Logbuch

WO DIE REISE HINGEHT.

Als ich noch Sprecher eines Autobauers war, habe ich gelegentlich die flapsige Bemerkung bemüht, dass ich kein „car guy“ sei, da ich keine Ahnung von Autos habe. Als mein damaliger Chef, ein Genie von Konstrukteur, das zufällig hörte, stimmte er zu. Mein Spruch war ironisch gemeint, seiner nicht.

Das gesagt habend, melde ich mich in der Debatte um Batterieautos zu Wort. Es geht mir dabei nicht um das Antriebsaggregat, den Motor, sondern die Steuerung der ganzen Schüssel. Wenn ich einsteige und dem Navi sage, wo ich hinwill, leitet es mich als Fahrer an; kein Wunderwerk der Technik mehr; jedenfalls meistens. Aus einer physikalischen Veranstaltung wird zunehmend eine kybernetische. Assistenzsysteme helfen dem Fahrer.

Deshalb ist es korrekt von dem Entwicklungsziel des AUTOMATISCHEN Fahrens zu reden, vielleicht sogar des vollautomatischen. Der amerikanische Hersteller spricht aber von AUTONOMEM Fahren; das heißt selbstständig und eigengesetzlich. Und das ist keine Großmäuligkeit, wie wir sie aus der Werbung kennen. Ich habe Erfahrung mit dem Jargon der kalifornischen Tech-Kultur; die sind ganz und gar ironiefrei. Auch wenn es irre klingt, die meinen, was sie sagen.

Was hier erstrebt wird und am Auto erprobt, das ist nicht mehr nur AI (artificial intelligence), also eine hilfsweise Nachbildung menschlicher Kombinationsgabe. Wir wissen, dass Fahrer:innen wunderbare Wesen, denen es nun mal nicht gegeben ist, rückwärts in eine enge Parklücke einzuparken. Dazu braucht die Künstliche Intelligenz nicht viel: Rupp zupp ist die Schüssel eingeparkt.

Ich bin in einem Alter, in dem man schon mal vergisst, wo man am Vorabend, obwohl stocknüchtern, die Karre abgestellt hat. Das kümmert den Tesla nicht. Ich rufe ihn per Handy und rupp zupp fährt er vor; leer und automatisch (nicht: autonom). Wo wollen die IT-Ingenieure des Wunderautos hin? Das ist meine Weihnachtsbotschaft. Das Entwicklungsziel ist AGI, kurz für Artificial General Intelligence; das menschliche Gehirn insgesamt soll nachgebaut werden. Nicht nur einzelne Funktionen sollen möglich sein, sondern menschliches Denkvermögen überhaupt.

Dafür wäre dann das Wort von der AUTONOMIE angebracht. Die Karre ist dann intelligenter als der Fahrer. Was heute bei Berliner Taxifahrern schon die Regel, gälte dann für alle batteriebetriebenen Schüsseln. Das Auto denkt selbst und eigengesetzlich, auch eigenverantwortlich. Die dazu nötige Rechenleistung ist so hoch, dass ich sie zentral verwalten muss, aber das ist ja heute schon so, dass der Teslalümmel bei jedem Scheiß automatisch im Kalifornischen nachfragt; das ist nämlich, wo dann die AUTONOMIE wohnt.

Bildungsbürgerliche Hausaufgabe: Man lese zum Weihnachtsfrühstück Goethe, Der Zauberlehrling. Vollzug ist zu melden.

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NICHT WITZIG.

Was haben all die Millionen von kurzen Beiträgen in den Sozialen gemeinsam? Was flimmert da auf TikTok, Insta und Threads? Man bemerkt es eigentlich erst, wenn die Feiertagsruhe zwingt, den Ton abzuschalten und dem Gewusel von Kurzfilmen stumm zu folgen. Es herrscht ein ungebrochener Zwang zum Episodischen. Man ist zu Scherzen aufgelegt. Humorzwang. Eine Inflation des Witzigen. Eine Invasion der Gags. Pointen-Parade. Peinlich.

Eigentlich weiß man, dass eine gute Anekdote etwas sehr seltenes ist. So wie ein guter Witz, der durch eine überraschende Wendung plötzlich als geistreich erscheint. Oder urkomisch. Man weiß das, weil eine tolle Pointe selten und aus dem Leiden an unbeholfenen Albernheiten schlechter Witze-Erzähler herumausragt. Wenn aber eine so kunstvolle Erzählform zur Regel wird, ist deren Entwertung zur permanenten Plattitüde vorprogrammiert. Genau das passiert in den Kurzgeschichten der Sozialen. Kaum Esprit. Billige Blödheiten. Und dann und wann ein wenig Porno.

Die Episode war den Alten Griechen ein unbedeutendes Zwischenstück, dass auf der Bühne zwischen zwei große Gesänge geschoben wurde. Jetzt ist der Lückenfüller alleiniger Inhalt. Ein Charme würde darin bestehen, dass die Episode erwartbar etwas Unerwartetes zu erzählen weiß; sie nähme kurz und knapp eine geistvolle Wendung. Ach, wie fad, was stattdessen da in den Sozialen flimmert. Kommt eine Frau beim Arzt. Nicht auch noch an Heiligabend, oder?

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FESTTAGSSTIMMUNG.

Wir sprachen gestern über den Montag als Erscheinungstag des SPIEGEL. Dem ging publizistisch früher freilich ein Wochenende mit den SONNTAGSZEITUNGEN voraus; richtig zu ermessen nur im Mutterland der „papers“, als diese noch aus der Fleet Street (und nicht dem modernisierten Hafen) kamen. Das waren ganze Konvolute von Gedrucktem, kiloschwer und in bunter Vielfalt von Zeitung und Magazinen. Und es gab je nach Couleur und Interesse ein halbes Dutzend.

Ich bezog, wenn auf den Inseln, neben der TIMES den linken GUARDIAN und den rechten TELEGRAPH wie später auch noch die Samstagsausgabe der FT. Das war eine durchgehende Beschäftigung an einem verregneten Sonntag, idealerweise am Kamin, in den man schon mal ganz und gar ärgerliche Supplements werfen konnte. In England sind alle Sonntage verregnet; Ausnahmen von dieser Regel werden ignoriert. Und man liest mit Inbrunst auch jene Schreiberlinge, deren verkorkste Meinung man noch nie geteilt hat, um sich erneut über deren verschrobene Weltsicht zu ärgern.

Ein Gentleman von Format ist stets leicht missgestimmt, was die Welt da draußen angeht, und seiner Hütte in der Provinz („cottage“) zugeneigt, jedenfalls am Wochenende, notorisch auf dem Land. Die modernen Zeiten gehören den geschäftigen Werktagen, die er hinter sich bringt, aber eigentlich verachtet. Dem gemächlichen Sonntag und den dicken „papers“ entsprach ein Textformat, das man heutzutage, da es kaum noch vorkommt, „longread“ nennt, lange Riemen komplexer Themen. Darüber wurde der Kaffee schon mal kalt. Und der Leser klüger.

Aber wir haben unsere Welt verändert. Statt billigem Erdgas aus russischen Rohren frönen wir nun amerikanischem Fracking-Gas aus tiefgekühlten Tankern. Statt einem balancierten Weltfrieden favorisieren wir steile Abenteuer des zürnenden Hegemons. Anstelle von dicken Papieren lese ich Schmales, sehr Schmales auf X. Man kriegt die Nachfahren der alten Blätter nur noch auf einem iPad, was, ich schwöre, nicht das Gleiche ist. Mein Radio (schon immer „Wireless“) füttert sich neuerdings aus dem Weltall, das inzwischen auch X gehört. Ich werde den Weihnachtspunch durch einen Scotch aus der Flasche ersetzen. Vielleicht auch zwei. Oder drei.

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EIN ALTES MÄDCHEN.

Der Flughafen in Venedig ist durch neunzig Privatjets verstellt. Ich bleibe im Land und nähre mich redlich. Auf dem Weg von den Höhen des Westerwalds ins Rheintal in die famose TRAUBE zu Vallendar gibt es diese Kurve mit dem ersten Blick ins Tal auf den trägen Strom, den gerade das französische Brackwasser der Mosel noch behäbiger gemacht hat, wo ich mich immer frage, was meine Nation an dieser Plörre so begeistert hat. VATER RHEIN haben sie ihn geheißen und vom DEUTSCHEN ECK geschwärmt. Wie piefig. Ich stehe ja eher auf Frauen.

Ein paar Kilometer flussaufwärts hat der von mir sehr geschätzte HEINRICH HEINE seine Wehmut so formuliert:
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Mährchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“
Es geht dabei um ein altes Mädchen, eine gewisse Lauren Leih, der die Gefährdung der Schifffahrt zugerechnet wird, dort, wo der Vater Rhein noch ein wilder Geselle ist und sich durch Gebirge zu zwängen hat, gefährliche Klippen umspülend. Der alte Mythos sucht den Lotsenfehler des Schiffers der Schönheit auf dem Berg zuzurechnen. Eigentlich ging es der Wehmut Heines aber um das NEIN einer anderen Lauren Leih, eine Hamburger Dern namens Amalie. Alte Märchen um begehrenswerte Mädchen.

Apropos Mädchen und Märchen. Dass das SPD-Präsidium der Gesine Schwan die Redezeit gekürzt hat, um sich ausführlicher der Biografie von Bärbel Bas widmen zu können, das verstehe ich. Keine Schwäne zu preisen, steht einer Partei wohl an, die Schwanengesang nicht mehr ertragen will, da Walsumer Entengeschnatter ihr Herz wärmt. Da sind Größen wie Peter Glotz nur noch Märchen aus alten Zeiten. Ich bin deshalb nicht bas erstaunt; ich kenne den Ton aus dem Pott: Walsum ist halt nicht Venedig. Lauren, leih mich Dein Herz!

Womit wir in der Lagunenstadt sind, über die ernsthaft zu reden, der fabelhaften PETRA RESKI vorbehalten ist. Auch ein Mädchen aussem Pott. Mir bleibt nur eine einzelne Irritation von Venedig in Erinnerung. Die Mitfünfzigerin Lauren Leih, die hier gerade einen Deo-Roller aus Weißkirchen mittels MÄRCHENHOCHZEIT ehelicht, hat das Antlitz einer Zwanzigjährigen und Hände, die gut und gerne neunzig sind. Bei dem ganzen Aufwand mit der MÄRCHENHOCHZEIT und den einschlägigen Oberweiten hätte man das doch einheitlicher gestalten können.

In der TRAUBE zu Vallendar übrigens rosa Tafelspitz mit Pfifferlingen und eine ganze Seezunge in Butter gebraten zu wunderbaren Kartoffeln. Dazu Juffer Sonnenuhr. Sterneküche in angenehm unaufgeregtem Ambiente. Sehr fein. Empfehlung.