Logbuch
LUXUS, WIRKLICHER.
In einem früheren Leben, man reiste, nahm man die Concorde von Paris nach New York, einen elend engen, aber super schnellen Flieger. Überschall. Sauteuer. Ich meine in einem jüngst früheren Leben. In dem letzten Leben davor, da nahm man einen Dampfer namens QII; benannt nach den Windsors, die eigentlich Deutsche waren. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Also ich sitze ex JFK in dieser Sardinenbüchse und warte auf den Service. Hunger. Man erwartet ja von der Air France zumindest ein gescheites Essen. Was mir bis heute im Kopf steckt, ist das Besteck. Genauer gesagt, wie es eingewickelt war: in Wellpappe, mit einem groben Hanffaden zusammengebunden. Wohlgemerkt, Tafelsilber. Ein klein wenig dekadent, aber schon raffiniert. So geht wirklicher Luxus. Das werden die lauten Russen mit den dicken Dollarbündeln in der Hosentasche nie verstehen. Braune Wellpappe. Unglaublich gut.
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KITSCH.
Des Guten zu viel. Nicht des Schlechten. Was den Kitsch von der Kunst unterscheidet, ist die SPARSAMKEIT großer Kunst. Ich schaue auf dieses alte Gemälde und sehe, wie ein wunderbar vielsagender Gesichtsausdruck mit ganz wenigen Pinselstrichen erreicht wird, einigen Farbklecksen. Beethoven spielt eine Klaviersonate mit zwei gegenläufigen Motiven, zwei, nicht drei. Ich lese dieses Gedicht und bin fasziniert, wie eine Metapher und karge Worte so viel Weisheit einfangen. Das fällt mir ein, als ich einen Fernsehkoch höre, der sich gegen das Drapieren von Tellern mit unzähligem Schnickschnack wehrt; drei Dinge, sagt er, nicht mehr, und die perfekt gemacht. Ein Wiener Schnitzel nimmt Zitrone und Sardelle, allenfalls noch einen Gurkensalat. So wie auf ein Butterbrot von gutem Brot nur eines gehört, gesalzene Butter. Punkt. In einen Kaffee gehört Kaffee und Wasser; der vermeintliche Reichtum der Starbucksschen Zutaten ist albern. An einen Anzug bester Wollstoff, ein ordentlicher Schnitt und allenfalls eine Blume im Revers. Am deutlichsten aber merkt man es an einer Rede. Ein großer Redner ist wortkarg. Niemand konnte das besser als Willy Brandt, der sich selbst die allergrößten Plattitüden noch abrang, als wenn auf einen schnellen Satz die Todesstrafe stünde. Ich erinnere immer, wenn ich etwas aufgehübscht finde, das vernichtende Urteil von Ernst Bloch, der über ein Geschwätz abfällig sagte: „Das häusliche Setzei mit Bratkartoffeln ist hier bis zur Unkenntlichkeit garniert!“ Welch ein Wort.
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DAS GEHEIMNIS DES LEBENS.
Keine kleine Nummer. Die Doppelhelix der DNA wurde 1953 von den Engländern Crick & Watson entdeckt. Ja, aber... Sie sollen es in den Cavendish Studios in Cambridge vollbracht haben. Schrieb gestern auch die WELT am SONNTAG. Und bezichtigt sie eines PLAGIATS und einer sexistischen Attitüde gegenüber der bestohlenen Wissenschaftlerin ROSALIND FRANKLIN vom Londoner King‘s College. Und sie hätten eine Bemerkung über deren Frisur gemacht. Ach je. Damit hatte man das Thema im Zeitgeist der „political correctness.“ Gefällt mir nicht, weil zu zeitgeistig. Das war anders, habe ich selbst vor Ort erfahren. Ich war vor einigen Jahren anlässlich einer Buchrecherche mit zwei Kumpel vor Ort. Die Geschichte hat, wurde uns versichert, einen anderen SPIN. Richtig ist, dass die beiden „Entdecker“ ihre Erkenntnis aus der Literatur hatten, nicht dem Labor. Und wo sind sie drauf gekommen? In der Kneipe. Die beiden Trunkenbolde standen jeden Abend nach Dienstschluss in einem Pub namens THE EAGLE, der in Cambridge bekannten RAF-Bar (nach einem Luftwaffenoffizier, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte). Ich erinnere mich gut, eine entsprechende Gedenktafel im EAGLE gesehen zu haben. Der Wirt wusste zu erzählen, dass ein Enkel von Watson die angebracht habe. Er dementierte auch nachdrücklich das Gerücht vom Plagiat. Die genialen Scotch-Trinker hätten halt nur zwei & zwei zusammengezählt; so sei das in der Spitzenforschung, man müsse belesen sein und kombinieren können. Vielleicht hilft auch ein wenig Demut. Und natürlich die ortsübliche Kultur des Feierabend-Absackers im Pub. Wehmut, Zeiten waren das. Übrigens steht auf der anderen Straßenseite vom EAGLE jener Apfelbaum, dessen Frucht ISAAK NEWTON unter dem Baum liegend auf den Kopf gefallen sei, womit er die Schwerkraft entdeckte. Das halte ich allerdings für einen Mythos.
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VOR-HERRSCHAFTEN.
Habe ich das schon erzählt? Gelegentlich wiederhole ich mich. Das passiert insbesondere bei Geschichten, die ich wirklich erlebt habe. Und solchen, die Luther Gleichnisse genannt hätte. In Berlin ist die grüne Partei aus der Regierung, aber ihre Anhänger noch im Amt; Beamte wird man nicht so schnell wieder los. Mein Doktorvater hat das residuale Normalität genannt, wenn der Zeitgeist von gestern auch heute noch prägt. Ein Gleichnis über Hegemonie von gestern.
Streit an der Tanke. Ich hatte mir einen Kaffee geholt; der Karre wartete vor der Waschstraße. Ein Opelfahrer setzt sich dreist in mein Auto, weil er den Schlüssel sucht, um den Motor abzustellen, der noch laufe, was ein Skandal sei und verboten. Ich werde frech: „Raus aus meiner Karre!“
Der Schlüssel ist in meiner Jackentasche und der A8 läuft gar nicht. Der militante Öko hatte das nachlaufende Gebläse des Kühlers gehört. Er droht: „Jetzt rufe ich meine Kollegen in Uniform!“ Er fordert mich auf, nicht wegzufahren. Es erscheint tatsächlich eine Streife. Es stellt sich dabei aber heraus, dass der Herr gar nicht Polizist ist, sondern nur irgendein Senatsbediensteter. „Ich bin Beamter“, sagt er. Ich beharre: Er möge seine Hoheit nachweisen.
Jetzt steht also eine vermeintliche Ordnungswidrigkeit gegen eine veritable Amtsanmaßung, letzteres eine Straftat. Sagt der uniformierte Bulle zu mir: „Na ja, ein ‚A8 lang’ ist ja schon ein großes Auto.“ Keine Straftat. Aber politisch nicht gewünscht. Zudem mit WOB-Kennzeichen, also vermutlich ein Dienstwagen. Politisch nicht gewünscht. Und das mit dem elektronischen Schlüssel neumodischer Luxus; da kann der Kadett mit dem Kadett schon mal irren. Für einen Moment überlege ich, ob ich gegen den Öko Strafantrag stelle. Aber bin ich Habeck?
Hoheitsfunktion (Polizei) ist Herrschaft. An die Herrschaft kommt eine Vor-Herrschaft, in dem sie sich selbst zur Normalität erklärt und dann tatsächlich vorherrscht. Meine Generation der 68er hat einst gescherzt mit: „Legal, illegal: Scheißegal!“ Die Ökos verkürzten auf: „Legal, scheißegal!“ So wollten sie die Wohnheizungen wandeln, was sie politisch erledigt hat. Ich lasse den Opel-Öko einen guten Mann sein und fahre meines Wegs. Helden von gestern. Vormals Herrschaften.