Logbuch

NORDISCHES GESINDEL.

Die Wikinger sind auch nicht mehr, was sie mal waren. Über Jahrhunderte haben sie etwas getrieben, das der Historiker „ufernahe Piraterie“ nennt. Wo ihre Boote sie absetzen, ließen sie sich in den Buchten vorübergehend nieder, um nach Verzehr der Lebensmittelvorräte und Beglückung aller Jungfrauen mit geraubten Schätzen weiterzuziehen. So kommt es selbst im Süden Italiens zu blonder Bevölkerung oder Rothaarigen. Der Wikinger brachte es nirgendwo zur Besiedlung, war aber der Begattung stets zugetan.

Jetzt höre ich auf „classic fm“ von ihnen, einem privaten Radiosender aus England mit klassischer Musik und Werbeblöcken. Das britische Publikum wird umworben, seine Ferien in Norwegen zu verbringen. Die Fjorde seien zu erkunden mittels der hurtig verkehrenden Postschiffe. Dabei reklamiert auch eine Wikinger Firma für sich, die Flusskreuzfahrten veranstaltet, den Rhein runter, die Donau rauf. Na gut, wem es denn im Blut liegt, der soll es anbieten dürfen.

Werbung ist immer ein Kulturspiegel. So auch hier. Es wird gutes Essen ausgelobt und versprochen, dass es keine Casinos an Bord gebe. Gediegen also. Dann kommt es: „Over 50‘s only.“ Man grenzt Gebärfähige als Teilnehmer prinzipiell aus. Kern dessen ist: Keine Kinder, keine Enkel. Das soll ein Glücksversprechen sein? Ich finde diese Kinderfreiheit rundheraus ekelhaft. Als ich meine Empörung zu teilen suche, werde ich instruiert, dass das Kinderverbot inzwischen auch bei maritimen Kreuzfahrten und sogar Hotels üblich sei.

Das ist sittenwidrig. Ich gebe zu, dass schlechterzogene Kinder anderer Leute eine Geduldsprobe sein können. Und ich habe eine klare Meinung zu Prinzlingen aus Asien mit schwarzen Kreditkarten. Aber das „over 50‘s only“ geht zu weit. Wer will auf einem Kahn eingesperrt sein, wo nur Joe Bidens sitzen und Wilmersdorfer Witwen auf den Tanztee lauern. Schwimmende Altersheime! Furchtbar.

Zweite Meinung im gleichen Eintrag. Altersheime können durchaus bewohnbar sein. Mein Herr Vater, der fast hundert geworden ist, hat mit fortschreitender Demenz seine Unterbringung als Pension gelobt, wo er gerade Urlaub mache; das Essen sei wirklich gut und das Personal höre auf‘s Wort. Er war zufrieden, jedenfalls wäre er nicht auf die Idee gekommen, sich dort Kinder, Enkel und Urenkel als Besuch zu verbieten. Die Wikinger sind ein perverses Gesindel.

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KRIEGSFOLGEN.

An der Kurpromenade in Saarow, Brandenburg, verfällt ein Haus. Zur Gründerzeit errichtet war es einst stattliche Sommerfrische für die besseren Kreise Berlins. Dann ging der Erste Weltkrieg ins Land, in dem auch Deutsche jüdischen Ursprungs dienten. Und die Nazi-Zeit zog auf. Die vaterländische Gesinnung sollte sich nicht als Schutz erweisen. 1942 wurden die Bewohner, erzählt ein Stolperstein, in die Vernichtungslager deportiert. Ein Krieg gegen viele Völker, auch das eigene.

Man kann sich denken, wer die arisierten Gebäude, so das Wort der Zeit, dann bis 1945 nutzte. Damit war dann aber unter dem SED-Regime der DDR Schluss. Die befreundete Besatzungsmacht der Sowjets wandelte den Badeort zum Sanatorium, sprich zu ihrem Speergebiet. Selbst Kosmonauten sollen sich hier erholt haben. Die russische Präsenz endete erst 1994. Viele Gebäude wurden, so es Überlebende gab, restituiert. Ich rätsele, warum sich hier für dieses Gemäuer niemand fand. Oder niemand mehr hier etwas aufbauen wollte, was ich verstünde.

Das Dach der Villa ist schon lange eingefallen. Der Regen dringt ein, die Feuchtigkeit verlässt das Gemäuer aber nicht mehr. Das ist der endgültige Verfall. Der gute Architekt führt das Wasser auf kürzestem Weg weg von der Behausung. Nur so hält der Schutz. Wenn das nur mit den Kriegen gelänge.

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JOE SIX-PACK

Joe Biden ist vorbei. Ich denke an den weißen Hilfsarbeiter in der Provinz, der an seinen Monster-Pick-up gelehnt Bier aus der Dose säuft und Maiswhiskey; nennen wir ihn Joe Six-Pack. Was Politik ausmacht, sieht er beiläufig im TV und von dem lokalen Radiosender hört er Klartext. Die Politik soll sich raushalten. Das mit dem Attentat, das hat ihm aber imponiert. Amerika verliert so seine Präsidenten oder gewinnt sie.

Die erhoffte oder befürchtete Nominierung von Kamala Harris zur Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, sprich als Alternative zu Donald Trump, wird die republikanischen Wahlkampfstrategen nun dazu anspornen, Themen zu suchen, mit der sie Harris verhetzen können. Open Season: Die Jagd ist auf und zur Schmähung wird alles benutzt werden, was dem bösen Willen dient. Man muss Joe erreichen, Joe Six-Pack.

Dabei wird der amerikanische Traum seine eigenen Prinzipien mit Füßen treten. Harris ist eine Frau. Sie wird der afrikanischen und asiatischen Migration zugerechnet. Man wird Zweifel an ihrem baptistischen Glauben wecken und Hinduismus entdecken. Zudem soll sie mit einem Juden liiert sein. Soweit also Abstammung, Religion, Geschlecht. Mein amerikanischer Freund sagt, das alles mag Stoff liefern, wird sie aber nicht umbringen.

Es sind zwei Vorwürfe anderer Natur. Die Frau war exponierter Teil der Justiz; sie hat Verantwortung im Staat getragen. Sie ist POLITIKERIN. Die Frau entstammt einer Familie von Akademikern und ist studiert. Sie ist INTELLIGENT. Beides kann man Trump nun wirklich nicht vorwerfen. Mein amerikanischer Freund sagt das mit allem professionellen Ernst des SPIN DOCTORS. Er sieht es mit den Augen des Teufels.

„Erfahren und vom Fach, eine Intellektuelle und Berufspolitikerin?“ Man müsse das mit dem Spatzenhirn des Rednecks lesen. DEEP STATE & IVY LEAGUE? Da kann Joe Six-Pack nur ausspucken. Nicht mal ein appes Ohr hat sie. Eine AKADEMISCHE BERUFSPOLITIKERIN? Ein größeres Stigma gebe es nicht. So viel zum Zustand der Demokratie in Amerika.

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MASCHINE & MENSCH.

Die Maschinen haben uns von der Schinderei befreit. Der Rikscha-Fahrer hat nun ein Moped, Tuktuk genannt. Im Großen war es die Dampfmaschine, die den Zug zog oder die Kohle wie das Wasser aus der Grube holte. Den Weg von meinem Landsitz ins Berliner Büro hätte ich früher laut Routenplaner in 7 Tagen und 8 Stunden erwandern können, mit Nachtruhen also in zwei Wochen; jetzt fährt mich der Selbstzünder in weniger als 6 Stunden. Es ist die gute alte Maschine, die uns allzu harte körperliche Arbeit erspart. Ich verehre sie, die Maschine.

Diese Revolution soll nun auch für die geistige Arbeit anstehen, höre ich. Wir werden uns über vieles nicht mehr den Kopf machen müssen, weil das die neue Maschine namens Künstliche Intelligenz für uns machen wird. Der Rikscha-Fahrer hatte noch einen Abakus, der Steiger schon einen Rechenschieber, ich als Schüler ein Gerät von Texas Instruments, mein Selbstzünder heutzutage ein Navi. Ich muss nicht mehr Kopfrechnen.  Ich fürchte, ich könnte es auch gar nicht mehr; Mathe war nicht meine Stärke. Ich verehre sie deshalb, die Mathematiker.

Eher schon konnte ich Geographie. Jetzt zur Episode. Ich war mit einer Gruppe hochrangiger Rüstungsmanager auf Charles De Gaulle gelandet, um eine Messe außerhalb von Paris auf einem kleineren Flugplatz zu besuchen. Wir bestiegen einen Bus und der freundliche Kollege am Steuer stellte das Navi scharf. Ich schlief ein. Aufwachend sehe ich, dass die Sonne für unsere Fahrtrichtung falsch steht. Wo fährt der Kerl hin? Ich erwähne Le Bourget; er lächelt. Als die Fahrt dann vor einem Museum namens Bordelle endet, sind wir mitten in Montparnasse; der Fahrer hatte uns mit einer Touristengruppe verwechselt und das Navi entsprechend eingestellt. Zwölf Top-Manager nennen einen Algerier einen Deppen und sind es doch selbst. Ich gebe trotz des Desasters ein anständiges Trinkgeld. Mit Taxis raus nach Le Bourget…

Niemals wird ein Auto „autonom“ fahren, auch wenn das der Irre von Tesla behauptet; vielleicht wird es bald „automatisiert“ fahren. Schon jetzt hilft mir die Schüssel dank der Rundumkamera viel. Aber einen dämlichen Touri von einem blitzgescheiten Kernphysiker zu unterscheiden, dass ist dem Pied Noir überlassen, den zu tadeln ich keinen Grund habe. In China, höre ich, weiß der Bus selbst dank Gesichtserkennung, wo man hinfahren soll und wer mitdarf. Da ist der Rikscha-Fahrer inzwischen also übers Moped hinaus. Im Osten geht die Sonne auf.