Logbuch
ODE AN DIE ÖDE.
Man verpasst auf der Autobahn durch das unsägliche Thüringen den Ort Weimar nicht, weil eine schreiend hässliche Steinmühle den Wegesrand ziert. Was für eine Öde.
Anfang Juni des Jahres 1831 schreibt Goethe an Eckermann, es sei ab jetzt völlig egal, ob er noch was tue und was, sein weiteres Leben sei ein reines Geschenk. Der Grund dieser Erleichterung ist erschütternd: Er hatte seinen FAUST, eine Tragödie, an der er immer wieder gearbeitet hatte, abgeschlossen und das Manuskript letzter Hand versiegelt. Weimar hatte sein Hauptwerk.
Das ist, was ich an Goethe echt hasse: immer die ganz große Geste, immer eine Nummer zu groß. Der FAUST ist eine völlig überfrachtete Kompilation aus Motiven alter Quellen und Menschheitsposen und als zweiteilige Tragödie schlicht unaufführbar. Übrigens uraufgeführt 1831 in Braunschweig. An einer elenden Provinzbühne. In einer Provinzhauptstadt.
OPUS MAGNUM, das große Werk: ein Etikett, das man sich als Autor doch nicht selbst verleihen kann. Wenn es künftige Generationen als Lob verleihen, na gut. Aber das fängt beim jungen Goethe ja schon mit seinem WERTHER an, der aus dem Hormonstau eines Rechtsreferendars in Wetzlar entstanden ist. Statt die Dame seiner Wahl zu beglücken, mit Lotte zu verlottern, haucht der Dauererregte ihr in die Ohren „Klopstock“; darüber weint man dann zu zweit ein wenig. Poooh.
Wie Braunschweig gegen den Faust spricht, so Wetzlar gegen Werther, eine ungemein belanglose Stadt. Und deren Umgebung galt Goethe als die allerschönste Natur. Es geht um das Lahntal, ein Nichts im Nichts; so wie die Lahn zu den überflüssigsten Flüssen gehört, die den Rhein erreichen. Noch dümmer nur die Oker, die Braunschweig das Brauwasser bringt. Eine Emscher aus dem Harz. Ich sollte mal im Stile Klopstocks eine Ode an das Öde schreiben.
Logbuch
SCHÄRFE DES TONS.
Im Englischen kann man sich davor hüten, dass unterschiedliche Meinung zu Feindschaft wird: „We agree to disagree!“
Vorbildlich.
Mit den Warnern vor der Apokalypse ist es wie mit den Verursachern, sie wollen jede Abwägung verhindern und wissen sich dabei argumentativ im ALTERNATIVLOSEN. Das kann man intellektuell nicht akzeptieren. Wir können, wenn wir wollen; das ist der Zentralsatz des Humanismus. Wollen wir?
Das ist ja das fundamentale Verhängnis in der Politik, wenn sich GEGNER immer und überall zu FEINDEN wandeln wollen. Danach geradezu streben. Die Falle des Carl Schmitt, für die Fachleute unter uns.
Und da verhilft dann auch nicht zu Frieden, was man DEZESSIONISMUS nennt, die vermeintliche Tugend, lieber radikal eine falsche Entscheidung zu treffen, ruckzuck ein Verhängnis einzugehen, als des Attentismus geziehen zu werden.
Bitte immer mit Bedacht. Doch, Ihr wisst, wovon meine Feder spricht.
Logbuch
NACHRUF.
Eine große Persönlichkeit ist in hohem Alter verstorben. All überall Kondolenzen. Einem meiner Freunde fällt auf, dass man dabei von mir kein Wort gehört hat, obwohl ich dem Umfeld angehörte. Nihil nisi.
Die Trauerrede über einen Verstorbenen einen „Nachruf“ zu nennen, das ist klug. Denn es geht im Nekrolog nicht nur um den Ausdruck der Trauer, also die Hinterbliebenen, sondern auch um den NACHRUHM dessen, der da abgemeldet wird. Viele Menschen treibt es schon zu Lebzeiten um, was die Nachwelt ihnen einmal nachsagen wird. Dafür werden Autobiografien verfasst. Die meisten Werke dieser Art sind eher peinlich.
Ich schaue mir also an, welche Legenden über den Verstorbenen aufgerufen werden und lese vieles, an dem er selbst ein Leben lang gestrickt hat. Das werde ich nicht bewerten. Nihil nisi. Wenn er damit durchgekommen ist und seine eitlen Petiten jetzt in die Geschichtsbücher als Wahrheiten aufgenommen werden, so sei ihm das gegönnt. So haben künftige Generationen von Historikerinnen und Historikern wenigstens etwas zu dekonstruieren.
Was mir aber auffällt: Sie haben fast alle ein verstecktes Thema, die Nekrologe. Sie preisen im Medium des Beileids nicht nur den Toten und seine Hinterbliebenen, sondern auch den Nachrufenden selbst. In schlecht verborgener Eitelkeit bricht Eigenlob sich allenthalben seinen Weg. Das berührt mich eher unangenehm. Der Nachrufer mahnt seine eigene Rolle in dem Ruhm an, den er da dem Verstorbenen in gnädiger Geste zubilligt. Nil nisi bonum.
Was soll das mit „nihil nisi“? Über die Toten solle man nichts als Gutes sagen, das ist eine Spruchweisheit aus dem alten Sparta, die es aus dem Griechischen ins Lateinische geschafft hat und irgendwann christlich klang. Man soll, so das Motto, Vergebung gewähren. Man möge die banalen Streitereien doch bitte nicht über das Grab hinaustragen. Einen besonderen moralischen Wert kann ich darin aber nicht erkennen. Friede unter den Lebenden ist mir weit wichtiger als pathetische Totenruhe.
In einem Lied des frühen Brecht heißt es: „All meinen Feinden will ich verzeihen, aber vorher schlage man ihnen die Fresse mit schweren Eisenhämmern ein.“ Und an anderer Stelle im gleichen Stück: „Es geht auch anders, aber so geht es auch.“
Logbuch
BUFFALO BILL.
Wenn der Kapitalismus von der Börse gesteuert wird, beruht er auf Wetten. Nun steht der Wettsport, wenn es denn überhaupt ein Sport ist, bei uns in keinem guten Ruf. Ich sehe in schlechten Stadtvierteln Wettbüros mit einer dubiosen Klientel; von hier bis ins englische Ascot erstreckt sich eine ganze Welt. Aber man sollte nicht so tun, als hätten die Ladies und Gentlemen der britischen Oberklassen die Pferdewette erfunden. Jede antike Vase zeigt Rennen. Pferdewetten sind ein Kulturgut.
Ich habe mal in Gelsenkirchen ein Trabrennen veranstaltet („Aral Pokal“), in Köln den politischen Patron der Galoppierer getroffen, in Hamburg die Einladung eines Kaffeesacks genossen und mir Hoppegarten angetan, wo Loriot fragen ließ: „Ja, wo laufen sie, ja, wo laufen sie denn hin?“ Aber im Grunde habe ich nicht die geringste Ahnung, was den Turf so interessant macht. Außer vielleicht, dass, wer Pferdeverstand hat, dort reich werden kann. Was ja nur geht, wenn der Unverstand verbreiteter ist. Zugleich gibt es das Gerücht, dass es Glücksspiel sei.
Jedenfalls sind Wettschulden Ehrenschulden, also nur eine vage Obligation. Was der Cowboy nicht versteht: Ein Viehtrieb ist kein Pferderennen. Der Rennsport lebt aus seiner Regulatorik. Die Regeln haben streng zu sein, sehr streng, und jedermann beäugt die Befolgung kritisch. Dazu werden eigens Ferngläser getragen. Man könnte die strenge Observation der Jockeys auf jedweden Sport übertragen. Gewinner wird, wer siegen kann, obwohl er die Regeln befolgt. Damit sind wir wieder bei der Börse.
Was der Cowboy nicht versteht: Die Wildwestmanier, in der er Zölle verhängt und wieder zurücknimmt, mag ein Rodeopublikum begeistern, aber ruiniert den Sport. Ein Viehtrieb ist kein Galopprennen. Wo arabisches Vollblut antreten soll, darf kein Hilfssheriff wild um sich ballern. Der Dollar notiert übrigens schwächer. Der Euro steht ganz gut da. Und das ist, man hat es geahnt, genau die gleiche Geschichte.