Logbuch
ICH VERBINDE.
Eine beiläufige Nachricht macht mich nachdenklich. Die Telekom stellt ihre Auskunft ein. Damit nimmt eine Epoche ihr Ende, deren Zeitzeuge ich war. Es ist so vieles zwischenzeitlich passiert, dass man ausholen muss.
Ich erinnere mich noch an eine rotlackierte Telefonzelle mitten in dem englischen Dorf, in dem wir unsere Urlaube verbrachten, die einen Münzfernsprecher enthielt, der mit Kupfermünzen zu füttern war, unzähliger Zahl. Von hier suchte ich mein Büro zu erreichen. Die Münzen waren vorher zu sammeln, die eiserne Lady fraß sie wie nichts. Das ging, wenn man die anzurufende Festnetznummer kannte.
Bei einer Verlegenheit konnte man in Deutschland bei der Auskunft ein „Fräulein vom Amt“ bemühen, die einen verband. Ich höre die Stimme noch: „Ich verbinde!“ Übrigens in jüngeren Jahren zuvor noch mit einer automatischen Ansage der Nummer von einem Automaten. In München war es, wer erinnert sich nicht, die „zwounddreißig sechzehn acht“ mit der Konjunktur durch die ganze Nacht. Stichwort Rosi. Es muss dreißig Jahre her sein, dass ich den Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust den Telekomboss René Obermann (vulgo Dobermann oder Obermännchen, ferner Stichwort Maybrit) fragen hörte, ob es Festnetz überhaupt noch gebe; heute wäre die Frage beantwortet. Obermann sah ich später gelegentlich in Montabaur; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Neben der Auskunft gab es, jetzt auch eingestellt, die Zeitansage und den Weckdienst, den ich in manchem Hotelzimmer nutzte, um am nächsten Morgen den Flieger nicht zu verpassen. All das hat das Smartphone abgelöst. Und noch viel mehr. Hotelzimmer haben keine Telefone mehr, alle Festnetzgeräte sind auf Handys umgestellt. Es klappert keine Reiseschreibmaschine namens Erika mehr. Stenoblock bleibt leer. Das iPhone kann am Ende alles. Anmerkung für Robert Habeck: Es kostet einen Tausender.
Was noch anders war: Ich habe aus dem Urlaub Fotopostkarten verschickt an die Daheimgebliebenen. Bei den Inglesen gab es regelrechte Shops für Kartengrüße, auch solche des schwarzen Humors. Alles verloren an das kleine Scheißding aus Kalifornien. So wie Rosi und Erika, nur Maybrit, die ist noch da.
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UNMUSIKALISCH.
Gestern in der Berliner Philharmonie eine Meisterleistung dieses grandiosen Orchesters unter seinem Chefdirigenten Kirill Petrenko mit Smetanas „Vaterland“, sechs Symphonien rund um die „Moldau“ in 75 Minuten ohne Pause durchgespielt, am Ende Achtungsapplaus, nicht mehr.
Das Werk ist von hohem Anspruch, Smetana wollte einen Nationalcharakter der Tschechen aus und mit Musik schaffen, aber eben auch erzählerischer Natur, Landschaftsbilder entwerfend, also zu verstehen. Aber ich stutze schon, als ich sah, dass die erste Geige des fabelhaften Japaners Kashimoto zur Seite gesetzt war und die im Orchester ungeliebte Lettin Sareika übernahm.
Kirill hat die Obsession der Präzision. Exakt führt er das Orchester, einem Uhrwerk gleich. Er dirigiert wie KI. Als die Becken an einer einzigen Stelle eine halbe Sekunde zu früh kommen, tadelt er. Auch pompösen Komponisten nimmt er das Pathos; alles ist von aseptischer Klarheit. Ein durch Sir Simon Rattle verwöhntes Publikum fremdelt und erstarrt. Es gibt ihm drei Vorhänge, aber nur eine stille Begeisterung. Der Saal tobt nicht. Vielleicht ist das gut so. Die Blumen gibt er der hochgewachsenen Lettin, eh klar.
Walter Momper war auch da, alt geworden. Und Graf Schulenburg sah ich, mit Gattin, Pumps mit roten Sohlen. Von Musik habe ich übrigens nicht die geringste Ahnung, ein Versäumnis meiner frühkindlichen Sozialisation und dann ganz sicher der schulischen Erziehung. Der Mann ist unmusikalisch. Übrigens auch in Fragen der Heilsgewissheit. Religiös unmusikalisch. Das ist von Max Weber, wenn ich das recht erinnere.
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DER WELTWEISE.
Einer der drei morgendlichen Kommentardienste, die die Hauptstadt den Frühaufstehern bietet, hat heute einen Professor im Ruhestand zur Lage der Welt. Das lese ich immer gern, wenn ein Vertreter des Plauderwissenschaften sich ZUR PRAXIS DER GALAXIS äußert. Der Weltweise extemporiert. „Es sinkt für Sie, das Niveau!“
Ich habe jetzt eine Frage zur Sache und eine persönliche Anmerkung (ich mag den nicht). Zunächst aber zum Akademischen. Was ist eigentlich die Bezugswissenschaft der Politologen? Ich meine, man kann nicht Physiker sein, ohne mathematisch denken zu können. Man kann schlecht Soziologe werden ohne Großen Methodenschein. Oder Altphilologe ohne Latinum. Aber der Politikwissenschaftler, der plaudert kenntnisfrei. Herfried Münkler ist eine solche Konversationskanaille.
Ein Mann meiner Generation, also eigentlich zur Demut & Weisheit verpflichtet, wagt er sich weltweise in GLOBALES. Wir hören, was der Chinese so macht und wie der Ammi so drauf ist und warum der SCHOLZOMAT nix taugt. Ich habe mal einen dicken Schinken von ihm gelesen über die Mythen der Deutschen. Brav nacherzählt, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung, was das ist, ein Mythos. Kant ist mein Zeuge: Keinen Begriff von einer Sache zu haben, heißt zu schwätzen.
Ich hatte einst in einer Tageszeitung eine Kolumne am gleichen Ort wie Münkler, sagen wir er Mittwochs, ich Montags. Die Redaktion verwechselte nun mal die Fotos und unter seinem Ponem stand mein Name. Der Kerl sieht für meine Begriffe nun wirklich aus wie eine Napfsülze. Statt sich also über das geliehene Antlitz zu freuen, hat er sich doch allen Ernstes bei der Redaktion beschwert. Alter Schwede, wenn überhaupt, dann ja wohl ich wg. Namensverwechslung. Mein Text mit dem mugshot von diesem Mümmelmann…
Meine Kolumne war in der Meinungsredaktion des linken Blattes nicht sehr beliebt; die dort residierenden Damen fanden mich zu sehr STAMMTISCH. Und was soll ich sagen? Da ist was dran. Früher waren Zeitungen auf dem Niveau ihrer Redakteure, heute auf dem ihrer Leser. Es sinkt für Sie, das Niveau.
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MEMENTO MORI.
Gestern durfte ich mit der Blonden einen Wein verkosten, der ihr nun gar nicht schmeckte. Erster Hinweis: Die Blonde, englisch „the blond“, ist keine natürliche Person, sondern eine literarische Figur des großen A. A. GILL, eines verstorbenen Journalisten meiner Generation, den ich sehr schätze. Er ist der mit Abstand beste Restaurantkritiker, den ich je kennengelernt habe; von großem Biss („acerbic“) und für mich mit einer gewissen Tragik. Dazu mehr am Schluss. AA Gill nutzte die Blonde als rhetorische Figur, um über zwei Menus berichten zu können, seines und ihres; ging aber oft allein essen und meist nur zum Lunch (wenn er auch dabei das Dinner nahm).
Es gab gestern bei Carl&Sophie einen Rheingauriesling von Wegeler, der schon ein gutes Jahrzehnt in der Flasche war. Das können sie in Oestrich-Winkel. Ich fand ihn großartig und die Blonde sagt, er schmeckt nach Reifen. Wie kann ein Winzersekt nach Reifen schmecken? Nun gibt es beim Wein drei Säulenheilige, den Önologen, den Sommelier und den Connaisseur. Zunächst zum ersten, dem Winzer. Mein Rat, besuchen Sie ihn; sagen Sie ihm vorher, dass Sie sicher einen Kofferraum voll erstehen werden und dann lassen Sie ihn in seinem Keller reden. Fragen Sie ihm Löcher in den Bauch. Das wird ein Bildungserlebnis.
Mit dem Weinkellner im Resto reden wir gar nicht. Das ist immer ein eitler Fatzke, der dummschwätzt. Man nennt seine Geschmacksrichtung und das Preisniveau. Damit lässt man ihn machen. Nur der Connaisseur labert mit dem Dackel im Frack. Wir lauschen dagegen der Blonden und widersprechen nicht. Das befördert den weiteren Abend. Von mir aus eben Reifen.
Der Önologe erzählt vom Winzersterben, vielen Familienbetrieben geht es an den Kragen und der Winzer greift zum Strick. Er sagt: „Da müssen die Bäum dann starke Äst haben.“ Erinnert mich an AA Gill, der von seinem nahenden Tod wusste und das Wissen mit seinen Lesern geteilt hat. Bittere Stücke, die letzten. Man wusste, dass sie das sind, die letzten. Und so war es dann auch. Mit wem die Blonde jetzt wohl geht?