Logbuch
FÜHRUNG.
Das Gesundheitsministerium braucht eine Chefin oder einen Chef, der zu Führung in der Lage ist. Das sei KARL LAUTERBACH nicht gegeben, findet der neue Kanzler. Er will ANDREA NAHLES.
So wie der eine ein simulierter Fachidiot sei, ist die andere eine sozialistische Betriebsnudel, höre ich in BERLINER KREISEN. Das ist ungerecht, aber so ist die Gerüchteküche. Ich weiß, dass Olaf Scholz schon immer mit Andrea Nahles konnte (zum Leidwesen von Sigmar Gabriel) und dass der neue Kanzler den Lauterbach für unsteuerbar hält, was er als Zwangscharakter hasst. Blockiert!
Ich hole mir Rat bei Bert Brecht, der über eine seiner literarischen Figuren gesagt hat: „Er war gänzlich unfähig, sich in andere Personen hineinzuversetzen, also zum Führer geboren.“ EMPATHIE hilft also nicht.
Als MANAGER weiß ich, dass ENTSCHEIDUNGSSCHWÄCHE auch nicht hilf. Ich habe mal über einen Chef sagen gehört, dass er vor zwei WC-Türen stehend sich eher in die Hose mache, als dass er sich für eine von beiden entscheiden könne. Einen ZAUDERER, den braucht auch kein Mensch.
Wenn es also nicht das Herz ist, auf das es ankommt, und nicht der Kopf: welcher Körperteil dann? Man hört immer wieder von den EIERN. Aber da bin ich skeptisch. Das ist nicht nur ungerecht gegenüber Frauen, es ist auch lebensfremd. Von ihren Eiern beraten haben deren Träger schon jeden Unsinn angestellt. Jeden. Da kann ich nur warnen.
Es ist der Bauch. Der Sitz der INTUITION. Das Bauchgefühl ist schnell und vom visionärer Qualität. Aus der Hüfte schießen können, aus dem Bauch heraus entscheiden. Genauer gesagt ist es nicht der Magen, sondern der Darm, unser größtes und sensibelste Organ. Aber das will natürlich niemand hören. Ich kann ja einen Politiker nicht wegen seiner guten Verdauung loben. Warum aber sagen wir über jemanden, der Angst hat, er habe Schiss? Tja, ich bin mal gespannt, wen wir als Gesundheitsministerin kriegen.
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WEIHNACHTSFEIER.
Wenn alle Kolleginnen und Kollegen feiern, und zwar sehr ausgelassen, und der Chef zahlt, dann ist es Advent. Betriebsfeier. Neun Monate später liegen mögliche Folgen als KUCKUCKS-KINDER in den Wiegen. Frohes Fest!
Sprichwörtlich ist das Auftauchen von solch unerwarteten Ergebnissen der Weihnachtsfeier wohl bei Franz Beckenbauer. Es geht dabei was ab, was so gar nicht christlich ist: PARTY. Zurzeit höre ich bei allen Gastronomen die Klage darüber, dass die Weihnachtsfeiern abgesagt werden. Wg Corona. Es bricht ein gutes Geschäft für die Gastwirte ersatzlos weg. Es wurde früher zu diesem Anlass gut gegessen und vor allem viel getrunken.
Legendär sind Weihnachtsfeiern in England. Aus einem Steuerprivileg für Unternehmen entwickelte sich ein Arbeitnehmerrecht: der Betrieb musste eine stolze Summe pro Kopf ausgeben für die X-mas-Party. Es beginnt lustig und in feierlichem Gewand und endet damit, dass kotzende Mädchen Kloschüsseln umarmen. Selten habe ich so viele junge Frauen schlicht irgendwo in der Ecke liegen gesehen. Und junge Männer vor dem Hotel in der Gosse. Übrigens alle trotz winterlichen Klimas sehr leicht bekleidet, als könne bei Eis und Schnee ein Blüschen reichen, wenn es nur in Vodka-Redbull getränkt ist.
Vor Jahren tauchte dann auf der Londoner Weihnachtsfeier eines Investmentbank noch eine Busladung mit „Escorts aus Wolverhampton“ auf. Denen hatte man zur besseren Kenntlichkeit am Handgelenk ein blaues Bändchen angelegt. Da aber am Empfang des Hotels das Körbchen mit den Bändern stehen geblieben war und zwei Trunkenbolde diese nun auch den Vorstandsgattinnen anlegten, hatten hinterher auch die Ehefrauen blaue Bändchen, so dass sie im weiteren Verlauf des Gelages nicht mehr vom den „Escorts aus Wolverhampton“ zu unterscheiden waren. Es ging was ab. Die Feier soll, sagt mein Freund Willy, der dabei war, ein voller Erfolg gewesen sein.
Hätte nicht ein einzelner Journalisten darüber geschrieben. Spielverderber. Es gab dann natürlich Ärger mit den hochgestellten Gatten jener Gattinnen, die sich im Übrigen diesmal besonders gut amüsiert hatten.
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DISKRET.
Wahre Größe zeigt sich nicht, sie lässt sich erahnen. Bei Kipling heißt das als Tugend des Gentleman UNDERSTATEMENT. Man lasse sich unterschätzen.
Der Sohn eines Freundes betreibt mit seiner Frau in der Schweiz ein sehr zeitgemäßes Restaurant. Man kocht die vertrauten Rezepte qualitativ in einer neuen Liga. Bekanntes in bisher unerreichter Qualität. Der Restaurantführer, dessen Name ich nie behalte, vergibt dafür eine mehr als stattliche Punktzahl. Ich höre, das Paar nimmt es als Ansporn, will damit nicht prahlen. Wie klug.
In Rom hatte ich das Edelhotel einer kleinen Kette eines italienischen Engländers gebucht, in bester Lage. Und ich finde es nicht; herrsche den Chauffeur an, wo der Bumms denn sei. Die Hütte verzichtet auf Neon; es steht schlicht nichts an dem dezenten Portal. Außer einer zurückhaltenden Hausnummer. Das Haus ist in einer Klasse, die nicht nach Publikum schreit. Man weiß dann schon, wenn man zu denen gehört, die gemeint sind. Wie klug.
In Oslo besuche ich im Advent einen Herrenausstatter, ehrlich gesagt, um mich im Laden kurz aufzuwärmen. Teure, sehr teure Mäntel, aus Salzburg und London. Tuchmäntel, in der Regel aus sehr edler Wolle. Ich schlage so ein grünes Gerät auf und sehe, dass das Futter aus Pelz ist. Meister Petz hat sein Haar nicht zum Protzen geopfert, sondern um diskret zu wärmen. Pelz innen, wie klug.
Womit wir bei orientalischem Reichtum, dem ostentativen, prahlerischen, sind und seinem Gegenteil, der der Tugend des UNDERSTATEMENT gehorcht. Mehr sein als scheinen. Ich hatte mal einen Chef, der sich für Geschäfte in Moskau eigens einen abgetragenen, leicht schäbigen Anzug hielt, der deutlich aus der Mode gekommen war. Und schlechte Schuhe, schlecht besohlt. Nie eine zu gute Uhr! Man sei nie besser gekleidet als sein Lieferant, befand er, jedenfalls wenn der Preis stimmen solle. Das war ganz offensichtlich nicht dumm.
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KÖRPERSPRACHE.
In Londons Regierungsviertel beobachtet ich bei Interviews mit Politikern einen irren Aufwand. Ein Kamerawagen wird vor dem Befragten rückwärts weggezogen und dieser läuft ihm gestikulierend nach. Das Ganze nennt sich „Westminster walk & talk“ und erzeugt beim Zuschauer an den Geräten den Eindruck, dass der Politiker auf ihn zuläuft und dabei auf ihn einredet, während er zurückweicht. Kopfschüttelnd betrachte ich auf der High Street diesen Blödsinn, werde aber belehrt. Der walk&talk-Stil sei in den Socials jetzt üblich. Wirkt auf mich wie Affentheater.
Wir erinnern uns, dass bei uns die berühmteste Interviewform die des legendären Publizisten Günter Gaus war, in der man sich gegenübersaß, aber der Interviewer kaum gezeigt wurde, während man dem Interviewten jeden Raum gab. Es herrschte eine hanseatische Höflichkeit, im Ton verbindlich, der Form konziliant. Die heutige Penetranz von Lanz hätte als übergriffig gegolten. Vieles in aktueller Studio-Architektur ist dem Mangel an Inhalten geschuldet. Stattdessen machen wir den Kasper, auch aus uns selbst.
Eine regelrecht patriarchalische Präsentation kommt historisch aus der amerikanischen Talkshow-Architektur. Der Gastgeber ist hinter einem monströsen Schreibtisch verschanzt, der Gast darf sich auf einer kleinen Couch blamieren, die so davorgestellt ist, dass man unter Röcke schielen kann. Bis ins Peinliche verklemmt. Ein Befreiungsschlag für öffentliche Präsentation kam durch die kalifornische Apple-Kultur. Ein noch nicht geduschter Kerl in Jogging-Klamotten lief auf einer leeren Bühne auf und ab und erklärte sein neues Ding. Kumpel-Kommunikation. Inzwischen ist das Milieu ein wenig durch Elon Musk ruiniert, der die Grenze vom Komischen zur Albernheit überschritten hat. Aber es gab auch hierzulande Versuche des Nachäffens.
Das alte Rednerpult war natürlich eine Festung, eine Schutzmauer, hinter der der ungeschickte Körper sich verbergen konnte. Von den Personen blieben nur noch „talking heads“. Irgendwie schien das dem häuslichen Fernseher als Format zu entsprechen. Das war der Apple-Generation Daddy‘s Turf, altbacken. Bro, keep it real! Zudem spricht man frei; keine Manuskripte mehr, allenfalls schlecht abgelesener Tele-Prompter.
Man konnte an dem modernitätssüchtigen Christian Lindner (FDP) sehen, wie deutsche Adaptionen aussahen, als er im T-Shirt auf der Bühne rumspazierte. Das ganze Feld haben Instagram und TikTok verändert. Jetzt sind pubertäre Influencerinnen stilgebend. Man sieht es im grünen Milieu, dass daraus ein Informalitätsgebot entstehen kann, in dem eine neue Aufdringlichkeit liegt. Wenn in der Bahn interviewt, sitzt man als Grüner im Gang vor dem Klo auf dem Boden.
Ich sehe Interviews auf der Zugspitze, in der Badeanstalt, beim Sport oder anderen Freizeitaktivitäten, etwa dem Kochen mit lustiger Schürze (leider vergessen, den Herd auch anzuschalten). Oder vor der Sauna. Den Rhein durchschwimmend wie der große Vorsitzende den Yang Tse Yang. Und erinnere bei alldem das Goethe-Wort: „Man bemerkt die Absicht und ist verstimmt.“