Logbuch

NIHIL NISI.

Bei Nachrufen wird häufig eine Regel zitiert, insbesondere, wenn man gegen sie verstoßen will. Sie entstammt der lateinischen Antike und besagt: Über Verstorbene ist nichts als Gutes zu sagen. Soll man am offenen Grab also lügen?

Wohl kaum. Dem Trauernden sei ein sentimentaler Blick erlaubt, aber vom Historiker müssen wir doch erwarten, dass er nüchtern bilanziert. Die beliebteste Rhetorische Figur in diesem Dilemma ist die Unterscheidung zwischen der öffentlichen Rolle und der privaten Person. Selbst wenn man den politischen Respekt verweigert, kondoliert man der Familie. Nun gut.

Im Falle von Wolfgang Schäuble ist ein wesentlicher Teil der persönlichen Hochachtung der Tatsache geschuldet, dass er für sein öffentliches Engagement mit der Gesundheit zahlte und mehr als drei Jahrzehnte an den Rollstuhl gefesselt war. Ein Attentatsopfer. Respekt!

Wiegt das die aktive Rolle auf, die er bei der damals gängigen politischen Korruption der Konservativen gespielt hat? Hier kaufte sich die Rüstungslobby durch Schmiergeld politischen Einfluss. Dass er sich dann mit dem noch korrupteren Kohl zerstritt, ist kein Zeichen von Charakter. Den Aufstieg von Merkel haben diese beiden möglich gemacht; Schäuble hat ihr danach willig gedient. Aber NIHIL NISI BONUM.

Im TV sehe ich erstmals Frau und ältestes Kind; denen hat die Politik einiges zugemutet. Die 19jährige Tochter hat ihre Mutter vom Attentat auf den Vater unterrichten müssen; das wünscht man niemandem. Und ich sehe so einen griechischen Drecksack, der den Tod des alten Gegners zur Promotion seines neusten Buches nutzt.

Darf man das über Yanis Varoufakis sagen, dass er ein Drecksack sei? Ja. Denn er lebt noch und kann sich wehren. Das ist der moralische Kern der Regel NIHIL NISI: Man beleidigt niemanden, dem das Widerwort verwehrt ist. Jedenfalls nicht am offenen Grab; die Geschichtsbücher dürfen dann weniger Rücksicht walten lassen.

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DER SPAZIERSTOCK.

Ich sammle diverse Stöcke, die dem Wandern gedient haben. Gänzlich unerlässlich beim Bergsteigen zur Überwindung unwegsamer Strecken im Gebirge. Ursprünglich Arbeitsgerät der Hirten oder Gewehrstütze des Jägers. Beides war ich nie, trotzdem musste ein Stock sein.

So wie der Spazierstock nur der kleine Bruder des Wanderstocks ist, mindert sich die alpine Bedeutung im Stadtpark zur Gehhilfe. Aber auch das ist nicht der Kern seiner Beliebtheit; auf eine Krücke angewiesen zu sein, das hat ja nicht Rühmenswertes. Was mal ein bloßer Ast war, wird für den flanierenden Bürger ein Kunstobjekt.

Die hohen Herren haben Elfenbein. Der Kleinbürger verziert den Stock mit Emailleplaketten seiner Reiseziele. Die Pauker schlugen damit nach den witzigen Eleven. Die Burschenschaften verstecken Dolche in ihm. Und der fahrende Handwerksgeselle hat einen kunstvoll gewachsenen Knotenstock. Die instrumentelle Funktion wird von einer kommunikativen überlagert. Man geht mit Hut und Stock, wenn man was auf sich hält.

Die liebsten sind mir aber jene Stöcke, die ich in der Muße eines Urlaubs selbst geschnitzt habe, eine Fertigkeit, die ich mir als kleiner Junge von meinem Herrn Vater abgeschaut habe. Stets mit einem Taschenmesser zum Äpfelschälen ausgestattet, wusste er eindrucksvolle Schlangenmuster in die Rinde zu bringen. Die größte Sorgfalt galt dem Griff, der besonders glatt auszufallen hatte.

Nicht immer fällt dem Schnitzer ebenmäßiges Weidenholz in die Hand. Dann muss man dem krummen Hund seinen Willen aufzwingen. Die Krönung ist aber weder Griff noch Schaft, sondern die Spitze. Tagelang suchte man am Straßenrand nach einer alten Schraube oder einem rostigen Nagel, den man in dem Kern versenken konnte. Ein so bewehrter Stab wusste auf Steinen keck zu springen und hielt ewig.

Hinter alldem verbirgt sich als Geheimnis jenes Gerät, für dessen Erfindung die Schweizer zu den Kulturvölkern gerechnet werden, das Taschenmesser.

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VERSTIEGEN.

Das Schreiben von Glossen kann unglücklich enden, wie das Bergsteigen. Man verkrakselt sich und aus dem Gipfelsturm wird ein tragisches Enden in der Wand. Verstiegen.

Man macht den Ötzi. So gestern hier. Ich habe durch verunglückte Ironie einen Freund verärgert, der nur noch seufzte. Es fing damit an, dass ich einen Fachbegriff vorsätzlich falsch schrieb, in der Hoffnung, dass das einen Besserwisser auf den Plan ruft. Die Welt hat es schlicht ignoriert.

Dann, dem Stilprinzip der Ironie folgend, das Gegenteil des Gemeinten in der Headline; niemand bemerkt es. Weitere Peinlichkeiten folgen. Würde ich das noch mal so schreiben? Eher nein. Eigentlich ja. Man kann die Rücksicht auf die Leser auch übertreiben.

Ein Lebewesen ist autopoietisch, weil es sich selbst erhält, so wie Grottenolm und Bambi. Eine Maschine ist allopoietisch, weil sie des äußeren Anstoßes bedarf, selbst eine Rolex. Na gut. Und was ist der aktuelle Bezug? Künstliche Intelligenz ist allopoietisch. Bestenfalls eine Uhr, nie ein Schwanzlurch oder ein Reh. Die Analogie aller Systeme ist ein Irrtum. Darin irrt die Systemtheorie im Grundsätzlichen.

Na gut. Und? Es wird nicht besser. Ich gebe es auf. Neues Thema, neues Glück. Morgen auf ein Neues.

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WELL OFF.

Im Englischen nennt man jenen Zustand fehlenden Mangels, was die Dinge des täglichen Lebens angeht, also einen befriedigenden Grad der materiellen Sättigung, schlicht „well off“. Das beginnt mit einem eigenen Häuschen und endet vielleicht mit einem Anwesen nur für die Ferien. Aber auch da gibt es arme Schlucker, die prahlen, und Bescheidene mit einem satten Konto in der Schweiz. Ich persönlich glaube, dass man es an der Entspannung erkennt, ob die Knete reicht. Und an der Kleidung.

Gespräch in einem netten Kreis gesetzter Bürger, wenn man das so nennen darf, über die Frage, wer unter den berühmteren Zeitgenossen wohl VIEL Geld habe. Man sagt „Geld habe“, ohne Quantifizierung. Der small talk ist frei von bösem Neid, eher daran interessiert, unter den Bessergestellten die Blender zu enttarnen. Unweigerlich kommt es zum Begriff des Alten Geldes. Am Ort ist das gesichert ein einzelner Fabrikant, dessen Produkt lange sprichwörtlich war.

In meiner alten Heimat war das KRUPP. Proletenscherz: Was Krupp in Essen, sind wir in Saufen. Obwohl, wer die Geschichte derer aus der Villa Hügel kannte, stets frei von dem Eindruck war, dass die Dinge hier in höherer Gunst lagen. Generation um Generation hat um eine Anerkennung gekämpft, die selten ganz und nie für lange gewährt wurde. Es waren immer Parvenüs, die Stahlbarone, Geltungssüchtige. Auch der große BB.

Altes Geld sollte gesetzter sein. Der Diskurs unter den Kleinbürgern meiner Abendgesellschaft unterscheidet sich ganz grundsätzlich danach, ob man beamtet ist, oder gewerbetreibend. Diesen Mentalitätsunterschied kriegt man auch nicht durch Argumente gebrückt. Ebenso die Annahme der Unpolitischen dazu, dass Politiker es geschafft hätten, obwohl diese sich ständig klamm fühlen. Alles endet bei der fundamentalen Frage, wann man reich sei.

Ja, wann ist man well off? Ich habe eine Antwort großer Weisheit zu berichten. Reich sei man, wenn mehr Geld nichts daran ändern würde, wie man lebt.