Logbuch

SITTENGEMÄLDE.

Mit dem Rauswurf von BILD-Chef Julian Reichelt (JR) wird ein Vorhang gelüftet vor einem Drama zusammenstoßender Kulturen, die sich nicht mehr mischen. No melting pots. CULTURAL CLASHES.

Ich kenne alle handelnden Personen, nicht alle gut, aber alle persönlich. Ich kenne ihre Arbeitsplätze und einiger ihrer Lieblingskneipen. Man sagt: das MILIEU. Und ich sage: Es sind viele verschieden, die sich nicht mehr zu einer BRANCHE zusammenrühren lassen. Nicht mehr zu homogenisieren. Darum knallt es.

SPRINGER steht als AG unter dem Einfluss großer US-amerikanischer Aktionäre, deren Heimatkultur PURITANISCHER ist, als die mediterraneren Naturen glauben wollen. In diesem Milieu sind Skandalierungen mit Fehlverhalten gegenüber Frauen ein Brandbeschleuniger.

Ich habe den Gesichtsausdruck von JR in einem Aufzugkorb neben mir gesehen, als er als HELD DER KONTROVERSE bezeichnet wurde und dann ein Nachbarblatt als LIBERALER denn seines im Reich der ROTEN Blätter des Hauses. Bei Springer ein BLAUES Argument. Es ging den so GELOBTEN an den Kragen. Keine zwei Milieus unter einem Herrscher, schien mir danach das Motto zu sein. JR obsiegte.

Ich saß gelegentlich am Nachbartisch in einem sogenannten Promi-Restaurant, wo einige Gäste feste Tische hatte, wenn JR sich mit Promis traf. So der Abend mit dem modisch gekleideten BUNDESAUSSENMINISTER. Es war nicht JR, der wortreich um Verständnis warb; soweit man das mitbekam. Und das Gespräch wurde immer wieder von jungen Damen mit gepuderten Nasen unterbrochen, die mal kurz „Hi!“ sagen wollten. Und sie meinten nicht Heiko. JR erschien mir umschwärmt. Heiko und ich wären es wohl gern gewesen.

Dann der INHABER-VERLEGER aus dem Westfälischen, ein gänzlich anderes Milieu, in dem, wenn man sich was kauft, das einem auch gehört. Der soll sich aus der BUZZ-ECONOMY eine Investigative Redaktion gekauft haben, die ihm nun aus den Urtagen der Pressefreiheit die Trennung von VERLAG und REDAKTION zu erklären sucht. Ein Zusammenstoß der Kulturen. Zur FR sage ich hier nichts.

Und der SPIEGEL, der nicht mehr jenes Milieu des Magazinjournalismus ist, der er mal war, wo aber junge Leute an die alten Werte glauben und damit fast durchkommen; so das Narrativ. Zwei Milieus in einem Haus. ABER ich kann mir eigentlich gar kein Urteil erlauben. All das habe ich durch die Brille des PR-Manns betrachtet; das ist ein anderes Milieu. Jedenfalls für meine Generation und meine Kampfklasse. Die Propaganda-Assistenten in der PR kamen später. Mir steht da kein Urteil zu; jedenfalls erlaube ich mir keines.

Ich bin zu nah dran und doch kein Teil dessen; eben kein Insider. Und der neue BILD-Chef hat mich mal besucht und dann ein echt faires Stück über mich in der SZ geschrieben; seitdem finde ich den gut. Ich bin also auch da nichts weniger als objektiv. Ein Öltropfen in dem Gemisch unterschiedlichster Wässer. Kollidierende Milieus, ein Sittengemälde. Aber eher von einem Künstler des Abstrakten. Wilde Brüche, keine Idylle.

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KEIN AUSBRUCH MÖGLICH.

Die Altersdemenz ist ein Gefängnis, das zunächst noch Freigang erlaubt, aber immer ausbruchssicherer wird. Der in ihr Gefangene spürt die nachlassenden Kräfte. Darin liegt eine große Tragik.

„Der Name Lampe muss nun völlig vergessen werden.“ Das hat der greise Immanuel Kant in seinem Notizbuch vermerkt. Seit Freitag denke ich darüber nach. Es gibt zu diesem Satz eine episodische Wahrheit und eine wirkliche. Zutreffend ist, dass der Königsberger Professor zeitlebens auf die Hilfe eines Dieners vertraute, der seinen Haushalt führte. Kant war ledig. Martin Lampe hieß der Mann, ein Ex-Militär.

Es kam zur Trennung. Man sagt, Kant habe ihn entlassen, wg. Weibergeschichten; das glaube ich eher nicht. Vielleicht war er auch schon verstorben. Jedenfalls nicht mehr zur Hand. Wenn nun der alte Kant der Hilfe bedurfte, rief er nach Lampe. Seine Demenz hinderte ihn, sich zu merken, dass die treue Seele nicht mehr sein Leben teilte.

Was macht der Demente, der die Demenz wachsen sieht; er macht sich eine Notiz. Die letzte Festung der Würde. Eine Notiz.

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DIE MACHT DER BILDER.

Selten hatte eine Regierung so viele Vorschusslorbeeren. Die Dreierkoalition inszeniert sich als flott: eine „menage a trois“ wie aus einem Liebesroman. Honeymoon als „cultural code“.

Christian Lindner bemerkt eine Zäsur in der politischen Kultur. Er kann es wissen, weil er den alten Verhältnissen angehört hat. Wir sahen 2017 im Halbschatten der Nacht angetrunkene alte Männer, süchtig an Zigarillos ziehend. Auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft. Hier war mal Görings Büro. Eine Ikonographie Weimarer Verhältnisse.

Ganz anders jetzt das Selfie der grünen und gelben Unterhändler. Eine neue Generation. Jugendstil. Beim gemeinsamen Spaziergang zum Sondieren die neue Nonchalance des „business smart“. Die Nation erörtert die Umhängetasche Habecks und die weißen Sneaker von Lindner. Die neue Leichtigkeit des Seins.

Und in der Sache: man habe vernünftig miteinander geredet, sagt der SPD-General. Die Presse nimmt das gemeinsame Papier gewogen auf. Lars Klingbeil ist „happy“, lässt er uns wissen. Und Olaf Scholz folgt dem Motto: „Willst Du was gelten, mach Dich selten.“ Ein bleierner Alp namens Merkel scheint vom Land genommen. Frühlingserwachen zum Herbstbeginn.

All das ist natürlich PR; ausnahmsweise mal ganz gutes. Man vertraut auf die Macht der Bilder, der Gesten, des Symbolischen. Dagegen wirken der brutale Söder und der trottelige Laschet wie Archetypen, aus der Zeit gefallen. Propaganda kann auch rosa sein. Meinungsmache mittels Metonymie.

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WATT IS NE DAMPF MASCHIEN?

Ein dunkler Raum mit zwei Löcher. Kennen wir aus der Feuerzangenbowle. Was ist eine Daten-Maschine? Da wird das Eis dünner. Das weiß nicht jeder. Es ist so wie früher bei den Zeitungen auf Papier; auch wer nicht wusste, wie man darin schreibt, konnte anderntags noch den Fisch darin einwickeln. Heute erfahren wir Neuigkeiten aus dem Smart-Phone, einem kleinen Scheißding, das unser Weltzugang geworden ist. Leider hat das Biest aber Algorithmen. Und KI, künstlichere Intelligenz. Das gefällt nicht jedem.

Ja, der Algorithmus, bei dem ein jeder mitmuss. Und die KI, mysteriös wie nie. Ich sitze in einem kreuznetten Kreis von Nachbarn und diskutiere mit einem hochgestellten Politiker über die Sozialen. Meine banale These: Was mal die Hinterzimmer von Kneipen waren, nämlich die kleinste und naheste Form von Öffentlichkeit, das findet sich für die junge Generation in den Social Media des Internets. Aber es kommt eben nicht jeder rein. Früher in die Kneipe, jetzt in das Netz.

Darauf reagieren die ANALOGEN wie immer mit Empörung. Natürlich sei man auf den Sozialen. Aber wie! Es erinnert mich an die Frage meiner frühsten Jugend danach, ob jemand schon Telefon habe; gemeint war ein Festnetzanschluss der Post. Oder ob man zu Hause schon Farbfernsehen besitze. Diese beiden übrigens die letzten Technologien, deren Einführung die SPD uneingeschränkt begrüßt hat. Heutzutage haben alle Internetz, die Bürgersteige werden gerade aufgegraben für Glasphaser, die nächste Phase.

Zeitgleich berichtet über lokale Ereignisse noch ein Druckerzeugnis, das sich allerdings keine Redaktion mehr leisten kann und deshalb die Erlebniserzählungen der lokalen Matadore eins zu eins ins #Blatt hebt. Blättchen, so nennt man das am Ort; zu recht in Verkleinerungsform. Wir sind Zeitzeugen einer epochalen Ungleichzeitigkeit gänzlich unterschiedlicher Techniken. Ich sage es mal so: Im Kulturellen ist das Verbrennerverbot noch nicht angekommen.

Der politische Grande führt aus, dass das Internetz nicht demokratie-geeignet sei, weil die Sozialen amerikanischen Milliardären gehörten, die darin Algorithmen & KI installiert hätten, mittels derer verdeckt Wahlen manipuliert würden. Es gebe sogar Hass & Propaganda. Er setzt große Hoffnungen auf den Digital Services Act der EU. Es erklingt der Ruf nach dem starken Staat, der Urimpuls aller Sozis, wenn etwas nach der Willkür des Marktes riecht. Algorithmen also. Teufelszeug. Man weiß im Alltagswissen älterer Menschen auch nicht annähernd, was die DIGITALEN umtreibt. Unsere Gesellschaft ist kulturell gespalten. Die Zahl der neuen Analphabeten ist groß.

Die KYBERNETISCHE WENDE findet statt, ist aber intellektuell nicht verdaut. Wir nutzen inzwischen alles, was wir noch begreifen; aber eben auch nicht mehr müssen, weil der Mangel an natürlicher Intelligenz ja ausgeglichen wird durch die künstliche. Aber ganze Milieus sind mittlerweile Altersheime des Analogen. Die Klugen unter den politischen Köpfen wissen das und begehren auf. Ich rechne über kurz oder lang mit der Forderung nach einem Algorithmus-Verbot.