bestimmt; man zieht für die Sache Dritter in den Krieg der Worte. Die Söldnerehre aber besteht nicht in der Zahl der Mitkämpfer, sondern die der Opfer. Und zu Opfern empfindet man keine Brüderlichkeit, allenfalls Mitleid, was nicht der Stoff ist, aus dem Freundschaften gewebt sind.
Andererseits bestimmte mich die Wissenschaft, wo der Mitkämpfer in besten Latein Kommilitone heißt. Aber auch hier beseelt die edlen Seelen das Rechthaberische, nicht die Kumpanei. Man stritt und war sich als Streitender mit Streitenden verbunden; auch daraus wächst nichts Sentimentales.
Ich hätte vielleicht zeitig in einen Verein gehen sollen oder einen Geheimbund, in einen Klüngel also, wo man sich Freund oder Bruder nennt. Oder einer Religion beitreten? Gar einer Sekte oder der Gesellschaft Christi? Oder Partisan mit einem ciao bella ciao? Zu all dem reicht meine mentale Zurichtung nicht. Ich habe im Sentimentalischen (Schiller) etwas Flatterhaftes.
So grüß ich als Freidenker und Flaneur meinen Freund in den Bergen, der sich heute morgen so nett meldete. Salut!
Logbuch
LEBENSLÄNGLICH.
In meinem Beruf trifft man nicht selten recht seltsame Menschen, denen man gleichwohl Diskretion gewährt. Der Berater kassiert und schweigt. Mit den Exoten lernt man Exotisches kennen, über das zu räsonieren sich lohnt, ohne dass man vorschnell Urteile fällt. Man staunt, ohne Ross und Reiter zu nennen. Na gut, das Ross, aber nicht den Reiter.
Man fragt mich, ob ich nicht die Biographie von jemandem schreiben wolle, der ein Pionier der LONGEVITY sei. Das sind Wunsch und Wille, möglichst lange zu leben, wenn nicht gar, den Alterungsprozess ganz aufzuhalten. Hier wird lebenslänglich eben möglichst länglich definiert. Eigentlich wünscht man sich ewige Jugend. Oder gar Wiedergeburt. Biologie umkehren. Voreilig könnte man meinen, dass hier der Schimmel des Wahnsinns geritten wird.
Das Gegenteil dessen ist aber allemal plausibel, dass man Frühsterblichkeit verhindert, indem man ein gesundes Leben anstrebt. Keine Plauze, kein Bluthochdruck, wenig Drogen. Aber die vermaledeite Fehlernährung fängt früh an; ich soll Zucker meiden, wo ich im Leben auf alles zu verzichten weiß, außer Kuchen. Die LONGEVITY-Süchtigen sind aber echt rigoros. Auch kein Salz. Das lange Leben lau und laff.
Darf ich auf ein Paradox aufmerksam machen? Der Wunsch nach ewiger Jugend wird am Ende des eigenen biologischen Lebens wach und bestenfalls durch Ewiges Alter erfüllt. Es wird nicht der Aufenthalt auf der Wöchnerinnenstation verlängert, sondern der unter den Dementen im Altersheim. Siechtum verlängern, was für ein Projekt! Das wissen die Lebensverlängerer natürlich auch. Deshalb wünschen sie insgeheim, die Biologie umdrehen zu können. Sie wollen sich verjüngen.
Das ist mental paradox und eine milde Form von Wahnsinn. Na gut. Wenn man sonst keine Hobbys hat. Es ist aber auch Ausdruck jener Attitüde, die das Mittel zum Zweck macht. Man will Leben, weil man nicht sterben kann. Das finde ich weit bedenklicher. Das versteht der Schimmelreiter aber nicht. Er will nichts Biografisches von mir. Ich passe als Berater nicht, sagt sein Adlatus. Ich fürchte das stimmt. Am Ende meines heutigen Intervallfastens steht übrigens ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Und noch ein Kirsch obendrauf.