Logbuch
STRÜMPFE. NICHT SOCKEN.
Als ich noch in Talkshows eingeladen wurde, hatte ich eigens dafür schwarze Kniestrümpfe. Socken gehen gar nicht. Weil man nicht der Nation sein nacktes Schienbein zeigt. Das erinnere ich gestern bei einem Besuch einer englischen Partneruni.
Ich treffe im St. Hildas (no pun intended) in Oxford also zufällig Gillian Shephard, deren Buch über die „Real Iron Lady“ ich mit Interesse gelesen habe. Selbst auf einer Veranstaltung von Alumna ist es eine kleine Sensation, wenn jemand noch in fließendem Latein sein Publikum adressieren kann. Sie erzählt von einem Brief, den die spätere Eiserne Lady ganz am Anfang Ihrer Karriere an ein lokales Paar von Pädagogen geschrieben habe. Darin gebe es folgendes Kompliment (jetzt in Englisch): „You have certainly built up a wonderful team, but then that is the essence of good leadership.” Der Saal wiehert.
Margaret Thatcher war wegen der liederlich autoritären Behandlung ihres eigenen Kabinetts berühmt und ist es wohl noch immer, wie mir das Gelächter zeigt. Jetzt aber zu der eigentlichen Geschichte. Als am 7. Juli 1983 ihr Kabinett (alles Männer, versteht sich) zum Gruppenfoto antrat, setzte sich Michael Heseltine in die erste Reihe. Als einziger der Herren schlug er die Beine lässig übereinander und man sah zwischen Socken und Hosen eine Handbreit nacktes Bein. Jahre später erzählte mir Heseltine diese Geschichte bei einem Dinner in Betsys Wine Bar in Tavistock, Devon. Die Eiserne habe ihn dafür in einer laufenden Kabinettssitzung gerügt. Ein Gentleman trage Strümpfe, aber keine Socken. Gemeint waren Kniestrümpfe. Arbeitsminister Norman Tebbit habe darauf die Bemerkung gemacht, man sei ja das Land der Hosenbandorden.
Das wiederum spielt auf die berüchtigte Konkubine von König Eduard III an, die eines Teils ihrer Unterwäsche (Knieband, engl.: garter) verlustig ging und seine Majestät daraufhin den Hofstaat amüsierte, weil er das Dessous aufhob und sich selbst ans Bein band. Darüber grinsten die Herren im Kabinett und die Eiserne Lady, eine gelernte Krämerstochter, sah sich als Objekt von sozialem Spott. Die Erzählungen um die folgenden Racheakte an den Herren sind Legion.
Logbuch
DIE LEBENSLÜGE.
Britannien patzt. Ein ehemaliges Weltreich kann sich in nostalgischer Wehmut zur Operetten-Republik verzwergen. Siehe das Empire des Commonwealth. Tragisch. Unsere politische Fantasie hat eine Heimat verloren.
Was war denn der Grundpfeiler EUROPAS? Faktisch wohl die befriedeten Nationen Frankreich und Deutschland, vorher vermeintliche Erbfeinde. Gefühlt aber England, das schon mal ein Imperium geübt hatte. Und WESTMINSTER als liberale Demokratie zum Vorbild machte. Aber die Illusion, dass aus dem imperialistischen Weltreich ein demokratisches Europa werden können, war eh nur immer ein naiver Blütentraum.
Das rechtspopulistische Manöver BREXIT hat eine Kernnation Europas in ein peripheres Drittland verwandelt. Vielleicht nicht in den Augen der gekränkten Engländer, Waliser, Schotten und Nord-Iren, aber in den Augen der Welt, also faktisch. Ich fühle mich von einer Geliebten verlassen. Wäre ich Engländer, würde ich, wie John Le Carre, Ire.
Wenn ein Stolzer nicht die Kraft findet, seine Kränkung zu überwinden, so droht er in einer Wahnwelt zu verfallen. Das ist, was wir auf den Inseln erleben. Darüber hinwegzutäuschen hat die Monarchie unter E II R noch so gerade geschafft, aber auch die Kraft dieses Mythos verfällt. Der BREXIT war politische Nostalgie, sprich reaktionär.
Das Bitterste sind die neuen Größenordnungen der globalen Neuordnungen. Man kann dem Weltreich China nicht Respekt abverlangen, indem man auf seine Rolle in Hong Kong verweist, die man im Übrigen schon lange nicht mehr hat. Formosa, ein Gleiches. Egal, was die USA sagen und vorspielen wollen.
Deutschland und Frankreich, also. Eine Wiedergeburt Europas aus dem Gedanken des Karolingischen Reiches? Das wird nicht reichen als Konzept. Eine Wirtschaftsgemeinschaft souveräner Staaten als liberale Demokratien? Klingt gut, aber nicht in allen Ohren, vor allem nicht in Osteuropa. Verdammt viel zu tun.
Logbuch
DIE KRIEGSPARTEI.
Die GRÜNEN sind von der Friedensbewegung aus gestartet und inzwischen zur notorischen KRIEGSPARTEI geworden. Tiefer kann man nicht fallen? Falsch, höher nicht aufsteigen.
Der neue Bellizismus will nicht unbedingt selbst in den Krieg ziehen oder seine Söhne senden, aber andernorts gern an der militärischen Eskalation drehen. Auch aktuellen Kriegsparteien mag die grüne KRIEGSPARTEI Waffen liefern, und zwar alles, was die Rüstungsindustrie hergibt. Der alte Konsens ist längst hin. Nur bei Nuklearem gibt es noch Zurückhaltung, noch. Der gelernte Biologe Anton Hofreiter ist in Statur wie Gesinnung ein Repräsentant dessen. Ein als Hippie getarnter Waffenhändler, so sagen die, die ihn verachten. Aber nähern wir uns dem neuen Waffenfetischismus vorsichtiger.
In der POLITIK gibt es halt nicht nur IDEALE, sondern eben auch INTERESSEN. Das versteht man als Realpolitiker, im grünen Milieu REALO genannt. Und zerfließt vor Selbstmitleid. Man muss Prinzipien auch mal opfern können, wenn sie zwar früher moralisch wünschenswert waren, sich aber gerade sperrig zum wirklichen Leben verhalten. Der große Max Weber hat hier zwischen einer Gesinnungsethik (der Herrschaft des Ideologischen) und der Verantwortungsethik unterschieden. Es soll nicht so sein, dass man seine INTERESSEN leichtfertig verfehlt, nur weil man an seinen IDEALEN festhält. Das Stichwort heißt „flexibler Normalismus“. Verantwortungsethik vor allem für die eigene Macht, als Vorsorge zu deren Erhaltung.
Das klassische Beispiel ist Notwehr, sprich der Verteidigungsfall. Man kann ein friedfertiger Mensch sein, der Gewalt ablehnt; aber wenn man böserweise angegriffen wird, so muss man sich verteidigen dürfen. Sagen wir es klar: Wenn ich auf die rechte Wange geschlagen werde, dann halte ich nicht auch noch die linke hin. Egal, was Jesus dazu gesagt hat. In welcher Notwehr aber befinden wir uns, die wir jetzt Waffenlieferungen an Saudi-Arabien für wünschenswert halten? Was Baerbock dazu sagt, ist doppelbödig.
Bei der SPD weiß man, woran man ist. Olaf liefert nur, was die NATO will. Das nennt er „Abstimmung mit unseren Partnern“. Dort scheint ein flexibler Response der Weisheit letzter Schluss zu sein. Nicht ganz neu, auch der Begriff nicht. Aber das klingt zumindest nicht so kriegslüstern wie bei der grünen KRIEGSPARTEI. Was die grüne Parteiführung gegenwärtig trägt, ist nicht nur eine grassierende Enttabuisierung alter Prinzipien, sondern ostentatives Selbstmitleid. Man ist geradezu gerührt davon, was das Leben alles so von einem verlangt, nur weil man an der Macht bleiben will. Der larmoyante Habeck hat sich noch nie so heimisch gefühlt, sagt er, Tränen in den Augen.
Wenn aus einer Friedenspartei eine KRIEGSPARTEI werden kann, dann schaffen es die Ökos auch noch ATOMPARTEI zu werden; da bin ich mir sicher. Wg. Klima. Vielleicht hat es ja etwas tröstliches, wenn die verqueren Ideale Zug um Zug den wirklichen Interessen geopfert werden. Was für ein versöhnlicher Gedanke. Jetzt bin ich auch gerührt.
Logbuch
EIN ALTES MÄDCHEN.
Der Flughafen in Venedig ist durch neunzig Privatjets verstellt. Ich bleibe im Land und nähre mich redlich. Auf dem Weg von den Höhen des Westerwalds ins Rheintal in die famose TRAUBE zu Vallendar gibt es diese Kurve mit dem ersten Blick ins Tal auf den trägen Strom, den gerade das französische Brackwasser der Mosel noch behäbiger gemacht hat, wo ich mich immer frage, was meine Nation an dieser Plörre so begeistert hat. VATER RHEIN haben sie ihn geheißen und vom DEUTSCHEN ECK geschwärmt. Wie piefig. Ich stehe ja eher auf Frauen.
Ein paar Kilometer flussaufwärts hat der von mir sehr geschätzte HEINRICH HEINE seine Wehmut so formuliert:
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Mährchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“
Es geht dabei um ein altes Mädchen, eine gewisse Lauren Leih, der die Gefährdung der Schifffahrt zugerechnet wird, dort, wo der Vater Rhein noch ein wilder Geselle ist und sich durch Gebirge zu zwängen hat, gefährliche Klippen umspülend. Der alte Mythos sucht den Lotsenfehler des Schiffers der Schönheit auf dem Berg zuzurechnen. Eigentlich ging es der Wehmut Heines aber um das NEIN einer anderen Lauren Leih, eine Hamburger Dern namens Amalie. Alte Märchen um begehrenswerte Mädchen.
Apropos Mädchen und Märchen. Dass das SPD-Präsidium der Gesine Schwan die Redezeit gekürzt hat, um sich ausführlicher der Biografie von Bärbel Bas widmen zu können, das verstehe ich. Keine Schwäne zu preisen, steht einer Partei wohl an, die Schwanengesang nicht mehr ertragen will, da Walsumer Entengeschnatter ihr Herz wärmt. Da sind Größen wie Peter Glotz nur noch Märchen aus alten Zeiten. Ich bin deshalb nicht bas erstaunt; ich kenne den Ton aus dem Pott: Walsum ist halt nicht Venedig. Lauren, leih mich Dein Herz!
Womit wir in der Lagunenstadt sind, über die ernsthaft zu reden, der fabelhaften PETRA RESKI vorbehalten ist. Auch ein Mädchen aussem Pott. Mir bleibt nur eine einzelne Irritation von Venedig in Erinnerung. Die Mitfünfzigerin Lauren Leih, die hier gerade einen Deo-Roller aus Weißkirchen mittels MÄRCHENHOCHZEIT ehelicht, hat das Antlitz einer Zwanzigjährigen und Hände, die gut und gerne neunzig sind. Bei dem ganzen Aufwand mit der MÄRCHENHOCHZEIT und den einschlägigen Oberweiten hätte man das doch einheitlicher gestalten können.
In der TRAUBE zu Vallendar übrigens rosa Tafelspitz mit Pfifferlingen und eine ganze Seezunge in Butter gebraten zu wunderbaren Kartoffeln. Dazu Juffer Sonnenuhr. Sterneküche in angenehm unaufgeregtem Ambiente. Sehr fein. Empfehlung.