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OHRWÜRMER sind ein Leiden, über das Menschen klagen, die musikalisch sind. Die haben dann in irgendeinem Aufzug eine Melodie gehört, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht. Ständig müssen sie das dann nachsummen. Aber nie wird ein richtiges Lied draus. Verflixt! Das kenne ich aber nur vom Hörensagen. Ich selbst bin gänzlich unmusikalisch; das mit den verflixten Melodien ist mir völlig fremd. Aber es gibt wohl auch so was wie GEHIRNWÜRMER. Ich höre einen Gedanken und muss ihn noch Tage nachsummen. Meistens sind es nur Wörter. Genauer gesagt Gegensatzpaare. Kürzlich machte ein Medizinprofessor in einem Interview, das ich mit ihm führte, eine Nebenbemerkung, die mir nachhing. Jetzt lese ich das von ihm auch noch mal in einer großen Zeitung. Verflixt. Der Gedanke ist folgender: Es gäbe WISSEN und GEWISSEN, und das sei nicht das Gleiche. POLITIK ließe sich nicht durch Wissen rechtfertigen, nur durch Gewissen. Anlass in unserem Gespräch zu dieser Nebenbemerkung war Frau Merkel, die im Bundestag der AfD vorgehalten hat, dass es an der Schwerkraft und der Lichtgeschwindigkeit wenig zu rütteln gebe; deshalb habe sie, Merkel, in der DDR eben Physik studiert; den Naturgesetzen hätten selbst die Kommunisten nicht beikommen können. Das finden wir beide, mein Interviewpartner und ich, eher „vorkritisch“, weil schlau, aber nicht klug. Also, es schwirrt in meinem Kopf. Wissen versus Gewissen. In der Politik sollte man, sagt der Professor aus Bayreuth, seinem Gewissen folgen, nicht irgendwelchem Wissen, sprich irgendwelchen Wissenschaftlern. Klingt gut, auf den ersten Blick. Der Mann fordert damit aber doch ein PRIMAT DER MORAL. Gehe ich da mit? Ich bin nicht sicher. Denn das sagen die Irren der Verschwörungstheorie ja auch. Hier entsteht alternatives Wissen, sprich schlanker Aberglaube. Die empörte Moral als Treibstoff des Pogroms. Uhhhh, der Leibhaftige betritt den Raum. Auf der anderen Seite kann ich auch keinen blinden Glauben an Wissenschaft befürworten. Ich weiß zu viel, um zu glauben, dass wir viel wissen. Alle Aussagen über den apokalyptischen Klimawandel etwa, die finde ich vor allem wissenschaftlich dünn. Die Zweifel würde ich auch nicht los, wenn man mich als „Klimaleugner“ beschimpfen würde. In sich unsinnig. Das Klima kann man nicht leugnen. Deshalb fragt KANT so klug: „Was kann ich wissen?“ Wissenschaftelei über Dinge, die ich nicht wissen kann, das ist BULLSHIT. Vornehmer: Physikotheologie. Religion im Gewand von Wissenschaft. Und so summt es in meinem Kopf. Wissen vs Gewissen. Hmmm. Wie nach einer schlechten Aufzugsmusik. Was macht eigentlich dieser Lars Chrismes? Fiel 2020 wohl aus.

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Man kann wissen, was Cato, der Ältere zu Mittag hatte, wenn er zum Senat eilte. Fast-Food-technisch. Nämlich Wild, Geflügel, Fisch und Schnecken. Dazu mit Geschmacksverstärkern gepanschten Wein. Wieso weiß man das so sicher? Vor etwa 3000 Jahren gingen im alten Rom plötzlich die Lichter aus, jedenfalls in Pompeji, das der Vulkan Vesuv unter seiner Asche begrub und damit für alle Zeiten konservierte. Das freut den Archäologen. Dort gräbt man schon 200 Jahre aus. Gestern sah ich das Foto einer römischen Pommesbude in der Presse. Man hat jetzt gerade ein Thermopolium ausgegraben, einen Schnellimbiss für warme Gerichte. Es gab allerlei Köstlichkeiten und natürlich Wein für den eiligen Esser, der durch die Handelsstadt flanierte. Echt beeindruckend. Das Essen ist heute schlechter mit dem Einerlei von Pizza-Döner-Pommes-Currywurst. Pompeji ist schon ein Unikum, weil so authentisch, böse authentisch. Die Skelette der Verkäufer lagen noch hinter dem Tresen, dessen bunte Bemalung uns heute wie frisch gemalt anstrahlt. Eine verlässliche Quelle; zum Schönfärben und Lügen war nämlich in der Katastrophennacht 79 v. Chr. keine Zeit mehr. Man muss ansonsten ja vorsichtig sein mit der Geschichtsschreibung. Mein Lieblingsbeispiel (die Studenten können es schon nicht mehr hören): Rom selbst will gegründet worden sein von zwei zürnenden Söhnen des Kriegsgottes Mars, die er mit einer hochadeligen Nonne (verstoßene Königstochter)als Zwillinge gezeugt haben soll. Romulus und Remus wurden, weil ausgesetzt von der hochwohlgeborenere Mutter, von einer WÖLFIN gestillt und so aufgezogen. Man kennt die Bronzeskulptur. Da stimmt alles: göttlicher Ursprung, aus bestem Hause und das Martialische mit der Muttermilch aufgesogen. Das ist aber PR, eine Heldenverehrung aus dem Mittelalter, gut tausendfünfhundert Jahre später ersonnen. Korrektur der Historie. Der eigentliche Mythos erzählt von Kindesaussetzung (siehe MOSES und SPARTA) und Ammenaufzucht, einer Kultur, in der Kindesverwechslungen bei den Ammen notorisch waren. Die Berufsbilder der Kinderfrau und der Gespielin waren damals noch nicht getrennt. Jetzt der Eingriff: Man gab der kapitolischen WÖLFIN nachträglich die Gründungsinfanten an die Zitzen, weil man den alten Mythos gerne hübscher wollte. Die Sage berichtete nämlich nur davon, dass Romulus und Remus von einer „lupa“ aufgezogen worden seien. Lupa? Da klingelt was beim kundigen Thebaner. Es gab eben nicht nur das Thermopolium (siehe oben) für den schnellen Hunger, sondern auch das Lupanarium für den schnellen Sex. Und dass man Nachkomme von zwei Hurensöhnen sei, das war den stolzen Römern irgendwann mal nicht mehr gut genug. Da wurde der Mythos ins Genialische umgedeutet. Der Hure wurden sie genommen und der Wölfin gegeben, die Gründer. Und so prangt „Mutter und Kinder“ heute in Rom an jeder Ecke und preist den römischen Senat und sein Volk. Stolzer Code: SPQR. Regierungs-PR früherer Zeiten.

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Krisen will man schnell vergessen.

Das ist gesund. Gilt für den Einzelnen, für ganze Gesellschaften. Ein Vermögen des Heilens: Vergessen können. Das gilt auch für Seuchen. Ich lese zufällig bei Kipling ein Gedicht, eigentlich einen Songtext, in dem darüber geklagt wird, dass der Typhus täglich zehn Leute (Soldaten) geholt habe. Alter abgegriffener Band. Wer hat das Kipling-Gedicht übersetzt? Ein gewisser BERT BRECHT. Steht da ohne weitere Angaben, wer das wohl sein könnte. Kann aber stimmen. BB war Kipling-Fan. Also, man vergisst als Gesellschaft nach den großen Kriegen deren Grauen. Aus den Feldlazaretten des braunen Weltkriegs berichtete meine Frau Mutter: „Was haben wir damals amputiert...“ Sie habe ständig Gliedmaßen in die Anatomie tragen müssen. Die junge Schwester sah das Grauen. Dann schob sie, die Überlebende, die Erinnerung weg. Aus der Militärchirurgie stammt der Begriff der TRIAGE. Das ist die Vereinigung eines ärztlichen Kalküls mit einem militärischen. Man flickt jene zu vorderst zusammen, die anschließend wieder schießen können. Feldverwendbarkeit. Aber auch die Arbeitsmedizin wusste so zu denken. Mein Großvater mütterlicherseits hatte nach Verschüttung in einem Grubenunglück ein zerschmettertes Rückgrat, das die Knappschaftsärzte chirurgisch nicht versorgten. Man ließ ihn aber liegen. Als er nach Monaten dem offensichtlich durchgelegenen Bett, zur Überraschung aller, doch wieder entstieg, hatte er einen Buckel. Er wusste zu spotten, das sei halt die Form der Matratze gewesen. Der Knappschaftsarzt nannte das, erinnerte er, kopfschüttelnd „wild zusammengewachsen.“ Er hat seine Rente aber noch auskosten können. Heute sei, lerne ich von einem Transplantationsmediziner die TRIAGE eine Alltagsfrage bei der Organvergabe. Und die Notfallmediziner berichten, dass man bei Naturkatastrophen oder Terroranschlägen gar keine andere Chance habe als zu PRIORISIEREN.
Ich rede darüber mit jemanden, der bei der Bahnkatastrophe in Eschede im Einsatz war und nach dem Tsunami in Asien. All das im Kopf verstehe ich die künstliche Hysterie im Lande nicht bzgl. der IMPFFOLGE. Auf See gilt: Frauen und Kinder zuerst. Jetzt gilt: Erst die Oldies, dann die Retter. Wo ist das Problem? Anstellen bitte. Hinten anstellen. Do not jump the queue!

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IN DIE FLAMNEN MIT DER HEXE.

Ein Sprichwort aus alten Zeiten besagt, dass man die Küche verlassen solle, wenn man die Hitze nicht aushalte. Es soll von dem amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman stammen, der klare Worte liebte, offensichtlich aus einer Zeit, als es noch keine Mikrowellen und Induktionsherde gab. Es ist nichts als ein banaler Zynismus.

Wir müssen heute, da eine Rechtswissenschaftlerin durch die Manege des allseitigen Rufmordes geführt wird, eine kalte Küche beklagen, die eher der Schweinemast vergleichbar ist denn der Haute Cuisine. Schweine zeichnen sich ja dadurch aus, dass sie alles fressen, vorwiegend Abfälle. Dies ist die zutreffendste Metapher für den aktuellen Niedergang der Meinungsbildung. Wir leben in einem Schweinestall. Alle fressen alles, alle suhlen sich im Morast.

Erzogen worden sind wir mit der erhabenen Vorstellung eines Jürgen Habermas, der das Medium einer deliberativen Demokratie in einem herrschaftsfreien Diskurs sah, in dem sich ein Volk lauterer Seelen zu dem durchkämpft, was Wahrheit bedeutet. Das war immer eine schöne Illusion. Habermas selbst nennt sie „kontrafaktisch“. Eine normative Idee, die ihre Anhänger für wirklich halten.

Sie galt vor allem unter jenen, die ohnehin ein und derselben Meinung waren. Mindestens aber im gleichen Lager lebten. Es ist leicht, sich herrschaftsfrei zu verständigen, wenn man wohlig unter einer Herrschaft lebt. Das galt lange für jene Hegemonie, die ihre Freunde liberal nennen und ihre Feinde „linksgrün versüfft“. So als habe Rosa Luxemburg gesagt, dass Meinungsfreiheit immer die Freiheit des Gleichgesinnten sei. Ein anderer Vergleich: Es ist leicht, katholisch zu sein, wenn Katholik.

Auf X und den anderen Plattformen der SOZIALEN hebt aber nunmehr auch eine andere Schlange den Kopf. Ein zutiefst illiberaler Rechtspopulismus zischelt und verteilt den giftigen Schlangenbiss. Das Phänomen ist nicht neu; man nennt es Propaganda. Das ist jene Fehlinformation, die sich selbst Volksaufklärung nennt. Sie bemüht große Mythen für niedere Zwecke. Propaganda ist kein Fels in der Brandung, sondern tückischer Sumpf; sie lockt den Leichtgläubigen ins Moor und lässt ihn dort untergehen. Wer hier auf noch Bewegung zeigt, endet sicher als Moorleiche. So wie Herr Merz, der die Frage der Frau von Storch beantwortet, ob er auch Kindesmord befürworte. Welch ein Idiot!

Jetzt die eigentliche Nachricht. Es handelt sich nicht um Sittenverfall und Internetinfamie der SOZIALEN. Meinungsbildung war nie anders. Dafür steht jede Hexenverbrennung des Mittelalters. Und man muss schon sehr katholisch sein, wenn man die Inquisition für einen historischen Fortschritt hält, weil damit dann wenigstens aufgeschrieben wurde, warum die Hebamme mit dem Teufel gebuhlt hatte, also den Flammen zu übergeben war.

Nichts ist besser, wenn die Tinte der Spanischen Inquisition heute Markus Lanz oder Elon Musk heißt. Nichts ist besser, wenn sich Propaganda nun PR nennt oder gar investigative Aufklärung. Das schwöre ich bei meinen Pronomen.