Logbuch
DIE TRÄNEN DES EGON BAHR.
Als Willy Brandt vor der DDR-Spionage-Affäre in die Knie ging und der Fraktionsvorsitzende der SPD Herbert Wehner noch einen verlogenen Salut auf ihn, den Stürzenden, ausbrachte, verbarg der Brandt-Vertraute Egon Bahr seine Tränen nicht. Ein SPIN DOKTOR weinte; geht eigentlich nicht.
Es gibt, wie so oft, eine ganze Reihe von Wahrheiten. Wir schreiben das Jahr 1974 und der historische Rückenwind hinter dem ersten SPD-Kanzler flaut ab. Die FDP an seiner Seite, sie war Koalitionspartner, sehnt sich in Richtung CDU; Hans-Dietrich Genscher ist ein Mann, dem zu trauen, naiv wäre. Er lässt einen enttarnten DDR-Spion an der Seite des Kanzlers. Obwohl er Dienstherr des Verfassungsschutzes war und ihn hätte entfernen sollen.
Herbert Wehner, der Fraktionsvorsitzende der SPD, ein gelernter Sachse und geläuterter Kommunist, hat Beziehungen zum Chef des Bundeskriminalamtes, ein Herr Nollau, gelernter Sachse und Nazi in dunklen Zeiten. Ein seltsames Paar, beide wissen um den DDR-Spion, den sie gewähren lassen. Die Beamten des BKA interessieren sich stark für das Privatleben des Kanzlers, insofern der Spion davon wusste. Wehner und Nollau, diesen beiden zu trauen, wäre naiv. Wehner will Brandt ohnehin stürzen, jedenfalls glaubt er, ihn nicht halten zu können. Er hält ihn für angeschlagen.
Helmut Schmidt, der gern Kanzler werden will und nur Finanzminister ist, schaut dem Treiben zu. Er ahnt, dass die „Weibergeschichten“ von Brandt, der Kanzler zeigte sich gelegentlich promisk, zu einem Thema der Boulevardpresse werden könnten. Der enttarnte, aber in Brandts Nähe belassene DDR-Spion könnte hierzu plaudern. Das wiederum ist Schmidt als Grund für seine Nachfolge zu läppisch. Schmidt in machtpolitischen Fragen zu trauen, nun, das hatten wir schon. Man lese von Peter Zudeick „Verbrandt, verkohlt und ausgemerkelt“, neu im Westend-Verlag.
Egon Bahr war Brandts SPIN DOKTOR schon seit ganz frühen Tagen, ein enger Berater und wohl auch Freund. Er weinte, weil sein Schützling stürzend gestürzt wurde. Beides, stürzend gestürzt. Brandt sagte zum Schluss, er sei nicht erpressbar. Das stimmte leider gleich mehrfach nicht.
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LEIDKULTUR.
Endlich Klartext: „Die Sozis waren immer auf der falschen Seite der Geschichte.“ Soll der Unionskandidat gesagt haben. Hat er (so) nicht. Egal.
Zweite Szene: Der Kandidat der AfD fordert im Interview mit einem Schüler mehr DEUTSCHE VOLKSLIEDER in der Schule und DEUTSCHE GEDICHTE, will dann aber keins nennen. Klug. Er hätte sich vertun können und das HORST WESSEL LIED singen. Der Mann ist ein bildungsferner Anstreicher aus Sachsen. Da wär die Hymne des Anstreichers Adolf Hitler ein möglicher Irrtum gewesen. Klug vermieden.
Anders als bei dem Kölner Boxer Peter Müller, genannt DE AAP, der 1953 im Maddison Square Garden die Hymne der SA auf der Mundharmonika gespielt haben soll, weil er sie fälschlicherweise für das LIED DER DEUTSCHEN hielt. Leitkultur des früheren Regimes; so genau nehmen die das im Ring nicht.
Zur DNA der SPD gehört der OTTO WELS MYTHOS. Ich teile das historisch wie politisch. Die SPD war die einzige Partei, die im Reichstag gegen das ERMÄCHTIGUNGSGESETZ der Nazis gestimmt hat. Da hört für Sozis der Spaß auf. Daran soll die Union nun gerührt haben. Damit ist der Kulturkampf ausgerufen. Das wird die Wahlbeteiligung der SPD-Wähler deutlich heben. Dumm für der konservativen Karnevalsredner aus Aachen, der die Linke einschläfern, aber nicht wach machen sollte.
Aus einem lustlosen Wahlkampf wird so doch noch eine epochale Entscheidung. Und Olaf Scholz muss sich nicht mehr für seine mickrige Amtsführung als Finanzminister rechtfertigen. Er schleicht sich in den Schatten von Otto Wels und Willy Brandt und gewinnt an Größe. Jedenfalls für seine Anhänger.
Die Union hat kein Glück, die SPD schon. Scholz wird die neue Regierung bilden können. Wir werden eine AMPEL kriegen. Ich leg mich mal fest.
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SCHIFFSCHAUKELBREMSER.
Fahrgeschäfte. Eine Kirmes besteht aus Fahrgeschäften. Raupe, Kettenkarussell, Achterbahn. Mobilität. Und Fahrgeschäfte, weil es ein reisendes Gewerbe ist. In doppeltem Sinne also MOBILITÄT. Auf den Geräten und mit ihnen. Aber viele verlorene Berufe.
Wer weiß heute noch, was eine BOXBUDE ist? Wer hat noch gesehen, wie aus dem Publikum ein mutiger Zuschauer als Freiwilliger in den Ring stieg und den Preisboxer verdrosch? Bei jeder Vorstellung der gleiche… KIRMESBOXER, das war ein Beruf. Und eine deutlich übergewichtige Frau, eine Ringerin, zu der ins Publikum gefragt wurde: „Wer will ringen mit die dicke Weib?“ Ein schmächtiger Mann wollte und endete vollständig unter ihr. Gejohle. Boxbude war eine Pflicht auf jeder Kirmes.
In dem Wagen, der in meiner Kindheit noch „Zigeunerwagen“ hieß, saß eine ältere Dame, die die Karten legte. Eine WAHRSAGERIN. Was mich faszinierte: Wenn sie die Zukunft kennt, warum spielt sie nicht Lotto und lebt in einem Palast in Saus und Braus? Die Tochter der
WAHRSAGERIN war in einem Jahr an drei Tagen in meiner Schulklasse. Ein bildschönes Kind, etwas exotisch, aber sehr attraktiv. Schulbildung bei Fahrgeschäften war schon immer ein Problem. Aber ich dachte, wenn die eine Prüfung machen muss, fragt sie halt vorher ihre Mutter. Da war meine Frau Mutter eher minderbegabt, was das Wahrsagen anging.
Unter allen Vergnügungen der Kirmes war die Schiffschaukel die technisch einfachste. Es gab keine Technik. So wie beim Tesla mit leerem Akku. Wer den Fortschritt liebt, der schiebt. An einem Stahlgerüst hing ein schmaler Bootskörper, in dem man durch Gewichtsverlagerung stehend sich auf und ab pendeln konnte; für die ganz Mutigen bis zum Überschlag. War die Fahrzeit um, hob ein junger Mann per Hebel ein Brett unter den Schwingkörper, bis dieser zum Stehen kam. Die SCHIFFSCHAUKELBREMSER waren meist unter den Hilfsarbeitern die mobilen Nichtsesshaften, die mittels des Plakats „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ angeworben wurden. Die Bezahnung im Oberkiefer war selten vollständig.
Der sprechfähige junge Mann zum Mitreisen konnte, wenn für Bargeschäfte vertrauenswürdig, LOSVERKÄUFER werden. Eine Frage der COMPLIANCE. Aus einem Plastikeimerchen bot er Lose an, die, so man Glück hatte, ein klares „Niete“ verkündeten; wenn man aber vom Pech ereilt wurde, musste man einen übergroßen Teddybären durch den Rest des Tages schleppen, zum Gespött aller. Der LOSVERKÄUFER jedenfalls trällerte den ganzen Tag: „Hier mal wieder das Glück ziehen, jedes zweite Los gewinnt.“
Ich hatte mal zehn Freikarten für die PONYREITER, weil ich denen gezeigt hatte, wo in meiner Heimatstadt eine Schreinerei war. Sie brauchten das Sägemehl für die kreisrunde Reitbahn. War aber langweilig. Das Leben ist kein Ponyhof. Den AUTOSCOOTER dagegen fand ich spannender. Übrigens E-Mobilität. Wie auf der IAA MOBILITY in München. Ich war da. Viele Kirmesboxer, Schiffschaukelbremser und Losverkäufer. Und eine Wahrsagerin. Leider ohne tolle Tochter.
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KÜNSTLERISCHE INTELLIGENZ.
Die Blamage ist perfekt. Der amerikanische Gesundheitsminister hat ein Gutachten zur Gesundheit von Kindern vorgelegt, das sich schon bei erster Durchsicht für Fachwissenschaftler als Fälschung erweist. Mehrere dort zitierte Studien gibt es gar nicht, heult die Fachwelt auf. Und das passiert einem Politiker, der ohnehin für irrationale Verschwörungstheorien bekannt ist; etwa der, dass Impfungen zu Autismus führen.
Die Neue Rechte ersetzt rationale Politik notorisch durch Propaganda; das wissen wir. Warum aber passieren dabei so peinliche Pannen? Darauf habe ich zwei Antworten, die es lohnen näher hinzusehen. Beide führen zu einem wichtigen Schlagwort, dem der KOMPETENZSIMULATION. Das ist die Fähigkeit, mit Schlauheiten angeben zu können, obwohl man wissenschaftlich nichts auf der Pfanne hat. Im Deutschen nennt sich das „Lauterbachen“. Ich kenne solche Simulatoren auch als Akademiker im Amt; so ist das nicht, auch in meinem Fach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Im online vagabundierenden Milieu des neuen Wissens, bei den sogenannten Raketenwissenschaften, wirken Tech-Oligarchen, die sensationelle Antworten auf die Zukunftsfragen der Menschheit zu beantworten wissen, aber keine Akademiker sind. Die Zukunft der Menschheit auf dem Mars ist ein Marketing-Mythos eines Rüstungsunternehmers namens Musk, aber keine Wissenschaft. Es ist blanker Unsinn. Ein TRIVIALMYTHOS, der Staatsknete besorgt, sonst nix. QAnon. Auch das ist wie Lauterbach, der sich als Epidemiologe simuliert hat, ein Fach, das er nie studiert hat (nur seine Frau, das ist ja wohl nicht dasselbe). So wie Musk nicht das autonom-fahrende Auto erfunden hat; er hat die Firma gekauft, die das aus Mercedes-Know-How herausbastelt. Die Künstlerische Intelligenz Kalifonischer Oligarchen. Ein militärisch industrieller Komplex. Das nutzt KI, mehr nicht.
Dann zweitens zu dem, was die Textautomaten so an Texten können. Es wird nach dem Analogieprinzip Semantik simuliert. Da das menschliche Hirn ähnlich arbeitet und die Grundgesamtheit bei großen Rechnern recht hoch ist, sind die Ergebnisse nicht schlecht. Ja, schon heute ist CHAT GPT schlauer als viele Menschen, was daran liegt, wie doof die meisten sind und dass man als Doofer ganz kommod durch‘s Leben kommen kann. Die Künstliche Intelligenz simuliert die natürliche, die wiederum auch nach dem Ähnlichkeitsprinzip arbeitet. Kybernetisch Analogiebildung. Dabei kann das Künstliche bis ins Künstlerische gehen. Fälschungen nicht ausgeschlossen. Das Wahrheitsprinzip ist hohe Häufigkeit.
Mit diesen beiden Vorbehalten ausgestattet sehen wir einer Wissenschaftlichen Studie auf den zweiten oder dritten Blick an, ob sie stimmen kann. Auf den ersten Blick wirkt die KOMPETENZSIMULATION immer ganz passabel; das ist ja, was der Rechner kann. Es braucht immer öfter den wirklich studierten Experten, um die Camouflage zu durchschauen. Das ist intellektuell jenseits von Lauterbach und JFK jun., den Kompetenzsimulatoren in der Politik. Wir erleben Bildungsidioten an der Macht, ganz gleich, ob sie für das Impfen oder dagegen sind. SchlauMeier. KlugScheißer.