Logbuch

DISKRET.

Wahre Größe zeigt sich nicht, sie lässt sich erahnen. Bei Kipling heißt das als Tugend des Gentleman UNDERSTATEMENT. Man lasse sich unterschätzen.

Der Sohn eines Freundes betreibt mit seiner Frau in der Schweiz ein sehr zeitgemäßes Restaurant. Man kocht die vertrauten Rezepte qualitativ in einer neuen Liga. Bekanntes in bisher unerreichter Qualität. Der Restaurantführer, dessen Name ich nie behalte, vergibt dafür eine mehr als stattliche Punktzahl. Ich höre, das Paar nimmt es als Ansporn, will damit nicht prahlen. Wie klug.

In Rom hatte ich das Edelhotel einer kleinen Kette eines italienischen Engländers gebucht, in bester Lage. Und ich finde es nicht; herrsche den Chauffeur an, wo der Bumms denn sei. Die Hütte verzichtet auf Neon; es steht schlicht nichts an dem dezenten Portal. Außer einer zurückhaltenden Hausnummer. Das Haus ist in einer Klasse, die nicht nach Publikum schreit. Man weiß dann schon, wenn man zu denen gehört, die gemeint sind. Wie klug.

In Oslo besuche ich im Advent einen Herrenausstatter, ehrlich gesagt, um mich im Laden kurz aufzuwärmen. Teure, sehr teure Mäntel, aus Salzburg und London. Tuchmäntel, in der Regel aus sehr edler Wolle. Ich schlage so ein grünes Gerät auf und sehe, dass das Futter aus Pelz ist. Meister Petz hat sein Haar nicht zum Protzen geopfert, sondern um diskret zu wärmen. Pelz innen, wie klug.

Womit wir bei orientalischem Reichtum, dem ostentativen, prahlerischen, sind und seinem Gegenteil, der der Tugend des UNDERSTATEMENT gehorcht. Mehr sein als scheinen. Ich hatte mal einen Chef, der sich für Geschäfte in Moskau eigens einen abgetragenen, leicht schäbigen Anzug hielt, der deutlich aus der Mode gekommen war. Und schlechte Schuhe, schlecht besohlt. Nie eine zu gute Uhr! Man sei nie besser gekleidet als sein Lieferant, befand er, jedenfalls wenn der Preis stimmen solle. Das war ganz offensichtlich nicht dumm.

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DOTTORE.

Man kann sich so weit dem Medienprozess unterwerfen, dass nichts mehr übrig ist von jener Substanz, die man früher CHARAKTER genannt hat. Der Verlust an WÜRDE und RESPEKT ist aber nicht umkehrbar.

In der Volkskunst der Commedia dell Arte gibt es eine populäre Figur, die durch kluges Schwätzen auffällt, die aber zugleich keine AUTORITÄT genießt. Lächerlich erscheint sie den Ernsthaften. Sie nennt sich DOTTORE, der Doktor. Daran muss ich denken, wenn mich der Kellner in meiner Trattoria mit einem lauten Ruf als „dottore“ begrüßt. Man kann sich nie sicher sein, wieviel IRONIE dabei mitschwingt. Der Hund!

So GEFÄHRLICH sind die Rollen im Kasperl-Theater. Auch die Sozialen Medien entwerfen für ihre Marionetten solche Possen, denen viele Zeitgenossen mit Manie folgen. Dieses leichte Spiel wird bitterer Ernst, wenn sich dahinter der sprichwörtliche Ernst des Lebens verliert. Eine Spur an SCHERZ, SATIRE und IRONIE, das macht die Haupt- und Staatsakte in den großen Dramen leichtgängiger. Niemand mag den Bierernst mittlerer Talente ertragen. Aber man kann des Guten zu viel tun.

Der sicherste Hinweis des Schargierens liegt darin, dass sich die Sprache zum JARGON verändert. Etwa, indem man in seiner Sprechweise ein anderes soziales Milieu imitiert oder eine andere Generation. Erste Vorboten liegen im völlig unnötigen Auftauchen fremdsprachlicher Begriffe. Gestern las ich von einer Aufsichtsrätin, die wörtlich angab, sich für „Leadership und Menschen zu interessieren“, beides. Leadership, also. Aha.

Die Gradwanderung in der Kommunikation der neuen Zeiten liegt darin, dass die komischen Züge, die die Komödie braucht, aber auch die Tragödie aushalten muss, von einer Philosophie künden und nicht nur Schall und Rauch sind.

Die Größe des Clowns liegt in der einzelnen Träne, die sein Lachen begleitet. Nicht im Übermaß der Schminke.

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UNERHÖRT.

In der Polo Bar im Westbury an der unteren New Bond Street schnappe ich eine unerhörte Geschichte auf. Es geht um das teuerste Gemälde. 450 Millionen Dollar. Aber das ist nicht der eigentliche Skandal. Es geht um das größte religiöse Tabu.

Beginnen wir mit dem Geld. Ein New Yorker Kunsthändler aus bescheidenen jüdischen Verhältnissen erwirbt von einem tumben Südstaatler für 120.000 Dollar ein Bild, das, restauriert und einige Stationen später, das englische Auktionshaus für 450.000.000 Dollar einem saudischen Prinzen andreht.

Dazwischen bescheisst ein schweizer Spediteur noch einen in Monaco lebenden russischen Oligarchen um 50.000.000 Dollar, der es für 130.000.000 Dollar erwirbt, aber sogleich, weil gekränkt, wieder abstößt. Die wirkliche kriminelle Energie liegt aber in Oxford und in London am Trafalgar Square.

Die National Galary hat das Bild ungewisser Herkunft in eine Ausstellung LEONARDO DA VINCIS geschmuggelt und durch den Publikumsgeschmack authentisch werden lassen. Ein Streich! Sie haben die Betrachter mit einer versteckten Kamera gefilmt. Andächtige Menschen vor VERA ICON, dem wahren Bild Jesu. Oder war das bei der Präsentation in New York? Egal. Die RÜHRUNG des Betrachters bewies die Echtheit. So das Kalkül.

Das Porträt Jesu sollte wirken wie das Lächeln der MONA LISA: eine unerhörte und ewige Faszination aus ein wenig Farbe und Holz. Ein Wunder. Zumal es den segnenden Jesus zeigt. Den HEILAND, RETTER DER WELT, zu Latein „salvator mundi.“ Aber ich ahne lauschend, was den alerten Managern des Auktionators in der Polo Bar nicht klar ist: hier geht es um viel mehr, um sehr viel mehr.

Wer das Bild anschaut, der sieht in das Gesicht Jesu; er schaut Gott. Und Gott erkennt ihn, den Sünder, und segnet ihn mit dem berühmten Handzeichen und einem milden Lächeln. Der so Geschaute weint vor Rührung; nicht nur er, die ganze Welt ist in diesem Moment gerettet. Die Aussage des RENAISSANCE-Malers ist eine Ungeheuerlichkeit. Das Stichwort lautet IKONOKLASMUS, ein riesiges Tabu bei Juden wie Christen wie Moslems: „Du sollst Dir kein Bildnis machen.“

Ein Verkauf des SALVATOR MUNDI an den Vatikan, wo Jesus ja hingehört, war schon gescheitert, als die amerikanischen Besitzer sich in der Vermarktung versuchten. Der Französische Staat hatte sich geweigert, es in Paris neben die Mona Lisa zu hängen. Jetzt aber ist der HEILAND, man denke in kulturpolitischen Bezügen, im Louvre Abu Dhabi und wird von seinen neuen saudischen Besitzern nicht mehr gezeigt.

Was das bedeutet, ist, wie Kipling sagt, nun wahrlich eine andere Geschichte.

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LEBENSLÄNGLICH.

In meinem Beruf trifft man nicht selten recht seltsame Menschen, denen man gleichwohl Diskretion gewährt. Der Berater kassiert und schweigt. Mit den Exoten lernt man Exotisches kennen, über das zu räsonieren sich lohnt, ohne dass man vorschnell Urteile fällt. Man staunt, ohne Ross und Reiter zu nennen. Na gut, das Ross, aber nicht den Reiter.

Man fragt mich, ob ich nicht die Biographie von jemandem schreiben wolle, der ein Pionier der LONGEVITY sei. Das sind Wunsch und Wille, möglichst lange zu leben, wenn nicht gar, den Alterungsprozess ganz aufzuhalten. Hier wird lebenslänglich eben möglichst länglich definiert. Eigentlich wünscht man sich ewige Jugend. Oder gar Wiedergeburt. Biologie umkehren. Voreilig könnte man meinen, dass hier der Schimmel des Wahnsinns geritten wird.

Das Gegenteil dessen ist aber allemal plausibel, dass man Frühsterblichkeit verhindert, indem man ein gesundes Leben anstrebt. Keine Plauze, kein Bluthochdruck, wenig Drogen. Aber die vermaledeite Fehlernährung fängt früh an; ich soll Zucker meiden, wo ich im Leben auf alles zu verzichten weiß, außer Kuchen. Die LONGEVITY-Süchtigen sind aber echt rigoros. Auch kein Salz. Das lange Leben lau und laff.

Darf ich auf ein Paradox aufmerksam machen? Der Wunsch nach ewiger Jugend wird am Ende des eigenen biologischen Lebens wach und bestenfalls durch Ewiges Alter erfüllt. Es wird nicht der Aufenthalt auf der Wöchnerinnenstation verlängert, sondern der unter den Dementen im Altersheim. Siechtum verlängern, was für ein Projekt! Das wissen die Lebensverlängerer natürlich auch. Deshalb wünschen sie insgeheim, die Biologie umdrehen zu können. Sie wollen sich verjüngen.

Das ist mental paradox und eine milde Form von Wahnsinn. Na gut. Wenn man sonst keine Hobbys hat. Es ist aber auch Ausdruck jener Attitüde, die das Mittel zum Zweck macht. Man will Leben, weil man nicht sterben kann. Das finde ich weit bedenklicher. Das versteht der Schimmelreiter aber nicht. Er will nichts Biografisches von mir. Ich passe als Berater nicht, sagt sein Adlatus. Ich fürchte das stimmt. Am Ende meines heutigen Intervallfastens steht übrigens ein Stück Schwarzwälder Kirsch. Und noch ein Kirsch obendrauf.