Logbuch
HEILIGEN VEREHRUNG.
Wir wüssten nicht, wer König Artus war, wenn seine Ritter der Tafelrunde nicht so penetrant angegeben hätten mit ihrer Nähe zum Heiligen Gral. Über die Mietmäuler unter den Journalisten.
Ein Journalist der FAZ aus Hannover kühlt gerade seinen Mut an Altkanzler Schröder, indem er sich an all den Biografien abarbeitet, die über ihn geschrieben worden sind. Dabei geraten Kollegen von ihm in den Fokus, die damals bei der BILD waren und beim SPIEGEL und geneigte Schröder-Portraits vorgelegt haben. Der Vorwurf ist der des Opportunismus. Die eine Krähe sucht jetzt die Augen der anderen beiden auszuhacken. Ach je.
Dazu sage ich nichts namentlich, weil ich zwei von den drei Journalisten ganz gut kenne und natürlich das Objekt der damaligen Bewunderung Gerd Schröder. Zu dessen geschäftlichen Aventüren kann ich nichts sagen, da ich diese konkret nie angesehen habe und insbesondere von einem in diesem Zusammenhang auftauchenden Namen gar nichts halte; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich habe aus meinen Erfahrungen in den Innenräumen der Macht, jenen der Politik wie denen der Wirtschaft, nichts zu berichten. Vor allem aber habe ich mich nicht dorthin geschrieben, indem ich als JOURNALIST eine Biografie der Mächtigen verfasst hätte, die mich als Günstling an diese Höfe gebracht hätte. An den einen Hof des weißen Ritters oder an den anderen des schwarzen. Das ist nämlich egal. Man verfasst keine Heiligenverehrungen.
Nun war ich ja PR-Mann und insofern, könnte man vermuten, dienstlich angehalten zur HAGIOGRAPHIE. Aber so haben wir das nicht gehalten. Eine Frage der Standesehre. Gestern noch las ich in einem wissenschaftlichen Aufsatz den Verweis auf eine Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters von mir, der sich über sein Verhältnis zum Auftraggeber, insbesondere Heldenverehrung in der PR, so äußerte: Jede Identifikation oberhalb von 25 Prozent sei gemeingefährlich. PR-Leute sind Söldner, aber keine Speichellecker, meinte er damit.
Wer das war? Sage ich auch nicht. Aber er spricht kurpfälzisch. Der Rest ist Schweigen. Zu den „chatting classes“ gehört die Journaille, aber nicht die PR.
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UNPARTEIISCH.
Presse gerät in innere Konflikte, wenn sie Aktivist sowie Weltenrichter, also Kriegsreporter wie Kriegspartei und Kriegsgewinner, gar Kriegsgewinnler, alles in einem, sein will; und das mit dem Geld anderer Leute. Gehalt eines BBC-Reporters: 1,5 Millionen im Jahr aus Gebühren.
Bei der Mutter des ÖFFENTLICH RECHTLICHEN RUNDFUNKS tobt gerade ein massiver Kampf um das, was die BBC als ihren publizistischen Kern verstanden hat, nämlich keine Partei zu ergreifen in den Konflikten der politischen Meinungsbildung. Nennt sich „impartiality“.
Wie weit eine Idee verkommen kann, sieht man daran, dass bei uns der ÖRR (zwangsgebührenfinanzierte Medien unter politischer Patronage) den HALTUNGSJOURNALISMUS zur Kerntugend erklärt. Schon begrifflich eine Perversion. Das liberale Konzept ist nämlich die Vorstellung einer Kontroverse, in der man nicht verdeckt die eine Seite vor der anderen fördert, etwa indem man deren Propaganda heimlich mitinszeniert.
Die Vorstellungen von publizistischer Fairness reichen von der Rolle des Unparteiischen (Schiedsrichter) zum Unparteilichen (keine Parteipresse) bis zum Überparteilichen (Bundespräsident) oder der moralischen Überlegenheit (Haltung), also der weltanschaulichen Vorfestlegung. Ein weites Feld. Die englische Regierung erörtert gerade, illegale Flüchtlinge nach Ruanda in Afrika zu deportieren; wer das als Versuch der Deportation kritisiert, wird vom Platz gestellt.
Im konkreten Fall wurde ein Sportreporter wegen einer allgemeinen Meinungsäußerung auf Twitter vom Sender genommen, in der er der Regierung „die Sprache der Deutschen der dreißiger Jahre“ vorwarf (meint: Nazi-Jargon). Der Generaldirektor, der ihn rauswarf, will dazu nicht von der Regierung angewiesen geworden sein, sondern aus freien Stücken einen Fall von fehlender IMPARTIALITÄT geahndet haben. Urteilstenor: Wer so was sagt, darf keine Fußballspiele mehr kommentieren. Es hat sich also um eine politisch unerwünschte Meinung gehandelt. Das ist der wahre Kern: die Aussetzung der Meinungsfreiheit.
Oder eben politische Zensur im Staatsfunk einer rechten Regierung. Wir kennen das gleiche Phänomen von links und aus ideologischen Soziokulturen (Stichwort „woke“). Die Gedanken mögen frei sein, wer sich kontrovers öffentlich äußert, wird diskriminiert. Unerwünschte Meinungen sind schon als solches strafwürdig. Auch in der Wissenschaft. Die rigorose Intoleranz als ideologisches Prinzip. Natürlich das Gift jeder Freiheit. Deren Kern ist „freedom of expression“. Punkt.
Verloren gegangen ist das Spielerische einer Kontroverse (engl.: „argument“) zwischen den beiden Seiten eines Hauses, über die dann Presse berichtet, ohne heimlich Partei zu ergreifen. Eingezogen ist der Geist der Inquisition, der das Unerwünschte nicht nur verteufelt, sondern auch noch richten will.
Bleiben wir beim Fußball: Man kann nicht unparteiisch sein wollen und Ultra-Fan einer der beiden Kontrahenten; schon gar nicht kann man auf den Ausgang des Spiels viel Geld gewettet haben und dann auch noch mitspielen wollen oder gar, ganz absurd, das Spiel pfeifen. Du bist in der Fankurve oder auf dem Platz oder du pfeifst; aber nicht alles drei in einer Person, auch nicht als Öffentlich-Rechtlicher. Fairness heißt fair play, meint rollenbewusst und regelkonform; eigentlich nicht so schwer, oder?
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DIE WAHRHEIT UND DER WEIN.
Kann man Menschen verstehen, auch wenn man politisch nicht ihrer Ansicht ist? Darf man das? Ein gefährliches Terrain.
Ich sitze in der Probierstube eines elsässischen Winzers, der seinen Familienbetrieb auf 15 Generationen gründet. Seit 1614 bewirtschaften seine Ahnen den Weinberg, mehr als vier Jahrhunderte. Sehr guter Wein auf Granitböden. Göttliches Elsass! Dabei hat die Geschichte es nicht gut gemeint mit den braven Winzern und Kohlbauern am Rand der Vogesen.
Eine endlose Folge unsinniger Kriege, vom Dreißigjährigen bis zu dem der deutschen Nazis hat den Landstrich gebeutelt, endloser Herrschaftswechsel zwischen den germanischen und romanischen Kasten, Spielball aller Herrscher, Hungersnöte, Migrationswellen nach Ungarn und Amerika. Es gibt kein Elend, das am Elsass vorübergegangen wäre.
Der Weinkeller unter dem Fachwerkhaus war eben nicht nur Kühlraum, verstehe ich jetzt, sondern auch Schutz und Trutz vor Reformation, Gegenreformation und marodierenden Truppen aus aller Herren Länder. Der Winzer hat sich etwas sehr Bodenständiges über diese Geschichte erhalten, in der harte Arbeit, sein Weinberg und der Keller eine große Rolle spielen. Und draußen eine tief feindliche Welt.
Ich empfinde Achtung vor ihm, allzumal vor seiner Familiengeschichte. Leider ist der Kerl, wie immer deutlicher wird, ein Rechtspopulist und preist mir unaufgefordert eine gewisse Madame Marine Le Pen. Statt ihn zu belehren, gehe ich. Eine Degustation des Weins, ja gern, aber nicht des Reaktionären, das hatte ich nicht bestellt. Die Menschen werden durch Schaden dumm, hat Heine gesagt.
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KÖRPERSPRACHE.
In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.
Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.
Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.
Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.
Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.
Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“