Logbuch
VON PONTIUS ZU PILATUS.
Für die Hinrichtung des Jesus aus Nazareth soll der römische Präfekt verantwortlich sein. Das verkennt die Schuld seiner nervigen Ehefrau Claudia. Neue historische Erkenntnisse.
Die Gerüchte, dass die Juden, namentlich die Hohen Priester, die Kreuzigung des Nazareners verlangt hätte, stimmen nicht; antisemitische Motive werden vermutet. Die Hohen Priester hätten, so sie gewollt hätten, aus eigenem Recht, ein Todesurteil vollstrecken können. Dann wäre er gesteinigt worden. Gekreuzigt hat nur der Präfekt.
Der Römer soll seine Hände in Unschuld gewaschen haben. Denn einen Hochverratsprozess gegen den „König der Juden“ (daher INRI) hat er nicht führen können. Der Angeschuldigte erhob gar keinen politischen Anspruch; sein Reich sei nicht vom dieser Welt, hat er gesagt. Das apostolische Glaubensbekenntnis spricht gleichwohl von „passus sub pontius pilatus“, also „gelitten“ unter dem Ritter Pontius. Warum aber gab er dem wütenden Mob nach?
Es war seine Ehefrau Claudia, die sich zur Fürsprecherin des neuen Glaubens aufschwang und ihn damit öffentlich nervte. Dabei war er wegen ihr ohnehin schon in ernsten Schwierigkeiten. Weil sie, Claudia, unbedingt fließend Wasser im Haus wollte, hatte er auf Staatskosten eine Leitung bauen lassen; leider illegal. Was wiederum die Hohen Priester wussten, die ihm damit drohten, ihn bei Kaiser Tiberius in Rom anschwärzen zu lassen. Rom konnte zickig sein bei Korruption.
Überhaupt ein schräger Fall fand der Ritter mit dem Speer (pilatum). Der Nazarener war, das beunruhigte ihn, eigenartig entspannt, zumal er eine Vorsehung für sich als Messias anführte und vom Willen seines Herrn Vaters sprach, den der Römer aber gar nicht kannte. Mit alldem erstaunte mich meine Geschichte, der ich gestern den höchsten Feiertag erfuhr, auf den Katholiken noch bis morgen warten müssen. Claudia also.
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KARFREITAG.
„Es ist vollbracht.“ (der Nazarener)
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WAS JETZT ALLES GRÜN IST.
Gestern Mittag schiele ich auf das Nachrichtenfernsehen und sehe als newsreel, dass die Rüstungsindustrie gern von der EU als NACHHALTIG eingestuft würde. Was jetzt alles grün sein will, erstaunlich. Von der KERNENERGIE als jetzt grüner Energie hörte man das ja kürzlich schon.
Jetzt also auch Panzer. Kernwaffen sind besonders nachhaltig, schon von der Halbwertszeit her. Massenvernichtungswaffen stehen also vor einem völlig neuen Markenprofil. Ich starre auf n-tv. Dann sehe ich Anton Toni Hofreiter, den bayrischen BUTTERBLUMEN-STRIEZI, im TV, wie er dem Kanzler mangelnden Kriegswillen vorwirft. Der Düpierte findet in den Söderschen Politikstil. Das Problem, sagt er, dessen Partei in der Koalition sitzt, läge im Bundeskanzleramt. Illoyal bis auf die Knochen. Wie erträgt die Ampel den? Es gibt auch eine solche Stimme aus der FDP; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Bleiben wir bei dem Burschi! Er fordert ultimativ schwere Waffen für die Ukraine. So geht jetzt also Friedensbewegung: „Frieden schaffen / Mit Angriffswaffen!“ Ich staune. Schon der taubenblaue Anzug, den der adipöse Biologe sich jüngst bei Ulla Poepken besorgt hat, irritiert mich. Nicht nur wegen der gänzlich ungewissen Konfektionsgröße. Aus welchem Stoff? Ist das auch gerecht gehandelte Baumwolle?
Sieht mir eher nach Kunstfaser aus, was der Toni da trägt. Der grüne Bellizist kleidet sich in Kunststoff. „Frieden schaffen/ In Plastiksachen!“ 100% Polyester: das ist jetzt Öko? Nachhaltig soll ja neuerdings auch der Dress sein; steht jetzt bei H&M an jeder Unterhose, dass die in ihrem vorigen Leben eine PET-Flasche war. Nachhaltigkeit, eine Leerformel; das ist der Lehrsatz.
Zum politischen Kalkül, einem Narrativ, dass man die von Russland überfallene Ukraine zügig und schwerstens aufzurüsten habe, damit sie für uns (!) siege, dazu sage ich als Deutscher nichts. Der grüne Hofreiter ist ein politischer Idiot. So über dieses Osteuropa zu reden, als Dispositionsraum der Hegemonialen Mächte, das hat eine historische Dimension, die mich sehr nachdenklich stimmt. Wenn der deutsche Bundeskanzler nicht Hänschen Voran spielt, sondern auf die NATO-Verbündeten schaut, habe ich das nicht zu kritisieren.
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SCHULE DES LEBENS.
Zum Gespött meiner Jugend gehörte der Beruf des Schiffschaukelbremsers. Fasziniert haben mich Kirmesboxer, Teslafahrer und Raupengrabscher. Helden, aber auch Halbseidene. Fahrendes Volk. Aber der Reihe nach.
Fronleichnam ist heute, ein sehr katholischer Feiertag, an dem man in Prozessionen Monstranzen vor sich herträgt mit einer geweihten Hostie, was die Anwesenheit des Körpers des Herrn („vron“) feiern soll; viel religiöser Humbug. Für Kinder des Reviers war dies ein ganz eigener Festtag: es eröffnete die Fronleichnamskirmes in Oberhausen-Sterkrade, ein Volksfest gigantischen Ausmaßes, jedenfalls für Kinderseelen.
Und eine Schule des Lebens.
Exemplum Nummer Eins: Die Boxbude. Ich entdeckte früh, dass die jungen Männer aus dem Publikum, die die zahnlosen Matadore nach Strich und Faden verdroschen (das Publikum johlte vor Vergnügen) immer die gleichen waren. Volksschauspieler der Kategorie „Junger Mann zum Mitreisen gesucht“ (Plakataufschrift). Nur ab und an ließ sich ein Betrunkener von seinen Saufkumpanen in den Ring heben, der dem wirklichen Publikum entstammte; das ging eigentlich immer übel aus. No dutch courage.
Exemplum Nummer Zwei: Der Autoscooter. Die kleinen Elektrogefährte waren mit dicken Ballonpolstern ummantelt, so dass man es auf willkürliche Crash-Situationen geradezu anlegte (insbesondere weibliche Festplatzbesucher zum Ziel nehmend). Bezahlt wurde mit Chips, die vorher am Kassenwagen zu lösen waren. Die jungen Männer des Mitreisens hatten allerdings eine Art Schuhlöffel, den sie in die Chipschlitze steckten und so unbegrenzt fahren konnten; man rettete damit auch schon mal festgefahrene Mädchen (was unsere Bewunderung wie Neid erzeugte). Die mit dem Schuhlöffel waren die Helden der Selbstfahrerinnen. Dicke Hose.
Exemplum Nummer Drei: Die Raupe. Ein rundlaufendes Karussell mit einer Berg-und-Tal-Strecke, das hohe Geschwindigkeit aufnahm und für die letzten drei oder vier Runden das Verdeck schloss, die Passagiere also in eine erwartbare Intimität hüllte. Die örtlichen Jungfrauen entstiegen der Raupenfahrt dann mit einer leichten Rötung der Wangen, um sich im hinteren Teil der Raupe zusammenzuscharen, auf dass sie ein junger Mann zu einer erneuten Fahrt einlüde. Der Knabe in mir war fassungslos, der Mann ahnte was.
Die Sterkrader Fronleichnamskirmes. Wer so sozialisiert ist, der meidet Mutbeweise, fährt wie Elon Musk elektrisch und ahnt, warum sie Miniröcke tragen, die Luder. Auf zur Geisterbahn.