Logbuch
POLITIK VERDROSSEN.
Über Berlin liegt eine eigene Spannung, eine leise knisternde Erwartung. Die Stadt gespannt und hoffnungsfroh. Man erwartet den amtierenden amerikanischen Präsidenten Joseph Robinette Biden zu einem Arbeitsbesuch. Dazu ist die Metropole faktisch lahm gelegt.
Der Luftraum ist komplett gesperrt. Es fahren keine U-Bahnen oder Züge, die auch nur in die Nähe seiner Aufenthaltsorte kommen könnten. Absperrungen an jeder Ecke. Er ist im Ritz Carlton am Potsdamer und in Bellevue; und natürlich bei Olaf in der Waschmaschine. Der Höhepunkt wird aber vor dem Schöneberger Rathaus sein.
Berlin erwartet das JFK-Moment: Der vergessliche Greis wird mit staksig unsicherem Gang ans Rednerpult treten, den Telepromoter suchen und dann den Satz der Sätze sagen: „Ich bin ein Amerikaner!“ Es ist allgemeiner Jubel geplant.
Ich hoffe nur, dass sein Sohn Hunter seinen Labtop nicht irgendwo vergisst. Man kann es der neuen Rechten leichter machen, als es die Gran Old Party verdient hat.
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HOBBY.
Schon das Wort klingt betulich, ein Steckenpferd haben, dem englischen „hobby horse“ entlehnt, einem Kinderspielzeug. Man sieht vor seinem inneren Auge den Briefmarkensammler. Oder den Hobby-Gärtner, der im Hinterhof Möhren zieht. Noch schlimmer der Hobby-Koch, der sich etwas darauf einbildet, ein Ei auch poschieren zu können, und Freunde zu deren Leidwesen bekocht.
Ich sollte es erklären. Briefmarken waren kleine klebefähige Bildchen von Postillionen, um die einiger Kult getrieben wurde, obwohl es nur Quittungen für die Entrichtung von Transportkosten waren. Früher kam täglich ein Briefträger und übergab Prints an die auf Umschlägen verzeichneten Empfänger. Er zahlte übrigens auch Renten aus und zog die Gebühren für den ÖRR cash ein. Ich habe mein Studium als Post-Zusteller in den Semesterferien finanziert; man ging trotz Bafög Lohnarbeit nach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Man ordnet das Hobby der Freizeit zu, die eine Einteilung ist, die die Fabrikglocke geschaffen hat, nämlich als Nische zwischen dem Diktat des Arbeitgebers und der notwendigen Nachtruhe. Man ging einem Spiel nach, entweder im sportlichen Sinne oder einem kulturellen wie der Musik oder der Frauen vorbehaltenen Handarbeit. Dem Hobby hing immer etwas Skurriles an; der Mensch durfte dabei halt Mensch sein; dabei neigt er zu Merkwürdigkeiten.
Womit wir bei den Bärtigen aus Trier sind. Karl Marx hat der Vorstellung der ENTFREMDUNG einige Aufmerksamkeit geschenkt. Die Fabrikarbeit war entfremdet, das künstlerische Spiel nicht. Der Gedanke ist eigentlich von Friedrich Schiller, der im Unterschied zu Goethe Marxist war. Der Mensch sei Mensch nur, wo er spielt. Ich hatte nie ein Hobby, dazu fehlte mir immer die Zeit.
Wie viele Manager habe ich gearbeitet, wozu ich Lust hatte; dabei unter einem selbstgewählten Konkurrenzdruck, so dass für Muße eigentlich keine Luft war. Es gab in den Aktiengesellschaften aber auch andere. Ich hatte Vorstandskollegen mit Flugschein und eigenem Doppeldecker oder einem Golfhandicap, das nur erwirbt, wer ganztags auf dem Green lebt. Ich kannte einen Controller, der jeden Montag mit der Werksfliege nach Spanien flog, golfte und ab Mittwoch dann wieder im Büro war. Von den Ex-Pats und ihren Hobbys am Ende der Welt gar nicht zu reden.
Kommen wir zur Studienberatung: Machen Sie, junger Mann, was sie dann sehr gut können. Für junge Frauen gilt das doppelt. Und machen Sie es bis zur Erschöpfung. Nur Deppen reden von der „work-life-balance“. Nur Verlierer haben ein Hobby.
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NEOZONE.
Nichts ist doofer als Hannover. Dieser Satz stammt von Kurt Schwitters, der aus Hannover stammt. Und weil da echt nix los ist, gehen die Söhne und Töchter der Stadt mit dem gewissen GARNIX alle in die Politik. Man liest das jetzt allenthalben. Überall Leute von der Leine. Das ist wie mit den Quagga.
Nein, nicht das Zebra, das auch für Fußgängerüberwege zuständig ist; gemeint ist die ebenso gestreifte Muschel. Die Quagga-Muschel stammt ursprünglich aus Süßgewässern im Schwarzmeerraum, wird aber bei uns zur Plage, weil sie sich dramatisch ausbreitet, ein feindliches Neozon. Vom Bodensee hört man schon Klagen über die Trinkwassergefährdung. Jetzt taucht sie auch im Brandenburgischen auf; der Scharmützelsee ist befallen, berichten mir Freunde, die Brecht in Buckow besucht haben.
Warum macht der Russe das? Gute Frage. Entgegen der Beschreibung durch Frau Wagenknecht liegt das Expansive wohl in seiner Natur. Und so kommt dann auf unsere Teller, was der Italiener zurecht Cozze nennt. Aber lassen wir alberne Wortwitze.
Das Quagga-Weibchen ist nach einem Jahr geschlechtsreif und scheidet pro Jahr eine Million Eier aus, die auf hundert Millionen Samenfädchen des Quagga-Männchens treffen. Sein natürlicher Feind ist das Rotauge, was ja zu Wagenknecht passt, das aber durch den Kormoran dezimiert wurde. Er ist also schuld.
Und BP. Denn die Biester kommen aus dem Aral-See. Soviel zum Vorsatz, Wortwitze zu vermeiden.
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IN DIE FLAMNEN MIT DER HEXE.
Ein Sprichwort aus alten Zeiten besagt, dass man die Küche verlassen solle, wenn man die Hitze nicht aushalte. Es soll von dem amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman stammen, der klare Worte liebte, offensichtlich aus einer Zeit, als es noch keine Mikrowellen und Induktionsherde gab. Es ist nichts als ein banaler Zynismus.
Wir müssen heute, da eine Rechtswissenschaftlerin durch die Manege des allseitigen Rufmordes geführt wird, eine kalte Küche beklagen, die eher der Schweinemast vergleichbar ist denn der Haute Cuisine. Schweine zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie alles fressen, vorwiegend Abfälle. Dies ist die zutreffendste Metapher für den aktuellen Niedergang der Meinungsbildung. Wir leben in einem Schweinestall. Alle fressen alles, alle suhlen sich im Morast.
Erzogen worden sind wir mit der erhabenen Vorstellung eines Jürgen Habermas, der das Medium einer deliberativen Demokratie in einem herrschaftsfreien Diskurs sah, in dem sich ein Volk lauterer Seelen zu dem durchkämpft, was Wahrheit bedeutet. Das war immer eine schöne Illusion. Habermas selbst nennt sie „kontrafaktisch“. Eine normative Idee, die ihre Anhänger für wirklich halten.
Sie galt vor allem unter jenen, die ohnehin ein und derselben Meinung waren. Mindestens aber im gleichen Lager lebten. Es ist leicht, sich herrschaftsfrei zu verständigen, wenn man wohlig unter einer Herrschaft lebt. Das galt lange für jene Hegemonie, die ihre Freunde liberal nennen und ihre Feinde „linksgrün versüfft“. So als habe Rosa Luxemburg gesagt, dass Meinungsfreiheit immer die Freiheit des Gleichgesinnten sei. Ein anderer Vergleich: Es ist leicht, katholisch zu sein, wenn Katholik.
Auf X und den anderen Plattformen der SOZIALEN hebt aber nunmehr auch eine andere Schlange den Kopf. Ein zutiefst illiberaler Rechtspopulismus zischelt und verteilt den giftigen Schlangenbiss. Das Phänomen ist nicht neu; man nennt es Propaganda. Das ist jene Fehlinformation, die sich selbst Volksaufklärung nennt. Sie bemüht große Mythen für niedere Zwecke. Propaganda ist kein Fels in der Brandung, sondern tückischer Sumpf; sie lockt den Leichtgläubigen ins Moor und lässt ihn dort untergehen. Wer hier auf noch Bewegung zeigt, endet sicher als Moorleiche. So wie Herr Merz, der die Frage der Frau von Storch beantwortet, ob er auch Kindesmord befürworte. Welch ein Idiot!
Jetzt die eigentliche Nachricht. Es handelt sich nicht um Sittenverfall und Internetinfamie der SOZIALEN. Meinungsbildung war nie anders. Dafür steht jede Hexenverbrennung des Mittelalters. Und man muss schon sehr katholisch sein, wenn man die Inquisition für einen historischen Fortschritt hält, weil damit dann wenigstens aufgeschrieben wurde, warum die Hebamme mit dem Teufel gebuhlt hatte, also den Flammen zu übergeben war.
Nichts ist besser, wenn die Tinte der Spanischen Inquisition heute Markus Lanz oder Elon Musk heißt. Nichts ist besser, wenn sich Propaganda nun PR nennt oder gar investigative Aufklärung. Das schwöre ich bei meinen Pronomen.