Logbuch

STOLZ.

„Lest die Geschichte und seht
In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.
Allenthalben
Stürzen unzerstörbare Festungen ein und
Wenn die auslaufende Armada unzählbar war
Die zurückkehrenden Schiffe
Waren zählbar.“

Die Hegemonie im 16. Jahrhundert gehörte dem katholischen Spanien, in Europa und der gesamten damals bekannten Welt. Portugal war soeben unterworfen und der englischen Krone der Kampf angesagt. Dort saß eine schwache Frau auf dem Thron, zudem Protestantin. Philip I von Spanien wollte ihre Flotte versenken und sein Reich auf ewig arrondieren. Die Armada verließ am 28. Mai 1588 den Hafen Lissabons, um England zu überfallen.

Im spanischen Holland waren marodierende Truppen zusammengezogen, die die gigantische Flotte von 150 Schiffen weiter bevölkern sollten, um säbelrasselnd gegen die weißen Klippen von Dover zu segeln. 45.000 Mann unter Waffen waren eine sehr stattliche Armee, gegen die Elisabeth I kein stehendes Heer zu setzen hatte. Die spanische Armada galt als unschlagbar.

Es kam anders. Die Dickschiffe unter spanischer Flagge erwiesen sich als viel zu träge, ihre Bewaffnung als zu langsam, das erhoffte Gemetzel Mann gegen Mann an Deck der englischen Flotte blieb aus. Die geringe Moral der spanischen Prahlhänse tat ihr übriges. Man kappte die Ankerseile und floh. Wie Brecht eingangs schon kurz und knapp sagte: Ein Weltreich zog schlicht den Schwanz ein.

Dabei hatte es dem Hegemon, in dessen Weltreich die Sonne nie unterging, nicht an Selbstbewusstsein gefehlt. Sein Motto war: NON SUFFICIT ORBIS. Zu deutsch: „Die Welt allein genügt nicht!“ Das muss man ideologisch erstmal hinkriegen. Selbst mit dem Papst im Nacken. An STOLZ hat es nicht gefehlt. Brecht hat das Anfang des 20. Jahrhunderts gegen die deutschen Allmachtsträume geschrieben; die heutigen Hegemonien tragen andere Farben. Der Zweifel an deren Unbesiegbarkeiten bleibt, selbst wenn die Machtdemonstrationen so großmäulig wie eh und je geblieben sind. Lest die Geschichte. Welch ein Imperativ!

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ANGST UM EIN GENIE.

Auch ein Wunderkind wird mal Greis. Sehr bewegend gestern Abend in der Philharmonie der achtzigjährige Daniel Barenboim drei Stunden am Pult. Klar im Kopf. Wackelig auf den Beinen. Tränen im Publikum.

Zwei mir unbekannte Komponisten des 19. Jahrhunderts und, als sei es unvermeidlich, der elende Richard Wagner. Was er an dem gefressen hat? Die schwülstigen Wesendonck-Lieder mit einer lettischen Mezzosopranistin. Aber das hat er ja immer gemacht. Er hat es sogar gewagt, Wagner in Israel aufzuführen, der russisch-stämmige Jude aus Argentinien, ein Weltenbürger in vielerlei Hinsicht.

Natürlich wünscht man ihm ein ewiges Leben, aber man sieht, wie die Erste Geige fürsorglich eine Hand anbietet, als er einen festen Tritt sucht, das Pult verlassend. Ergriffen erhebt sich ein ganzer Saal und spendet gerührt Beifall. Eine Dame in der ersten Reihe weint. Im Programm lese ich, dass er heute und morgen auch noch auftritt. Möge das noch sehr oft gutgehen.

Und dann übern Gang diese blonde Kuh, die während des gesamten Konzertes in ihrer Gucci-Handtasche an einem eingeschalteten Handy spielt, um es im Schlussapplaus für eine Video-Aufnahme herauszureißen. Was für eine Banausin. Zorn steigt in mir auf. Man möchte sie ohrfeigen. Aber es gehört ja zusammen, das Genie und unter den Verehrern die Kenner wie die Banausen. Ich bin kein Kenner, empfinde aber Ehrfurcht.

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RECHTSPOPULISMUS.

Man hält mir das Stöckchen hin. Ich soll mal springen. Das wird nicht geschehen. Denn darüber, was Faschismus ist, da richten kluge Historiker, nicht Parteipolitiker. Und deren Urteil ist im Kern einig. Anmerkung eines Kolumnisten.

Eine NATION ist ein juristisches Konstrukt und wie der STAAT ein soziales. Das Konstrukt hat eine geographische Dimension, ein LAND, und eine grundrechtliche, die von der BEVÖLKERUNG ausgeübt wird, dem STAATSVOLK, kenntlich daran, dass es einen Pass hat. Oder zwei.

Meist spielt die gleiche Abstammung eine Rolle, oder gleich mehrere ETHNIEN, gleiche Religionen oder Ansichten und immer alle möglichen Sitten und Gebräuche. Das Leben ist bunt und so soll es sein. Es zählt als Kriterium nur das INDIVIDUUM. Die Kernidee ist das Selbstbestimmungsrecht, und zwar zunächst des Einzelnen, dann der Nation. Dann der Nachbarn.

Das INDIVIDUUM hat ein Recht auf Eigentum. Starke Zäune machen gute Nachbarn. Politisch Verfolgte genießen ein Recht auf Asyl. Ansonsten ist die Vergabe eines Passes, sprich die STAATSBÜRGERSCHAFT, ein Privileg. Man anerkennt im Gegenzug das GEWALTMONOL des Staates, der öffentlicher und rechtlicher Kontrolle unterliegt. Wer das nicht will, geht.

So weit, so gut. Kein Wort von ÜBERLEGENHEIT einer RASSE, von VORRECHTEN der Religion, von kulturellem Erbe, das REIN zu halten ist. Kein Wort von dem besseren VOLK, einer Umvolkung oder dem VÖLKISCHEN. Richtig? Damit haben wir doch schon mal einen deutlichen Trennungsstrich zu den Blauen oder Braunen oder Rechten. Geht doch.

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KISS.

Es gibt die große Weltgeschichte und die kleinen Histörchen; die eine handelt vom Friedensfürsten und dem pösen Putin, die andere spielten in den Niederungen der Parteipolitik. Mir geht es heute um eine Episode für kleinere Lichter. Um mich und dich.

Der amerikanische Präsident glaubt bei seinem ersten Versuch der Wiederwahl Opfer eines Wahlbetruges gewordenen zu sein, bei dem sich die gegnerischen Demokraten der Unterstützung russischer Geheimdienste bedient hätten. Insbesondere glaubt das der rechte Flügel seiner Partei, der Republikaner, der das Motto „Make America Great Again“ (MAGA) führt. Man sah sich angesichts des Betrugs sogar zu Hochverrat berechtigt.

Jetzt hat Trump bei seinem Treffen mit Putin in Alaska ebendiesen gefragt. Und eine klare Bestätigung erhalten. Es wurde sogar zugegeben, wie man das gemacht habe. Das Schlüsselwort lautet „mail“; der Wahlbetrug war möglich wegen der Möglichkeit zur Briefwahl. Kruzitürken, so haben die schlimmen Finger das also gemacht. Ich meine, jetzt kann sich der Friedensfürst seiner Sache sicher sein. Der Beelzebub hat es ja ihm gegenüber eingeräumt. Wer mail in der Wahl hat, der ist geliefert.

Der durchschnittliche Trumpwähler, er heißt Joe Six-Pack und ist vor allem betont männlich, aber nicht notwendig übermäßig gebildet, weiß damit auch, woran er ist. Die der Briefwahl zugewandten Eliten haben mit intellektueller Raffinesse hinter seinem breiten Rücken das Volk um seinen Willen gebracht. Der Helfershelfer aus dem Reich des Bösen räumt es ja ein, wenn zur Rede gestellt. Mail! Ein Mega-Moment für Maga.

Gerd Schröder hat mal über Russland gesagt, dass dies keine Westminster-Demokratie sei, eh klar, aber eben auch keine Diktatur. Steile These. Ob das britische Mutterland der Westminster-Philosophie mit seinem Mehrheitswahlrecht eine lupenreine Volksherrschaft hat, darf auch diskutiert werden. Eine klare Schieflage haben jene autoritären Staaten, in denen neuerdings Liberalität und Gewaltenteilung getilgt werden. Aber all das ist dem europäischen Joe Six-Pack, er heißt Karl Arsch oder Lieschen Müller, schlicht zu kompliziert. Das mit der mistigen mail, das kapiert er.

Man versteht, was Propaganda in moderner Macht macht: Keep it simple and stupid. Die gute alte KISS-Regel.