Logbuch
HASENTAG.
Car-Friday, also. Omma und Oppa einsam auf dem Ostermarsch. Warum ausgerechnet Hasen? Weil sie soviel rammeln. Und bunte Eier. Osterglocken wecken mich. Wie passend. Es streitet sich ja die Christenheit, ob der Karfreitag der höchste Feiertag sei oder Ostern. Tatsächlich ist es Pfingsten, aber das versteht niemand mehr.
Gestern Abend eine Oper des barocken Händel im Fernsehen, ein Spätwerk, das er nicht zum Erfolg hat führen können. Eine Christin adliger Abstammung zu Zeiten der römischen Christenverfolgung namens Theodora, die, weil sie nicht dem Jupiter opfern will, ins Bordell soll, dem sie durch Kleidertausch entflieht, um im Finale den Märtyrertod zu wählen. Das also war dem 17. Jahrhundert ein Freudentempel. Tugend opfert sich. Versteht niemand mehr.
Im Netz hält der Bundeswirtschaftsminister eine längliche Osteransprache mit bellizistischen Durchhalteparolen, vermutlich weil er Vizekanzler ist und der Chef der Bundesregierung sich im Lakonischen übt, was überdecken soll, dass er einst als Sprechautomat galt. Mit der Freigabe von Haschisch als Alltagsdroge fällt Herrn Habeck das Extemporieren zum Kriegswillen offenbar leichter als Herrn Scholz, der gesteht, dass er und seine frugale Gattin sich in der Potsdamer Mietwohnung gegen- und wechselseitig bekochen; sein Favorit sei der Königsberger Klops. Dabei wird im Ostpreußischen einem mit Salzhering gewürzten Kalbshack Sahne und Kapern beigeben. Keine Kochkunst. Eher ein Ritual in der Häschen-Schule.
Osteröde. Wie gesagt, warten wir auf Pfingsten.
Logbuch
OBDACHLOS.
Wenn eine Sache beschönigt wird, sprechen wir von einem EUPHEMISMUS; eine „frohe Vorbedeutung“ soll entstehen. Sanfte Lügen. Die Engländer sind darin besonders gut. Wenn jemand auf der Straße leben muss, weil ihm kein Dach mehr über dem Kopf gewährt wird, sprechen sie davon, dass er „rau schlafe“: SLEEPING ROUGH. Obdachlose gehören zum Alltagsbild großer Städte, in denen sie Nischen bevölkern, die ihnen ein Überleben ermöglichen.
Ja, vieles ist eine Plage. Ob der Drogenkonsum die Ursache des Elends ist oder ein Versuch dieses Schicksal erträglich zu machen, darüber will ich nicht richten. Viele dieser Menschen, so lese ich in einer amerikanischen Studie, haben eine von Missbrauch gekennzeichnete Kindheit hinter sich; auch darüber will ich mir kein Urteil erlauben. Wenn das nur Junkie-Prosa ist, nehme ich es halt als Metapher an. Es kann nicht leicht sein, ohne Heimat oder „Überdach“ (althochdeutsch obadach), also schutzlos, zu überleben.
Ich habe eine österliche Anregung. Nicht nur, dass man sein Wechselgeld spendiert. Das ist ja eh klar. Oder zumindest als Geste die karitativen Einrichtungen stützt (ich fördere in Berlin eine medizinische Ambulanz für Nichtsesshafte). Mein Vorschlag ist: Schauen Sie dem Bettler ins Gesicht. Ja, wir sehen nämlich alle weg. Weil es uns selbst peinlich ist, nicht um den Obdachlosen zu schützen. Wir wollen unsere englischen Teenerven schonen, nicht den abgerissenen Hobo. Schauen Sie der zerlumpten Frau ins Gesicht, wenn Sie ihr den Euro geben oder eben verweigern.
Sagt man im Angesicht des Elends auch NEIN? Na klar. Ich habe es nicht gern, wenn die Bittenden dazu Kinder einsetzen oder ich das Gefühl habe, dass das Geld an der nächsten Ecke in einem rumänischen Mercedes abgeliefert wird. Aber das sind Ausnahmen und schlechte Ausreden dafür, dass man dem Elend nicht ins Gesicht schauen will.
„Denn die einen sind im Dunkeln /
Und die andern sind im Licht./
Und man siehet die im Licht /
Die im Dunkeln sieht man nicht.“ /
So das Finale zum Dreigroschenfilm des großen Bert Brecht, der ein sehr nüchternes Bild vom Handwerk des Bettelns hatte. Egal, schauen wir hin.
Logbuch
DAS DEUTSCHE WESEN.
Ich lese kursorisch eine Geschichte der Deutschen von 1500 bis heute; sprich, ich blättere den Schinken eines englischen Historikers durch. Dabei sitze ich in der Kantine des British Museum in Bloomsbury, London. Hier sind die Eibrote mit Kresse „on white“ einfach hervorragend. Wann immer ich in der Stadt bin, gönne ich mir die. Die Geschichte der Germanen („germans“) also. Die gibt es seit Tacitus, jedenfalls seit Karl dem Großen.
Der greise Geschichtsprofessor müht sich an hunderten von Beispielen ab, um den Nachweis zu erbringen, dass die in England geschmähten Hunnen so einmalig böse nicht waren. Das ist angesichts des Axioms von der Einmaligkeit des Holocaust kein so ganz einfaches Unterfangen. Ich werde als Deutscher da nichts verharmlosen; für mich gilt das Brecht-Wort: „Andere mögen von ihrer Schande reden, ich rede von meiner.“ Wenn das gesagt ist und gilt, darf man den Blick weiten.
Der Faschismus ist eine italienische Erfindung, er hatte eigenständige Nachahmer in England und blieb in Spanien und Portugal länger erhalten als manchem klar. Einiges von dem, was ich jüngst in Polen erlebt habe und in Ungarn noch erlebe, erinnert an ihn. Ich sage das aber mit Vorsicht, weil die braune Karte auch jenen innenpolitischen Falschspielern locker im Ärmel sitzt, denen ich nicht traue. Nicht jeder, der vor dem Teufel warnt, ist reinen Herzens.
Ich wandere nach dem Lunch durch‘s Haus und bleibe vor einer Tonscherbe stehen, die fünftausend Jahre alt ist und eine Geschichte erzählt, die ich aus der Bibel kenne. Es geht um eine klimatische Apokalypse, die die damaligen Götter bewirkt haben sollen, eine Sintflut, vor der man sich in einem Kahn zu retten suchte. Ich lasse jetzt mal die Frage offen, wie all diese Schätze hier nach London kamen, denn das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Meine Überlegung ist schlichter: Warum hat der große Regen den Ton der Scherbe nicht aufgeschwemmt? Nun, das Wasser fürchtend brannte den Babylonischen ihre Stadt ab, was den Ton der Scherbe härtete, so dass er heute noch vom Logbuch des damaligen Klimapolitikers im Irak zeugen kann. Und die Geschichte von Jona im Alten Testament ist damit schlicht ein Plagiat.
So belehrt verlasse ich den Tempel des britischen Kolonialismus und freue mich auf ein Bier in der gegenüberliegenden „Museums Tavern“, an deren Tresen schon der deutsche Exilant Karl Marx stand. Ich bestelle ein zweites; wir tun dies ihm zum Gedächtnis.
Logbuch
PRO DOMO.
Der spätere Bundespräsident und frühere Ministerpräsident in NRW, den seine Freunde „Bruder Johannes“ nannten, galt als versöhnender Charakter. Ich habe seine evangelische Art gemocht. Er hatte ein gewisses christliches Charisma, das vielen seiner Nachfolger an der Spitze der SPD abging; zuletzt dem seelenlosen Scholzomaten. Der zur Zeit agierende Ober-Sozi frisst sich das Gemütvolle gerade an. Das könnte noch was werden. Jedenfalls galt für Johannes Rau das Motto „versöhnen statt spalten“. Eigentlich sollte das das Erbe Willy Brandts sein. Manieren der Mitte.
Heutzutage ist zweifelhaft, ob die unterschiedlichen Parteien noch koalitionsfähig sind. Die Lindnersche Gehässigkeit, der Habecksche Hass und der Kölner Kommunismus aus der Ampel-Zeit wirken nach. Das hängt damit zusammen, dass ein Politiker immer mit zwei Zungen spricht. Er will dem Wähler insgesamt als diplomatischer Souverän erscheinen und seinen eigenen Leuten als scharfer Hund. In Bayern nennt man das Bierzelt-Rhetorik. Keine Manieren als Mythos.
So kommt es, dass die Sozialministerin Bärbel Bäs aus Walsum trotz unzureichender Englischkenntnisse ein Kanzlerwort „bullshit“ nennt. Mit Kuhfladen bezeichnet der Amerikaner wirklichen Unsinn. Die Frau Ministerin wollte eigentlich sagen, dass ihre Basis anderer Auffassung als der CDU-Kanzler ist. Warum wird man so ausfallend? Wegen der Biersäufer in Walsum; das ist ein Vorort von Bottrop, wo man Bottropsky für sacht.
Johannes Rau machte das so: Bevor er an’s Rednerpult trat, wies er an, dass die obligatorische Wasserflasche links zu stehen hatte. Er ging dann in die Bütt und rügte als allererstes die Position des Getränks. „Weil die Flaschen immer rechts stehen!“ Brüllendes Gelächter im Saal. Ich habe die Nummer x-mal gesehen; sie hat immer geklappt.
Was die Freundschaft der liberal gesinnten Demokraten unterläuft, ist ihre gemeinsame Furcht vor den blau-lackierten Faschisten. Und damit haben die, die ganz rechts stehen, schon eine erste Runde gewonnen. Man lässt sich seine Manieren nicht vom politischen Pöbel nehmen.