Logbuch
ZEITZEUGEN, ZUFÄLLIGE.
Weil Bert Brecht bei den Theaterproben nicht von seinen Zigarren lassen konnte, hatte das Ministerium für Kultur eine Sondererlaubnis erteilt und einen Feuerwehrmann gestellt, der mit einem Wasssereimer bewaffnet stets hinter Brecht stand. Die Proben waren endlos.
Den hätte ich gerne interviewt, was er von dem Meister hielt.
Als der französische Philosoph Jean Paul Satre 1953 den frisch emitierten deutschen Denker Martin Heidegger besucht, waren beide an Grippe erkrankt. Die Übersetzerin, eine Gespielin der Muse Satres, berichtet, die Herren hätten sich ausschließlich über ihre Gebrechen unterhalten.
Die hätte ich gerne interviewt, was sie von den Granden hielt.
Plan zu einer Literaturgeschichte gemäß zufälliger Zeugen, nach Berichten der Randfiguren.
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VORSÄTZE, GUTE.
Silvester nimmt man sich was vor, für das Neue Jahr. Aber heimlich. Wer darüber plaudert, hat die Übung schon versaut. Allein das fällt schwer genug.
Sie kann alles, die Klasse der Plauderer; nur schweigen, das kann sie nicht. Nicht mal über Privates. Früher war Pornografie die Zurschaustellung von tertiären, sekundären und schließlich auch primären Geschlechtsmerkmalen; heute die Zwangsinformation über seelische Zustände.
Gemessen an dem Trivialen aus Privatem ist ein nackter Arsch geradezu vom philosophischem Gehalt. Die Einbeziehung vom Kindern erscheint mir besonders problematisch. Es mag Gründe geben; ich würde sie eher vermeiden wollen.
Woher kommt der Drang, im nächsten Jahr ein besserer Mensch sein zu wollen? Sigmund Freud hat es als Kampf von Trieb und Tabu gesehen; er glaubte an drei Mächte in uns: das Es, das Über-Ich und das Ich, als Persönlichkeit zwischen Sünde und Soll. Tjo, im nächsten Jahr also mehr SOLL und weniger SÜNDE? Ich weiß nicht so recht.
In dem faktischen Hausarrest der Seuchenpolitik ist ohnehin wenig geblieben, vom dem was Bacchus und Dionysos so trieben. Wo der Mediterrane Sünde hatte, da hat der Preuße ja eh die PFLICHT. Du musst Dein Leben ändern. Ein besserer Mensch werden. Machen wir also einen kleinen Katalog der neuen Pflichten. Keine Pointe.
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SIEDEWASSERREAKTOR.
Jetzt geht der letzte deutsche SIEDEWASSERREAKTOR vom Netz. Eine Technik aus den fünfziger Jahren. Ich habe eine ganze Reihe davon besichtigt, in Deutschland und einen in Schweden. Die Biester haben nur einen Kreislauf. Weiß irgendjemand, wovon die Rede ist?
Wasser wird zugleich als Moderator der Kernreaktion genutzt und als Prozessdampf. Der DRUCKWASSERREAKTOR hat einen Wärmetauscher, also zwei Kreisläufe. Sicherer. Bin trotzdem mal in der Sicherheitsschleuse hängen geblieben. Unnützes Wissen, das kümmert kein Schwein mehr. Der Reaktor in Tschernobyl, der durch Fehlbedienung havarierte, war GRAPHITMODERIERT; Graphit brennt, Wasser nicht. Interessiert das hier noch jemanden? Nein.
Wir sind ausgestiegen, nachdem wir wieder eingestiegen waren, nachdem wir schon ausgestiegen waren, weil es in Japan ein Erdbeben im Meer gab, mit einer Flutwelle, die doppelt so hoch war, wie die Schutzmauer um das Kernkraftwerk in Fukushima. Überflutet, abgesoffen. Folge: CHINASYNDROM, die Reaktoren brannten durch. By the way: Warum sind Kernkraftwerke immer nah am Wasser gebaut? Interessiert keinen Menschen mehr.
Mit all meinem nutzlosen Wissen kann ich bestenfalls auswandern. Aber so viel ist das gar nicht, unter uns. Über ERDGAS wüsste ich mehr. Oder MINERALÖL. Auch wertlos. Ich bin der Enkel vom Bergleuten. STEINKOHLE? Völlig aus der Zeit. In Deutschland.
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WEGSCHAUEN WOLLEN.
Was sich so vornehm „selektive Wahrnehmung“ nennt, ist keine Unart unserer Sinne selbst, sondern ein Schaltfehler im Hirn. Man kennt es von unnötigen Staus auf der Autobahn, wo der Verkehr auch auf der Gegenfahrbahn stockt, weil es „Gaffer“ gibt, die unbedingt ein Bild vom Horror des Unfalls mitkriegen wollen und so den nächsten Stau erzeugen. Weiterer Auffahrunfall programmiert. Warum wollen wir gaffen?
Seit wir mit dem iPhone in die Welt blicken, konzentriert sich das Gaffen auf das kleine Scheißding in unserer Hand; die jüngere Generation hat mindestens zwei Online-Instrumente simultan an. Softpornos und schale Gags, Terror des Episodischen. Die Belohnungsstruktur der endlosen Folge von Filmchen mit Pointe macht uns zu Schoßhündchen des Internets, die auf Leckerli lauern und dabei anregt mit dem Schwanz wedeln. Und Elon wirft wieder eines, wenn unsere Aufmerksamkeit abzuschweifen droht. Wir sind zu Appetenz-Sklaven des Episodischen geworden.
Mir fällt auf, wieviel ich von der amtierenden amerikanischen Klasse weiß, was ich nie zu wissen hätte hoffen wollen. Ich werde an den Stellschrauben in meinem Hirn drehen und den gelben Clown künftig vorsätzlich ignorieren. Die nächsten tausend Strafzölle darf er ohne mich verhängen, zurücknehmen oder was auch immer „Social Truth“ verkünden will. Ich schaue künftig weg. Ich sage fürderhin mit Karl Valentin: „Nicht mal ignorieren!“
Darf ich einen Gedanken des fabelhaften Immanuel Kant vortragen? Er handelt „von der Macht des Gemüts durch den bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein“. Wir können, weil wir wollen. Auch das Wegschauen.