Logbuch
WÜRZE IN DER KÜRZE.
Wenn man etwas radikal verdichten kann, dann spricht man von seinem CODE, genauer gesagt einem CULTURAL CODE. Das ist so etwas wie das innere Geheimnis einer Sache. Beispiel: Es gibt in den USA so viel Übergewichtige, weil dort das innere Motto gilt: „More is more.“ Die Attraktion der Hamburger XXL etwa besteht darin, dass die Dinger so überladen sind, dass sie niemand mehr essen kann, ohne eine Maulsperre zu kriegen und sich einzusauen. Restaurants werben damit, dass man für kleines Geld so viel Nahrung bekomme, wie man überhaupt nur verzehren könne („All you can eat for $ 9.99“). Ein Lob ist, dass man mehr bekommen hat, als man habe essen können. Der Kerngedanke ist MÄSTEN. Ich lese gerade ein altes Buch von einem Franzosen namens Clotaire Rapaille, der in den USA Karriere gemacht hat, weil er die kulturellen Archetypen zu entdecken wusste. Der Mann galt als Guru des Marketing. Ihm fiel auf, dass der Franzose nach einem guten Essen sein Lob dadurch ausdrückt, dass er sagt, dass es köstlich gewesen sei. Der Amerikaner schiebt den Teller zufrieden beiseite und sagt. „I‘m full.“ Die Amerikaner hätten für „food“ den Code „fuel“ (Treibstoff) und zum Essen die Vorstellung: „Filling up the tank.“ Ein zweiter Gedanke sei „safe sex“; einmal von Mutters Brust abgestillt würden sie das Archteyp beibehalten, dass „satisfaction“ über das Essen zu erreichen sei. Ich glaube, dieser tolle Franzose hat einfach bei SIGMUND FREUD geklaut; heißt dort „orale Phase“.
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FAST FOOD.
Wenn die GIER alles steuert. Kein „Triebaufschub“ (Freud) mehr. Ich will es sofort und ich will alles sofort, jedenfalls viel, sehr viel, am liebsten zu viel. Und so bekomme ich mein Mahl in einem EIMER. Ein Putzeimer voller „yummi-yummi“: Seelennahrung (soul food) für die ganz Gierigen. Zufällig bei KFC an der Autobahn, einem freundlichen Schnellrestaurant der Franchise-Systemgastronomie mit Geflügelfleisch, dessen Mutterkonzern YUM! heißt, mit einer wirklich freundlichen Bedienung. Was mach ich vor diesem Laden? Einfach deshalb, weil die ein DRIVE INN sind und ich Kaffee brauche und hier auch kriege. Blick auf die Speisekarte. Ich bin perplex: die Dareichungsform einer Mahlzeit ist ein „bucket“, ich erfahre, schon immer; der Eimer gehört zur Marke. Über tausend Gramm Geflügelteile in würziger Panade zu zweieinhalbtausend Kalorien in einem Eimer. Hab ich mir erspart. Der Kaffee war heiß und nicht schlecht. Die Marke kann ich vollständig ausgesprochen hier eigentlich nicht nennen, weil eine TV-Comedy das für meine Generation durch ein blödes Wortspiel vollständig ruiniert hat. Man weiß, was ich meine.
PS: Bei dem Freud-Schüler Marcuse „repressive Entsublimierung“. Großes Wort für Eimer mit Hühnerflügeln in Würzpanade an Pommes und Coca.
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WIE DIE ZEIT VERGEHT.
Meine alte Penne wieder gesehen. Steht noch. Vier erstaunliche Dinge, die mir zu denken geben. Über dem Eingang steht nach wie vor in großen Lettern: DEO MUSIS PATRIAE. Zu Deutsch: Dem Gott (Einzahl), Den Musen (Mehrzahl), Dem Vaterland (Einzahl). Davon gingen heute „politisch“ nur noch die Musen. Dem Gott? Die Bindung des Staates an eine Religion oder einen Gott, das ist aufgegeben. RELIGIONSFREIHEIT ist die Freiheit von der Religion. Dem Vaterland? Nun, das Vaterland hat viele Bürger mit einem alten, aus dem sie kamen, und einem neuen, das die aufnahm; man sollte ihnen das Heimweh gönnen, also auch den Plural der Vaterländer. Staatsangehörigkeit ist etwas anderes. Selbst die nur von hier, sprich die Eingeborenen, können finden, dass Bildung nicht „dem Vaterland“ zu dienen habe, wie der Spruch an der Schule postuliert, sondern dem INDIVIDUUM. Das vierte, was mich grübeln lässt: Der Laden hieß „Freiherr-vom-Stein-Gymnasium“ nach dem großen PREUSSISCHEN REFORMER. Geht der eigentlich noch? Sprachenfolge: Man begann damals mit ENGLISCH und LATEIN. Latinitas, geht heute auch nicht mehr, oder? Ich lese sogar von zeitgenössischen Debatten, ob Mathe nicht ein überkommenes Erbe der weißen Herrschaft sei. Hmmm.
Ach so, es war natürlich eine Jungenschule. Ich wechselte in der Quarta von Oberhausen-Sterkrade nach Essen-Kettwig. An ein koedukatives Institut. Das ist, wenn mit Mädchen; außer bei „Leibesübungen und Textilgestaltung“, sprich Sport und Handarbeit. Tja, so begann bei mir der Niedergang.
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DER ROBERT GEHT.
Die Macht gelüstet es immer nach Ruhm. Und nichts schmerzt sie mehr als dessen Schwinden. Dieser Gedanke des großen Hölderlin kommt mir in den Sinn, da ich den Abgang des Grünen-Politikers Robert Habeck verfolge. Der Mann ist entzaubert und verwindet es nicht.
Habeck, der Robert für die seinen, sagt, er gebe sein Bundestagsmandat nun auf, damit er nicht wie ein Gespenst über die Flure des Reichstages schleiche und man hinter ihm her munkle: Jener war mal Vizekanzler. Im Englischen: ein „hasbeen“. Er wolle nun akademisch wirken. So sieht Phantomschmerz aus. Und der unbeholfene Versuch, einen neuen Trivialmythos zu schaffen, den des Intellektuellen. Der Kinderbuchautor als Weltgeist.
Ein wenig John F. Kennedy, eine Spur Gandhi, etwas Mandela und viel Bob Dylan… Was treibt diese Leute? Warum will sie nichts sehnsüchtiger als Ruhm, die Macht? Selbst die zerronnene sehnt sich nach dem Zauber des Nachruhms. Vielleicht will man so die Entbehrungen verklären, die die Lasten des Amtes mit sich gebracht haben.
Ich glaube, es ist mehr. Wen die Launen der Politik aus dem Sumpf der Grabenkämpfe in ein Amt gehoben haben, der möchte diesen Ruf zu Höherem nur sich selbst geschuldet wissen. Banales Scheitern sehnt sich dann nach großer Tragik. Wenn die Fortune schwindet, will man wenigstens den Ruf behalten, eine Vorsehung gewesen zu sein.
Dem liegt im Unterbewussten eine tiefe und böse Angst zugrunde. Es lauert immer und überall eine Depression. Ich glaube, dass Merz hört, wie hohl er klingt. Söder spürt seine Banalität. Ich glaube, dass Klingbiel merkt, wie er immer mehr die Statur von Kohl annimmt. Der Zauber schwindet. Nur Merkel, die ewige Rechthaberin, verwaltet ihr zweifelhaftes Erbe zu Tode. Was zu allem bleibt, ist Gähnen. Es droht das Entsetzen vor der Belanglosigkeit. Hölderlin ist dem entflohen, indem er Wahnsinn simulierte. Auch ein Weg.