Logbuch
KEIN THEMA.
Wenn der Hausmeister ein Problem leichterdings zu lösen weiß, dann sagt er mit fröhlichem Ton: „Kein Thema!“ Eine praktische Begabung. Weil es auf irgendeine Lösung ankommt. Fünf darf dann gerade sein. Krause ist übrigens geimpft.
Lazarett kommt von Lazarus und der hatte Lepra. Das ist aber nicht der Aussätzige, der sich von Jesus reinigen, sprich heilen lässt. Gereinigt, so nannte man in biblischen Zeiten die Genesenen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Zurück zum Thema. Wenn die tintenklecksenden Schriftgelehrten etwas suchen, an dem sie sich geraume Zeit versuchen können, dann machen sie es zum Thema. Das Querdenkertum, zum Beispiel. Weil es auf die perfekte Problematisierung ankommt. Nur keine Notlösungen.
Wenn die Herrschenden früher ein Problem nicht lösen konnten, untersagten sie es. Ihr Gebot lautet dann ANATHEMA („kein Thema“). Eine Sequestierung. Sie meinten es allerdings anders als Hausmeister Krause, der übrigens geimpft ist.
Das Untersagen des Aberglaubens funktionierte nur in mittelalterlichen Diktaturen. Wer keinen Scheiterhaufen mehr hat, auf dem er die Hexen auch verbrennen kann, sollte das Gemaule mit ihnen über den bösen Blick erst gar nicht beginnen.
Da man in finsteren Zeiten die Pandemie namens Lepra zunächst nur durch Aussatz der Aussätzigen zu lösen wusste, erklärte man die Infizierten für „bürgerlich tot“. Und wenn sie dann doch noch umherliefen, mussten sie mit einem Lazaruskleid und der Lepraklappe vor sich warnen. Keine Pointe.
Hausmeister Krause ist übrigens, ach ja, das hatten wir schon: kein Thema.
Logbuch
WAY OF LIFE.
Der BREXIT hat ein Vergnügen aus unserem Leben genommen, den gelegentlichen Genuss der englischen Lebensart. Ich meide die Inseln, seit sie uns, die Europäer, zu meiden gedenken. Ein Verlust, der nicht zu ersetzen ist. Schon gar nicht durch Französisches.
Vielen große Denker hat es vom Kontinent auf die grünen Inseln gezogen, über Jahrhunderte. Und eben auch kleine; dabei waren es nicht nur die Metropolen Züge Londons, der Hauptstadt der Welt, wie noch Kipling fand. Auch die hässlichen Seiten hatten ihren Charme. In 26 Marine Parade, Sheerness, Kent, wohnte Uwe Johnson, dem New York zu doof war.
Ich traf UWE JOHNSON irgendwann Anfang der Achtziger Jahre zufällig in seinem Exil auf der Isle of Sheppey, in jenem runtergekommenen Hafen namens Sheerness. Die Kneipe heiß The Napier. Ich erkannte ihn erst auf den zweiten Blick, den großen Suhrkamp-Autoren, nach seinem Foto auf den Buchklappen. Auf den ersten war er mir aufgefallen, weil er Hürlimann Lager trank, hier in England; ich bestellte stets ein Bitter. Dazu rauchte er unentwegt Gauloises.
Er kannte sie alle: Enzensberger, Grass, Max Frisch, Christa Wolf, Habermas. Und er wusste zu erzählen. Wir gingen dann raus in den kleinen Biergarten, weil es trotz des Straßenlärms ruhiger war. Nach einer Weile merkte ich, dass er auch von sich selbst in der dritten Person sprach. Er stand neben sich. Und irgendwann holte ihn damals die Schreibblockade, aus der ihn das Saufen nicht befreite. Also sog er den milden Exotismus der englischen Lebensart in sich auf.
Die Gründung eines „Institute for the Preservation of British Customs“, ich gebe es zu, es war meine Idee, die sich Johnson sofort notierte. Ich weiß nicht, ob daraus jemals mehr geworden ist. Ein böser Sturz beim Öffnen seiner dritten Flasche Wein, nach einem extensiven Besuch des „Napier“,
hat ihn aus dem Leben gerissen. Ein einsamer Tod, gefunden wurde er erst nach Tagen, weil sein Thekenplatz im Pub freigeblieben war.
Sheerness hatte einen morbiden Charme. Im ehemaligen Kriegshafen lag damals noch immer ein gesunkener amerikanischer Munitionstransporter, Masten aus dem Wasser, mit einer Bombenlast auf dem Seeboden, die die Stadt wie die ganze Insel hätte sprengen können. Sagt UWE JOHNSON zu mir: „Charles liebt diesen Anblick.“ Er meinte sich, den Exilanten, von 26 Marine Parade, drei Blocks weiter als das „Napier“. Keine Pointe.
Logbuch
FREMDENLEGION.
Eine besonders böse Truppe soll die Fremdenlegion der Franzosen sein, obwohl zusammengewürfelt, gilt sie bis heute als eiserne Einheit. Soziologisch interessant.
Diese Elitetruppe der französischen Armee nimmt bis heute gern Leute aus aller Welt, die ihren alten Namen vergessen machen wollen und hier ein neues Vaterland finden. Plus neuem, französisch klingendem Vornamen. Früher ein Fluchtort für alte Kameraden der Waffen SS. Unrühmliche Gesellen, jetzt unter weißen Käppis und in martialem Ruf. Ein rauer Haufen von verwegenen Söldnern, die die Anonymität suchen mussten.
Zum legendären Ehrenkodex der Fremdenlegion gehört, dass man niemals einen Kameraden oder eine Waffe zurücklässt. Ein Vorsatz aus den Stellungskriegen. Soziologisch höchst interessant. Er bedient die notorische MATRIX militärischer Gruppen, eine VERTIKALE und eine HORIZONTALE, die deren Zusammenhalt schaffen und garantieren.
Von oben nach unten, in der VERTIKALEN, gilt das Prinzip des Gehorsams, ja, des Kadavergehorsams, der eher den eigenen Tod hinnimmt als dem Feind zu nützen, hier, indem man Waffen in dessen Hände fallen lässt. Dieses Prinzip von „Befehl und Gehorsam“ gilt für alle militärischen oder paramilitärischen Gruppen, also eine klare Kommandostruktur.
Untereinander, also in der HORIZONTALEN, gilt das Prinzip des unbedingt Amikalen, der Kameradschaft bis in den eigenen Tod. Gerade in einem so zusammengewürfelten Haufen aus den Verzweifelten aller Nationen und Welten muss eine neue „Identität“ geschaffen werden. Das gemeinsame und neue Vaterland der Söldner ist die „Legion“. LEGIO PATRIA NOSTRA. Die Kameradschaften nennen sich „amicale“.
In dieser Matrix von hierarchischer und kollegialer Bindung lässt sich dann eine Truppe als „zusammengeschmiedet“ führen. Natürlich waren nur die Mannschaften so verbundene Fremde; das Offizierscorps wurde immer von Franzosen gebildet (sehr seltene Ausnahmen). So weit geht das Vertrauen in die Soziologie der Matrix dann doch nicht.
Der Sold dieser Söldner war immer vergleichsweise hoch. In meiner frühen Jugend spielt der Vietnamkrieg der USA politisch eine große Rolle, den die Amis von den Franzosen geerbt hatten. Die hatten 1954 eine legendäre Schlacht gegen die Vietnamesen verloren, Stichwort Dien Bien Puh. Ich erinnere den historischen Hinweis, dass der Sold der Fremdenlegion so hoch war, dass es immer und bei allen „für Heroin und Blumenmädchen“ gereicht habe. Tja, da hat dann auch die Matrix nicht mehr genützt; so gewinnt man dann doch wohl keine Kriege.
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CUPPA.
Der englische Rundfunk begleitet mich seit Radio Caroline, ein Piratensender, der von einem Schiff in der Nordsee aus das Sendemonopol der BBC durchbrach. Man spielte ganztägig Musik, jene neue, die sich Pop nannte und dem Rock&Roll entstammte. Bands wie THE WHO oder STATUS QUO begeisterten ein junges Publikum; man fühlte sich kulturrevolutionär gestimmt. Mir war es vor allem ein Rätsel, wie man bei Seegang eine Schallplatte abspielen konnte.
Heute höre ich, sittlich reifer, Classic FM; andere Musik, älteres Publikum, wahrscheinlich die gleichen Menschen, die Ende der Sechziger Caroline hörten. Damals wie heute befassen sich die Moderatoren (früher DJs) mit Belanglosigkeiten. Wir erleben die Konversation über ein Sammelsurium des englischen Alltagslebens, Exempel der elementaren Soziokultur. Es gibt eigene Sendungen mit dem Inhalt, was man gestern zuletzt getan habe. Meint: vor dem Zubettgehen. Die meisten Hörer berichten vom Teetrinken.
Der Inglese setzt zumeist den Kessel auf und brüht sich Tee, cup of tea, auch kurz „cuppa“. Was hat dieses Volk gemacht, bevor sie China und Indien ausplünderten, um Tee und Zucker heimzubringen? Man kann doch nicht ganze Tagesabschnitte mit heißem Wasser und einer winzigen Spur von Koffein verbringen. Ich vermute, dass diese Ritualisierung von warmem Wasser einfach nur tarnt, dass sie nix tun, während sie das Zeug schlürfen. Wie der Türke beim Kaffee. Oder sind das die Araber? Und nimmt der Muslim nicht auch Tee? Oder Mocca? Italienische Kaffeeautomaten mit dem Aufwand von Mondlandefähren.
Das eigentliche Thema ist, lerne ich als Kulturanthropologe, die Ritualisierung der Biederkeit. „No sex, please, we‘re British!“ So sind sie vergangen, die Sehnsüchte des Rock&Roll. Cuppa tea. Tass Kaff.