Logbuch
KATZENSCHWANZ.
Als was gehe ich denn dieses Jahr? Eine Frage großer Bedeutung, wenn man in Regionen unterwegs ist, die den KAPPENZWANG noch eingehalten sehen wollen. Früher war das leichter: Pirat oder Cowboy?
Ein Kölner Volksschauspieler, der eine gewisse äußere Ähnlichkeit mit mir gehabt haben soll, hat sich programmatisch zu dem geäußert, was da im Rheinland abgeht. Ich darf zitieren:
„Du darfst mich lieben für drei tolle Tage/
Du musst mich küssen, das ist deine Pflicht/
Du kannst mir alles, alles Schöne sagen/
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht:
Nur nach dem Namen frag mich bitte, bitte nicht.“ (Willy Millowitsch)
Der Kreißsaal kennt dann neun Monate später das sogenannte Karnevalskind, das im Kuckucksverfahren aufwächst, was Eltern noch nie daran gehindert hat, später bei dem Kinde Ähnlichkeiten mit dem Gatten der Mutter zu entdecken, der nicht der Vater war, zumindest nicht dieses Kindes. Auch gut.
Überhaupt bringt die Kombination von Alkohol und Infantilität eine gewisse Nonchalance mit sich. Sagen wir, eine geradezu historische Distanz zur aktuellen Seelennot. Beweis:
„Heile, heile Gänsje
Es is bald widder gut,
Es Kätzje hat e Schwänzje
Es is bald widder gut,
Heile heile Mausespeck
In hunnerd Jahr is alles weg.“
(Ernst Neger)
Als dieses Lied 1952 von einem heute Namenlosen zum ersten Mal vorgetragen wurde, weinte der Saal vor Rührung. Man war sich so kurz nach dem Krieg noch sicher: „Das Leben ist kein Tanzlokal.“ Darum Karneval.
Der vornehmste Mummenschanz ist mir der venezianische, in den kunstvolle Masken getragen werden. Man muss erahnen, welche Person sich hinter der kunstvollen Maske verbirgt, ein raffiniertes Spiel besonderer Art. Dem preußischen Protestanten ist das alles fremd. Man kann sich nicht ernsthaft fragen, als was Olaf Scholz (Hanseat) oder Friedrich Merz (Sauerländer, wenn nicht Siegerland) dieses Jahr gehen. Und bei den Grünen, da stellt sich die Frage der Camouflage ganzjährig. Ach, wie humorlos von mir. Wär nur schon Mittwoch.
Logbuch
DER DSCHUNGEL.
Eine ursprünglich aus Afrika stammende Freundin erzählt mir, dass sie ihr Sicherheitsgefühl verloren habe, seit ihr in Berlin ein Junkie den Rucksack entrissen habe, im Hauseingang ihrer eigenen Wohnung. Berlin sei ein Dschungel. Sie hasse es. Das ist ja ein Wort, wenn man mit Zulu und Afrikaans aufgewachsen ist.
Die große Stadt ist ein böses Habitat für junge Frauen, weil in dunklen Ecken und missbräuchlich genutzten Parks allfällige Kriminalität lauert; ein Alptraum ständiger Gefährdung für Gut, Seele, Leib und Leben. Man spürt das als alter weißer Mann nicht so. Mich fragt mal der gewaltsozialisierte Nordafrikaner im Tiergarten: „Brauchst Du was, Alta?“. Nö, danke. Oder der selbstbewusste Pubertant aus Arabistan redet mich dreist mit „Na, Meister!“ an, was nur scheinbar Respekt ausdrückt. Ich überhöre es. Und, das ist wichtig, sie gehen mir nicht an die Wäsche. Jungen Frauen rät man hier gar, nicht allein zur Schule zu gehen und Gruppen zu bilden. Für den Schulweg! Strukturelle Gewalt ist ein Thema, mit dem ich mich nicht abfinden werde.
Um 1900 hat man die bedrohliche Stadt THE JUNGLE genannt; damals war Chicago gemeint. Eigentlich stammt die Metapher aus dem britisch besetzten Indien. Die sprichwörtlichen Gesetze des Dschungels sind die der Raubtiere, sprich „Fressen oder gefressen werden“. Mit der drogengestützten und daher irren Beschaffungskriminalität im metropolen Dschungel kommt ein weiteres Moment der Skrupellosigkeit hinzu. Der Junkie gehört sich nicht mehr selbst und ist sich für nichts zu schade. Die Idylle, die Kipling dem Dschungel in seinen berühmten Kinderbüchern gegeben hat, die findet sich in der großen Stadt allenfalls im Hellen. Und den noch bürgerlichen Vierteln. Nicht in den dunklen Ecken der Verwahrlosten Bezirke, in Parkhäusern und Bahnhöfen.
Man komme mir nicht mit dem ortsüblichen Lokalpatriotismus. Ich will meinen Kiez nicht als Dschungel. Es gehört ja schon ein eigener Mut dazu, zu später Stunde oder gar am sehr frühen Morgen die U-Bahn zu nutzen. Für Frauen fast eine „no go area“: Das ist nicht in Ordnung. Mein Mitleid mit pöbelnden Alks aus Osteuropa auf dem S-Bahnsteig hält sich in Grenzen. Nein, ich finde das Ausrufen von „bitches“ durch Gruppen junger Männer nicht komisch, deren Schwestern sich zu verhüllen haben. Und man komme mir nicht mit der Warnung vor Diskriminierung, solange der Täterschutz vor der Vermeidung von Opfern steht. Keine Toleranz gegenüber den Intoleranten.
Wir sind, wen wir schützen. Das ist der Kernsatz von Zivilisation. Das beginnt, nennt mich altmodisch, bei Kindern und Frauen.
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DAS LEERE BLATT.
Ich berate zur Zeit keine Zeitung. Meint: keine Redaktion. Gott schütz die Kunst! Was würde ich dem leeren Blatt aus dem Süden raten, fragte es ausgerechnet mich um Rat? Es fragt nicht, schon gar nicht mich, aber nur mal so gesponnen. Die Simulation eines Mandates.
Stelle als Blatt alles in Frage, aber niemals den Informantenschutz. Wer nach einer Indiskretion in einem Micky-Maus-Dienst durch einen einzelnen, Marvin genannten Schülerzeitungsredakteur die komplette Redaktion ausforschen lässt, stellt klar, dass er bei jedwedem Druck auf die Redaktion seine Informanten enttarnen lässt. Einer solchen Redaktion gibt man als Informant nichts mehr. Das Blatt ist leer.
Ich lese Rat von anderen Redakteuren in den Sozialen Medien, dergestalt dass man vertrauliche Kommunikation nicht über den Mailserver des Verlages laufen lasse. Das zeigt aber nur das ganze Elend, wenn ich am Ende nur noch der privaten Person des Redakteurs trauen kann und der von seinem Verlag in den Regen gestellt wird. Dann gehe ich als Whistleblower doch lieber zu einem anderen Blatt. Oder in ein Trappistenkloster.
Nebenbemerkung für naiv beseelte Denunzianten: Lass es ganz. Ich kenne keine Whistleblower, denen das Glück gebracht hat. Weitere Nebenbemerkung: Es gibt immer einen Bias, sei es über den Verlag oder den Verleger oder die Rechtsabteilung oder deren Anwälte. Wenn Du als Informant auf Vertrauen angewiesen bist, lass es ganz.
Wenn Du als Redaktion eine Kampagne gegen böse Mächtige in der Politik führen willst, lass es bitte nicht wie eine Kampagne aussehen. Man trägt seine Intention nicht als Vorsatz vor sich her. Und man erwägt vor dem ersten Schritt den letzten, für den Fall, dass das Ding ärschlings geht. Versäum ich das, sehe ich sonst wie ein Idiot aus, nur weil ein vermeintlicher Nazibub seinen großen Bruder bemüht hat oder die braune Heraldine akademisch eben kein Treschen. Ohne Strategie geht es nie. Du stehst sonst da wie ein leeres Blatt.
Schütze Deine eigenen Leute. Wenn Du als braver Redakteur kein PR kannst, lass es die machen, die es können. Es gibt für ein solches Zusammenspiel von weißer Redaktion und schwarzer PR ja historische Fallbeispiele. Falle also nicht selbst auf den journalistischen Mythos rein, dass man sich seiner Feinde nur durch Lauterkeit zu erwehren habe. Das mag ja in einer besseren Welt so sein, dass Tintenklecksen hilft, aber nicht in dieser. Und, ganz wichtig zu sagen, schütze Deine Leute vor ihren Gegnern und dann auch vor sich selbst.
Das alles ist bloß aus dem Schulbuch. Ich habe keine Insider-Kenntnisse. Persönliche Anmerkungen erspare ich mir, vor allem Anmerkungen zu Personen. Das hilft einem leeren Blatt nicht. Jedenfalls jetzt nicht. Gott schütz die Kunst!
Logbuch
KÖRPERSPRACHE.
In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.
Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.
Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.
Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.
Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.
Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“