Logbuch
FAKE NEWS sind „gefälschte“, „fabrizierte“ oder „unechte“ Nachrichten. Sagte der „echte“ Donald Trump („the real“). Gerade die Verschwörungstheorie setzt eine wirkliche Wirklichkeit voraus, die die Lügenpresse angeblich vor dem Volk verfälscht. Die Annahme einer Fälschung setzt begrifflich ein Original voraus. Wir kennen das vom profitablen Betrug mit der billigen Kopie eines Gemäldes alter Meister. Oder den Hundertdollarnoten im Moskauer Nachtclub „Nightflight“, dem einschlägigen. Hier läuft ein Spiel mit dem Authentischen, das vorgetäuscht wird. Falschgeld. Aber die Dinge sind, wenn man es recht bedenkt, komplizierter. Es gehört auch zur Haltung des Haltungsjournalisten, dass er (qua Haltung) wittert, was eine Fälschung ist, hinter der er das Original zu entdecken weiß. Die Sonne, denkt er, bringt es an den Tag; er ist die Sonne. Da ist eine Spur von Überheblichkeit, wenn man (selbsternannt) der Agent des Eigentlichen ist. Gedanklich lebt gerade der aktivistische Journalist im Authentischen. Wir wollen hier nicht polemisch gegen eine kritische Presse werden; gute Journalisten sind das Salz der Erde. Weil sie, Zweifel säend, um AUFKLÄRUNG bemüht sind; weil sie den Mut der Menschen fördern wollen, sich ihres eigenen Verstandes ohne Anleitung durch andere zu bedienen. Und dann gibt es DIE WAHRHEIT nicht mehr im Singular. Kritische Presse meint: Man macht sich mit keiner Sache gemein, auch keiner guten. Haltung aber ist eine religiöse Kategorie; die der RECHTGLÄUBIGKEIT, die in der Welt Werke des Teufels entdeckt und Ungläubige, die ihm dienen. Hexen gehören, fand das dunkle Mittelalter, verbrannt. Aber das behauptet ja auch die GEGENAUFKKÄRUNG von sich, einer Hexenjagd ausgesetzt zu sein. Die Dinge sind komplizierter als man meint, wenn man sie recht bedenkt. Es ist wohl wie bei den RELIQUIEN; sie sind „echt“, wenn man daran glaubt. Eine Frage der Gesinnung. Das AUTHENTISCHE ist eine Inszenierung, die sich selbst als Inszenierung leugnet. Ja, es gibt alternative Fakten, eigentlich immer. Das aber führt als Argument die Aufklärung an und die Gegenaufklärung. Uff.
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KULTURKAMPF.
Was die Briten teilt, ist kein Klassenkampf oder klassische Parteipolitik. Es ist eine fundamentale Doppelstimmung, eine mentale Schizophrenie in einem quasi-religiösen Stammeskrieg (tribe war). Es ist nicht mehr die soziale Frage (weißer Kragen oder Blaumann?) oder die ideologische (links oder rechts?), die die Menschen spaltet, sondern die der „nationalen Souveränität“ als Mentalitätszustand. Sehnsucht nach einer heilen Welt ohne Überfremdung, den guten alten Zeiten oder, beim anderen Teil des Landes, Furcht vor diesem dumpfen Dünkel der Ewiggestrigen. Auf der einen Seite von bitterer Nostalgie beherrschte Menschen, übellaunig, eher alt, immer weiß, meist aus der Provinz, Veränderungsverlierer mit mäßiger Bildung und in einem ethnozentrischen Weltbild der vergessenen Mehrheit, sich bedroht fühlend durch Fremde (aus Polen) und Fremdherrschaft (aus Brüssel). Man leidet an einem Verlust früherer Souveränität. Auf der anderen Seite liberal Gesinnte, eher jung, in Metropolen, die ein diverses Leben genießen, bunter Freundeskreis, meist Gutgebildete und mobil. Ihnen steht die Welt offen; die anderen fühlen ihre heile Welt verloren, vor allem aber das Vorrecht, dass nach den Regeln ihrer Vorväter gespielt wird und sie das Spiel traditionell immer gewinnen. Man leidet am Verlust von HEIMAT, man hat Angst vor der ZUKUNFT und wähnt sich als Opfer einer VERSCHWÖRUNG der Eliten. Das Land in mentaler Spaltung. Die einen wollen, nationalistisch gestimmt, raus aus der EU (leave), die anderen, kosmopolitisch gestimmt, drinbleiben (remain). Das war die Struktur hinter dem Brexit, die das Land fürderhin spaltet. Vor allem wandelt sich unter dem HEIMATVERLUST der Nationalismus & Rassismus; er tritt nicht wie bei den Faschos mit offenem Visier auf, sondern verrätselt sich in verschwurbelte Ressentiments. „Wir sind das Volk“ wird so zu einer reaktionären Drohung. Die konservative Elite inszeniert sich als VOLKSVERSTEHER und nutzt die neue Stimmung, indem sie dem Affen rechtspopulistischen Zucker gibt. Rede ich nur vom Tommy auf den Inseln oder auch vom deutschen Wesen? Ich sehe gelegentlich in meinem Vaterland Symptome dieser englischen Krankheit. Und bin, wie einst Heine, um den Schlaf gebracht.
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POLITICAL ANIMAL.
Als Politiker ein Tier, das zu sagen, ist ja Ausdruck des Respekts. Dieser eine oder diese eine, die hat dann mal den Bogen raus. Man beobachtet in dem Heer der Möchtegerne hier und da jemanden, der ein Händchen hat. Seltenes Vergnügen. Das hat nichts mit der eigenen Parteienpräferenz zu tun, also der Frage, was ich wähle, wenn ich wähle. Man kann Twitter gut dazu nutzen, die Talente in täglichen Kleinkrieg zu beobachten. Mir gefällt dieser Fraktionschef im Bundestag, aber auch der windige Anwalt bei den Liberalen. Oder diese kreuznette Landtagsabgeordnete aus der Pfalz; der hab ich sogar gesagt, dass sie das klasse macht. Und die Leitdame bei der AfD hat mich mal gefragt, ob ich sie berate; da habe ich gekniffen, wg. AfD. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Eigentlich bin ich von dem Pulk der Politiker gelangweilt. Viele finde ich krampfig, abgeschmackt, bemüht, durchschaubar, mittelmäßig. Eigentlich die allermeisten. Aber ich weiß auch, dass ich meinem Urteil nicht trauen kann. Ich bin vom Fach und habe doch keine Nase. Es scheitern Leute, die ich toll fand. Und die allergrößten Spacken bleiben an der Macht. Selbst aus Parteien, denen ich mal angehörte (es sind zwei), ist nichts geworden. Ich bin, um ein Wort von Max Weber abzuwandeln, politisch unmusikalisch.
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STARKE ZÄUNE.
Für nächsten Dienstag bin ich auf ein kleines Podium eingeladen, wo ich etwas POLITISCH KLUGES sagen soll. Und zwar in meinem Dorf auf dem Land in der Dorfkneipe. Eingeladen hat ein politisches Urgestein, der Uli, und es kommt sogar der Landtagspräsident, der Hendrik. Und meine MdB, die Tanja. Wieder ist die Demokratie, wo sie begann: bei de Leut, im Hinterzimmer der Kneipe. Man macht sich Sorgen um sie.
Nun will ich da keinen Unsinn reden; mache mir also schon mal Gedanken. Was ich in Berlin als Staatsbürger so plappere oder als Publizist im Internet, das geht im Rauschen unter, aber hier, über den Gartenzaun, da fühle ich mich als Nachbar schon gefordert. Der Elefant im Raum ist die Erstarkung der Rechten. Der Uli sagt: Damals haben wir die auch nicht ernstgenommen; und dann wurden wir sie nicht mehr los.
Im Fernsehen höre ich einen Professor der Vergleichenden Europäischen Parteienforschung (was es alles so gibt), der die CDU davor warnt, sich auf die Themen der AfD einzulassen. Überall, wo die Brandmauer gefallen sei, habe das zum Untergang der Konservativen geführt. Faktisch gefordert wird ein TABU. Wer daran rührt, ist ein Nazi. Den Tabu-Themen soll ausgewichen werden. Lasst uns lieber über anderes reden. Egal, ob das irgendeine Sau interessiert. Ein dummer, ein böser Rat.
Was werde ich nächste Woche im Grünen Baum sagen? Lasst uns über alles reden! Und zwar so, wie uns der Schnabel gewachsen ist. Jede Meinung ist willkommen, auch die zornige. Sogar die nachweislich falsche. Es gehört zur großen Tragik der amerikanischen Linken, dass sie die Forderung FREE SPEECH den Trump-Anhängern geschenkt hat, die damit jetzt rechte Politik machen. Ich sage: Die Gedanken sind frei und jedermann kann seine verraten! Ja, wir schauen auch dem rechten Volk auf‘s Maul. Und widersprechen, wo wir müssen. Freie Rede heißt vor allem: freie Gegenrede! Widerspruch über Gartenzaun.
Es hat sich nämlich gezeigt, dass der „Kampf gegen Hassreden“ und die daran angelehnte Zensur ein tödliches Gift für die Demokratie sind. Bitter, dass ausgerechnet Sozialdemokraten und Grüne den Paragrafen der Majestätsbeleidigung wieder belebt haben und den Staatsanwalt gegen Volkes Stimme bemühen. Unerträglich, dass selbst für rechtlich zulässige Meinungen staatliche Meldestellen eingerichtet werden; drüben im elenden NRW. Da sollten wir in Rheinland-Pfalz klüger sein.
Das werde ich bei mir im Dorf im Westerwald sagen. Schaun mer mal, ob ich heil nach Hause komm. Ich glaub schon. Denn der Uli, der Hendrik, die Tanja sind ja meine Nachbarn. Das bedeutet was auf dem Land. Hier gilt der Spruch: Starke Zäune machen gute Nachbarn. Demokratie ist eine so bewehrte gute Nachbarschaft.