Logbuch

FLAT RATE.

Immer mehr Menschen nutzen mehrere Smartphones gleichzeitig und davon einige immer, ständig. Sie hören Stimmen, sind aber nicht irre.

Ich treffe auf Zeitgenossen, die gleichzeitig leise mit sich selbst reden (oder wem auch immer) und laut mit anderen (etwa mit mir). Auch außerhalb der Psychiatrie. Dabei daddeln sie noch mit links und scrollen auf einem anderen Gerät mit rechts. Im Hintergrund läuft via Netflix ein Spielfilm auf dem IPad, halblaut. Unterschiedliche Klingeltöne erklingen in unheimlichen Wechsel. Ich kämpfe um Orientierung.

Zuerst ist es mir bei meiner Änderungsschneiderin in Berlin aufgefallen. Neben dem freundlichen Dialog mit mir, ihrem Kunden, sprach sie leise und auf afghanisch mit jemanden über ihr Smart-Phon. Ich dachte noch: vielleicht Heimweh. Oder eine Sicherheitseinrichtung.

Dann nehme ich das auch in meinem Blumenladen auf der U-Bahnstation wahr. Die immer angeregt plaudernde Verkäuferin hat überhaupt niemanden hinter der Theke zu sitzen, mit dem sie auf vietnamesisch trällert. Sie telefoniert fröhlich mit einer Freundin, während sie einen Strauß bindet, freihändig und immer.

Gestern der stoffelige Taxifahrer von der Schwabinger Bürovorstadt zum Franziskaner; er nuschelte die ganze Fahrt mit einem Kumpel an einem seiner drei IPhones, darauf vertrauend, dass ich seine türkischen Kommentare nicht verstehe. Womit er recht hat, halt nur die deutschen Einsprengsel dazu, wo wohl die Oper ist. Ich sorge mich ein wenig um meine Fahrsicherheit bei einem forschen Fahrstil und vielfältiger Ablenkung des Fahrers.

Ich neige nicht zur Nostalgie. Aber früher telefonierte man mit jemandem, legte auf und sprach dann mit jemandem anderen. Schon der Begriff „den Hörer auflegen“ zeigt, wie alt ich bin. In den Telefonzellen hatte der Betreiber die Mahnung angebracht FASSE DICH KURZ. Ich habe sogar noch aus dem Urlaub in England aus einer roten Telefonzelle mitten im Moor nach Hause telefoniert, ein Stahlmonstrum, in das man unentwegt Münzen einwerfen musste. Sackweise.

Münzen sind runde Metallstücke mit hoheitlicher Prägung, sogenanntes Hartgeld, mit dem man früher kleinere Beträge beglich, in den Zeiten, als Apple noch ein Obst war.

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DO IT YOURSELF.

Die Sozialen Medien ermöglichen ihren Nutzern die unmittelbare Selbstdarstellung. Twitter, Facebook, LinkedIn. Donald Trump auf der Bettkante vor einem Millionenpublikum.

Schamgrenzen fallen. Ein Bankensprecher über seine Gefühlslage an seine Ehefrau. Öffentlich. Der Vorstandsvorsitzende von einer privaten Feier an die Belegschaft. Via LinkedIn. Die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht länger in Händen der Profis. Jetzt spricht der Chef selbst. Ein neuer Volkssport der Eliten. Going public. Furchtbar.

„Du siehst an der Art, wie der Zimmermann den Hammer hält, ob der Nagel krumm wird.“ Mein Alter Herr hatte Zeit seines Lebens eine besondere Wertschätzung gegenüber Fachleuten, die er mit Wertschätzung HANDWERKER nannte. Profis halt. Die anderen, die Pfuscher, das waren Heimwerker, Dilettanten. Diese zweite Gattung hat im Internet das Sagen. Jahrmärkte der Eitelkeit.

Es galt schon immer das Gebot der INFORMALITÄT, verstehst Du Digga? Läuft bei Dir, Alta! Jetzt kommt das der SPONTANEITÄT hinzu. Aus der Unterhose („Unnabux“) in die Welt! Kein Vorsatz darf aufscheinen, keine ambitionierte Idee, kein Hintergedanke. Es muss alles IMPROVISIERT sein, um authentisch zu wirken. Scham würde da nur stören.

Würde des Amtes und der Stellung? Paaah. Keine Sache ist zu privat, nichts zu intim; vielleicht mit Ausnahme des explizit Sexuellen. Die neue Pornografie liegt in der Entkleidung der Seele. Striptease des Privaten.

Peinlich.

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DIE HALBE WELT.

Wer nur von Männern spricht, verschweigt die andere Hälfte der Menschheit. Ein altes und anschauliches Argument gegen das Patriarchat. Die gleichen Größenverhältnisse gelten bei der Presse. Einer schwindenden Zahl von Journalisten stehen immer mehr PR-Leute gegenüber; inzwischen der größere Teil. Das verschweigt der Journalismus. Den PR-Leuten ist das Recht.

Man sieht die im Licht, die im Dunkeln sieht man nicht. Ein schönes Motto des großen Bert Brecht. Daran denke ich, als ich das Podium zu einer Debatte um das verlorene Vertrauen in die Presse sehe. Edelfedern, Gurus des Mainstreams sollen sich um die Frage bemühen, wie die Presse wieder in den Ruf kommen könnte, ein zutreffendes Bild der Welt zu zeichnen. Fünf Journalisten und kein Vertreter jenes Teils der Zunft, die darauf in gleicher Mannschaftsstärke, aber verdeckt Einfluss nimmt. Zum Vergleich: als ließe man fünf alte weiße Männer auf dem Podium die Frauenfrage lösen.

Ein große PR-Agentur bewirbt sich selbst gerade mit dem Gerücht, dass ein bestimmter Ölkonzern ihnen einen Monatsretainer von 80.000 € zahle, also eine knappe Million im Jahr. Wenn die anderen ÖL-Multis das auch so handhaben, dann sind hier geschätzt 6 Millionen € an PR-Honoraren im Feld, die die Berichterstattung über die steigenden Tankstellenpreise begleiten. Die GRÜNEN geraten dabei politisch unter Druck. Und was machen die sogenannte Faktenchecker in den Netzwerken der Investigativen? Ich zitiere deren Selbstauskunft: Sie rufen beim MWV an, dem Mineralölwirtschaftsverband. Das ist der Lobbyladen der Ölleute. Die Investigativen nehmen dessen Sprachregelungen nun für die Wirklichkeit. Sie entlasten argumentativ die GRÜNEN und kritisieren die Erdgasimportpolitik. Fakten gecheckt, ja?

PR ist ein Geschäft zur „Konstruktion wünschenswerter Wirklichkeiten“, wenn man es mit LUHMANN sagen will. Die Geschäfte um diese Konstruktionen suchen das Licht nicht. Während sich Journalisten in Larmoyanz um verlorenes Vertrauen suhlen, machen selbst die Verlage PR-Agenturen auf, um sich so vom großen Brotlaib ihren Teil zu schneiden. Die Verleger haben die Trennung von Presse und PR schon lange STRUKTURELL aufgehoben. Gerade das darf im Halbschatten bleiben. Als hätte der sterbende Goethe gesagt: „Weniger Licht!“

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EINE LAUNE.

Ich lese: „Der Tag war zu Ende. Es war ein schlechter Tag gewesen.“ Das geht gar nicht; einen solchen Gebrauch des Plusquamperfektes sollte man unter Strafe stellen. Jeder Verstoß gegen die Grammatik ist ein Angriff auf die Weltordnung. Und wenn nicht scheiternd im Tempus, so doch im Stil. Hatte ich das noch nicht erwähnt gehabt? Es verdirbt mir die Laune.

Die Laune hat keinen guten Ruf. Nicht nur, dass sie, wenn schlecht gestimmt, als üble Wesensart die Lebensfreude am Ausbruch hindert. Sie gilt dem Grunde nach schon als nichtig. Die Launenhaftigkeit weist den schwachen Charakter aus, der sich zum Spielball irgendwelcher Gemütszustände macht.

Ich versuche gerade einen Gegenwartsroman zu lesen, was immer wieder erneut scheitert, weil das Ding mich in schlechte Laune versetzt. Ich lege ihn beiseite, versuche es am nächsten Tag noch mal, wieder scheitere ich. Die Belanglosigkeit der Protagonisten ist ermüdend. Das übergeordnete Thema von untergeordneter Bedeutung und auch noch schlecht zusammengeschrieben.

Aber dieser Blues soll ein Spiegel unserer Tage sein. Ich bemerke ja, dass der Dichter mir was sagen will. Warum tut er es dann nicht. Voller Magen studiert nicht gern, zumal bei schwerverdaulicher Kost. Zum Wiederkäuen fehlt mir die Lust. Soviel zu Christoph Peters „Krähen im Park“ bei Luchterhand. Auf einem Büchertisch eines unsäglichen Flohmarktes an der Heiland-Kirche entdecke ich von einem gewissen Boz die Hinterlassenen Papiere des Pickwick Clubs in einer älteren Ausgabe bei Penguin und finde mich schon nach kurzer Lektüre amüsiert.

Was mich an einen Titel beim großen Kant erinnert. Er lautet: „Von der Macht des Gemüts durch bloßen Vorsatz seiner krankhaften Gefühle Meister zu sein.“ Hat den Aufsatz wer? Her damit!