Logbuch

FAN VON FREUDE.

Der Bundeskanzler hat sich gegen die Stimmung im Lande gewandt und eine zunehmende Nörgelei beklagt. Das Fernsehen gebe den Übellaunigen zudem noch freigiebig Raum. Dabei sei doch so vieles einfach toll.

Sind wir ein Volk von Grantlern, um das bayerische Wort zu bemühen? Fehlt es den Germanen an gutgelaunter Frohnatur? Vermiesen wir dem siegreichen Sauerländer Merz den Ruhm durch Misanthropie?

Der Kanzler hadert mit dem dunklen Nationalcharakter. Das verstünde man noch, wenn nicht als philosophische Attitüde, so doch als menschliche Regung, wenn er selbst, der Beschwerdeführer, von Scherz, Satire und Ironie getrieben.

Dabei ist er fad. Er macht das ja nicht schlecht. Aber eben auch nicht frei von Vordergründigem. Kubicki kann komisch sein, Gisy und Giffey haben Humor, Merz ist glatt, einfach zu glatt. Wenn unsicher, wirkt er arrogant. Effizienz ist nicht Esprit.

Wenn spontan, patzt er. Jetzt will er auch noch geliebt werden. Das aber ist die vornehmste Aufgabe der hageren Richterin aus dem Sauerland, nicht die des Souveräns. Wenn Fan von Freude, geh im Karneval, aber werde nicht Kanzler. Hier heißt das auferlegte Motto: Dienend verzehre Dich.

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VERTRAUEN.

Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.

Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.

Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.

Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“

Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.

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DAS WUNDER DES LEBENS.

Ich breche keinen Stab, aber in der englischen Times lese ich von „surrogate sons“ und erschrecke tief. Welch ein Wort. Eigentlich hatte ich das für privat gehalten, jetzt zweifle ich. Doch ein Politikum? Zwei gleichgeschlechtlich verheiratete Männer in der Regierung Merz haben sich und ihrem Ehemann jeweils im Ausland Söhne besorgt; einer davon ist, weil das hierzulande schlicht verboten, gestern halb zurückgetreten. Der andere noch nicht. Und natürlich haben sich die Herren keine Mädchen bestellt. Das dahinter vermutete Frauen- und vor allem das Mutterbild der Herrschaften entsetzt das Publikum.

Eine Schwangerschaft und die Geburt sind eine so erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigung für Mutter und Kind, dass die Herabwürdigung dessen in ein kommerzielles Mietverhältnis unerträglich ist. Eigentlich sollten sich werturteilend dazu nur Frauen äußern. Die Herren Samenspender, zumal homosexueller Praxis, haben da nun wirklich mal Pause. Wir sind hier schließlich nicht in der Hühnerzucht oder bei „build-a-bear“.

Moderne Zeiten, man kann alles mieten. Die moderne Art eine Ferienwohnung zu mieten bietet AirB&B: man mietet so eine Bude im Internet für eine Zeit und zieht aus, wenn die Zeit um. So wie man einen Leihwagen nimmt. Wenn am Ziel, wird die Karre an den Straßenrand gestellt und gut. Das also ist die semantische Welt, in der heute über das Wunder der Geburt geredet wird, mittels dessen die Frauen unzweifelhaft zum besseren Teil der Menschheit gehören und jede Mutter ein Recht auf ungebrochene Verehrung hat. Mein Ernst.

Ich bin wirklich verstört. Eine christliche, ja katholische Regierung. Und man mietet dreist einen Uterus wie eine Garage? Wollen wir über dieses Frauenbild eine Weile nachdenken? Das muss doch als Missverständnis ausgeräumt werden. Eine Brutkuh, die abkalben soll; und dann ist gut? Während wir mit unseren Genen in kleinen Pappbechern einen Zuchtzirkus veranstalten? Ein Baumarkt für Nachkommen? Schon der Begriff der Leihmutter erscheint mir als ein tiefer ethischer Skandal. Und was ist Regierungshandeln anderes als das Verhalten der Regierenden? Ich bitte um Aufklärung. Sagt dazu bitte der Papst mal was?

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PIRATEN MIT PAPAGEI.

Als ich auf die Welt kam, da rief der Chef seine Sekretärin Frollein Meier zum Diktat; die attraktive junge Dame setzte sich dann mit kurzem Rock und einem Stenoblock vor seinen Schreibtisch und notierte in Kurzschrift seine Korrespondenz, die sie anschließend abtippte. Als ich in den Vorstand kam, gab es noch immer die attraktive junge Dame, sie war auch zu einem Diktat bereit, konnte aber leider ihr Gekritzel hinterher nicht mehr entziffern; sie wusste aber eh, was zu schreiben war und machte das dann aus dem Gedächtnis und eigenem Gutdünken. Frollein Meier war 1952 wie 1992 ein menschliches Wesen.

Heute können das Maschinen, die allerdings im Umgang wie Menschen behandelt werden wollen. Ich soll sie sogar duzen. Den Text muss ich auch nicht vorgeben, da sie das dank AI, sprich Künstlicher Intelligenz, selbst wissen. Ich habe mir gestern  ChatGPT-5 bestellt; dessen Artificial Intelligence übernimmt meine Urlaubsvertretung und schreibt die nächsten drei Wochen hier das Logbuch. Echt? Nein. Soweit werden wir das Anthropomorphie-Gebot nicht treiben. Hier wird es weiter menscheln.

Aber im Ernst, ChatGPT oder Grok? Es handelt sich um einen Papagei, der zwar plappern kann, aber nicht denken. Sein Geheimnis ist ein sehr, sehr großes Gedächtnis an Texten und blanke Wahrscheinlichkeitsrechnung. Der Apparat simuliert Sprechen als Sprache, indem er Vorhersagen trifft, was bisher in diesem Kontext besonders oft gesagt worden ist (er simuliert erwartbare „parole“ und täuscht damit „langue“ vor; für die Franzmänner unter uns). Im Amerikanischen spricht man von „assembled probabilistically“. Das ist im Kern Mathematik, nämlich die Verfügung über eine so große Zahl an Zufällen, dass daraus eine hohe Wahrscheinlichkeit errechnet werden kann. Aus einer Unzahl an Koinzidenz errechnet sich relative Kausalität. Diese mathematische Disziplin heißt Stochastik.

Auf den Schultern der kalifornischen Piraten sitzen stochastische Papageien. Das ist meine Tageslosung.  Und ja, wenn er in seinem Archiv nichts findet, so treibt er seinen Simulationswillen schon mal bis in die Fälschung von Quellen. Natürlich kann AI lügen! Natürlich haust unter der Maske der Vernunft auch der Irrsinn. DeepFake. Wir wissen, dass die kalifornischen Piraten kein Gewissen haben. Warum sollten wir es dann bei ihren Papageien erwarten?