Logbuch
HÄUSER DES GRAUENS.
Der Verlust von Architektur ist im Häuserbau unübersehbar. Ich staune, was im nahen Neubaugebiet so alles an Wohngebäuden entsteht, denen jedweder Charakter fehlt. Man hat sich bei Nutzbauten ja schon an eine monströse Hässlichkeit gewöhnt; dabei war auch das mal anders.
Ein Wasserwerk konnte ein Schlösschen aus Backstein sein, ein Kraftwerk eine Kathedrale. Das 19. Jahrhundert wusste den nüchternen Zweck mit Gestaltungswillen zu verbinden. Das ist verloren; der Hallenbau kennt nur noch Quader unterschiedlicher Ausdehnung. Stillos, weil Zweckbau. Aber auch bei Wohnhäusern, die Menschen beherbergen sollen?
Nun mag der Einzelne eine so karge Erziehung genossen haben, dass darin weder Kunstgeschichte oder Ästhetik eine Rolle spielten; ich habe so einen Nachbarn, der die fehlende Bauordnung in einem unbändigen Drang des Bastelns zur Demonstration der Stillosigkeit nutzt. Soll er. Dies ist ein freies Land. Aber auch die industriellen Anbieter von Fertighäusern haben Architektur verbannt und durch Kitsch ersetzt.
Schwarzwaldhäuser an der Nordsee, Südstaatenbauten in der Eifel, das alles mag noch angehen. Aber der postmoderne Drang zur Verhübschung ist unerträglich. Am Ende kommt dann in den Kitsch noch eine Haustür der Firma Bifa und das Elend ist perfekt. Davor mit Schotter aufgefüllte Steingärten, die das Internet unter dem Rubrum „Gärten des Grauens“ kennt.
Die Priorität in der Nutzung der Wohngebäude hat sich geändert. Ich sehe prächtige Doppelgaragen, die natürlich mittels breiter Auffahrt zur Straße weisen, als Zentrum der Gestaltung. Und daran geklatscht die angegliederten Kleinkemenaten, in denen die Bewohner hausen. Die Garage als Tempel. Das wollen die Roten und die Grünen ja ändern, denen man geschmacklich wie ideologisch ansieht, dass die PLATTE des Ostens sie nicht wirklich schreckt. Ich habe die Theorie, dass Menschen so schlecht bauen, wie sie sich mies kleiden. Siehe Klara Geywitz.
PS: Ich selbst baue im Westerwald ein 350 Jahre altes Bauernhaus im Hampton-Look um. Wer im Glashaus sitzt.
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PETER MACHT DIE GRETA.
Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk macht sich Sorgen um die Ausrottung der Zivilisation, nur weil wir nicht zur Genügsamkeit befähigt sind. Er macht die Greta. Das ist bitter, weil banal.
Ich kenne den belesenen Mann, weil ich mal eine Talkshow im ZDF produziert habe, in der er Gastgeber war. Und ich lese ihn; immer bildungsbewusst, manches ist klug, vieles geschwätzig. Zu meiner Hochachtung gesellt sich das Mitleid mit einem Skribenten, den das Zeilenhonorar schon sehr lockt. Leider habe ich auch ein Werk des früheren Gatten seiner jetzigen Ehefrau gelesen; dann weiß man Sentimente, die hätten privat geblieben sein sollen.
Von der intellektuellen Klasse zwei drunter, ich meine Richard David Precht, kennen wir diesen Habitus des Weltgeistes, der auf den Strich geht. Auch da die Kombi von philosophischer Pose und Gefallsucht, genauer Tingeltangel. Precht hat mal, als er auf einer meiner Veranstaltungen moderieren sollte, für eine Tonprobe Schillers Glocke aufgesagt. Auswendig. Jüngst irrt er; verirrte er sich.
Was Peter Sloterdijk nun vorführt, ist nichts als eine calvinistische Geste. Eine alte Klamotte mit dem Charme einer Hafenhure. Dabei ist philosophisch, um ein Bloch-Wort zu zitieren, das häusliche Setzei mit Bratkartoffeln bis zur Unkenntlichkeit garniert.
Wenn Sie mich fragen: Ja, tut Buße. Schadet nie. Nein, es droht nicht das Jüngste Gericht. Die Natur hat einen anderen Zeitplan. Pflanzt Bäume!
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TELEFONITIS.
Als ich noch Bahn fuhr, weil die Bahn noch fuhr, habe ich mich oft über die Lauttelefonierer geärgert, die ein ganzes Abteil zum Opfer ihres Mitteilungsdranges machten. Jetzt, da sie mich auf mein Auto zurückgeworfen haben, nutze ich munter die Freisprechanlage; informiere mein Gegenüber aber darüber, ob ich allein bin. Und frag, ob es so in Ordnung sei.
Diskretion. Wir brauchen einen Comment des öffentlichen Telefonierens, dringend. Man macht ein Restaurant nicht zu seinem Büro. Punkt. Video-Calls sind der Kinderbetreuung vorzuhalten. Man spricht leise. Bitte auch die Schwerhörigen. Fasse Dich kurz.
Gerade ein Zwischenfall im Frühstücksrestaurant des Ritz Carlton (qualitativ recht gut, Bar am Vorabend dagegen eine Katastrophe). Zwei junge Spanierinnen verzichten auf Headset oder den diskreten Telefon-am-Ohr-Duktus, sondern filmen sich selbst, wie sie laut plaudern. Sie erzählen Freundinnen, wo sie gerade tolles sind. Nun ist Spanisch als solches schon unangenehm, eine Mischung aus Maschinengewehrgerattere und Lispeln, aber eine Oktave zu hoch und überengagiert, schlicht unerträglich. Ich trete mit einem Diener vor die Damen und rege höflich die Nutzung des Headsets an. Man ignoriert mich.
Da steht der Bodybuilder (im Jogginganzug beim Frühstück) vom anderen Tisch auf, baut sich vor den schnatternden Hühnern auf und wird unweigerlich mitgefilmt, während die Damen ihr Smartphone durch das Restaurant schwenken. Er sagt ihnen in ungehobeltem Vorstadtenglisch, dass er das iPhone an sich nehmen werde, wenn sie ihn noch mal ungefragt filmen. „And you won‘t get it back, bitch! Read my lips!“
Das geht natürlich gar nicht; schon gar nicht mit dem sexistischen Ton. Aber es hat was. So wie ich früher an Weiberfastnacht Schlips trug und Scheren einsammelte.
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ALPTRAUM.
Ich notiere hier ungern Banalitäten aus dem gänzlich Privaten; ich heiße ja nicht Thomas Mann, dessen Tagebücher in den Kamin gehörten, wollte man eine Achtung vor dem Literaten erhalten. Noch schändlicher der ebenfalls notorisch überschätzte Max Frisch, der sein Privatleben schlicht verraten hat. Auch bei Feridun Zaimoglu gab es so einen Moment; eine Ex fand ihr Tagebuch in einem seiner Romane. Wenn ich ein Vorbild für das Logbuch nennen müsste, so wäre es das stets diskrete Arbeitsjournal von Brecht.
Aber ich habe schlecht geträumt. Jetzt ist es raus. Wieder habe ich einen Termin nicht halten können. Es passiert mir ehrlicherweise dauernd, dass ich mich verlaufen habe, den Flieger nicht mehr kriege oder den Raum nicht finde. Und neuerdings versagt dann auch immer das vermaledeite Handy. Im Traum, versteht sich. Warum erwähne ich es? Weil ich ein Loblied auf die Segnungen des Top Managements halten will. Du hast nämlich ein Büro, das alle Unbill des Lebens von Dir abhält.
Die Lebenslüge der Arrivierten ist, dass die Verantwortung schwer auf ihnen laste. It‘s lonely at the top. Unsinn, man ist nie allein; buchstäblich nie. Man hat einen Stab. Von der Wiege bis zum Grab. Mein Respekt für den Führenden (sic) liegt nicht darin, dass sie gelegentlich führen, sondern darin, dass sie das immer müssen; stets, ohne Unterbrechung. Die Elite fährt immer Doppelschicht. Ansonsten ist das Leben aber kommod.
Da ist die Chefsekretärin oder Büroleiterin, die immer alles weiß. Da sind Assistentinnen, die deren schlechte Laune auszuhalten haben und sich vor Ort die Hacken abrennen. Früher war da auch einer Deiner beiden Fahrer und Deine Lieblingskutsche. Die Piloten in der Werksfliege wussten, wer Du warst und welchen Wein Du willst. Vor allem ist da immer irgendwo im Hintergrund Dein Mann für‘s Grobe, der sich die Hände schmutzig macht, während Du den Sonny gibst. Ich kriegte abends stets einen Tageszettel für den nächsten Tag, den ich dann brav ablief. Und den Herrgott einen guten Mann sein ließ. Easy go.
Ich habe damals besser geschlafen. Jedenfalls hatte ich andere Angstträume. Ach so, das mit der schlechten Laune der Büroleiterin, das möchte ich bitte zurücknehmen dürfen. Mein Luca Brasi sagt, das wäre klüger. Die sei nie launenhaft, habe sie ihm versichert. Ich merke, er hat Angst vor ihr. Nein, sagt er, nur einen Mörderrespekt. Und wenn Luca Mörder sagt, meint er Mörder. In den Vorzimmern haben selbst die Götter zu kuschen. So ist das auf dem Olymp.