Logbuch

MÄNNER IN MASSANZÜGEN.

Aus meiner Erziehung ist zurückgeblieben, dass man sich Frauen gegenüber ritterlich verhält; das mag furchtbar altmodisch klingen, aber so hatte man das zu halten, wenn man jenen Ansprüchen auch nur halbwegs genügen wollte, die im Englischen für einen Gentleman gelten. Das vorweg zu all den alerten Klassenkämpfern von oben, die sich gerade aufbrezeln.

Jetzt zu der Institution des Maßanzuges. Als ich in der Mineralölwirtschaft war, galt man als ARALER eher als Proll aus dem Pott, während in Hamburg am Überseering die Edlen residierten. Ich mochte sehr meinen PR-Kollegen Johannsen von der SHELL, interessierte mich aber mehr für den von ESSO. Der trug englische Maßanzüge, weil er in seiner Londoner Zeit bei EXXON solche Geräte aus der Saville Row bekam. Hatte er im Vertrag, jedes Jahr einen, Kosten etwa zwei Monatsgehälter. Natürlich ließ er sich das nicht auszahlen, sondern ging zum Schneider in der Jermyn Street. Sein Wirken in der PR war auch so, er gab den Herrn.

Man kann, wenn knapper bei Kasse, auch JOE‘S FASHION in Kowloon, Hong Kong, aufsuchen; dort wirken aus Indien stammende Schneider wahre Wunder. Insbesondere bei krummen Beinen oder unschicklichen Bäuchen. Bezahlbarer Spaß. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Mir hat als junger Mann imponiert, dass Berthold Beitz erzählte, er habe sich von seinem ersten selbstverdienten Geld einen anständigen Dreiteiligen gekauft. Und mir anschließend geraten hat, in Flanell zu gehen.

Der Dreiteilige als Nadelstreifen sieht leicht nach Mafia aus; ich sage das, obwohl ich in so einem Stück geheiratet habe (unter uns: bei C&A erworben, cheap and awfull). Man trug aber, wenn man auf Vorstandsetagen nicht auffallen wollte, als frischer Assistent den Einreiher in dunkelgrauem Flanell. Weißes Hemd, unauffällige Krawatte, Schuhe aus schwarzem Pferdeleder. Im Kapuzenpulli und Turnschuhen wärst Du nicht mal an der Sicherheit vorbeigekommen.

Jetzt tragen die Leitenden Angestellten aus der Personalabteilung viel zu enge Anzügelchen mit knapp geschlossenem Knopf (Schmetterling) und pöbeln auch bei Damen; peinlich. Da, wo ich groß geworden bin, behandelten sich Bergwerksdirektoren wie Knappen mit Respekt; wenn es hakte, half die Gewerkschaft schon mal nach. Ich erinnere mich noch gut an deren Vorsitzenden Adolf Schmidt. Mein geschätzter Arbeitsdirektor war Fritz Ziegler, in der SPD eine große Nummer. Sozialpartnerschaft hieß die Klassengesellschaft damals. Derivate der Montanmitbestimmung halt.

Jetzt aber zurück zu der Schneiderei. Ich habe einen Tipp. Man kaufe Anzüge ruhig von der Stange, bester Stoff, und zwar eine deutliche Nummer zu groß. Dann gehe man damit zu der freundlichen türkischen Änderungsschneiderin im eigenen Kiez und lasse sich das Ding kleiner machen. Körpergerecht versteht sich. Da ist er dann, der Maßanzug für vernünftiges Geld.

Ach so, und peinliche Kränkungen weiblicher Mandatsträger überlasse man den Schnöseln. Eh klar, oder?

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X-MAS.

Schwanger und keine Bleibe; wie das liebe Vieh nur Unterkunft in einem Stall. Futtertrog statt Wiege; Stroh, wo sanfte Windeln und Babyjäckchen gehörten. Wenn nicht Samt und Seide. Die Weihnachtsgeschichte ist auf Kontraste aus. Hier also soll der dem auserwählten Volk verheißungsvoll versprochene Messias zur Welt kommen? Schwer zum Glauben.

Als Knabe konnte ich, wie bereits erzählt, die Weihnachtsgeschichte auswendig. Es begab sich aber zu der Zeit… Eine Volkszählung stand an, wahrscheinlich zum Zwecke der Steuerschätzung. So tritt dann der Nazarener in die Welt. Ich sehe in der großen Stadt an vielen Balkonen Lichterketten und auf freien Plätzen Berge von Tannenbäumen. Selbst auf dem Land ist das Kitschtabu aufgehoben und brüllend Buntes schreit stumm und dumm in die Nacht. Im Radio erzählt eine schwuchtelige Stimme etwas vom letztjährigen Herzverschenken, das fahrlässig gewesen sei.

Das sind die Restbestände christlicher Mythen, die der Calvinismus uns noch gelassen hat, nachdem er die Bilder in den Kirchen verbrannt hat; wohl auch in unserer Alltagskultur. In unseren Herzen. Wer das strikt Katholische aufgibt, gerät auf eine schiefe Ebene in den Agnostizismus; das sage ich als Protestant. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Hier geht es zunächst um die Frage, wie woke eigentlich Weihnachten ist? Man ist ja schon froh, dass wenigstens die drei Weisen divers angelegt. Und der spießige Trauschein bei dem Zimmermann und seiner Frau fehlt. Eigentlich hätte, bei diesen ungeklärten Verhältnissen bezüglich der Vaterschaft, auch er das Kind kriegen können und Maria sich als Trans lesen. Allerdings ist das demographische Wirken des römischen Kaisers Augustus im besetzten Palästina (sic) unzweifelhaft kolonialistisch, sprich zu canceln. Man wird prüfen müssen, ob das Muslimische nicht am Ende woker. Das ist zwar sechshundert Jahre später, aber das ist als solches nur ein szientistisches Argument. Wahrscheinlich männlicher und weißer Geschichtsschreibung. Man frage das Baby in der Krippe bitte nach seinen Pronomen. Wie liest es sich? Kann ich das Lied von Wham! bitte noch mal hören?

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DAS RECHT AUF LÜGE.

Der schon sehr alte Kant, manche sprechen von dem senilen, stellte sich selbst die Frage, ob man aus Menschenliebe lügen dürfe, und erdachte dazu ein Fallbeispiel. Ein Mörder steht vor der Tür und fragt, ob man jemanden bestimmten, den er suche, verstecke. Soll man nun die Wahrheit sagen, wenn genau das der Fall ist?

Darüber debattieren der Dichter Daniel Kehlmann („Lichtspiel“) und der Philosoph Omri Boehm („Universalismus“), weil der von den beiden geschätzte Kant völlig rigoros geantwortet hat. Man dürfe nicht lügen. Auch nicht unter diesen Umständen. Viele seiner Schüler haben die rigorose Antwort seiner Altersdemenz zugerechnet. Kehlmann führt das Argument eng und fragt den New Yorker Juden Boehm, ob das auch gegolten hätte in der Braunen Zeit und wenn die Gestapo vor der Tür gestanden hätte. Ich will nicht verraten, wie die Debatte der gelehrten Klugscheißer ausgeht, da bei Propyläen als Buch verlegt.

Habe aber doch eine Anmerkung zum KATEGORISCHEN IMPERATIV vom ollen Immanuel. Das Ding lautet nämlich kurzgefasst: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“. Es geht hier nicht um Moral im Sinne eines praktischen Fehlverhaltens, also die Niederungen des Alltagslebens. Wie er überhaupt kein Moralapostel ist. Verfehlungen im Praktischen sind ohnehin dahingestellt. Es geht darum, welche Maxime im Alltag zum Tragen kommt und ob sie lediglich meine banale Niedertracht oder mein Tiersein bedienen kann. Oder ob ich als Mensch handeln will. So, dass das Gesetz meines Verhaltens für jedermann gelten könnte. Der Mensch in diesem Sinne ist immer Zweck, nie Mittel. Klar?

Es geht um eine Debatte über legitime Maximen vor einem aufgeklärten Publikum. Um die Vernunft der allgemeinen Gesetze.  Das ist das Gegenteil von Fanatismus. Und was ist jetzt mit den braunen Bullen im Hausflur? Wenn ich mich recht erinnere, hat niemand die Pflicht, sich selbst zu belasten, oder? Und den Nachbarn? Den doch? Empfehle dazu das neue Buch von Götz Aly („Wie konnte das geschehen?“)

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ZOFF IN HÖHEREN KREISEN.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Das gilt auch für die Magister, wenn sie Doktor werden wollen. Der Wissenschaft selbst ist Wettbewerb nicht fremd, die Universitäten sind zudem kleinbürgerliche Neidkulturen. Wie immer, wenn man ein Übel verkleiden will, erfindet man dafür ein schöneres Wort. Der Betreuer einer Doktorarbeit heißt deshalb Doktorvater.

Ich hatte einen Vater in der Frage; und fühle mich bis heute in seiner Schuld. Mein Gruß geht nach Bochum. Es gibt aber auch Rabenväter, die sich nicht kümmern und die feudale Abhängigkeit ihrer Studenten für ein Erbrecht halten. Der Pflicht zur Brutpflege entspricht ohnehin eher die Rolle der Mutter. Da hatten wir bei uns auch schon, lobenswerte Doktormütter. Alles in allem aber ein schwieriges Milieu von Neidern: Kollegialität auf den Lippen, Niedertracht im Herzen.

Ich selbst habe aus meinen Lehrjahren noch eine offene Rechnung bei einem Mitkämpfer (das heißt Kommilitone ja), der mir damals einen entlegenen englischsprachigen Aufsatz wegschnappte, indem er ihn hinter meinem Rücken kurzerhand selbst übersetzte und publizierte. Kein Verbrechen, aber eben auch nicht fair. Ich war sauer, vor allem über mich, der ich zu leutselig und zu langsam war. Vergossene Milch.

Kaum sind fünfzig Jahre um und ich sehe Gelegenheit zur Rache. Man muss nur lange genug an der Biegung des Flusses sitzen, bis die Leichen seiner Feinde vorbeischwimmen. Die Ratte wird, lese ich, bei einer Literaturpreisverleihung die Festrede halten sollen. Ich sitze, was er nicht ahnen kann, in der ersten Reihe, weil ich den Preisträger kenne, ein Kumpel. Ich war der Entdecker des Dichters. Aus der Laudatio mache ein Debakel, nein, ein Lustspiel, eine Farce! Man war ja lang genug Teil der studentischen Protestszene, um zu wissen, wie das geht. Man komme mir nicht mit Altersweisheit; ich will Rache.

Ich werde mich aufführen, als hätte ich weder Vater noch Mutter. Ich meine, akademisch. Bei längerem Nachdenken fallen mir andere Literaturpreise mit skandalierten Laudationes ein. Vielleicht doch kein so ganz revolutionäres Format. Ich entscheide mich für eine andere Variante. Ich werde so tun, als kenne ich ihn gar nicht. Begrüßung: „Und Sie sind Herr ???“ Das trifft die Ratte mehr als ein Tadel. So mache ich das. Namen und Termin in den Drukos.