Logbuch
ROCK&ROLLER.
Es wäre eigentlich unstattlich über einen älteren Herrn, der allgemein in Ungnade gefallen ist, ein Attribut zu verbreiten, wie jenes, dass er einer der letzten Rock&Roller gewesen sei. Das Wort stammt von Joschka Fischer, Grüne, und meinte Gerhard "Gerd" Schröder, der in diesen Wochen seinen 80. Geburtstag feiert.
Ich werde mich hier nicht über seine Verdienste als Kanzler äußern, auch nicht über die von ihm geförderte Energiepolitik, nicht über seine spätere Tätigkeit als Berater auch ausländischer Unternehmen oder sein Privatleben oder die strukturelle Schäbigkeit seiner Partei.
Was mir hingegen gefällt, ist ein Doppeltes, eine eigenartige Paradoxie im Protokollarischen. Zu einer Geburtstagsfeier ist eingeladen und ich lese von denen, die auf der Liste standen und zugesagt haben, in der Öffentlichkeit bereits Relativierungen ihres Verhältnisses zum zu Feiernden; feige Gratulanten. Und ich lese ebenso peinliche Anschmiegungen von Nicht-Geladenen, die gleichwohl ihre vermeintliche Nähe zur gefeierten Größe bewerben wollen.
Gerd, alter Sack, das ist nicht schlecht für einen Altersgenossen von Mick Jagger. Ach so, ich bin nicht geladen und falle unter das vernichtende Urteil über die zweite Kategorie, siehe oben.
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VERKOSTUNG.
Früher konnte ich Katalogen, die gedruckt in meiner Post lagen, nicht widerstehen. Insbesondere Antiquarisches oder auch nur Antikes oder Anglophiles wusste mich zu verführen. So ist eine Menge Gerümpel in meinen Besitz geraten, um sich nun als Staubfänger zu bewähren. Heutzutage sind es die Sonderangebote, die mich per Mail oder im Netz erreichen.
Es melden sich Weinhändler mit allerlei Tropfen edler Art und ich bin zu faul, um in den einschlägigen Lexika nachzuschauen, wieviel Punkte der jeweilige Kollege bei Parker oder Johnson hat. Daher ende ich oft bei Probierpaketen, deren bunte Mischung die Qual der Wahl ersparen. Professionell ist das nicht. Und wenn mir ein Wein gut geschmeckt hat, vergesse ich den Namen. Vom Connaisseur bin ich Welten entfernt.
Kürzlich hatte ich Zeit und fahre am Tag nach dem gelungenen Dinner zuhause ins Aldi zurück, um von dem guten Tropfen des Vorabends zwei, drei Kisten zu kaufen. Der hatte gerade mal fünf Euro gekostet. Nun, die schneiden die Kisten auf im Aldi, so dass Du die Pullen nur einzeln kriegst. Soll ich wie ein Penner mit einer klappernden Plastiktüte rumlaufen? So blieb es bei zwei Fläschchen.
Jetzt also bin ich auf ein Lockvogelangebot des Weinhändlers Tesladorf reingefallen und bestelle den besten Weißwein Frankreichs, 375 € die Flasche. Alter Schwede. Deren Trick: es gab nur zwei Pullen pro Kunde und das Paket brauchte zwei Wochen. Da war Ostern vorbei. Wie gesagt, wird heute Abend verkostet. Das begleitende Gericht ist noch offen.
Weinpreise. Du kriegst heute im Einzelhandel schon Trinkbares für unter zehn Euro. In der englischen Presse gibt es regelrechte Hitlisten für solche Schnäppchen auf der High Street. Und es gibt das Segment für knapp einen Fuffi, das Tradition hat, aber noch gemeine Handelsware ist. Ganz oben die raren Flaschen für fünfhundert. Im Restaurant mit dem Faktor drei, weil die Getränke die Speisen subventionieren. Kurzum man kann bei Wein jeden Preis finden.
Der Kenner hat es längst bemerkt, wir schwätzen hier von Weißwein. Ich mag keine roten, und wenn, dann nur kalt („très fraîche“). Aber Rotwein kann praktisch alles kosten. Ich bin mal zu einer Flasche Petrus eingeladen worden, in der Temperatur von Kinderpisse und mit einem Geschmack nach Kakao und alter Tennissocke. Der Chinese gießt sich da ja noch eine Cola mit rein. Nicht mein Ding. Morgen mehr zu dem weißen Franzosen.
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DAS TINTENKLECKSENDE SÄKULUM.
Wenn der Schweizer Martin Suter, ein lesenswerter Gegenwartsdichter, seine Hauptfigur „Allmen“ nennt, Johann Friedrich von Allmen, um genau zu sein, so klingt in der Anspielung auf „all men“ ein JEDERMANN. Das ist der Literatur nicht fremd.
Bert Brecht kürzt in seinem Protagonisten „Herr K.“ den Nachnamen „Keuner“ ab. Er erzählt Geschichten von Herrn Keuner. Wenn man nun weiß, dass der Wahlberliner Brecht den Augsburger Ton seiner Jugend nie ganz verloren hat, so hört man „keiner“ in dem Eigennamen; auch ein JEDERMANN.
So geht’s Kennern mit dem „Josef K.“ des Franz Kafka, dessen Verständnis dem Fernsehpublikum gerade durch eine ambitionierte Verfilmung einer elenden Biografie schwer gemacht wird. Auch Kafkas Josef K., der vor dem Gesetz verharrt, ist JEDERMANN.
Die Gutbetuchten unter uns erinnern von den Salzburger Festspielen das so benannte Drama des Hugo von Hofmannsthal, auch das nur eine neue Version des mittelalterlichen Mysterienspiels. Auch den Reichen droht der Tod. Was will ich sagen? Jeder Dichter ist anmaßend; er erzählt von sich und meint doch die ganze Menschheit.
Eigentlich also eine Unverschämtheit, die Nabelschau zur Weltsicht zu machen, aber so sind sie, die Tintenkleckser. „Mir ekelt vor diesem tintenklecksenden Säkulum, wenn ich in meinem Plutarch lese von großen Menschen!" (Karl Moor in Schillers Räubern).
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SONNTAGSBRATEN.
Heute in der SUNDAY TIMES von Charlotte Ivers ein Mörderverriss eines Restaurants, so vernichtend, dass man vor Vergnügen schreien möchte. Tatar wie Tierkotze und Kuhfladen in der Sonne, solche Schoten. Aber natürlich ist die Restaurantkritik im sozialen Nahbereich eine literarische Ambition für die Köche auch schon mal Strychnin an den Reis geben könnten. Jedenfalls Restaurantleiterinnen. Neulich hatte die Blonde ein Zeh-Wie-Che, das aussah wie Zunge in Maurermörtel und schmeckte wie Sjöströmling, um nicht körperlich explizit zu werden. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Sonntagsvergnügen. Den Tag des Herrn mit einer englischen Sonntagszeitung in gedruckter Form zu verbringen, ist ein Vergnügen, das diese nicht mehr gewähren; sie waren mal kiloschwer und randvoll, mit Gewichtigem und endlosen Nebensächlichkeiten. Die kulturelle Flur ist zu einer Schneise verkommen. Ich habe keine Freude mehr daran. Wie mir überhaupt die Herzenswärme abhanden gekommen ist, seit der idiotischste Rechtspopulismus hier seinen Besteckkasten ausgepackt hat. Brexit. Und ab dafür!
Eine kleine Sonntagsmarotte besteht darin, dass ich RESKIS REPUBLIK lese. Da habe ich das mit dem Besteckkasten her. Jeden Sonntag schickt die fabelhafte Petra Reski ein kleines Feuilleton, mit dem sie sich als Autorin und uns als ihre Lesegemeinde pflegt. Immer eine Freude! Sie hat den Charme des Reviers und die Grazie Venedigs vereint und schreibt in einem journalistisch geprägten Stil deutlich oberhalb von Genre. Ich habe sie mal im San Martino in Venedig hinter der Oper angesprochen; sie saß da mit „dem Italiener an meiner Seite“ und nannte mich vor ihrem pissig aufblickenden Gatten „ein Freund von Facebook“; auch hübsch.
Mit Reski verbindet mich auch, dass ihr Vater in Bergkamen eine Lange Schicht verfährt; so nennen das die Montanen, wenn der Berg sie nicht mehr hergibt. Sie gehört zu den stolzen Töchtern der Migranten aus Ostpreußen und Masuren, die an die Ruhr kamen, bevor die Türken für Schicht im Schacht sorgten. Man versteht sich hier ohne den Besteckkasten der rechten Idioten, die sich anschicken, die Welt zu beherrschen. Das werden seltene Orte, an denen noch bodenständig und weltläufig zusammengehen.
Was könnte man am Sonntag noch anstellen? Ein Buch lesen. Vor mir liegt „Krähen im Park“ von Christoph Peters; lässt sich aber schleppend an. Ich könnte eine Restaurantkritik verfassen. Das Problem? Dann habe ich anschließend noch einen Laden weniger, in den ich gehen kann. Ich sollte vielleicht mir ein Pseudonym zulegen. Ich hatte an Jürgen Dollase oder Gabriele Heins gedacht. Hau auf den Putz im Rutz. Obwohl.