Logbuch
PAUKER.
Niemand mag Lehrer. Oberstudienrat Fliegenschiss. Pauker sind ein Gespött. Sehr zu Unrecht. Gute Lehrer formen das Leben; sie sind eigentlich zu loben.
Wenn ich mich fair erinnere, so hatte ich einige gute Lehrer, die mich in jungen Jahren auf den Weg gebracht haben. Ich könnte sie bis heute mit Namen nennen. Und Schulen wie Hochschulen, die uns Eleven wachsen ließen. Weil sie uns forderten. Wer lamentieren wollte, musste lesen. Vorher. Lektürevorsprung. Auch die pädagogischen Flops erinnere ich, aber das sei verziehen; wir waren ja auch nur ein ehrgeiziges Mittelmaß. Und frech.
Ich wurde, wie viele, die die erste Generation an Akademikern in ihren Familien waren, auch Pauker. Ich war das gerne, wenn auch nicht lange. Der Ehrgeiz trieb mich weiter. Aber einige der Berufskrankheiten habe ich doch mitgekriegt. Einmal Pauker, immer Pauker. Dazu gehört, dass man die Blender aus der ersten Reihe am Ton erkennt. Jene Geschöpfe, deren Ambition nicht durch Fleiß gestützt wird, sondern mittels Attitüde.
Jetzt gestehe ich es, das ist es, was mich am Bullerbü-Ton der Grünen stört. Haltung statt Kompetenz. Anspruch statt Arbeit. Mehr Schein als Sein. Sätze wie: „Ich komme ja aus dem Völkerrecht.“ Der Ton der Schummel-Julen.
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TUPAMAROS.
Man bewege sich in den großen Städten wie ein Indianer. Mittels Pfadfinder umgehe man jene Bezirke, in denen die Zivilisation ausgesetzt ist. So nutzen in bestimmten Stadtteilen bestimmte Milieus bestimmte Termine zu blanker Anarchie. Man will beweisen, dass man unregierbar ist.
Jetzt zu Silvester erlebt die FEUERWEHR, dass man sie in Formen des Guerillakrieges verwickelt. Man habe Einsatzfahrzeuge in Hinterhalte gelockt und zu plündern gesucht. KRANKENWAGEN kennen das schon, dass sie im Einsatz Sabotagehandlungen ausgesetzt sind. Gestern warf ein Delinquent einen Feuerlöscher auf einen NOTARZTWAGEN, der mit Patienten eine Klinik zu erreichen suchte.
Es betrifft also nicht nur die POLIZEI, die zu Neujahr mit Pyrotechnischem beschossen wurde. Die ANARCHIE hat Festcharakter und ist dafür gelegentlich an Anlässe gebunden und immer an Milieus. Weiter geht man nicht in der Benennung des Phänomens, weil man nicht der Fremdenfreundlichkeit bezichtigt werden will. Diese Verweigerung der DENOMINATION ist aber ein Teil des Problems.
Ich bin zu Silvester nicht auf geblieben, so wie ich zu Rosenmontag nicht nach Köln fahre oder auf‘s Oktoberfest gehe oder im Hafen von Palermo eine Rolex kaufe. Aber das ist fehlleitend. Wir haben ein Problem mit Milieus ORGANISIERTER KRIMINALITÄT und ihren anarchistischen Rändern. Das betrifft nicht meine afghanische Schneiderin, meine vietnamesische Blumenfrau oder Migration überhaupt. Das betrifft auch nicht Asylbewerber, die ich laut neuem Benimmbuch der Berliner Polizei so nicht mehr nennen soll.
Wo der Staat seine Beamten ermuntert, sein GEWALTMONOPOL aufzugeben, gibt er sich auf und macht ZIVILISATION zu einem sozialen Privileg. Wer ANARCHIE toleriert, schafft ein Brauchtum, in dem sich Kriminelle als Staat im Staat einrichten. Man zieht sich davor in „gated communities“ zurück. Das ist der falsche Weg, den auch ich gehe.
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GUTE VORSÄTZE.
Ins neue Jahr geht man mit Maximen der Besserung, den guten Vorsätzen. Vordergründige betreffen das Gewicht und sonstige Süchte, tiefere den Sinn des Lebens. Bis die Bereitschaft zur Läuterung erlischt.
Gestern gegen Mitternacht habe ich mich im Café Einstein in der Kurfürstenstraße zur Geisterstunde dieserhalben mit einigen Philosophen getroffen. Draußen tobte der Plebs mit Silvestertand, das Café ist ausgeräumt und steht zur Renovierung an, nachts spukt es in dem alten Gemäuer. Umberto Eco machte den Türsteher.
Fangen wir mit der guten Nachricht an: Harald Welzer und Richard David Precht kamen nicht rein; der eine Sozialpsychologe, der andere Germanist. Beide und zusammenwirkend Agenten der Verlanzung der Wissenschaft. Aber Peter Sloterdijk schaffte es. Ich hörte, wie er Eco sagte, er lebe jetzt in Berlin, was nicht so ganz stimmt; der Kerl lebt in Kleinmachnow, weil es für Dahlem nicht gereicht hat. Das ist Brandenburg.
Laut Sloterdijk kommt ASKESE von „üben“ und meint Training, in der Muckibude wie der Kathedrale. Das eint den Türsteher Eco mit dem Prahlhans Sloterdijk: Die haben einen beträchtlichen Lektürevorsprung, leiden aber unter Mitteilungsbedürfnis. Wortkarg wie immer Carl Schmitt, auf den Habermas näselnd einredet. Im Garten Friedrich Nietzsche, ein Pferd umarmend. Zornig Karl Marx an der Bar, weil der SPIEGEL ihn auf den Titel genommen hat.
Ich gehe zu Johann Friedrich Hartknoch dem Älteren, immer eine Freude. Er erzählt von einem Gymnasium, das seine Loge „Zum Schwert“ in Riga unterhalte, um die Waisen von der Straße zu holen und Latein büffeln zu lassen. Und schimpft auf Kant, den alten Hagestolz. Dann doch der gute Vorsatz: SAPERE AUDE. Wage es, klug zu sein.
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ORA & LABORA.
Beten und arbeiten, dazu sind wir, wenn gut aufgehoben, geschaffen. Stattdessen macht der Zweibeiner drei Wochen auf den Seychellen. Sinnlos, aber mit Syph. Und ab und zu Salmonellen.
Ein Freund schreibt mir aus seiner Haftanstalt. Das Novo-Virus ist ausgebrochen. Gut 15% der Insassen leiden an einer hochansteckenden Magen-Darm-Erkrankung. Es soll bereits Todesfälle geben, aber darüber schweigt die Anstaltsleitung; gestorben werde halt immer. Da der ganze Knast unter Quarantäne stehe, kämen die Leichensäcke ins Kühlhaus.
Früher hat man das anders gehandhabt: „Wir lagen vor Madagaskar
und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser,
und täglich ging einer über Bord.“
Gelegenheit, die Sache aufzuklären. Mein Freund sitzt zwar tatsächlich mit tausenden Menschen ein, sein Gefängnis ist aber ein sogenanntes Kreuzfahrtschiff, das mit einer manilischen Crew in tropischen Gewässern schippert, um die Touris zu mästen, und neuerdings ohne den lästigen Landgang.
Ein anderes Mitglied meines Bekanntenkreises unterhält eine fahrbare Einzelzelle mit Gattin, Gasherd und Chemieklo. Da die ersehnten Reiseziele für diese Wohnbüchsen geschlossen sind, haust man zu hunderten auf Abstellplätzen in Vororten. Ich weiß nicht mal, wie die motorisierten Wohnwagen korrekt heißen. Caravan, eine Kontraktionsform von Car und Van, eine Knastzelle auf einem Fiatchassis. Gibt es rauf bis zur Größe eines Reisebusses. Alle richten im Getto ihre Satellitenschüssel ins All, da außer TV-Gucken nix geht, im Vanverließ vor Verona.
Ich könnte weitere Absurditäten berichten. Den Jakobsweg in Cabrio etwa. Oder Überlebenstraining im Odenwald. Die Urlaubszeit zeigt, dass der Mensch mit dem Paradies nichts anzufangen weiß. Er schafft sich temporäre Höllen der Erholung. Bis er wieder ins Büro darf oder ans Band. Bald, Kinder, bald dürft Ihr wieder zurück!
Ich ahne, warum der Ruhestand für viele die Hölle ist. Ganzjährig Urlaub. Das sind dann Durchfall und Erbrechen wirklich mal eine willkommene Abwechslung.