Logbuch

VERSCHWÖRUNG.

Was muss es eine Erleichterung sein, die WELTFORMEL gefunden zu haben, die aus Komplexität und Kontingenz befreit. Es muss beglücken, wenn das Leben nicht mehr ein diffuses Schreckenskabinett von Fremdem ist, ein Konglomerat von Zufällen und bösen Absichten oder eigenen Fehlern, von Banalem oder Bösem, jedenfalls dunklen Kräften und dummen Kapriolen. Ich rede von den BESONDERS AUFGEKLÄRTEN, Querdenker genannt.

Selig, wem die Welt als Verschwörung erscheint. Man mag dann zwar Opfer sein, aber wenigstens Opfer ein und derselben Misere epochalen Ausmaßes. Das Banale bekommt Bedeutung, jedwede Unpässlichkeit erweist sich als Ausdruck von Weltgeschichtlichem. Für alles gibt es einen Grund; der ist zwar verborgen, aber das kann den Verschwörungstheoretiker nicht blenden. Er weiß hinter allen ERSCHEINUNGEN ein WESEN zu erkennen. Einen Leviathan!

Wer derart eine WELTFORMEL für sich gefunden hat, wirkt dann beseelt bis besessen von dem Bestreben, diese Formel in allem und jeden wiederzufinden. Vermeintliche Widersprüche im Wirklichen werden belächelt; man weiß es ja besser. Es entsteht der FANATISMUS des Rechtgläubigen. Dem distanzierten Beobachter erscheint die Weltsicht der BESONDERS AUFGEKLÄRTEN, denen jeder Zweifel abhanden gekommen ist, als MANIE, eine milde Form des Wahnsinns.

Wer ist schuld? So lautete die Frage der dahingerafften Bevölkerung in der mittelalterlichen Pest. Und es waren, so der Mythos, die brunnenvergiftenden, kindermordenden Juden. Wer will schon Opfer von Flöhen und Ratten sein? Oder von seinen eigenen Hygienemängeln? Wenn es nicht mehr Satan war, dann die Illuminaten. Oder die Freimaurer? Oder alle drei? Auch der Marxismus-Leninismus ist nicht frei von der Imagination einer Weltherrschaft, Imperialismus genannt. Der Faschismus schließlich wusste die US-Börse mit den (!) Juden zu verbinden und einer Rassenlehre. Lässt sich in „Mein Kampf“ schon früh nachlesen; daraus hat „der Führer“ kein Geheimnis gemacht.

Während der COVID-Pandemie erreichte auch die transferernährten Sesselpuper im „indirekten Bereich“ (Industriejargon) das Gefühl, dass Staat immer staatliche Gewalt (sic) ist und man besann sich auf anthroposophische Impfängste. Jetzt verschmelzen hier bequemer Pazifismus mit Homöopathischem, grünen Mythen und palästinensischer Che-Guevara-Guerilla-Romantik zu einem Selbstmitleid der „chatting classes“ und ihrer wohlstandsverwahrlosten Blagen, nämlich unter einem umfassenden Notstandsregime leben zu müssen, wo ein Wahrheitsdiktat herrsche. Apokalypse!

Also, ich bin mehrfach geimpft und sage hier, was ich will. Und nein, niemand holt mich morgen ab. Und meine Verlustangst wegen fehlender Weltformel, die hält sich in Grenzen.

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PARADISE LOST.

Jeder Lateinschüler kennt den römischen Geschichtsschreiber Tacitus („der Schweigsame“), weil dessen Schrift über die Germanen Pflichtlektüre war. Das Römische Reich erreichte zu seinen Lebzeiten die größte Ausdehnung und schloss die Rheinprovinzen ein, deren Grenze („Limes“) bis heute besichtigt werden kann.

Tacitus liefert ein Sittengemälde der Barbaren, das er der römischen Dekadenz seiner Heimst entgegenstellen will. Spätere Theoretiker des Deutschtums haben sich hier bedient und jene Mythen eingesammelt, die ihnen in den Kram passten. Vieles ist aber auch amüsant, etwa die Schilderung von tagelangen Bierbesäufnissen, die in Schlägereien zu enden pflegten.

Der Römer trank Wein. Der Weinbau ist seine fundamentalste Kulturleistung, könnte man frotzeln, die bis heute nachwirke. Eine distanziertere Betrachtung der Geschichtsschreibung des Tacitus bemerkt, dass seine Beschreibung des Fremden davon gesteuert war, was er den Vertrauten ins Stammbuch schreiben wollte. Dann betrachtete er ausführlich Gerüchte als Fakten und schmiedete aus Fiktivem die Fiktion eines Volkes, dessen Unterwerfung seinen Zeitgenossen schwerfiel. Den Stachel wollte er ihnen ins Fleisch drücken.

Uns, den teutonischen Barbaren, dagegen war Italien immer schon ein Sehnsuchtsort, das Land, in dem die Zitronen blühten. Den großen Goethe brachte hierhin seine „grande tour“. Das waren ausgiebige Reisen von jungen Männern, um sich vor Eheschließung die Hörner abzustoßen. Was immer das heißen mag. Goethe jedenfalls verfasst während seines Venedigaufenthaltes Gedichte, die mit „erotisch“ zurückhaltend beschrieben wären; es handelt sich um Pornographie. Venedig, lese ich, war damals das größte Bordell Europas.

Das Mediterrane als Sehnsuchtsort; zunächst Griechenland, dann Italien, mittlerweile auch die Türkei. Gestützt durch die natürliche Sentimentalität von Migranten und mit den Urlaubsträumen der Teutonen. Auch Mythengebilde. Zum Beispiel für Germanen, die es leid sind, sich nach dem endlosem Biersaufen die Augen blau zu hauen.

Wir suchen Idyllen, weil sie in uns die Illusion nähren, man können das verlorene Paradies zurückgewinnen. Heimat; es gibt sie nur als verlorene.

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HOW MUCH, SCHATZI ?

Ich bin auf Rat des Steuerberaters zur DOLLEN BANK gegangen, weil die ganz doll sind. Zudem ist Hilmar Kopper mein Nachbar. Nun muss ich für vier Tage nach London und schätze es, wenn ich Trinkgeld bar geben kann oder in einem Taxi nicht mit Kreditkarten rumfummeln muss. Also steckt man sich ein paar Pfund Sterling ein.

In meiner Nachbarschaft gibt es keine Filiale der DOLLEN BANK mehr. Also Anfahrt mit dem PKW. Der junge Mann in der DOLLEN BANK, die ich dann erreiche, obwohl man nicht parken kann, teilt mir mit, dass man keine Devisen habe, da man auch keine Kasse mehr unterhalte. Ich stehe irritiert auf der Straße, finde aber die richtige Filiale im Internet: Unter den Linden. Man kann auch dort nicht parken.

Die Filiale bietet Automaten, ist aber ansonsten verrammelt, laut Zettel vorübergehend geschlossen. Noch mal ins Internet. Otto-Suhr-Allee ist geöffnet. Ob man da parken kann, dazu sage ich mal nix. Der freundliche Herr kann mir gerne 200 Pfund bestellen, aber in dieser Woche würde das nichts mehr. Ich deute an, dass ich das nicht so doll finde von der DOLLEN BANK. Er wünscht mir einen guten Tag. Dann zögert er doch.

Die offensichtlich nicht so dolle Bank fragt, wo ich denn hinwolle. Oh ha. Ich flüstere: London. Ja, da brauche man kein Bargeld, werde ich belehrt. Da ginge alles mit Karte. Auch Tipp. So in den Senkel gestellt, werde ich an die Reisebank im Hauptbahnhof verwiesen. Während ich dort einen Parkplatz suche, überlege ich, was die DOLLE BANK eigentlich angeht, wohin ich zu reisen gedenke. Die Reisebank im Bahnhof ist laut Zettel vorübergehend geschlossen.

Wohlgemerkt wir reden von 200 Quid, nicht von 1000-Frankenscheiben oder Geldwäsche. Ich will keinen Sack mit Krügerrand. Pocket money. Für London, nicht Hanoi. Wir reden von mir als langjährigen Kunden der DOLLEN BANK. Mir schwelt was, ich fürchte, ein Verschwörungsverdacht. Selbst das mit den fehlenden Parkplätzen ist kein Zufall. Die wollen keinen Publikumsverkehr mehr.

Man will mich umerziehen. Es geht um die vorsätzliche Verknappung von Bargeld. Das Cash muss weg. Dass ich das noch erleben darf, dass das „allgemeine Äquivalent“ (Marx) zu einem Anarchismus wird, den es auszurotten gilt. Und allen voran die Banken, deren Geschäft das mal war. Doll.

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TITELEI.

Man sagt ja der österreichischen Kaffeehauskultur nach, dass sie titelsüchtig sei. Nix gegen Ösis. Das wirkliche Übel liegt nämlich in der Inflation der Titel selbst. Inflation ist Entwertung. Sagen wir Papiergeld gegen Gold. Schlimmer: Krypto-Titelei.

Adelstitel sind nur noch Namensbestandteil und tragen einen Hauch Halbwelt. Also beginnt der Run auf die Epauletten des Akademischen. Da ist aber nicht jede Hochschule auch eine wirkliche Universität. Wir schließen die internationale Inflation als erstes aus unserer Betrachtung aus. In einem Schauprozess in Hamburg wirkt laut Boulevard ein Anwalt mit Professorentitel aus Peru; geschenkt.

Eine regelrechte Universität ist qualitativ etwas anderes als eine „University of Applied Science“, auch Fachhochschule genannt. Hier tätige Professoren sind promovierte Fachleute mit erfolgreicher Berufspraxis, die aus diesem doppelten Fundus schöpfen. Der Theorie nach. Inzwischen ist eine geschickte Umgehung beider Voraussetzungen nicht mehr die Ausnahme. Die Fachhochschulen werden zu besseren Berufsschulen; aber zu Berufsschule plus ist am Schluss noch was anzumerken.

Vielen Professoren sind nicht habilitiert und haben den Titel durch einen Lehrauftrag ergattert. Sie hießen korrekt eigentlich Honorarprofessor; was der Berliner Prommi-Anwalt geschickter umschifft als sein Kollege aus Peru in den Anden. Das ist immer der Lackmustest: Hat der Herr Professor eine Venia Legendi, ist etwa Privatdozent (PD), und ist in einem Verfahren berufen? Das muss nicht immer so sein und hat auch dann seine akademische Ordnung; aber ich sage ja nur, die nennen sich zurecht Univ.-Prof.

So selten echte Habilitationen geworden sind, so häufig wurden Promotionen. Der Onkel Doktor ist in der Medizin Legion. Den Scheffarzt immer ein Prof. Aber bei den Geisteswissenschaften hält sie noch, die Promotionsordnung. Natürlich gibt es auch hier Ehrendoktoren (humoris causa) und die Peru-Variante. Ich selbst habe mir mal einen Professoren- wie Doktortitel in Metaphysik (sic) bei einer amerikanischen Kirchen-Uni gekauft; hängt im Büro in der Küche zum allgemeinen Amüsemang.

Jetzt zu den Berufsschulen plus, zu denen die FHs verkommen; das ist ungerecht. Der Studienrat hat eine ordentliche Assessorenausbildung und ein Zweites Staatsexamen. Ich selbst habe meinen Assessorentitel früher trotz allgemeinem Amüsemang geführt. Nichts gegen Studienräte! Zwei Staatsexamen, das haben die frisch promovierten Praktikantinnen auf ihren mit Fortune ergatterten Leerstühlen an den einschlägigen Flachhochschulen nicht vorzuweisen. Also wären, mit den Augen des Teufels betrachtet, solche FH eigentlich Berufsschule minus. Ich kenne aber viele, sehr gute FHs und profunde Wissenschaftler dort, von denen ich einiges gelernt habe. Honi soit…