Logbuch

COQUUS, DER KOCH.

Nicht, weil es mein Name nahelegte, aus wirklichem Interesse würde mich eine Sozialgeschichte des Kochens interessieren. Und damit meine ich etwas anderes als die Herren Ramsey oder Rosin, die die Sozialpädagogen an der Friteuse spielen. Was hat sich fundamental geändert?

Entsaisonalisierung. Man bekommt immer alles. Selbst Spargel. Das Sauerkraut war der vor dem Verfall gerettete Weißkohl, aber eigentlich doch ein Produkt des Herbstes und der Winterzeit. Man kann heute ganzjährig ERNTEDANK sagen. Das ist zunächst der Weißblechdose zu danken, dann der Tiefkühltechnik.

Entregionalisierung. Man bekommt überall alles. Die Italien zu verdankende Tomate sprach irgendwann holländisch, schnittfestes Wasser aus mit Erdgas beheizten Treibhäusern, dann hebräisch, als die Rispentomate mit dem Flieger aus dem Heiligen Land kam.

Pseudo-Ethnisierung. Wir gehen zum Griechen, wegen des Ouzo auf‘s Haus. Zum Chinesen schon immer (ich empfehle weltweit die 84). Zum Italiener wegen der Sahne an der Carbonara und der Ananas auf der Mafiatorte. Inzwischen beherrschen in Berlin die Vietnamesen auch die japanischen Sushi-Bars, weil sie es können.

Entfachlichung. Wie doof die Menschheit wirklich ist, das sieht man an den Hilfsprogrammen im TV. Hier werden Dinge erklärt, die für die Hausfrau zum Elementarsten gehörten (Gemüse schneiden, sogar Zwiebeln). Die Amerikaner erweisen sich hier (wie auch bei vielen anderen Themen) als die grundverwirrten Deppen unter den vorsätzlich Doofen; not knowing one‘s ass from a hole in the ground.

Für all diese Megatrends gibt es ein absolutes Symbolprodukt: das erfolgreichste Gericht aller Zeiten, die Tiefkühlpizza. Essen für Idioten. Und selbst bei der braucht es den Hinweis, dass das Plastik, in das sie eingeschweißt ist, entfernt werden soll, bevor sie in den Ofen kommt. Alter Schwede.

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KANON.

Früher bestand Bildung darin, dass man bestimmte Dinge kannte, kennen sollte. In der Mathematik die vier Grundrechenarten und in der Physik den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Im Englischen ein großes Drama der Elisabethaner und im Sport den Felgaufschwung. Das hat die moderne Didaktik abgeschafft und durch Lernziele ersetzt.

Seitdem kann man Abi haben, aber nie den Faust gelesen; daran merkt man schon, dass sich über den Bildungskanon streiten lässt. Goethe ist nicht wichtig. Shakespeare ein Vielschreiber und der Barren ein Folterinstrument. Was also muss man wissen, wenn man kein regelrechter Idiot sein will? Woher stammt das Motto der Lukacs’schen Ästhetik? Aus Marxens Kapital, klare Sache. Zum Beispiel. Das ist sie, die Frage nach dem Kanon.

Ich habe gestern hier zum allgemeinen Unverständnis eine Episode aus einem Film von 1941 zitiert, mit dem der junge Orson Welles die großen Verleger seiner Zeit karikieren wollte. Das Schätzchen heißt CITIZEN KANE. Die angesprochene Schlüsselszene betrifft einen Kinderschlitten mit dem Namen ROSEBUD. Kennt kein Mensch mehr. Gilt als abgedreht. Könnte ich auch Homer im Original zitieren. Gehört wohl nicht mehr zum Kanon.

Dann nenne ich, wieder, um der Zensur zu entgehen, KARL MARX den „Bärtigen aus Trier“. Noch so ein kryptisches Ding. Nur mein Freund Martin aus Brunsviga weiß, wovon ich spreche. Er gehört halt zu denen, die das KAPITAL gelesen haben, die Bände 23 bis 25 der Marx-Engels-Werke. Lire le capital. Sind auch nicht mehr viele. Aber Elon Musk zitiert einen Satz des Bärtigen, der dort gar nicht steht. Was soll’s. Bücherwissen. Staub. Nun gut, aber Filmklassiker, gehören die dazu?

Darf ich mal fragen? Die Außenseiterbande? Die Mutter und die Hure? Tote schlafen fest? Panzerkreuzer Potemkin? Paul? Taxi Driver? Nein, nichts? Alter Schwede. Die Abschaffung des Kanon war ein echter Fehler.

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VERLEGERMACHT.

Ich höre, dass die beiden Tageszeitungen der Hauptstadt zusammen noch 150.000 Auflage haben, dabei der TAGESSPIEGEL drei- oder viermal soviel wie die BERLINER, die zum verqueren Ossiblättchen verkommt. Daran hat auch Anteil, dass die Menschen von elektronischen NEWSLETTERN geweckt werden, bevor sie überhaupt zum Briefkasten geschlurft sind. Das Phänomen heißt in Berlin CHECKPOINT.

Mir hat der damals Regierende zu Berlin (der OB) mal in seinem Büro erzählt, dass er jeden Morgen eine ganze Stunde mit dem Ärger verbringen könnte, die der CHECKPOINT der Kommunalverwaltung bereite, weshalb er den nicht mehr lese; was erkennbar eine Flucht vor der Öffentlichkeit in die Verwaltung ist. Heute heißen die Sturmgeschütze der Demokratie „table“ und kommen schon nachts. Hier herrscht das Derivat inzwischen über das Paradigma, der Pressespiegel über seine Mutter, das Briefing über die Welt.

Deshalb zu wirklicher Verlegermacht. Lese ich das richtig, dass der Eigner der Icks-Plattform inzwischen fast 200 Millionen Leser hat, netznotorisch Gefolgschaft genannt? Und zwar bei einem Medium, bei dem für die wachsende Reichweite keine weiteren Bäume gefällt werden müssen? Sehe ich das richtig, dass er seine eigene Kommunikation dort rigoros seinen Geschäftsinteressen unterordnet, die er wie alle Citizen Kanes als seine persönliche Meinung verkauft, also als schützenswertes Verfassungsgut?

Er sagt, was er will, weil er es kann. Dabei leidet er nicht an ordnungspolitischen Rücksichtsnahmen. Kaum ist die demokratisch gewählte Regierung des Vereinigten Königreichs exterritorial abgewatscht, wird die Präsidentschaftskandidatin seiner Wahlheimat zur veritablen Kommunistin erklärt. Er wagt es sogar, dabei den Bärtigen aus Trier zum Beweis zu zitieren.

Oh, ha! Das geht jetzt ein bisschen zu weit. Das Privileg, den Bärtigen zu zitieren, würde ich mir ungern von jemandem nehmen lassen, der naseweis auf dem Mars von Rosebud träumen will. Den Karl, den soll er uns bitte lassen.

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GOTTESLÄSTERUNG.

„Witze riss das Volk schon immer, ohne Demut und Respekt. Witze sind wie selbstgebrauter süßer Apfelwein. Aber in des Zwanges sauren Apfel beißt das Volk ungern rein. Oh Gericht, vergälle nicht uns, unsere große Lust am Witzereißen.“ Aus einem Lied von Wolf Biermann, der in der DDR groß wurde, die den Flüsterwitz kannte, weil die Stasi lauerte und der Knast drohte. Irgendwann waren es die Kommunisten leid und haben ihn schlicht ausgebürgert, den Spötter.

Ich höre auf BBC, dass der amerikanische Präsident nach dem Absetzen eines Kabarettisten („stand up comedian“ genannt, weil er es im Stehen tut) eine Erwägung anstellt, nämlich dass man jenen Sendern, die gegen ihn seien und Witze reißen, vielleicht die Lizenz entziehen sollte. Nur mal so als Gedanke. Spott kommt höheren Orts besonders schlecht an. Woran mag das liegen? Selbst Albernes beleidigt; gerade das.

Ich höre aus England, dass Labour hier die Zensur von rechter Propaganda auf rassistische Witze ausgeweitet hat und einfache Bürger wegen unpassender Bemerkungen hinter Schloss und Riegel bringt. Darunter mögen rechtsradikale Hetzer sein, aber Zensur ist immer ein vermiestes Gebiet. Rowan Atkinson sagt, das Recht zu beleidigen stehe über dem Recht nicht beleidigt zu werden. Insbesondere scheint mir das erwägenswert, wenn sich nicht einfache Bürger als Opfer fühlen, sondern der Staat selbst. Der Leviathan als Seelchen? Echt jetzt?

Wir haben als Deutsche noch vor Kurzem eine sozialdemokratische Innenministerin ertragen müssen, die unter einem sozialdemokratischen Kanzler Verfassungsschutz und Justiz ins Feld schickte, wenn der Staat sich verächtlich gemacht fühlte. Der Tatbestand war erfüllt, wenn jemand einen Bildwitz im Internet teilte, der den Grünen Habeck analog zum Haarwaschmittel Schwarzkopf als „Schwachkopf“ verspottete. Morgens um sechs stand die Kripo vor der Tür und beschlagnahmte wegen exakt dieser Tat das Laptop. Ermittlung als Strafe, Praxis von Gestapo und Stasi, ein klares Unrecht.

Kodiert wird der diktatorische Akt völlig verquer, in den USA als „free speech“ oder bei uns als „Kampf gegen Rechts“. Lupenreine Übergriffe des Staats in Grundrechte der Gesellschaft. Die Verhältnismäßigkeit kann ja nicht im Substanziellen liegen; sie ergibt sich also aus der Witzigkeit. Strafwürdig, weil leider komisch. Dieser Staat erwartet nicht nur Gehorsam; nein, Demut und Respekt. Dahintersteht der tiefe Wunsch, vom Volk verehrt zu werden. Diese Macht will Hingabe; man unterbreite Devotionalien. Ich bin der Herr, Dein Gott; Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.