Logbuch

OBJEKTIV BETRACHTET.

Ich sinne über die Frage eines Studenten nach. Ob man Donald Trump hierzulande zu wenig objektiv betrachtet habe, will er wissen. Zustimmung eines anwesenden Professorenkollegen: Man solle sich immer bemühen, die Dinge doch möglichst objektiv zu betrachten. Ich zögere. Als Sozialwissenschaftler meiner Prägung hat man die NAIVITÄT verloren, die in diesem Bedürfnis liegt. Man versteht den Wunsch, muss ihn aber für „vorkritisch“ halten. Auf Twitter kommentiert ein deutscher Gelehrter sein berühmtes amerikanisches Pendant. Der Berühmte hatte gesagt, die Verabschiedung Trumps fühle sich an wie eine Teufelsaustreibung. Da stimmt dann der Berliner Prof auf eigenartige Weise zu: die deutschen „Mainstream-Medien“ hätten Trump verteufelt. Mal abgesehen von diesem AfD-Jargon: Kann man zum amerikanischen Rechtspopulismus der letzten vier Jahre eine AUSGEWOGENE Position einnehmen? Die Ära Trump objektiv sehen, also einschließlich ihrer unbestreitbaren Vorzüge? Das eine gegen das andere wägen? Um solche Urteile bemühen sich ja Historiker, jedenfalls die Feuilletonisten unter den Historikern. Las gerade die Besprechung einer Würdigung von Metternich als europäischem Friedensfürsten. Der Metternich vom tanzenden Kongress. Ich hatte ihn für einen bitterbösen Agenten der Reaktion gehalten; war wohl kein objektives Urteil. Tja, wie findet man zu Phänomen der großen Politik ein ausgeglichenes, ein ausgewogenes Urteil? In der DDR war auch nicht alles schlecht, höre ich, insbesondere aus der Nachfolgepartei der SED. Man solle doch bitte zögern, wenn die DDR Unrechtsstaat genannt wird. Wie kann eine Diktatur dies objektiv gesehen nur zum Teil gewesen sein? Mit dem Dritten Reich fange ich erst gar nicht an. So viele Fragen. Also gut: Wenn Joe Biden nicht zum Messias taugt, so aber doch diese Kamela Harris, weil sie Frau ist und Migrantenkind. Ich habe eine brillante und sehr anrührende Rede von ihr gehört; ich war gerührt. Ist das jetzt objektiv? Jedenfalls moralisch erhaben. Man sieht: Nur wer moralisiert, hat ein scharfes Schwert.

Logbuch

KINDESVERTAUSCHUNG.

Die früher verbreitete Angst, dass Kinder vertauscht worden seien, beruhte auf dem AMMEN-Wesen. Um sich nicht die Brüste zu ruinieren oder auch nur an das schreiende Balg Tag und Nacht gebunden zu sein, gab die sozial hochstehende Mutter häufig den Säugling (!) an eine Amme zu Zwecken des Stillens ab. Um Milch zu haben, hatte diese natürlich eigene Kinder neben den überlassenen Säuglingen. So lag im Vor-Milupa-Zeitalter die Gefahr einer Vertauschung der Hochwohlgeborenen mit ihren Kameraden niederer Herkunft nahe. Zu der Haupttätigkeit des Stillens mag noch eine Nebentätigkeit gekommen sein. Oder umgekehrt. So hieß die Kapitolinische WÖLFIN, die Romulus und Remus, die Gründer Roms, gestillt haben soll, in den antiken Quellen LUPA, umgangssprachlich die Bezeichnung für Freudenmädchen. Romulus und Remus sollen auf eine Vergewaltigung des Kriegsgottes Mars zurückgeführt werden können. Eine Lupa zog sie auf. Ich glaube, es gab sogar den Begriff des Lupanariums für Bordelle. Der römische Mythos der wolfsgestillten Götterkinder geht (wie fast immer) auf einen griechischen Mythos gleicher Erzählung zurück. Und die Bibelfesten unter uns kennen es aus dem 2. Buch Mose. Der kleine Mosche wurde von der Tochter des Pharaos im Schilf des Nil gefunden und an eine Amme gegeben, die aber, wie der Zufall es will, seine leibliche Mutter war. So oder so ähnlich. Jedenfalls waren die Gründer Roms „sons of a bitch“, bevor man im Mittelalter den antiken Mythos politisch korrekt machte und lupa mit Wölfin übersetzte und vorhandene Skulpturen so umgestaltete, indem man die hungrigen Knaben einfach unter Mama Lupa setzte. Fertig war das Narrativ. So wie die Geschichte des Ammenwesens noch geschrieben werden muss, gilt das auch für die Kindesaussetzungen. In Schilfbötchen am Nil oder Tiber oder Gewässern des kriegerischen Sparta wurden sie, die ausgesetzten Edlen, einfach ihrem Schicksal überlassen. Eigenartige Geburtenregelung. Brutale Zeiten.

Logbuch

SOUVERÄNITÄT.

Wenn einem nichts etwas anhaben kann. Unverletzlich erscheinen. In sich selbst ruhend. Kühlen Kopf bewahrend. Vielleicht eine Spur zu feinsinnig, aber intellektuell über den Dingen schwebend. So war mir der Zeitgeistphilosoph geschildert worden. So hatte er sich in Vorträgen und Büchern inszeniert. Seine Bücher zu allen möglichen Themen waren immer zu vorderst Bücher über ihn selbst. Nein, das muss man präziser sagen: Seine Bücher über seine Lieblingsthemen waren Bespiegelungen seines Rollenideals. Er hatte sich ein facettenreiches Ego gebastelt, über die Jahre. Feingeist vom Dienst. Und dann macht er diesen einen Fehler. Er bestellt, unkonzentriert oder abgelenkt, im Kaffeehaus mittags „Forelle blau“, die Tagesempfehlung. Man nimmt nie die Tagesempfehlung, also das, was nach Meinung der Küche weg muss. Das so fahrlässig gewählte Lunch lässt auf sich warten. Er rügt missgestimmt die Kellnerin. Dann, sein Hunger bedrängt schon seine Stimmung, kommt der Fisch. Stattlicher Größe prangt er auf einer regelrechten Platte und schaut ihn nun mit tauben Augen stumm an. Das Tier ist am Stück. Mit Kopf. Das Maul geöffnet, die Augen vom heißen Sud weiß. Ich bemerke, dass er den Anblick nicht erträgt. Ungeschickt zieht er ein Blatt der Salatgarnitur über die toten Augen der Kreatur. Das Salatblatt verrutscht, der Fisch lugt darunter hervor. Man hatte ein Filetchen erwartet, aber nun einen Körper, einen ganzen Leichnam zu öffnen. Er beginnt es, irritiert wie er ist, gänzlich ungeschickt und stochert fahrig mit der Gabel in dem Fisch herum, Happen suchend. Dann passiert es. Während er versucht die Facon durch Parlieren zu wahren, bemerkt er im Mund Gräten. Zunächst eine, die er mit der Hand von der Zunge pflückt, verlegen lächelnd, dann ein ganzes Konvolut. Ekel verzerrt seine Züge. Die Gabel bringt das schon Angekaute aus seinem Mund auf den Teller und hebt eine Apfelsinenscheibe über das Gewölke, es dem Anblick mehr schlecht als recht entziehend. Ungeduld ergreift ihn. Die Kellnerin findet sich angeherrscht, sie möge abräumen. Ich hoffe inständig, dass sie nun nichts sagt, doch, wie der Teufel es will, es folgt laut eine Bemerkung dazu, ob der Gast denn Appetit gezeigt habe. Hat er nicht. Ihr Blick ruht kopfschüttelnd auf dem zerpflückten Tier. Kellnerin ab. Vor mir sitzt ein Mann am Ende seiner Nervenkraft. Seit diesem Tag sehe ich ihn mit anderen Augen. Er philosophiert wie früher in erlesenen Feuilletons vom Wesen des Menschen. Und ich kann nur denken: FORELLE BLAU.

Logbuch

DIE KAUENWÄRTER.

Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nur als junger Bengel gekannt, der seinen wortkargen Erzählungen, oft nur Episoden oder Spitznamen lauschte, ohne sie ergründen zu können. Er war ein einfacher und stolzer Mann, der sein gesamtes Berufsleben lang Nachtschichten im Ausbau verfahren hatte; als Rentner in seiner Siedlung zum Knappschaftsältesten gewählt. Sonntags trug er zum Anzug und Mantel einen steifen Hut.

Heinrich verachtete Schwätzer. Er war ein ostpreußischer Protestant und seine oberschlesischen Kumpel, polnisch sprechende Katholiken, durften seines Spottes über Antek & Frantek sicher sein. Er hasste den Barbara-Kult. Die tiefste Verachtung aber legte er in die Verballhornung eines Zeitgenossen als „Kauenwärter“. Damit hatte es folgende Bewandtnis.

Bergleute fahren über eine Weißkaue an und legen in einer Schwarzkaue ab. Dort steht dann eine ganze Schicht unter einer Dusche, nackt und dreckig und bereit, sich gegenseitig den Rücken zu schrubben. Man kannte sich. Das ist kein Ort der Förmlichkeiten. Vorher hatte man gemeinsam im Loch sein Leben riskiert. Und irgendwann hat der Steinstaub allen die Luft genommen. Der Begriff Kumpel hat in dieser Welt einen sehr konkreten Inhalt.

Die Einrichtung von Schwarz- und Weißkauen war eine Verbesserung elender Arbeitsbedingungen im ausgehenden 19. Jahrhundert. Infektionskrankheiten war vorzubeugen. Und irgendjemand musste die Massendusche sauberhalten. Man übertrug dies jenen Invaliden, die nicht mehr vor Kohle konnten. Und diese Jungs hatten eine halbe Schicht Zeit, dummes Zeug zu reden, bis sich die Schwarzkaue wieder füllte. Dort trafen sie dann auf die Verachtung der wirklichen Helden.

Dem Assessor gebührte eine Steigerkaue, mit Wanne. Für Antek & Frantek unerreichbarer Luxus. Und von den sogenannten Kauenfrühstücken der Steiger, da wüsste ich auch zu berichten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Jedenfalls klingt mir noch die abgrundtiefe Geringschätzung in den Ohren, mit der der Hauer Heinrich Kocks jemand einen „Kauenwärter“ nannte.

Deformation professionell. Man hört mit diesen Ohren das woke Geschwätz unserer Tage anders als die Blasierten, die es trällern. Vor Hacke ist duster. Glückauf.