Logbuch

CHARISMA, FEHLENDES.

So wird also Frank-Walter Steinmeier wieder unser STAATSOBERHAUPT. Ein Kaiser in bürgerlichen Zeiten. Ein langweiliger Mann, ohne jedes Charisma. Gut so.

Unser Staatsoberhaupt ist ein dramatisch schlechter Redner. Selbst halbwegs anständige Redetexte, die ihm sein beachtliches Team verfasst hat, weiß er zu Brei zu verarbeiten. Der Mann hat keine Ausstrahlung, jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem man von CHARISMA, einer geradezu göttlichen Gabe spricht. Ich höre in Berlin oft das Attribut "bräsig", ohne so genau zu wissen, was das ist. Ich vermute, eine Form von INDOLENZ.

Was ist mit dem Gegenteil der göttlichen Gabe, mit dem Gegenteil von Charisma? Nämlich dem STIGMA? Damit meint man die Kainszeichen, die manche mit sich tragen. Haftet ihm etwas an, dass uns warnt oder warnen sollte? Nein. Der Mann ist normal. Er hat kein Stigma, er hat kein Charisma. Ich kenne ihn jetzt gut dreißig Jahre; sehe ihn, mal näher, mal ferner, insgesamt aus mittlerem Abstand. Ich schätze ihn. Viele Dinge sind mir sympathisch. Seine Herkunft aus dem Lippischen etwa und aus einfachen Verhältnissen. Sein Fleiß. Seine Treue. Seine sozialdemokratische Prägung.

Was begeistert mich davon? Beglückt mich? Könnte mich in die Verzückung treiben? Was macht mich zum Fan? Nun, eigentlich nichts. Dieses STAASOBERHAUPT ist nüchtern. Nicht nur, was Drogen angeht. Er wirkt uneitel und schmerzfrei und stets in allem nüchtern. NOTORISCH NÜCHTERN. Ob ich ihm vertraue? Ich vertraue keinem Politiker. Einer meiner ganz festen Grundsätze. Bei Steinmeier bin ich aber gelegentlich versucht dagegen zu verstoßen. Eigentlich ein anständiger Kerl.

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LEBENSTRAUM.

Statt ins ALTERSHEIM als ADEL auf ein Schloss in der Normandie und im Renovierten romantisch Hochzeitsgesellschaften geben. ALTERSADEL. Bekloppt.

Auf jenem Fernsehsender um HOME & GARDEN, auf dem sonst Amis ihre Pappschachteln, die sie für Häuser halten, mit einem Styroporkamin und dem Tacker renovieren, läuft jetzt eine Serie zum LEBENSTRAUM arrivierter Engländer: Schlossherr in der Normandie werden. Ich staune.

Man kauft ein mittelalterliches Gemäuer, durch das ein halbes Jahrhundert der Wind gegangen ist, legt mal eben ratzfatz Strom da rein und Wasser und ab geht es. Ein Paradies mit Wassergraben und Schlossgespenst. Jetzt liegt die ganze Konzentration der Renovierung darauf, Blumendekoration zu fertigen und einen Kräutergarten anzulegen. Deko statt Kanalisation. Tjo.

Ich habe mal auf Einladung eines geschätzten Fürsten vom Ort mit Burgherren des Mittelrheintals über den Aufwand für die Erhaltung der alten Gemäuer reden dürfen und mir großen Respekt zugelegt. Der Staat zeigt sich hier bürgerlich; das möchte er dem Adel schon überlassen, jedenfalls vom Aufwand her. Was es kostet? Viel Geld, sehr viel Mühe, titanische Anstrengungen. Denn, was da solide und ewig zu stehen scheint, rast unerkannt in den Verfall, wenn man sich nicht sputet.

Das ist immer so. ENTROPIE. Denkmalschutz hat nichts behaglich Konservatorisches, es ist immer ein permanenter Neubau unter stark erschwerten Bedingungen und erheblichen geschmacklichen Voraussetzungen. Rekonstruktion ist Konstruktion. Was aber machen die Inglesen in der Normandie dann mit dem frisch getünchten Gemäuer? Geschäftsidee? Sie veranstalten HOCHZEITEN. Ich bin fassungslos.

All die Mühe, um den Event Clown für irgendwelche Hochzeitsgesellschaften zu geben? Darf ich den Prospekt von dem Altersheim noch mal sehen?

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HOODIE, DIE KAPUZE.

Junge Leute und finstere Typen tragen Pullover mit Kapuze. Auch Mütze und Kappe kommen wieder. Und natürliche Schutzwolle, sprich Vollbart. Neue Wilde.

Meine Frau Mutter war stets alarmiert, wenn man mit nassen Haaren an die frische Luft ging; sie wähnte das als Ursache von Erkältung, wenn nicht der Grippe. Ich habe aber Schal und Mütze gehasst. Man sah dann immer aus wie ein Muttersöhnchen. Oder, was schlimmer war, wie ein Mädchen.

Nun hatten die, die unter die Haube sollten, prächtiges Haupthaar, die Jungens wurde geschoren. Froren also leichter. Das haben dann erst der Rock-and-Roll und die „Pilzköpfe“ geändert. Man trug sodann auch als Mann „Matte“. Heute wird mindestens eine Seitenfläche des Schädels wieder geschoren. Aber wir waren bei Kapuze, der Cappa oder Haube.

Ich sehe mit dem Huddie auch erwachsene Männer, die sogenannte Start-up-Unternehmen betreiben, wozu unbedingt auch weiße Turnschuhe gehören. Es gibt einen strikten DRESS CODE, für jene, die dress codes ablehnen. Im Nacken den Huddie und im Gesicht einen wilden Bart. Hippster nennt sie eine junge Frau, die sich in der Szene auskennt.

Was ich noch von ihr über die Vollbärtigen erfahre, die sich wilde Haarmonster um die Mundwinkel sprießen lassen, denen gelegentlich auch Hinweise auf das gestrige Mittagessen zu entnehmen sind: die Herren rasieren sich die Beine und dazwischen. Nicht ihr Ernst!

Manchmal fühle ich mich wie ein Anthropologe im metropolen Urwald auf Entdeckungsreise zu neuen Wilden.

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LEIDER ZU DOOF.

Ich bin etwas Fundamentales gefragt worden. Ein bedeutender Verleger meiner Generation fragt mich gestern am Telefon, warum die Linke nur alles tue, um die Rechte groß werden zu lassen. Das will eine rhetorische Frage sein, aber das lasse ich ihr nicht durchgehen und denke ernsthaft darüber nach. Ich habe sie auch eine Nummer größer: Ist der autoritäre Faschismus nur eine Antwort auf das Versagen der liberalen Demokratie? So gebärt sich ja das Reaktionäre immer, als bloße Reaktion.

Und daher nimmt sich die Rechte ja auch das Recht zu jeglicher Übertreibung; man inszeniert die eigene Willkür als bitter nötige Notwehr. Der Volkszorn soll von der Elite provoziert sein. Oder Europa. Das ist ein Legitimationsversuch, der mich zutiefst skeptisch macht. Nein, mehr noch, den ich für die Kernlüge rechter Propaganda halte. Der Reihe nach.

Jedes Pogrom hat sich schon immer als Reaktion auf eine angebliche Ungeheuerlichkeit erklärt. Den Juden wurde Kindesmord, Brunnenvergiftung und Hostienfrevel nachgesagt, bevor man sie ausraubte, vertrieb oder erschlug. Heutzutage legt man sich dazu ein Küchentuch um den Hals; das reicht als Rechtfertigung.

Alle Kriegserklärungen aller Kriege bauen einen „casus belli“, einen Kriegsgrund, in dem man selbst zum Verteidiger wird, der sich eines Unrechts erwehren muss. Nie sah man den Aggressor zu seinem Angriff als Willkür stehen. Es wird immer nur „zurückgeschossen“. Im amerikanischen „war on terror“ unbegrenzt, zeitlich wie regional.

Auch aus dem Zivilen kennt man die Täter-Opfer-Dialektik, die den Übeltäter ins Recht setzen will. Damit macht man die Vergewaltigung zur Verführung; ein bitter böser Trick. Das ist das eine Argument; mich bedrängt aber auch sein Gegenteil.

Was die „Woken“ der amerikanischen Linken an „cancel culture“ in die akademischen Milieus getragen haben, ist schon totalitär, ein Tugend-Terror im Kleinen. Die Deroutierungen der sogenannten Identitätsgesetzgebung sind krude; delinquente Damen mit Penis und Hoden im Frauengefängnis. Schon die neue Sprachregulatorik, die als „Gendern“ obrigkeitsstaatlich verfügt werden sollte, wirkt wie eine prätentiöse Launenhaftigkeit nicht-binärer Kiffer. Aus der Mohren- wird die Möhrenstraße. Vieles, was vielen unerträglich. Moralisierende Übergriffigkeit. Das ist meine Antithese.

Also doch eine berechtigte Reaktion der NORMALEN anlässlich des Verlustes von Normalität? Wir kommen zur Synthese unserer Argumentation. Der rechte Kulturkampf sucht sich seine Beispiele; wenn er sie nicht findet, denkt er sie sich aus. Der vermeintliche Untergang des Abendlandes ist eine Inszenierung, um genau diesen herbeizuführen. Man führt die Barbarei ein, indem man vor den Barbaren warnt, denen man endlich barbarisch auf den Pelz rücken muss.

Das wissend, sollte die Linke es der Rechten nicht allzu leicht machen. Dazu fehlt es ihr aber an Intellekt, leider.