Logbuch
BENEIDENSWERT.
Zwei große Interviews nehme ich als Print mit ins Wochenende. Den einen dort Prahlenden verachte ich tief, der andere genießt meine Bewunderung. Aber beide sind Narzissten. „Ich, ich, ich…“ Beneidenswert, wer frei davon.
Alles Authentische war mir schon immer peinlich. Bitte keine Herzensergießungen. Als großer Lügner zu erscheinen, das ist des Dichters Ehre. Aber von sich selbst im Duktus der Offenbarung zu sprechen, das ist peinlich. Eitelkeit ist nur zu verzeihen, wenn sie nicht die Würdelosigkeit der seelischen Offenbarung hat. Darüber nämlich schweigt des Sängers Höflichkeit. Anders die beiden Zeitgenossen, deren Seelen-Striptease ich am Sonntag noch mal nachlesen will.
Würde hat nichts mit Wahrheit zu tun. Was die ungleichen Narzissten jeweils erzählen, es stimmt. Sachlich in Ordnung. Aber: warum? Ich, ich, ich… Der Geifer in den Mundwinkeln, das Gehetzte im Ausdruck, der Nachdruck in der Ambition. Missionare ohne Glauben, aber mit der Gier, unter allen Umständen wieder beachtet zu werden. Keine ihrer Intimitäten ist vor ihrem Hang zur Entblößung geschützt. Es fehlt ihnen der Respekt vor sich selbst. Narzissten halt.
Der Narzisst leidet unter Gier. Er wird von der Sucht getrieben, Beachtung zu finden. Es geht ihm nicht um Anerkennung; man mag von ihm halten, was man will, solange man ihn nur beachtet. Er ist so sehr auf diese Droge angewiesen, dass er auch Verachtung riskiert, wenn er nur Aufmerksamkeit erlangt. Jedes Mittel ist recht.
Der Grund für diese Bereitschaft, sich zum Gespött zu machen, liegt tief; es ist der Verlust von Selbstwert, der auf dem Verlust des Selbst beruht. Der Eitelkeitswahn basiert auf einer eigenartigen Seelenlosigkeit. Der Eitle will Bewunderung, weil er leer ist, weil er sich im Grunde selbst verachtet. Das macht es so bitter, wenn man Zeuge des Exhibitionismus dieser Geschöpfe wird. Zeigefreudig, heißt das in Kleinanzeigen. Der Zwang zu Prahlen hat sie entkernt. Maschinen, wenn nicht Monster der Beachtungssucht. Chiffren.
Nein, Namen nenn ich nicht. Ach, ich lese es auch nicht noch mal. Ab in den Papierkorb. Jungs, es tut mir leid, ich kann das nicht mehr. Zu oft habe ich Euch auf die leere Tonne namens Ego schlagen gehört. Soll wer anderer Euch Aufmerksamkeit schenken. Valete quam optime: alles Gute.
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EINE LANGE DÜRRE.
Oft schon mussten die Menschen unter einer Dürre leiden. Woher ich das weiß? Weil ich von den Versuchen lese, sich dieses Unglück zu erklären. Wir reden von dem jungen Phaeton, der tragisch am Solaren scheiterte.
Phaeton war der Sohn des Helios; sein Papa leugnet aber die Vaterschaft. Phaeton wurde gehänselt. Da ließ Papa ihn mal einen Tag lang den Sonnenwagen über den Himmel lenken. Das ging schief. Phaeton wurde an dem von vier Pferden gezogenen Wagen übermütig und verlor die Kontrolle. Die Gäule stürzten auf die Erde und verbrannten sie. Eine lange Dürre folgte.
Da wurde es Zeus, dem Götterchef, zu bunt und er, der Zürnende, sandte einen Donnerkeil, der den übermütigen Sohn des Sonnengottes tötete. Phaeton fiel in den Po und ertrank (so viel Wasser muss also damals doch noch drin gewesen sein). Seine Schwestern, die Nymphen, standen am Ufer und beweinten den gerichteten Jüngling, worauf sie zu Pappeln verwandelt wurden. Po-Begrünung.
Warum wurde dann doch wieder alles gut? Nun, Zeus reute seine Tat und er sandte eine Sintflut, um die Erde wieder abzukühlen. Wenn das dann bitte möglichst bald sein könnte und ich endlich aufhören könnte, den Garten zu wässern. Das alles habe ich mal nachgelesen, als mein Unternehmen ein Auto nach Phaeton benannte und keiner im Vorstand wusste, was der Namen eigentlich heißt. Passiert (siehe Audi E-tron).
Für diejenigen unter uns, die in Altgriechisch schwach sind, tut es auch der Bibel erster Teil, das sogenannte Alte Testament. „Es zürnte der Herr und er sandte eine lange Dürre. „My skinny Minnie is a crazy chick.“ (Bill Hayley). Darüber haben wir als Pubertanten lachen können.
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KARL MAY.
Meine Jugend begleitete ein ungelesenes Buch über einen Schatz im Silbersee. Unzählige Versuche der Lektüre strandeten nach zwei Seiten. Das war weise. Ich bin etwas wirklich Üblen entronnen.
Noch mal Glück gehabt. Ich erinnere den Schinken noch gut, verlegerisch aufwendig gestaltet und mit Vorruhm versehen, lag die Schwarte irgendwann unter dem Weihnachtsbaum. Meine Frau Mutter wusste den langen Namen eines Hatschi Alef Omar Abbu Irgendwas herzusagen; bis heute ein Mysterium, woher sie das hatte. Ich sollte mich für Old Shatterhand begeistern, was irgendwie nicht gelang.
Frühem Zubettgehen wirkte man als Heranwachsender damals entgegen, indem man unter dem Schutz der Bettdecke heimlich beim Licht einer Taschenlampe noch las. Dieses Buch aber vermochte mich nicht wach zu halten. Heute weiß ich warum. Hinter der aufgeblasenen Sprache wurde Angelesenes zu Abenteuern aufgebauscht. Gravitätisches Geschwätz. Kolportage mit einem aufgesetzten Exotismus, banal und pompös zugleich. Der Autor war, so fängt es an, ein gelernter Kleinkrimineller. Kein Vorbild für die Jugend.
Der Autor war zudem krank, er litt an Pseudologie, wie die Psychiater seiner Zeit zwanghaftes Lügen nannten. Er war weder Old Shatterhand noch gab es dieses Fraternisieren mit angeblich herzensguten Wilden, Blutsbrüderschaft genannt. Plagiate en masse und vorurteilsbeladene Stigmatisierungen fremder Völker. Alles nur Staffagen einer vordergründigen Reiseliteratur, deren Reisen nie stattgefunden hatten. Man muss froh sein, dass der Ravenstein Verlag, das Zeug jetzt aus dem Programm genommen hat.
Die Filme vor jugoslawischer Kulisse habe ich nie aufmerksam gesehen, weil das schon zu einem Zeitpunkt meiner Pubertät war, in der man ins Kino ging, um „Loge“ zu buchen, wo heimliches Grabschen angesagt war; die Abwesenheit von Klassenkameradinnen vorausgesetzt. Da interessierte die Ilona aus der Parallelklasse, und nicht Winnetous Schwester.
Ich nenne noch einen dritten Grund. Karl May war Ossi, nicht nur das, er war Sachse. Also ehrlich, als wenn wir im Westen nicht eigene Kinderbuchautoren hätten.
Soviel zum intellektuellen Stand der Literaturkritik.
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AUFBAU WEST.
Meine Alma Mater, Mutter der Wissenschaft, die architektonisch monströse RUB, klagt über Kindermangel. Der Ruhr Universität Bochum fehlen 5000 Studenten. Das ist für mich als Alumnus eine Sensation gänzlich unerwarteter Art. Als ich hier Anfang der siebziger Jahre aufschlug, standen alle Signale auf Wachstum. Ganze Hochhauskomplexe normaler Mietwohnungen waren im Handstreich auf Studentenbuden umgestellt. Man lebte toll in den spontanen Kommunen in der Hustadt. Und billig. Erstklassiges Lehrangebot. Fabelhafte Bibliotheken. Halbleere Seminare wirklich kluger Köpfe.
Wenn ich ergänzend zu den Genies in den Hörsälen die Studis aus dem Pott beschreiben soll, also den Geist der frühen Jahre, dann genügt der Hinweis, dass vor der riesigen Mensa eine sogenannte Bierklause eingerichtet war, in der es allerdings nur Krüge gab: „halbe-Liter-machen“ nennt das der Italiener. Abends ging man in den RUB PUB, den das Studentenwerk betrieb; einschließlich Rollgriff in der Kasse. Hier hatte noch der AStA das Sagen. Linker Sauladen, gefiel mir damals.
Aber das ist natürlich irreführend. Gut 40.000 Studenten büffelten brav und bravourös in Bochum; immerhin 10 % schloss mit Promotion ab. Man schenkte mir eine Urkunde, die meine Diss als beste des Jahrgangs qualifizierte; keine Ahnung, wieviel beste es gab, aber man freute sich natürlich über das „summa cum laude“. Der monströse Komplex in Bochum-Querenburg steht inzwischen unter Denkmalschutz. Jetzt also negatives Wachstum? Kann das?
Der Pott ist pleite. Mona Neubaur, die stellvertretende Ministerpräsidentin von NRW, fordert als Grüne einen AUFBAU WEST. Das Ruhrgebiet verfällt und bildet Gettos aus, in denen Vagabunden das Sagen haben. Der Essener Norden etwa war nie chic und lange Zeit industriell geprägt. Heute ist er nicht mehr zu betreten. Bei der Verfassungsvorgabe der gleichwertigen Lebensverhältnisse sind jetzt mal die Wessis dran. Unausgesprochen: Und nicht die undankbaren Ossis. Obwohl der Vizekanzler dem Osten gerade wieder blühende Landschaften versprochen hat. Da meldet sich der Pott: „gezz ma wir!“
Wir erleben Strukturwandel. Kohle und Stahl sind gegangen (worden) und mit ihnen ein Wirtschaftswachstum in der sozialen Breite, das Arbeitskräfte aus Italien, Ostpreußen und der Türkei anzog, ernährte und bildete. Jetzt erleben wir Zuwanderung in die Sozialsysteme mit dem Effekt ihres vorsätzlichen Missbrauchs. Gettos einerseits und zum anderen Habitat der AfD.
Krupp wird es nicht richten. Und eine neue Konjunktur der Dicken Berta wohl auch nicht. Rheinmetall soll gut laufen, höre ich. Ob mir das gefällt, das weiß ich nicht so recht.