Logbuch

DER DICHTERFÜRST.

Bert Brecht gilt als einer der bedeutendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Er ist es. In diesem Jahr wird er 125 Jahre alt, also gefeiert. Ein Ozean an Dummheiten wird über ihn geschrieben werden. Ich leide schon jetzt.

Fangen wir mit seinem Geburtsort an; es wird notorisch Augsburg genannt. Das ist nicht in seinem Sinne. Wir lesen in seinem autobiografischen Gedicht VOM ARMEN B. B. folgendes: „Ich, Bertolt Brecht, bin aus den schwarzen Wäldern. / Meine Mutter trug mich in die Städte hinein, / Als ich in ihrem Leibe lag…“ Daran haben sich Generationen von interpretationswütigen Germanisten die Arme gebrochen, an der Symbolik der schwarzen Wälder, deren Kälte den Dichter nicht verlassen sollte, als er in den Asphaltstädten hauste. Ein Todesmotiv?

Mich fragt ja keiner. Der Großvater Brechts stammt aus Achern bei Sasbach-Walden im Rheingraben am Rande des Schwarzwaldes. Dort hat der Knabe Brecht häufig seine Sommerferien verbracht. Willst Du von Achern nach Augsburg, fährst Du durch den Schwarzwald. Im historischen Brechthaus war vor Jahrzehnten mal eine Arztpraxis, die ich, in das Elsass durchreisend, aufzusuchen hatte. Der Weißkittel dort hat mir das erzählt, mit dem armen B. B. und seiner Bude.

„Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich / Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit / Ich Bertolt Brecht, in die Asphaltstädte verschlagen / Aus den schwarzen Wäldern, in meiner Mutter, in früher Zeit.“ Bayern möge also aufhören, den Dichterfürsten für sich zu reklamieren; das ist das eine. Das andere ist, der notorische Pascha nennt zu seiner Abstammung keinen Vater, sondern nur den Mutterleib. Er kriecht unter den Rock. Später den der Helene Weigel.

Das wird ein ganzes Leben lang so bleiben. Länger noch. Selbst bei seinem Grab in einer Ecke des Dorotheenstädtischen Friedhofs muss er über die Weigel steigen, wenn er nachts mal durch die Asphaltstadt Berlin schlendern will.

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VOLKSTÜMLICH.

Der große Dichter Bert Brecht war ein Gegner des Volkstümlichen. Sein Einwand: „Das Volk ist nicht tümlich.“ Anmerkung zu Politik im Karneval.

Oft fehlt der Politik das menschliche Antlitz. Das stört selbst jene Machthaber, die ansonsten zu Zumutungen neigen. Das ist die weiche Seite der ganz Harten: sie wollen gemocht werden. Die politische PR empfiehlt dazu das Bad in der Menge einschließlich dem Herzen von Kindern. Oder sogenannte Homestories, die den Despoten bei Mutti zeigen. Oder im Keller mit seiner Märklinbahn.

Ich kriege einen Auftritt der ehemaligen saarländischen Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer im dortigen Karneval nicht aus dem Kopf, in dem sie als Putzfrau Gretel volkstümelte. Es war peinlich. Und diese Peinlichkeit tilgte sich nicht mehr als sie als Parteivorsitzende und Verteidigungsministerin um Würde rang. Die Parodie war am Ende dann doch authentischer als das Original.

Auch von Herrn Söder sind solche Überinszenierungen bekannt. Der sauertöpfische Wähler bemerkt die Absicht und ist verstimmt. Der unbedingte Geltungswille des Narzissten bleibt als Elefant im Raum. Aber vielleicht ist das auch nur ein landsmannschaftlicher
Vorbehalt eben jener Stämme, denen die Albernheit nicht als Brauchtum in die Wiege gelegt wurde.

Siehe Orden wider den tierischen Ernst. Wir werden es heute Abend im Fernsehen verfolgen dürfen, wenn die grünen und gelben Mariannes zur Erheischung des Beifalls ihre phrygischen Mützen lüften.

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IRONIEFREI.

Ironie ist ein ganz gefährliches Gewerbe, weil es Zeitgenossen gibt, denen die Gabe fehlt, das Satirische zu verstehen. In der Politik geht sie immer schief. Da der gemeinte Sinn auf das Gegenteil des Gesagten zielt, setzt diese Art des Scherzens eine entsprechende Intelligenz beim Gegenüber voraus.

Den Engländer ist der Schwarze Humor gegeben, den Franzosen der Esprit. Dem deutschen Michel der Bierernst. Ironisches kann er nie. Ich zum Beispiel kann kein Karneval. Eigentlich dachte ich, nichts Dionysisches sei mir fremd, aber ich kann kein Karneval. Anderen ist es die fünfte Jahreszeit; mir bleibt es fundamental fremd.

Motto-Partys? Mit Verkleidung? Nie. Schon zu Studentenzeiten sind wir zwar auf Partys gegangen, in der Regel kurz vor Mitternacht, nie hätten wir aber eine veranstaltet und uns der Passion hingegeben, sich zu verkleiden und Nüsschen einzukaufen für Leute, die die dann in unser Bad kotzen.

Der Wille zur Albernheit ist ja unbedingt im Karneval, Stichwort Kappenzwang; gleichzeitig wird das formelle Brauchtum mit großem Bierernst gepflegt. Historisch soll es im Rheinland eine Karikatur der französischen Besetzer gewesen sein, heute hat es etwas tief Spießbürgerliches. Aber, wie gesagt, ich verstehe davon rein gar nichts.

Zu den wirklichen Klippen gehört der in Aachen verliehene Orden wider den tierischen Ernst. Humorzwang! Der Ausgezeichnete muss eine komische Dankesrede halten. Für die Ghostwriter eine wirkliche Herausforderung. In diesem Jahr ausgezeichnet ist die amtierende Bundesministerin des Äußeren. Das werde ich mir ansehen.

Ich grüble, was ich machen würde, müsste ich für Annalena Baerbock eine komische Rede geistreichen Zuschnitts schreiben. Eine Herausforderung. Ich bin gespannt.

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RESPEKT.

Was mir alles durch den Kopf geht.

Ich bin, weiß Gott, kein Katholik, aber der neue Papst gefällt mir. Zunächst dachte ich, es liegt an seinen sprachlichen Fähigkeiten; er spricht für einen Ami ein ganz passables Englisch, hervorragend Italienisch und wohl auch Spanisch, allemal Latein. Es ist aber etwas anderes. Sein Lächeln deutet an, dass er Humor hat und den Menschen zugewandt ist. Meine eigene Religion ist bevölkert von Protestunten, die alles anstellen, solange es kein Gottesdienst ist. Ich habe den Respekt verloren.

Von Olaf Scholz, dem letzten Kanzler, höre ich, dass er als Pensionär ein Büro mit acht Mitarbeitern unterhalten wird, zum Teil in sehr noblen Besoldungsstufen. Natürlich auf unsere Kosten. Diese Unverschämtheit teilt er mit Angela Merkel, seiner Vorgängerin. Man bewegt sich jeweils in zwei Panzerlimousinen mit jeweils zwei Fahrern. Ein Standard, den man Gerd Schröder verweigert. Der Scholzomat hat aber nichts gebacken gekriegt und ein eigentlich gutes Projekt, die Ampel, vermasselt. Ich habe den Respekt verloren.

Gestern, obwohl ich die Roten immer meide, an einer Esso-Tanke den Wagen gewaschen. An der Halle steht noch immer „Tiger Wash“. Der Slogan „Put the tiger in your tank“ dürfte inzwischen 65 Jahre alt sein. Er versprach längere Laufleistung, höheres Drehmoment und bessere Laufruhe; alles gelogen. Die Tankstellen aller Marken werden rund um Raffineriestandorte oder Tanklager versorgt; überall die gleiche Suppe. Nur die Zapfgläser unterschiedlich eingefärbt. Man sollte sich auch von sogenannten Additiven nicht täuschen lassen. Werbung ist die Lizenz zur Lüge. Sozial tolerierte Täuschung. Gilt für Werbung wie für PR. Ich weiß, dass die Branche und ihre Hofschranzen in der Wissenschaft das anders angesehen haben wollen, aber da fehlt es mir an Respekt.