Logbuch

IN BROKEN ENGLISH.

Ich liebe die englische Sprache, vor allem das englische Sprechen. Das fängt schon bei den Wörtern an. Dazu muss man wissen, dass es dorten als unpassend gilt, mit großem Pathos zu reden. Dass etwas pathetisch sei, gilt auf den Inseln als deutliche Abwertung. Man pflegt ein gewisses „Understatement“, meint Zurückhaltung.

Beginnen wir zur Welt der Medien mit dem Radio. Es heißt schlichter als schlicht einfach „drahtlos“, das WIRELESS. Bescheidener geht es nicht. Und die Gazetten und Journale? Man spricht von den Papieren, kurz und bündig THE PAPERS. Der Fachmann nennt das eine Synekdoche; aber mit solchen griechischen Vokabeln anzugeben, das ist eines Gentleman nicht würdig. Das Fernsehen firmiert lakonisch als TELLY.

Jetzt zur Neuigkeit. Ich höre in der Lounge des Flughafens Kloten zwei Inglesen parlieren. Man will ein Foto verbreitet wissen. Dazu die Kurzformel: „Put it on the socials!“ Die Geselligen? Ja, die ganze Palette peinlicher Plattformen hat einen eigenen Gattungsbegriff: THE SOCIALS. Hübsch.

Logbuch

DER GÄRTNER.

Dass der Mörder immer der Gärtner sei, dieses Idiotenwort stammt aus der Welt einer betulichen Tante namens Agatha Christie, die sich zur Autorin von Kriminalromanen berufen fühlte. Der Doppelmord auf Schloss Käsekuchen, das war so ihr Ding. Das Geheimnis beruhte immer auf einer geschlossenen Konfiguration, sagen wir zwölf Leute in einem Zug oder zehn kleine NN auf einer Insel, und der banalen Frage, wer von denen es wohl war. Whodunits. Meist bahnte sich für eine Abschlussrunde eine überraschende Wende an, mit irgendeinem einem bescheuerten Indizienbeweis und einem affigen Walonen als Privatdetektiv.

Ging auch das schief, musste der Gärtner herhalten. In den etwas besseren Romanen umwehten den Mann aus dem Gartenhaus gewichtigere Geheimnisse. Gelegentlich auch überraschende Ähnlichkeiten zwischen den Infanten der Dame des Hauses und dem Chefgärtner, der halt überall auszuhelfen wusste. Es gibt da Gerüchte sogar um Queen Victoria, die mit einem schwächelnden Gatten namens Albert aus Coburg liiert war, und einem urwüchsigen Herrn Smith schottischen Ursprungs. In aktueller Rhetorik würde man sagen, dass der Gärtner wohl gelbe Haare hatte. Oder Kinderbuchautor. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Es geht mir um eine Art sozialer Anthropologie: Was ist ein tüchtiger Mensch? Wäre ich historisch bewandert, so schiene mir Wilhelm Tell ein ganzer Kerl oder Hermann der Cherusker. Man kann sich aber im Geschichtlichen nie so ganz sicher sein (oder müsste Christopher Clark fragen). Aus welchem Stoff sind Helden gewirkt? Zu wem blicken die Menschen auf? Wer bevölkert die Träume anmutiger Damen? Wer ist Vorbild heranwachsender Männer? Heroisches Vorbild der Heroinen? Kalifornische Oligarchen mit Hitlergruß eignen sich eher nicht; mein Gruß geht raus an alle Teslafahrer. Peinliche Marke. Oder porschebewehrte Immobilienspekulanten von der Statur der präpotenten Benkos. Peinliche Reputationen. Selbst Davos voll von leeren Anzügen. Seit früher Jugend habe ich eine gewisse Achtung vor dem ehrlichen Handwerk. Man respektiere mir den „handyman“. Und natürlich den Gärtner.

Sagen wir es so: Ein Mensch ohne Garten ist ein Prolet oder ein Broker; den ersten bitte ich zu schätzen. Wer aber einen Garten sein Eigen nennt, der hat die Wahl zwischen Gemüse und Blumen. Dem Gemüsezüchter gilt zurecht unsere volle Verachtung. Wer aber Dinge hegt und pflegt, die nur zur Augenfreude geschaffen sind, dem gilt mein Respekt. Blumen im Kleinen und Hecken im Größeren. Bäume im Großen, vor allem solche, die keine Früchte tragen, aber eine Krone.

Logbuch

DIE LEICHTIGKEIT DES SEINS.

Wer die Position des Schiffs ins Logbuch einträgt und die Gewalt der Stürme vermerkt wie die Ödnis der Flaute, der kümmert sich wenig darum, wie all das auf einen Leser wirken mag. Chronistenpflicht. Es stehen inzwischen fast zweitausend solcher Glossen hier, die Tintenkleckserei etlicher Jahre; in letzter Zeit allerdings oft über politische Themen. Politisch Lied, garstig Lied. Zeit für Erfreulicheres.

Reden wir über die Freuden eines bescheidenen Stammlokals, das zum zweiten Wohnzimmer taugt; ein Familienbetrieb, nun in Hand des Sohnes des Migranten aus dem Italienischen, der den Laden einst gründete. Domenico, der Vater, der kurz vorbeischaut, erzählt mir, dass seine Familie auch in Italien zugewandert war und er deshalb dort den Spitznamen El Greco trug. Und der Duce habe seiner Großmutter mal die Hand geküsst. Aber wir politisieren nicht. Weil wir beide von niemandem Heil erwarten. Aber das ist, siehe oben, eine andere Geschichte.

Am frühen Nachmittag hatte sich Fabrizio, sein Sohn, auf meinem Handy gemeldet. Er sei gerade auf dem Großmarkt und habe ein besonders prächtiges Exemplar von Wolfsbarsch vor sich; ob wir heute Abend Lust auf Fisch hätten. Gute Idee! Als ich den Loup de Mer dann im Lokal sehe, bin ich begeistert. Das Luder ist von Armeslänge. Ein Zettelchen weist ihn als Anglerbeute aus. Kein Horror der Fischfarmen, in denen der Norweger an Lachse asiatisches Fischmehl verfüttert, angereichert mit Antibiotischem. Fischmüll. Ein stolzer Räuber des Mittelmeers zeigt mir seine Zähne.

Zubereitung denkbar einfach: unter einer dicken Salzkruste in den Pizzaofen, dann am Tisch aus dem Salz gebrochen und vorsichtig filetiert. Das Fleisch ist zart wie Eischnee, aber doch fest und von wunderbarem Geschmack. Ein Tropfen Öl, etwas Zitrone und frisch gestoßener schwarzer Pfeffer. Dazu einen großen Weißen aus Sizilien. Habe ich erzählt, dass die körperreichen sizilianischen Weine über Jahrhunderte heimlich die französische Plörre aufmotzten, für die dann ein Vermögen gegeben wurde?

Was mir an dem kleinen Restaurant gefällt: Es ist unscheinbar. Ich werde nicht das Lied darauf singen, was hier an Prominenz verkehrt. So was lockt nur Touristen. Ich werde nicht mal den Namen verraten. So hoffe ich der Stammgast mit dem Stammessen zu bleiben, ein alter weißer Mann unter vielen. Und ab und zu ein Wolfsbarsch. Auch zu empfehlen, die gerösteten Kalbsnierchen. Oder das Selleriecarpaccio; wegen vegan. Ahoy.

Logbuch

DAS LEBEN ALS FUSSNOTE.

Tagebücher stehen im Geruch, besonders authentisch zu sein, weil man annimmt, sie seien unverbrüchlich Zeugnis einer Beichte. Insbesondere bei berühmten Menschen erlangen sie daher einen geradezu historischen Wert. Das könnte ein Irrtum sein.

Eine Historikerin erzählt mir, dass der Propaganda-Minister der Nazis, der unsägliche Joseph Goebbels, seine Tagebücher schon vor der Niederschrift an einen Verlag verkauft habe, da er das Geld zum Erwerb eines Anwesens an den Promigestaden Berlins benötigte. Goebbels hat dann also Tagebuch geführt in dem Wissen, dass sie veröffentlicht werden, und man ja annehmen musste, dass der „Führer“ noch lebte und herrschte und die eifersüchtigen Schergen der faschistischen Meute. Was erwartet man unter diesen Umständen von seinen Lebensbeichten? Dokumente des Widerstands?

Überhaupt ist es nicht unüblich, dass die Rechte an Tagebüchern schon an Verlage veräußert werden, bevor sie überhaupt geschrieben worden sind. Gilt auch für die Memoiren wichtiger Leute, die sie nach öffentlichen Aufgaben zu kargem Lohn nunmehr als Autoren ihrer selbst reich machen sollen. Wer hätte da den Mut darzulegen, dass sein Leben langweilig war und er selbst ein Einfaltspinsel.

Ein weiteres Hindernis für ertragreiche Lektüre liegt im historischen Verlust des Kontextes. Der spätere Leser hat nicht mehr auf dem Schirm, was dem Zeitgenossen noch präsent war. Was heute ein Mörderwitz, kann morgen ein schaler Kalauer sein. Oder gänzlich krude. Viele Schlüsselromane werden so nur noch verständlich durch einen Monsterapparat an Fußnoten. Das mag den Philologen faszinieren, für den flüchtigen Leser ist das eine Tortur.

Der Weltmeister im Verstellen von Verständnis war der Dichter Franz Kafka. Ich lese gestern, dass es bei der Parabel „Vor dem Gesetz“ eigentlich um die Auflösung seiner Verlobung im Askanischen Hotel gegangen sei, die er ohnehin durch einen flotten Dreier kompliziert hatte; zudem hätte es Inzestängste gegeben. Ja, Alta, man kann es sich aber auch unkommod einrichten. Max Brod hätte das ganze Zeug seines Kumpels weisungsgemäß verbrennen sollen. Was es damit auf sich hat, erfahren Sie in hundert Jahren hier an dieser Stelle durch eine Fußnote.