Logbuch
WAS IST DEIN GIFT.
So lautet im Englischen die Frage nach dem bevorzugten Getränk. „And what’s your poison?“ Wenn man dann eine Jungfrau Maria bestellt („virgin mary“), ist man immer auf der sicheren Seite; das ist gewürzter Tomatensaft. Eigentümlicherweise früher das Lieblingsgetränk jener Fluggäste, die nach der Landung klatschten. Eine „bloody mary“ ohne Gin oder Vodka. Kann ich sehr empfehlen. Man ist der Einladung zu einem Cocktail gefolgt, füllt sich aber nicht mit Alkohol ab. Klarer Kopf. Nach der sechsten Jungfrau Maria meldet sich allerdings der Magen. Renny mitnehmen! Manche wollen aber ohnehin keinen klaren Kopf. Eine Anlageberaterin einer großen Bank, die ihren Kunden gezielt einen bestimmten faulen Wert angedreht hatte, räumt gerade vor dem WIRECARD gewidmeten Untersuchungsausschuss ein, von den alerten Betrügern aufs Oktoberfest eingeladen worden zu sein, ins Käferzelt. Gregor Samsa lässt grüßen, aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte. Ich habe keine Ahnung, was ein Käferzelt ist und warum man anschließend in das P1 am Englischen Garten muss , aber da klingelt bei mir was im Hinterkopf. Der geltungssüchtige Christian Wulff hat sich, wenn ich nicht irre, doch seinerzeit von einem Filmunternehmer auch zum Käfer einladen lassen. Warum wollten die alle unbedingt in dieses Zelt? Für miegenwarmes Bier aus Bottichen („Maß“) und gegrillte Unterschenkel vom Schwein („Haxen“)? Die Stimmung muss halt gut sein. Mir erzählte einst eine Kellnerin im Königsgrill zu Berlin, dass es auf der Damentoilette vom Käferzelt so sei wie auf der im Königsgrill, morgens müssten die Putzfrauen erstmal mit einem Schneepflug durch. Also, von dem meinungsstarken ALAN POSNER erfuhr ich gerade, dass das Streben nach Glück („the persuit of happyness“) heutzutage das RECHT AUF RAUSCH sei. Deshalb wohl der Käferkult. Aber das sind die METROPOLEN München und Berlin. Die Provinz ist da simpler gestrickt. An der Ruhr trank man etwas, das in der Montanregion STAHL&EISEN hieß oder anderswo SAMTKRAGEN; das sind 6cl Korn, eiskalt, in geeisten Glas, mit einem aufgesetzten Underberg, handwarm. Ein Event, jedenfalls ein Ritual. Man schaut dem oben schwimmenden SAMTKRAGEN kurz und sentimental zu, wie er in den Korn diffundiert, reißt auf Ansage das Glas hoch und stürzt den Inhalt ex. Sehr bekömmlich, wegen der 68 Kräuter im Underberg, eine Kur für den sensiblen Magen. Der Korn dagegen heilt nicht nur, sagt man, er hebe auch noch die Stimmung. Nachgespült wurde gemeinhin mit Pils. Da kamen die Käfer erst am nächsten Morgen. Dann doch lieber einen klaren Kopf und Sodbrennen von der Jungfrau Maria.
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LOW TECH & NO BRAINER.
Wenn ein Auto noch so ganz im Mechanischen verhaftet war, man es also mit Schraubenschlüsseln reparieren konnte, nannte es mein seinerzeitiger Chef: „no-brainer.“ Etwas ohne Hirn? Ein Lob! Er sagte das mit Respekt, nicht mit Verachtung. Für die wirklichen Experten ist weniger Tüftlertechnik und weniger Elektronikscheiss schlicht mehr. Siehe Uhren, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich kam gestern auf der A7 an Kassel-Calden vorbei; erinnert mich an den dortigen Feldflughafen. Hier hatte ich mal eine Notlandung. Wir kamen aus Gstaad im Berner Oberland, wo die Düsenflugzeuge ungern runtergingen und hatten deshalb einen zweimotorigen Propeller bestellt. Über Nordhessen wachte ich plötzlich wegen Hektik im Cockpit auf und sah durch mein Fensterchen einen der Motoren ausgefallen: Propeller starr, Segelstellung. Der Copilot kniete im Vorraum des Cockpits und durchblätterte einen Ordner, in hektischer Suche nach einem bestimmten Formblatt, das jetzt auszufüllen war. Hmmm. Ich wurde damit getröstet, dass, wenn ich eine Düse genommen hätte, und diese dann ausgefallen, wir jetzt alle schon hinüber wären. Proper der Propeller, bleibt selbst wenn einmotorig noch oben. Im Anflug Feuerwehr auf der Landebahn, großes Besteck. Geglückte Notlandung. Raus vors Terminal. Ein einziges Taxi, Fahrer ist erst noch zu wecken . Innen Pumakäfig. Und dann, jetzt kommt es, in diesem ausgelutschten Opel-Taxi mit übernächtigtem Fahrer von Kassel nach Berlin. Das war mit einiger Sicherheit der gefährlichere Teil dieser kleinen Reise.
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HATE SPEECH.
Lese eine Besprechung einer Biographie des amerikanischen Schriftstellers ROBERT STONE. Woher auch immer dieser Name in meinen Ohren klingt. Dort heißt es: Seinen Vater müsse es gegeben haben, weil es sonst ihn ja nicht gebe; mehr wäre über den aber nun wirklich nicht zu sagen. Seine Mutter sei eine Irre gewesen, die wahrscheinlich nur einmal Verkehr gehabt habe, nämlich anlässlich seiner Empfängnis. Oh ha. Es gibt einen Grad der üblen Nachrede, der schon aus sich selbst unannehmbar ist. Da würde die Erörterung, ob die Schmähung stimme oder stimmen könne, schon eine Anerkenntnis darstellen, die solch ein Hass prinzipiell nicht verdient hat. Dann sagten zurecht die Antiken: Anathema est. Das ist kein Thema. Man schweige.
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PRO DOMO.
Der spätere Bundespräsident und frühere Ministerpräsident in NRW, den seine Freunde „Bruder Johannes“ nannten, galt als versöhnender Charakter. Ich habe seine evangelische Art gemocht. Er hatte ein gewisses christliches Charisma, das vielen seiner Nachfolger an der Spitze der SPD abging; zuletzt dem seelenlosen Scholzomaten. Der zur Zeit agierende Ober-Sozi frisst sich das Gemütvolle gerade an. Das könnte noch was werden. Jedenfalls galt für Johannes Rau das Motto „versöhnen statt spalten“. Eigentlich sollte das das Erbe Willy Brandts sein. Manieren der Mitte.
Heutzutage ist zweifelhaft, ob die unterschiedlichen Parteien noch koalitionsfähig sind. Die Lindnersche Gehässigkeit, der Habecksche Hass und der Kölner Kommunismus aus der Ampel-Zeit wirken nach. Das hängt damit zusammen, dass ein Politiker immer mit zwei Zungen spricht. Er will dem Wähler insgesamt als diplomatischer Souverän erscheinen und seinen eigenen Leuten als scharfer Hund. In Bayern nennt man das Bierzelt-Rhetorik. Keine Manieren als Mythos.
So kommt es, dass die Sozialministerin Bärbel Bäs aus Walsum trotz unzureichender Englischkenntnisse ein Kanzlerwort „bullshit“ nennt. Mit Kuhfladen bezeichnet der Amerikaner wirklichen Unsinn. Die Frau Ministerin wollte eigentlich sagen, dass ihre Basis anderer Auffassung als der CDU-Kanzler ist. Warum wird man so ausfallend? Wegen der Biersäufer in Walsum; das ist ein Vorort von Bottrop, wo man Bottropsky für sacht.
Johannes Rau machte das so: Bevor er an’s Rednerpult trat, wies er an, dass die obligatorische Wasserflasche links zu stehen hatte. Er ging dann in die Bütt und rügte als allererstes die Position des Getränks. „Weil die Flaschen immer rechts stehen!“ Brüllendes Gelächter im Saal. Ich habe die Nummer x-mal gesehen; sie hat immer geklappt.
Was die Freundschaft der liberal gesinnten Demokraten unterläuft, ist ihre gemeinsame Furcht vor den blau-lackierten Faschisten. Und damit haben die, die ganz rechts stehen, schon eine erste Runde gewonnen. Man lässt sich seine Manieren nicht vom politischen Pöbel nehmen.